Kapitel 19
Irgendwie überstand ich den restlichen Tag. Ich ging Miranda aus dem Weg, lies meine Schüler mehr oder weniger machen was sie wollten und entließ sie schließlich auch noch zehn Minuten vor Schulschluß.
Ich erwischte einen früheren Bus und kam somit unbehelligt nach Hause.
Dort angekommen zog ich mich schnell um, packte eine Decke und etwas zu trinken in eine große Tasche und setzte mich dann hinter das Steuer meines Wagens. In zwanzig Minuten war ich auf der Küstenstraße und nach weiteren zehn Minuten hatte ich den verlassenen Parkplatz erreicht.
Ich tastete mich zu meinem Felsen hinunter, wickelte mich in die Decke ein und starrte dann die nächsten zwei Stunden bewegungsunfähig auf das Wasser.
Die erste halbe Stunde verbrachte ich damit, lauthals auf Harrison zu fluchen, die nächste Stunde war ich zu keinem klaren Gedanken fähig, danach dachte ich an A.J. und wie sehr ich mir wünschte, er wäre jetzt hier, nur um gleich darauf froh zu sein, dass er mich nicht in diesem Zustand sah.
Immer noch erschien mir die Unterredung mit Harrison wie ein schlechter Traum. Das durfte einfach nicht wahr sein!
Nicht nur, dass er versuchte mir etwas in die Schuhe zu schieben, das meilenweit von der Wahrheit entfernt lag, er beleidigte auch noch den wichtigsten Menschen in meinem Leben ohne mit der Wimper zu zucken.
Ich machte mir Vorwürfe. Ich hätte A.J. mehr verteidigen sollen. Ich hätte klar stellen müssen, dass er seine Drogensucht schon seit Langem überwunden hatte ... andererseits ... so ganz entsprach das ja leider auch nicht der Wahrheit.
Es war gerade mal eine Woche her, dass er völlig betrunken vor meiner Haustür aufgetaucht war.
Trotzdem hatte Harrison nicht das Recht ...
Ich dachte mir, dass ich Dich hier finde.
Erschrocken zuckte ich zusammen und sah auf. A.J. stand über mir und lächelte sanft auf mich hinunter.
Was machst Du denn hier? fragte ich entgeistert und sah ihm zu, wie er sich neben mir nieder lies.
Miranda ... sie hat Nick angerufen und der hat mir Bescheid gesagt.
Oha, die Buschtrommeln funktionierten aber gut in der heutigen Zeit. Woher hatte sie Nicks Telefonnummer? Hatte sie nicht noch heute Mittag die Möglichkeit in Erwägung gezogen, mich als Kupplerin zu missbrauchen? War das jetzt überhaupt wichtig?
Was ... hat sie denn ... erzählt?
Ich konnte es nicht fassen. Wieso mischte sich plötzlich jeder in mein Leben ein?
Das Du heute wohl riesigen Ärger mit Deinem Direx hattest und auch sonst etwas ... uhm ... wie hat sie es ausgedrückt? ... neben der Spur bist.
Neben der Spur ... aha.
Was ist los?
Irgendjemand sollte ein Mittel gegen den intensiven Blick dieser dunklen Augen erfinden.
Ach ... ist halb so schlimm. Es war wohl mal wieder Zeit für die wie-mache-ich-am-besten-meine-Lehrkräfte-fertig-Nummer.
Was wollte er?
Warum konnte er denn nicht locker lassen?
Unwichtiges Zeug.
Komm schon Sam. Diese Ausweichtaktik bringt Dir gar nichts. Ich werde so lange hier sitzen bleiben, bis Du es mir gesagt hast.
Ich starrte geistesabwesend auf das Wasser. Die Sonne ging langsam am Horizont unter und schuf dabei ein perfektes Kitsch-Postkarten-Panorama.
Was sollte ich ihm denn antworten? Ich konnte doch wohl schlecht sagen, dass es um ihn und sein Drogenproblem gegangen war. Ich würde ihn nur noch mehr davon überzeugen, dass der Umgang mit ihm nicht gut für mich war. Ich wollte ihn auf keinen Fall noch weiter von mir fort treiben.
Hey ... , er legte einen Arm um meine Schulter und zog mich an sich so schlimm kann es doch nicht sein. Sag mir einfach, was er gesagt hat und ich werde ihm morgen einen Besuch abstatten und seine Jacketkronen neu richten.
Ich mußte gegen meine Willen schmunzeln.
Das würde auch nichts ändern. Er hasst mich eben, warum auch immer. Er hat irgendwelche unangenehmen Dinge aus meiner Vergangenheit ausgegraben und meint jetzt, er könnte mir Irgendetwas. Aber da liegt er falsch.
Ich weiß, dass Du Dich nicht unterkriegen lässt, aber ehrlich gesagt wäre mir wohler, wenn Du endlich in klaren und verständlichen Worten mit mir reden würdest. Du machst mir nämlich Angst. Weißt Du, Du willst immer alles von Deinen Mitmenschen wissen, bist für sie da, hörst ihnen zu ... nichts weiter möchte ich jetzt für Dich tun.
Leider ist es nicht immer so einfach. Ich legte meinen Kopf an seine Schulter und seufzte verhalten.
Hat er etwas über mich gesagt?
Mein Kopf ruckte nach oben und ich sah ihn entgeistert an.
Wie kommst Du darauf?
Ich habe recht, stimmts?
Was ... wie ... warum ... , er hatte mich eiskalt erwischt und nach seinem Blick zu urteilen, wußte er das auch.
Was hat er gesagt? Dass es nicht gut für Dich und die Schule ist, wenn Du Dich öffentlich mit einem Alkoholiker zeigst?
So etwas in der Art.
Er schloß für einen Moment die Augen.
Ich habe es mir fast gedacht.
Mach Dir deswegen keine Gedanken. Ich komme damit schon klar. Wäre ja noch schöner wenn ich mir von ihm irgendwelche Vorschriften in Bezug auf meine Freunde machen lasse.
Er schüttelte den Kopf trotzdem ... das kannst Du ihm nicht einfach so durchgehen lassen.
Was soll ich denn tun? Er hat einen Eintrag aus meiner alten Collegeakte hervor gekramt. Drei Monate Sozialdienst wegen Teilnahme an einer so genannten Kifferorgie.
Du und Drogen? Er schien mehr amüsiert als entsetzt.
Es war ein klitzekleiner Joint, von dem es mir auch noch schlecht geworden ist. Nicht wirklich eine Geschichte mit der man im Drogenmilieu prahlen könnte.
Er lachte leise.
Nein, wirklich nicht.
Eben. Ach ... der beruhigt sich auch wieder.
Und wenn nicht?
Dann ist immer noch Zeit sich über eventuelle Maßnahmen Gedanken zu machen. Schlimmer kann es jedenfalls nicht mehr werden.
A.J. seufzte und umschlang mich wieder mit seinen Armen.
Es tut mir leid, dass ich Dir so viel Ärger mache.
Wie oft soll ich es denn noch sagen? Du machst mir keinen Ärger. Nur weil ein dahergelaufener Idiot meint, er müsste den Moralapostel spielen, bist Du kein schlechter Mensch. Ich mag Dich, so wie Du bist. Du kannst stolz auf Dich sein. Du hast es geschafft, Deine Drogenprobleme in den Griff zu kriegen und niemand ... ich wiederhole ... NIEMAND hat das Recht, Dir irgendetwas vor zu werfen. Dieser Mr. Oberwichtig sollte erst einmal anfangen, vor seiner eigenen Haustür zu kehren.
Wer baut hier jetzt wen auf? lachte er gutmütig und das erste Mal am heutigen Tag fühlte ich mich annähernd ... real?
Es ist schön, dass Du hier bist, sagte ich leise.
Finde ich auch. Es ist ganz schön einsam ohne Dich.
Du kannst sofort wieder einziehen, sagte ich hoffnungsvoll.
Nein ... , er schüttelte den Kopf und sein rauer Bart streifte mich dabei sachte an der Stirn es ist gut so wie es jetzt ist. Ich muß mein Leben wieder auf die Reihe bekommen und das schaffe ich nur alleine. Ich möchte nur ... also ... ,
Ja? Ich sah zu ihm auf.
Na ja ... es ist einfach beruhigend zu wissen, dass Du da bist ... also ... im Notfall ... meine ich ... Gott ... stelle ich mich gerade wirklich wie ein Vollidiot an?
Aber wie ein sehr lieber Vollidiot, lachte ich und A.J. lächelte.
Gibst Du mir ein Stück von Deiner Decke ab?
Aber immer doch.
Ich hob die Decke einladend an und er kuschelte sich darunter.
Du kannst jederzeit auf mich zählen, sagte ich leise.
Danke. Gleichfalls.
Daran muß ich mich wohl erst noch gewöhnen.
Ich weiß. Aber das kriegen wir auch noch hin.
Ganz bestimmt.
Kapitel 20