Kapitel 21

Das „Tabu“ schien trotz der frühen Uhrzeit bereits gut besucht zu sein. Als A.J. und ich aus dem Wagen stiegen hatte sich bereits eine lange Schlange vor dem Eingang gebildet.
Als ich mich brav am Ende anstellen wollte nahm A.J. kopfschüttelnd meine Hand und führte mich ohne Umschweife an der wartenden Menge vorbei. Für einen Moment hielt er beim Türsteher an um ihn zu begrüßen.
„Hallo Stone, ganz schön was los heute, hm?“
„Hey Bone, Mann,“ der Türsteher, ein Bär von einem Mann in einem engen, schwarzen T-Shirt, das sich gefährlich über seinem Bizeps spannte, klopfte A.J. zur Begrüßung freudig auf die Schulter „lange nicht mehr gesehen.“
„Ich war beschäftigt,“ grinste A.J. matt „ist D. heute da?“
„Noch nicht. Aber ich nehme an, dass er in spätestens zwei Stunden hier auftauchen wird.“
„Na wunderbar. Dann noch viel Spaß.“
„Euch auch,“ dabei warf mir Stone ein kurzes Lächeln zu und hielt uns gleich darauf die Tür auf.
„Du hättest Dich wirklich angestellt und gewartet bis man uns rein lässt?“ fragte A.J. eher belustigt als ungläubig.
„Sieht so aus. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich durch Dich irgendein Privileg genieße.“
Er blieb für einen Moment stehen und sah mich aus unergründlichen, dunklen Augen an.
„Manchmal möchte ich dich einfach küssen,“ sagte er ernst, doch dann stahl sich ein breites Grinsen auf sein Gesicht, das mir klar machte, dass er diesen Satz wohl eher im übertragenen Sinne gemeint hatte. Ich zuckte also mit möglichst ausdruckslosem Gesicht die Schultern und ging dann an ihm vorbei tiefer in den Club hinein.
Obwohl die Musik laut aus den Boxen dröhnte wirkte es hier nicht wie in einer x-beliebigen Diskothek. Vielmehr hatte man durch die dunkle Vertäfelung, die kleinen Tische im hinteren Teil, die indirekte, gedämpfte Beleuchtung und jeder Menge Grünpflanzen eine Art Gediegenheit geschaffen die sofort klar machte, welches Klientel man sich hier wünschte.
Ich lies meine Blick über die Gäste schweifen. Junge Frauen in kurzen Kleidern, teuren Schuhen, mit Handtäschchen und unechtem Lächeln und Männer in hippen T-Shirts, weiten Hosen, modisch gegeeltem Haar und das Bier jung-modern aus der Flasche trinkend standen in Grüppchen zusammen oder tanzten auf der ovalen Tanzfläche.
Ich gebe zu, ich mag Clubs nicht besonders. Die laute Musik ist noch nicht einmal so schlimm, aber die Oberflächlichkeiten die einem förmlich ins Augen springen, vielleicht auch einfach der Umstand, dass ich mich in diesen Lokalitäten immer linkisch und unattraktiv fühle, lassen mich diese Orte nomalerweise meiden.
Wenn ich tanzen will suche ich mir Diskotheken aus, in denen es in jeder Ecke so dunkel ist, dass man seinen Gegenüber kaum erkennen und über die laute Musik niemanden verstehen kann.
Doch hier hatte man einen Kompromiss zwischen Tanzspaß und möglicher Konversation gefunden, was mich nicht gerade ruhiger machte.
A.J. nahm erneut meine Hand und zog mich hinter sich her nach links auf eine Treppe zu, vor der ein weiterer Sicherheitsmann stand. Er bewegte sich so selbstverständlich durch die Menschenmenge, als sei er hier zu Hause und zum ersten Mal hatte ich eine leise Ahnung davon was sich bei ihm außerhalb unserer Sam-A.J. Beziehung abspielte.
Er schien sich wohl zu fühlen in dieser mir so suspekten Welt, schien die geheimnisvollen Regeln und Rituale zu kennen und zu verstehen und ich stellte fest, dass ich bisher einem Irrglauben verfallen gewesen war als ich dachte, er bräuchte mich um zurecht zu kommen. Er kam sehr gute alleine klar, hatte andere Menschen die ihm ebenbürtig waren. Wenn überhaupt holte er sich von mir ab und an einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.
Das alles ging mir durch den Kopf während wir die Treppe hinauf stiegen und gleich darauf eine Empore betraten von der man einen guten Überblick über den gesamten Club hatte.
Hier oben war es nicht ganz so voll, Sitzgruppen aus plüschigen Sofas und kleinen, runden Glastischen erstreckten sich an der Wand entlang, untereinander durch hoch aufragende Bambusbüsche getrennt.
Ich kam allerdings kaum dazu mich genauer um zu sehen, da A.J. mich von einem fremden Gesicht zum nächsten zog um mich allen vor zu stellten.
Ich lächelte bemüht freundlich, nickte wenn es angebracht war, schüttelte Hände und beobachtete, wie A.J. förmlich auf zu blühen schien. Er zündete sich eine Zigarette an, lachte, scherzte, umarmte Männer und küsste hübsche Frauen auf die Wangen. Zwischendurch bestellte er bei einer Kellnerin, die nicht älter als zwanzig sein konnte und mit dem hübschesten Gesicht, das ich jemals gesehen hatte, etwas zu trinken.
Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie A.J. ihr anerkennend hinterher starrte, bevor er sich scheinbar wieder an meine Anwesenheit erinnerte und mir vertraulich einen Arm um die Taille legte.
„Gefällt es Dir?“ fragte er nahe an meinem Ohr um die Musik zu übertönen.
„Ja, ganz nett,“ log ich und lächelte.
Er runzelte die Stirn und sah mich einen Moment prüfend an, dann beugte er sich erneut vor.
„Du hasst es,“ stellte er fest. Wieder ein Blick unter diesen langen Wimpern hervor.
„Hassen wäre zu viel gesagt,“ gab ich zurück und spürte, wie sein Griff fester wurde. Allerdings zog er mich nur ein Stück zur Seite, da gerade die Kellnerin mit unseren Getränken zurück kam.
„Ich fühle mich einfach nicht so wohl unter diesen vielen Menschen,“ räumte ich ein als sie wieder weg war.
„Wir können auch wieder gehen wenn Du möchtest,“ sagte er und sein Atem streichelte dabei meinen Hals. Er wäre sicherlich mit mir gegangen, aber klar war, dass es ihm hier gefiel und ich ihn schon lange nicht mehr so entspannt und glücklich gesehen hatte. Warum sollte ich ihm also den Abend verderben? So schlimm war es hier nun auch nicht.
Also schüttelte ich den Kopf „ich kann doch Nicks neue Freundin nicht verpassen.“
„Ist das der einzige Grund warum Du bleibst?“ fragte er betrübt.
„Nein! Jetzt mach’ Dir nicht so viele Gedanken,“ versuchte ich das Thema zu beenden und hob mein Glas.
„Cheers.“
Zögernd stieß A.J. mit mir an und musterte mich dabei immer noch nachdenklich über den Rand seines Glases hinweg. Ich beschloß ihn einfach zu ignorieren und stellte mich stattdessen an die Brüstung der Empore. Leise wippte ich im Takt der Musik und beobachtete das Treiben auf der Tanzfläche.
A.J. gesellte sich zu mir und wollte gerade etwas sagen, als sich von hinten lange Arme um unsere Schultern legten.
„Hallo ihr zwei Hübschen,“ brüllte Nick in mein Ohr und als ich mich um drehte strahlte er wie ein Honigkuchenpferd. Neben ihm stand eine zierliche junge Frau mit hüftlangen, blonden Haaren, die sich nicht ganz wohl in ihrer Haut zu fühlen schien.
„Paige, das ist Sam,“ stellte Nick uns einander vor und wir gaben uns mit zaghaftem Lächeln die Hand.
„Und das hier ist mein Kumpel A.J.,“ fuhr er fort und hatte A.J. dabei immer noch einen Arm um die Schulter gelegt.
„Es ist schön Dich kennen zu lernen,“ strahlte dieser und schüttelte ebenfalls Paige die Hand. Sie nickt nur und wirkte dabei etwas schüchtern.
Doch gleich darauf fing ich einen Blick aus ihren blauen Augen auf und ich revidierte meinen Eindruck.
Sie wirkte wachsam und konzentriert, nahm alles um sich herum auf und schien sich noch nicht entschieden zu haben, ob sie sich hier wohl fühlen sollte.
Der verstohlene Blick allerdings, den sie danach Nick zu warf sprach mehr als tausend Worte. Sie würde bleiben, genau so wie ich – aus dem gleichen Grund. Ihr Traummann befand sich hier, alles andere war unwichtig.
Alleine dieser Blick machte sie mir unglaublich sympathisch. Ich fasste sie leicht am Arm und deutete mit dem Kopf auf eine freie Sitzgruppe in der hintersten Ecke der Empore.
„Wollen wir uns setzten?“
Sie nickte lächelnd. Nick verkündete, er würde etwas zu trinken besorgen und A.J. bot ihm an, ihn zu begleiten. Gleich darauf waren sie in einer Menschentraube verschwunden, während Paige und ich uns einen Weg in die entgegen gesetzte Richtung bahnten.

Kapitel 22