Kapitel 20
Wir verabschiedeten uns schließlich lange nach Sonnenuntergang auf dem Parkplatz hoch über dem Meer. A.J. stieg allerdings etwas zögerlich in seinen Mercedes ein. Scheinbar überlegte er, ob er mich jetzt tatsächlich alleine nach Hause fahren lassen sollte.
Ich hatte zwar mehr als einmal beteuert dass es mir gut ging, er sich keine Sorgen machen brauchte und ich schon ganz andere Krisen bewältigt hätte, aber augenscheinlich überwog in ihm immer noch der männliche Beschützerinstinkt.
Als wir schließlich nacheinander vom Parkplatz fuhren blieb er noch eine Weile hinter mir. Durch den Rückspiegel sah ich, wie er sich eine Zigarette anzündete und gleich darauf eine kräftige, graue Rauchwolke aus dem Fenster blies.
Was er wohl gerade dachte? Vielleicht bereute er es ja inzwischen bei mir aufgetaucht zu sein, denn wenn er ehrlich war, hatte er sich dadurch nur noch mehr Probleme eingehandelt.
Er mußte jetzt nicht mehr nur über sich selbst und sein Leben nachdenken, sondern dabei auch noch berücksichtigen in wie weit er meines damit beeinflußte.
Wahrscheinlich war dies auch ein Grund dafür, warum ich das Alleinsein bevorzugte. Es reichte mir Entscheidungen zu treffen, die nur mich etwas angingen.
Womit ich wieder bei Harrison und unserem Gespräch von heute Morgen angekommen war. Hatte es irgendeinen Sinn mich gegen seine Vorwürfe zu wehren? Die Rebellin in mir schrie laut und deutlich Ja!!. Ich sollte am Montag in der Schule auftauchen, ihm mit dem Schulrat drohen und ihm einfach mal ins Gesicht sagen was für ein mieses Schwein er war.
Doch die Vernunft in mir hielt dagegen, dass ich es damit nur noch schlimmer machte. Was hatte er denn gegen mich in der Hand? Gar nichts! Das Alles war nur eine weitere Episode in dem Scharmützel, das wir uns seit einem Jahr lieferten. Er schoss diesmal mit Platzpatronen und ich war mir ziemlich sicher, dass er das ganz genau wußte.
Warum ihm also nicht diesen eingebildeten Triumph gönnen? Wir würden weiter machen wie bisher und in ein zwei Wochen hätte er die Angelegenheit längst vergessen und dafür einen neuen Grund gefunden um auf mir herum zu hacken. A.J. wäre damit aus dem Spiel und alle wieder glücklich ... nun ja ... zumindest hätten wir das Schlachtfeld wieder in die Schule verlegt, wo es in diesem Fall schließlich auch hin gehörte!
Ich rechnete eigentlich nicht damit so bald wieder etwas von A.J. zu hören, doch als ich am Samstag Nachmittag mit einer Gurkenmaske im Gesicht auf meiner Couch lag, klingelte das Telefon.
Als ich abnahm und seine Stimme hörte, war ich sofort überaus froh dass er nicht persönlich vorbei gekommen war. Ich sah aus wie ein Alien, noch dazu in meiner ältesten Jogginghose und dem T-Shirt aus meiner Collegezeit, in dem sich mehr als ein kleines Loch befand.
Samantha Lambert.
Hi, rate wer dran ist.
Uhm ... Sie sind von den Zeugen Jehovas und wollen mir den Weg zur Erleuchtung zeigen?
Er machte ein quäkendes Geräusch das sich wie ieek anhörte und sagte dann Falsch! Leider gehen die hundert Punkte an ihren Gegenkandidaten.
Ich mußte lachen was gibt es denn so dringendes, dass sich Mr. McLean tatsächlich dazu herab lässt meine Telefonnummer aus seinem kleinen, abgegriffenen, schwarzen Büchlein zu suchen?
Er spielte (natürlich) den Beleidigten brauche ich einen Grund um meine beste Freundin an zu rufen?
Sag Du es mir.
Ich muß in der Vergangenheit wirklich sehr gemein zu Dir gewesen sein wenn Du das denkst, stellte er fest und eine gewisse Traurigkeit schwang in seiner Stimme mit.
Nein, ich brauche nur eine Weile um mich an den neuen A.J. zu gewöhnen, gab ich wahrheitsgemäß zurück.
Scheint als gäbe es endlich auch einmal einen positiven Aspekt an diesem neuen A.J., was?
Da könntest Du durchaus recht haben, entgegnete ich und für einen Moment schwiegen wir beide um diese Entdeckung sacken zu lassen.
Ehrlich gesagt ... also .. ich wage es jetzt ja kaum noch zu sagen... , brach er schließlich stockend das Schweigen, verstummte dann allerdings wieder.
Sag es ruhig. Du weißt, mich bringt so leicht nichts aus der Ruhe, sagte ich versöhnlich und ich hörte ihn am anderen Ende der Leitung leise schmunzeln.
Möchtest Du heute Abend mit mir und Nick und einem geheimnisvollen Wesen, das er uns vorstellen will, ausgehen?
Ein geheimnisvolles Wesen? fragte ich irritiert und dachte sofort an Miranda.
Na ja. Irgendwo hat er diese Paige aufgegabelt und wenn man ihm so zu hört, scheint sie etwas ganz Besonders zu sein. Auf jeden Fall will er es nicht vermasseln und hat uns als Anstandsdamen auserkoren.
Und da denkt er ausgerechnet an Dich? lachte ich und hörte ihn entrüstet Schnauben.
Ich bin immer noch besser als gar keiner. Der kleine Nicky hat mit Frauen so seine Probleme, da greife ich ihm nur ein bißchen unter die Arme.
Schon gut, schon gut, wehrte ich ab und konnte mir ein leises Lachen nicht verkneifen.
Wo soll es denn hingehen?
Howie hat einen Club in Downtown, das Tabu. Wir dachten es wäre nett ihn mal wieder zu besuchen. Vorausgesetzt er ist überhaupt da.
Das klingt doch gut.
Auch wenn mich der Gedanke an einen lauten, überfüllten Club nicht wirklich reizte, so freute ich mich doch darauf Howie wieder zu sehen. Jahrelang hatte ich von den anderen Jungs nichts gehört und jetzt traf ich sie gleich haufenweise. Fast erinnerte mich das an alte Zeiten.
Na prima, dann hole ich Dich so gegen neun Uhr ab?
Ich kann es kaum erwarten, sagte ich, meinte es auch so, lies es aber ironisch klingen. Ich wollte und brauchte immer noch einen gewissen Abstand.
A.J. schien dies aber überhört zu haben.
Fein, dann bis später, und schon hatte er aufgelegt.
Für einen Moment starrte ich das Telefon noch an, dann legte ich ebenfalls den Hörer zurück auf die Gabel. Paige also. Das würde Miranda sicherlich nicht gefallen. Ob sie bereits von ihr wußte?
Im Nachhinein fragte ich mich sowieso, ob ich ihr Interesse an Nick nicht zu leicht übergangen hatte. Wer sagte mir denn, dass er wie die Anderen nur ein kurzes Abenteuer für sie war? Vielleicht steckte da mehr dahinter und ich hatte mir noch nicht einmal die Mühe gemacht genauer nach zu haken, da ich, sehr egoistisch wie ich jetzt fand, nur mit meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen war.
Ich nahm mir vor, dies so bald als möglich nach zu holen und mich im Zuge dessen auch gleich noch bei ihr für ihre Fürsorge zu bedanken. Immerhin war es ihr zu verdanken, dass ich mit A.J. einen gemütlichen Abend am Strand verbracht hatte und er mich dabei wieder zurück in die Realität geholt hatte.
Kapitel 21