Kapitel 18
Ich fand in dieser Nacht keinen Schlaf. Immer wenn ich die Augen schloß, tauchte A.J.s Gesicht vor mir auf. Ich fragte mich, wie es so weit gekommen war und das buchstäblich aus heiterem Himmel. Eben noch waren wir glücklich und zufrieden auf der Couch gelegen und gleich darauf war ich auf ihn losgegangen wie eine Furie.
Auch wenn er noch mindestens hundert Mal betont hatte, dass er nicht böse auf mich sei, so hasste ich mich trotzdem für das, was ich gesagt hatte.
Ich war vielleicht enttäuscht über die Situation in der ich mich befand, über meine Unfähigkeit meine Gefühle einfach aus zu knipsen und ihm die Freundin zu sein die er im Moment so sehr brauchte, aber doch nicht auf ihn!
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich das Gefühl jemanden zu brauchen ... so sehr zu brauchen wie die Luft zum Atmen. Jetzt fühlte ich mich buchstäblich wie der Fisch auf dem Trockenen. Hatte es überhaupt noch einen Sinn jemals wieder aus diesem Bett auf zu stehen? Hatte es überhaupt jemals einen Sinn gemacht?
Wozu lebte man denn eigentlich? Um jeden Tag seinem Job nach zu gehen? Das Bruttosozialprodukt voran zu bringen, seine Steuern zu zahlen und ansonsten damit zufrieden zu sein alleine einen Sonnenuntergang zu genießen?
Ich vergrub mein Gesicht tiefer in den Kissen und kniff die Augen fest zusammen. Verdammt!! Ich kam ganz gut alleine klar. Ich brauchte niemanden. Aber warum tat es dann so weh?
Irgendwie brachte ich es am nächsten Tag fertig auf zu stehen und den Bus zur Schule zu nehmen. Als ich von der Bushaltestelle zu dem großen Eingangsportal lief, war ich kurz davor um zu drehen und mich für den heutigen Tag krank zu melden.
Meine dunkle Sonnenbrille verdeckte im Moment noch meine dunklen Augenringe und die rot geweinten Augenlider, aber in spätestens fünfzehn Minuten würde ich dieses Schutzschild abnehmen müssen.
Spätestens dann würde jeder sehen, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte und ich hatte im Moment wenig Lust auf irgendwelche gut gemeinten Fragen nach meinem Befinden.
Doch im Endeffekt siegte mein Pflichtbewusstsein und die Kämpferin in mir. Es lief im Leben eben nicht immer alles reibungslos und so sehr man auch seine Schutzwälle aufbaute, irgendjemand kam immer daher und riss sie ein. In meinem Fall hatte ich es sogar sehr bereitwillig geschehen lassen.
Miranda war die erste, die mir über den Weg lief.
Hey Sam. Na, einen schönen Abend verlebt?
Ich antwortete mit einem knappen hm und quetschte mich dann an ihr vorbei ins Lehrerzimmer.
Erst einmal einen Kaffe, danach würde die Welt sicherlich schon viel besser aussehen. Doch daraus wurde leider nichts. Als ich mich gerade gesetzt hatte kam mein Kollege Rob auf mich zu.
Guten Morgen Samantha. Du sollst Dich gleich beim Direx melden. Irgendetwas ist ihm wohl heute Morgen über die Leber gelaufen ... na ja ... jedenfalls will er da wohl etwas mit Dir besprechen.
Mehr als einen gequälten Seufzer brachte ich nicht zu Stande und mit einem kurzen, fragenden Seitenblick auf Miranda die inzwischen neben mir stand, verschwand er aus meinem Blickfeld.
O.k. Süße, was ist los? fragte sie dann auch gleich und zog sich einen Stuhl heran.
Woher soll ich wissen was Mr. Allmächtig von mir will, entgegnete ich und nippte vorsichtig an meinem Kaffe.
Ohne Umschweife nahm mir Miranda die Sonnenbrille ab und als sie mir in die Augen sah entfuhr ihr etwas, das an einen erschrockenen Schluckauf erinnerte.
Mein Gott, was ist denn mit Dir passiert?
Nichts, sagte ich und versuchte ihr dabei die Brille wieder ab zu nehmen. Sie brauchte sie schnell außerhalb meiner Reichweite und sah mich weiterhin besorgt an. Ihr Stuhl wippte dabei auf und ab, was mich fast wahnsinnig machte.
Miranda bitte ... könntest Du aufhören hier wie eine Verrückte herum zu hampeln? Das macht mich nur nervöser als ich sowieso schon bin.
Entschuldige, der Stuhl verharrte auf zwei Beinen, doch sie lies mich keine Sekunde aus den Augen.
Ärger im Paradies? fragte sie sanft und ich nickte.
Was ist passiert?
Kann ich Dir das später erklären? Im Moment überlege ich krampfhaft, wie ich die Begegnung mit Harrison lebend überstehen soll.
Sag einfach nur Ja und Amen, dann lässt er Dich schnell wieder gehen, entgegnete sie und es klang tatsächlich so, als könnte es funktionieren. Doch ich wußte auch, dass es mir, selbst in meinem momentan bemitleidenswerten Zustand schwer fallen würde meine große Klappe zu halten.
Ich nahm also einen letzten Schluck Kaffe und stand dann auf.
Dann mal auf in den Kampf, was? sagte ich an Miranda gewandt und versuchte zu lächeln, was wohl ziemlich misslang.
Ich warte hier auf Dich, o.k.? Wird schon schief gehen.
Ich will es nicht hoffen.
Sie zwinkerte mir noch einmal zu, ich straffte mich und ging dann festen Schrittes in Richtung Direktor Harrisons Büro.
Seit ich an dieser Schule angefangen hatte, stand ich mit Direktor Miles Harrison auf Kriegsfuß. Mehr als einmal hatte ich mich gefragt warum er mich überhaupt eingestellt hatte.
Er missbilligte in welchem Aufzug ich meine Klasse unterrichtete, meine Unterrichtsmethoden fand er um einiges zu leger, meine Abkapselung vom restlichen Kollegium widersprach dem gesamten Schulsystem und der Umgangston den ich ihm gegenüber an den Tag legte fand er schlichtweg skandalös.
So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass er immer wieder nach einem Grund suchte um mir klar zu machen, wer hier der Herr im Hause war.
Harrison war nicht viel größer als ich, dafür aber mindestens zwei Mal so breit. Sein Doppelkinn ruhte auf einem gestärkten, weißen Hemdkragen, darüber trug er eine makellose Strickjacke, die ab und an zwischen schlammbraun und krötengrün wechselte, aber ansonsten immer die gleiche zu sein schien.
Am auffälligsten waren seine kleinen Schweinsäuglein, die manchmal, wenn er sich besonders aufregte, aus ihren Höhlen zu treten schienen.
Alles in Allem war er ein unmöglicher Mensch und als Pädagoge eine absolute Niete. Aber das machte er durch seine autoritäre Art wieder wett.
Es gab keinen Schüler, der sich nicht vor ihm fürchtete und wenn man es geschafft hatte ohne Verweis in die Abschlußklasse zu kommen, dann gehörte man entweder zu seiner weit reichenden Verwandtschaft oder trug grundsätzlich kurze Röcke.
Dementsprechend trat ich also mit einem sehr unguten Gefühl in sein Büro.
Schließen sie bitte die Tür, sagte er sofort mit seiner beeindruckenden, dunklen Stimme, noch bevor ich überhaupt richtig über die Schwelle getreten war.
Mirandas Worte noch im Ohr schluckte ich meinen bissigen Kommentar hinunter und schloß anstandslos die Tür.
Setzen Sie sich, dabei deutete er mit dem Kopf auf das unbequeme Sitzmöbel vor seinem Schreibtisch.
Ich versuchte also eine möglichst bequeme Position auf dem harten Holzstuhl mit der geraden Lehne zu finden, schlug die Beine elegant übereinander und harrte der unangenehmen Dinge, die ganz sicherlich gleich kommen würden.
Er blätterte noch einen Moment in einigen Papieren, dann hob er den Blick und sah mir das erste Mal offen in die Augen.
Sie sehen nicht gut aus, stellte er fest und ich presste die Lippen aufeinander.
Hören Sie. Wenn sie sich nicht in der Lage fühlen, ihren Unterricht zu halten, dann sind sie hier fehl am Platz.
Ich bin doch hier, oder? brachte ich irgendwie heraus ohne ihn an zu schreien und presste die Hände in meinem Schoß fest zusammen.
Allerdings, er begann wieder in seinen Papieren zu blättern. Schließlich holte er zum Schlag aus.
Sagen Sie mir doch einmal, was sie davon halten, er zog ein Blatt aus einem der Stapel hervor und reichte es mir.
Zu erst wußte ich nicht, was er eigentlich von mir wollte. Ich hielt einen Artikel, der scheinbar aus dem Internet stammte, in den Händen und überflog den Text. A.J. ... seine Drogenvergangenheit ... die Spekulation über eine neue Frau an seiner Seite ... und das so kurz nach der Trennung von seiner Verlobten! Dann kam ich zum unteren Teil der Seite. Ein Foto ... von mir und A.J. ... irgendwo in der Stadt aufgenommen.
Ich weiß nicht, was sie meinen, sagte ich und es fiel mir jetzt schon um einiges schwerer Gleichgültigkeit zu heucheln.
Nun, dann werde ich es Ihnen wohl erklären müssen, entgegnete Harrison selbstgefällig und lehnte sich auf seinem Sessel zurück.
Das da, er stach mit dem Finger nach dem Blatt Papier in meinen Händen ist in-ak-zep-tabel.
Wie bitte? ich glaubte, mich verhört zu haben.
Sie und dieser ... , er wedelte mit der Hand in der Luft herum drogensüchtige Popstar,
Er ist nicht drogensüchtig, unterbrauch ich ihn aufgebracht.
Das geht nicht, fuhr er fort, als hätte er mich gar nicht gehört. Wir müssen unseren Schülern ein Vorbild sein. Was meine Sie, werden die Eltern im Beirat davon halten? Eine unserer Lehrerinnen, die sich auf skandalöse Weise im Nachtleben von L.A. vergnügt.
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Das konnte nicht sein Ernst sein.
Das ... , ich wedelte kurz und heftig mit dem Stück Papier vor seinem Gesicht herum ist mein Privatleben und geht sie überhaupt nichts an.
Oh doch, es geht mich sehr wohl etwas an. Wenn es den Schulbetrieb behindert, kann ich es nicht gut heißen.
Den Schulbetrieb behindert? Hören Sie ... , ich spürte wie ich wütend wurde. Unbewußt war ich auf meinem Stuhl nach vorne gerutscht und war kurz davor auf zu springen, als er mich unterbrach.
Wollen Sie mir denn allen Ernstes erzählen, dass ihre roten Augen und die dunklen Ringe darunter nichts mit diesem Mann zu tun haben?
Sie haben doch gar keine Ahnung, presste ich durch zusammen gebissene Zähne hervor und versuchte nicht die Fassung zu verlieren. Was bildete sich dieses aufgeblasene Arschloch eigentlich ein?
Hören Sie Mädchen. Ich bin vielleicht alt, aber nicht dumm. Ich weiß wie die jungen Dinger heut zu Tagen nach durchgezechten Nächten und diversen Drogenpartys aussehen.
Drogenpartys? meine Stimme wurde schrill.
Ganz recht. Hören Sie ... ich will doch nur ihr bestes. Vergessen Sie diesen Mann und kümmern sie sich gefälligst um ihre Schüler.
Vergessen Sie gefälligst nicht, mit wem sie hier reden. Ich bin weder ihr Mädchen, auch wenn sie das vielleicht gerne hätten, noch eines von diesen jungen Dingern, noch gehe ich zu Drogenpartys geschweige denn, dass ich überhaupt schon einmal auf einer gewesen bin.
Da habe ich aber ganz andere Dinge gehört, erneut zog er ein Blatt Papier aus seinen Unterlagen hervor und ich war kurz davor mit einem Hechtsprung über seinen verdammten Schreibtisch zu springen und ihm die Augen aus zu kratzen.
Florida, zweites Jahr auf dem College, er lies das Blatt zu mir hinüber segeln und ungläubig starrte ich auf die Seite aus meiner Collegeakte.
Drei Monate Sozialdienst, weil man sie bei einer Kifferorgie erwischt hat.
Die Kifferorgie hatte sich damals bei einem Freund von mir abgespielt, der von irgendwo her für gerade mal fünf Dollar eine winzige Menge Gras bekommen hatte und bei der wir uns zu fünft einen Joint geteilt hatten.
Mir wurde schlecht und irgend jemand der Nachbarn hatte die Polizei wegen der lauten Musik verständigt.
Ich starrte Harrison an, unfähig auch nur ein Wort heraus zu bringen. Er hatte mich an einen Punkt gebracht, von dem ich dachte, dass ich dort nie hinkommen würde. Das erste Mal war ich ihm gegenüber sprachlos und natürlich merkte er das auch.
Ich wünsche, dass sie sich nie wieder mit diesem Mann treffen. Sonst werde ich dafür sorgen, dass Sie jeden Morgen zu einem Drogentest antreten müssen und sie sich wünschen niemals in den sonnigen Staat Kalifornien eingereist zu sein.
Was hätte ich noch sagen sollen? Dass alles gar nicht so war? Dass er endlich meinen schwachen Punkt gefunden hatte und ihn aus reiner Boshaftigkeit genüsslich auskostete?
Ich erhob mich langsam von meinem Stuhl und öffnete die Tür. Kurz bevor ich hindurch trat drehte ich mich noch einmal zu ihm herum.
Reden Sie nie wieder schlecht über meine Freunde! Ich werde mich weiterhin treffen mit wem und wann ich will. Sie sind weder mein Vater noch sonst irgendjemand, der mir irgendetwas im Bezug auf mein Privatleben zu sagen hat.
Lassen sie mich in Ruhe, sonst werden Sie sich wünschen, niemals die Pädagogische Laufbahn eingeschlagen zu haben.
Bevor er noch etwas sagen konnte hatte ich die Tür hinter mir zu geknallt und war auf dem schnellsten Wege Richtung Toilette, wo ich erst einmal mein recht mickriges Frühstück von mir gab und dann für mindestens zwanzig Minuten auf dem geschlossenen Toilettendeckel hockte und vor mich hin wütete.
Kapitel 19