Kapitel 17

Die nächsten Tage vergingen wie im Flug. In der Schule wurde ich abwechselnd von meinen Schülern und von Miranda an den Rand des Wahnsinns getrieben und zu Hause hatte ich alle Hände voll damit zu tun A.J. entweder aus einem tiefen Abgrund heraus zu holen oder seinen übersprudelnden Tatendrang zu bremsen.
Alles war so anders im Vergleich zu meinem gewohnten Tagesablauf. Normalerweise machte ich mir keine zu großen Gedanken um Andere, tat nur das, was ich wollte und zu was ich Lust hatte.
Doch in letzter Zeit war das kaum möglich. Ich merkte erst dass mit mir wohl etwas nicht stimmte, als es schon fast zu spät war.
Es war bereits Donnerstag, A.J. und ich saßen zusammengekuschelt auf der Couch und sahen uns eine Folge von „King of Queens“ an, als er unvermittelt sagte „was hältst Du davon, wenn wir Max demnächst einmal zum Essen einladen?“
Für einen Moment wußte ich nicht, von wem er sprach. Max? Kannte ich einen Max? Mir lag die entsprechende Frage schon auf der Zunge, als mir siedendheiß meine Lügengeschichte wieder einfiel.
„Warum sollten wir ihn zum Essen einladen?“ gab ich also etwas verspätet zurück.
„Na ja ... vielleicht ist da ja noch etwas zu machen.“
„Etwas zu machen?“ ich richtete mich auf und sah ihn voller Unverständnis an.
„Von was glaubst Du, reden wir hier?“ setzte ich hinzu und merkte wie sich mein Unbehagen augenblicklich in Wut verwandelte.
„Etwas machen,“ wiederholte ich „das ist doch keine kaputte Sache, die man irgendwie richten kann, verstehst Du? Er will mich nicht haben und basta.“
A.J. richtete sich ebenfalls auf „tut mir leid, das war jetzt wohl nicht die diplomatischste Wortwahl, aber vielleicht schätzt Du die Situation ja auch völlig falsch ein. Stell’ Dir vor er ist gar nicht in jemand anderen verliebt ... stell’ Dir vor, dass er heimlich von Dir träumt. Wäre das nicht ein Essen wert?“
„Er liebt mich nicht verdammt noch mal,“ schleuderte ich ihm entgegen und spürte zu meinem Entsetzten wie mir die Tränen in die Augen schossen „so etwas kann man nicht mit einem Essen richten, verstehst Du das?“
A.J. sah aus als hätte ich ihm gerade eine schallende Ohrfeige verpasst. „Tut ... tut mir leid ... ich wußte ja nicht ... .“
„Ja Mr. McLean ich weiß. Du hast von nichts eine Ahnung.“
Mittlerweile war ich aufgesprungen und wanderte im Zimmer auf und ab. Selbst im Nachhinein kann ich nicht sagen, was mich in diesem Moment geritten hat. Es war, als hätte mich irgendjemand aufgezogen und ich mußte jetzt meinen Text bis zum bitteren Ende abspulen. Ich hasste mich im selben Moment für jedes einzelne meiner Worte.
„Weißt Du wie das ist wenn man jemanden liebt und derjenige hat kein Interesse? Weißt Du wie es ist immer Nummer zwei zu sein? Nein, hast Du nicht. Du bekommst immer was Du willst und was Dir nicht freiwillig gegeben wird nimmst Du Dir einfach.“
Ich war zu weit gegangen ... ich war viel zu weit gegangen ... vielleicht so weit, dass es keinen Weg zurück mehr gab. Meine Wut war verraucht, stattdessen stieg Angst in mir auf. Das hatte ich nicht gewollt ... er konnte doch nichts dafür dass ich im Moment das Gefühl hatte, dass mir alles zu viel wurde.
In einem Punkt hatte ich recht ... er hatte tatsächlich keine Ahnung, aber dafür konnte er am aller wenigsten etwas.
Ich sah zu ihm hinüber und sah zu meinem Entsetzten, dass ihm ebenfalls die Tränen in den Augen standen.
„Es tut mir leid,“ sagte ich und machte zwei Schritte auf ihn zu, doch er hob abwehrend die Hände.
„Ich ... wußte ja nicht ... ich ... Du mußt ihn wirklich sehr lieben, was?“ stammelte er und versuchte ein Schluchzen zu unterdrücken.
„Ja,“ hauchte ich und sah dabei den Mann an um den es hier eigentlich ging. Oh ja, ich liebte ihn ... ich liebte ihn so sehr, dass es mich innerlich fast zerriss und doch würde ich darüber niemals ein Wort verlieren.
„Das wollte ich nicht,“ sagte ich stattdessen und machte erneut einen Schritt auf ihn zu.
Schnell erhob er sich von der Couch „ich glaube, ich sollte jetzt besser gehen.“
„Was? A.J., bitte ... ,“ ich machte einen letzten Schritt und hielt ihn am Arm fest. „Ich habe das nicht so gemeint. Wirklich! Ich bin im Moment einfach so wütend auf mich, weil ich mein Seelenleben nicht wirklich in den Griff bekomme. Es tut mir leid, bitte ... .“
„Das ist nicht der Punkt Sam,“ sagte er und sah mich dabei traurig an „ich bin gerade dabei die letzte Beziehung, die mir wirklich etwas bedeutet kaputt zu machen und das darf ich nicht zu lassen, verstehst Du das?“
Ich schüttelte den Kopf. Natürlich verstand ich, aber er lag falsch. ICH war dabei sie kaputt zu machen, er konnte nichts dafür.
Er seufzte und legte seine Arme um mich „ich hab’ Dich wirklich unglaublich gern ... auf eine gewisse Art brauche ich Dich auch ... aber ich merke doch, dass Dich diese Situation sehr belastet. Du hockst hier mit mir und dieser Max treibt sich sonst wo herum. Du solltest Dich um Dein Leben kümmern, nicht mehr um meines.“
„Ich möchte aber für Dich da sein,“ sagte ich leise und vergrub meinen Kopf an seinem Hals „wenn Du meinst Du mußt gehen, meinetwegen, aber bitte sei nicht mehr böse auf mich, ja?“
„Böse? Ich?“ Er schob mich ein Stück von sich und sah mich entgeistert an. „Warum sollte ich auf Dich böse sein?“
„Hast ... hast Du mir gerade nicht ... zugehört?“ jetzt verstand ich gar nichts mehr.
„Oh doch, ich habe sehr gut zu gehört. Du bist an einem Punkt, wo ich Dich nur noch belaste. Du kümmerst Dich um mich, erträgst meine Launen, kümmerst Dich um Deine Schützlinge in der Schule und das alles rund um die Uhr. Wann hast Du das letzte Mal nur an Dich gedacht? Wann etwas getan, dass Du gerne tun möchtest?“
„A.J., Du bist gerade mal eine Woche hier. Du klingst, als wären es schon Monate,“ sagte ich und sah ihn dabei vorwurfsvoll an „außerdem bin ich unheimlich gerne mit Dir zusammen.“
„Das glaub ich Dir ja,“ gab er zu „aber alles hat seine Grenzen. In einer Therapie kümmern sich ausgebildete Leute um mich und das auch nur ein paar Stunden am Tag. Du hast das Ganze hier ohne einen Ton rund um die Uhr ertragen, hast Dich um mich gekümmert. Jetzt ist es an der Zeit, dass ich etwas für Dich tue und das ist in diesem Fall zu gehen.“
Auf eine unheimlich verquere Art hatte er recht. Bliebe er hier, würde ich es irgendwann schaffen ihn zu vergraulen. Mein einziger Schutz vor meinen Gefühlen schien im Moment zu sein, ihm weh zu tun, ihn dazu zu bringen mich zu hassen und irgendwann zu vergessen. Wollte ich es so weit kommen lassen?
Widerstrebend lies ich ihn los und wischte mir mit dem Ärmel meines Pullovers die Tränen aus dem Gesicht.
„Hey Sam,“ er strich mir sanft mit der Hand über die Wange „das ist doch nicht schlimm. Wir werden uns weiterhin sehen, wir werden telefonieren und endlich eine richtige Freundschaft aus dem ganzen Chaos machen, in das ich uns gebraucht habe.“
„Bist Du Dir sicher?“ schniefte ich und wagte es nicht von meinen Schuhspitzen auf zu sehen.
„Ganz sicher,“ gab er zurück. „Hast nicht Du mir einmal gesagt, ich sollte Verantwortung für mich und mein Handeln übernehmen, meine eigenen Entscheidungen treffen? Nun, ich befürchte, ich fange jetzt damit an.“
Ich nickte. Dem war nichts mehr hinzu zu fügen.
Er tätschelte mir noch einmal den Arm und verschwand dann nach oben um seine Sachen zu packen und mein Herz nahm er dabei gleich mit.

Kapitel 18