Kapitel 15

Als wir schließlich das Lokal verließen hatte der Regen aufgehört und das Gewitter sich verzogen. Über uns glitzerten Millionen von Sternen am glasklaren Himmel und eine kühle Briese wehte vom Meer herauf.
„Also gut ihr zwei Hübschen,“ sagte A.J. und klatschte dabei in die Hände „was machen wir jetzt?“
Nick blieb stumm und ich zuckte mit den Schultern.
„Hey kommt schon, es kann doch nicht sein, dass ihr schon müde seid.“
„Ehrlich gesagt hatte ich gestern eine sehr anstrengende Nacht und ich sehne mich nach meinem Bett,“ gab Nick zu, obwohl er überhaupt nicht müde aussah.
„Ist das wirklich Dein Ernst?“ fragte A.J. enttäuscht.
Nick nickte.
„Keine Chance Dich um zu stimmen?“
„Ein anderes Mal, o.k.?“
„Na gut. Oh Mann, gerade mal 21 ... ,“
„22!“ Unterbrach ihn Nick.
„Gerade mal 22 und schon müde wie ein 70 jähriger.“
Ich kicherte und diesmal zuckte Nick mit den Schultern.
„Tut mir leid. Wie gesagt, lass uns das ein anderes Mal nachholen.“
Er trat auf seinen Freund zu und umarmte ihn, dann wandte er sich mir zu.
„Es war schön Dich wieder zu sehen Sam,“ sagte er und drückte mich noch etwas fester bevor er mich los lies.
„Fand ich auch. Lass uns nächstes Wochenende zusammen aus gehen. Irgendwo hin, ein bißchen tanzen und Spaß haben.“
„Das klingt gut,“ lächelte er.
„Also dann ... ,“ er nickte uns noch einmal zu und machte sich dann auf den Weg über den Parkplatz. Gleich darauf brauste er mit seinem Wagen davon.
A.J. schüttelte den Kopf „irgendetwas stimmt nicht mit ihm.“
„Vielleicht war er wirklich nur müde,“ gab ich zu bedenken und schlenderte langsam Richtung Auto.
„Selbst wenn er das war. Ein Nick Carter lässt sich eine Gelegenheit zum Feiern nicht so einfach entgehen.“
„Du hast doch gehört, dass er noch schwer an der Trennung von Candice zu knabbern hat. Vielleicht wollte er nur ein bißchen alleine sein.“
„Vielleicht,“ gab A.J. widerstrebend zu.
Inzwischen hatten wir das Auto erreicht.
„Und Du?“ fragte er „willst Du schon nach Hause?“
„Nicht unbedingt. Allerdings habe ich auch keine Lust mich in einen überfüllten Club oder eine Bar zu begeben.“
„Wie wäre es mit einem Spaziergang am Strand?“ schlug er vor „so zu sagen als Entschädigung dafür, dass ich gestern absagen mußte.“
„Gerne,“ sagte ich und war dankbar für die Dunkelheit, die mein seliges Lächeln versteckte.
Er holte den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche hervor, öffnete die Beifahrertür, kramte einen Moment im Inneren des Wagens herum und tauchte schließlich mit einer Jacke in der Hand wieder auf.
„Hier, damit Du nicht frierst,“ sagte er und legte mir die Jacke führsorglich um die Schultern.
„Danke.“
Sein Geruch hüllte mich sofort ein. Ich zog die Jacke noch enger um mich und schloß für einen Moment die Augen. So mußte es sein, wenn man morgens neben ihm aufwachte. Warm, behaglich, geborgen und mit genau diesem Geruch.
Ich schlüpfte in die Ärmel, die mir ein wenig zu lang waren und knöpfte die Jacke zu.
„Ich glaube da vorne führt ein Weg hinunter,“ rief A.J., der bereits an den Rand der Klippe heran getreten war.
Ich folgte ihm, immer darauf bedacht dem Abgrund nicht zu nahe zu kommen und schließlich erblickte ich Stufen, die in den Fels hinein gelassen worden waren.
A.J. fasste mich an der Hand und gemeinsam tasteten wir uns zum Strand hinunter.
Der Sand war noch nass und so war das erste das ich tat, meine Schuhe aus zu ziehen und sie achtlos neben der letzten Treppenstufe liegen zu lassen.
A.J. tat es mir gleich und wenig später schlenderten wir, immer noch Hand in Hand, barfuss am Rande der Brandung entlang.
Der Mond stand bereits hoch über uns und malte lange Schatten in den Sand, die Wellen rauschten in ihrem beruhigenden, monotonen Singsang und ab und an umspülte kaltes, prickelndes Wasser unsere Füße.
„Darf ich Dich etwas fragen?“ brach ich schließlich unser behagliches Schweigen.
„Klar.“
„Was glaubst Du ... warum hat Sarah die Einladung an mich verschwinden lassen?“
Er schwieg einen Moment und schien darüber nach zu denken. Ich glaubte allerdings, dass er sich innerlich nur auf dieses unangenehme Thema einstellen wollte. Es war vielleicht nicht die beste Idee ihn in diesem Moment an seine Vergehen zu erinnern, aber ich mußte es einfach wissen.
„Sie sagt, dass ihr die Einladung hinter unseren Sekretär gerutscht ist, aber irgendwie glaube ich das nicht so recht.“
Ich wartete, damit er mir seine eigenen Einschätzung mitteilen konnte.
„Ich denke, sie wollte Dich einfach nicht dabei haben.“
„Aber warum das denn?“ fragte ich entgeistert, nachdem er nicht weiter sprach „ich meine ... sie kennt mich doch überhaupt nicht und immerhin ging es um Eure Hochzeit. Was hat sie denn befürchtet? Das Du noch kurz vor dem Ja-Wort zu mir überwechselst?“
„Vermutlich so etwas in dieser Richtung.“
„Aber warum?“ fragte ich noch einmal.
„Na ja ... ich habe wohl ziemlich viel von Dir geredet. Zumindest genug, damit sie sich Sorgen gemacht hat.“
Er sah mich dabei nicht an sondern lies seinen Blick über das Wasser schweifen. Ich hätte alles dafür gegeben in diesem Moment seine Gedanken lesen zu können.
„Ich befürchte ich verstehe es immer noch nicht so ganz.“
„Das mußt Du auch gar nicht,“ gab er leichthin zurück „sie war eifersüchtig ... schätze ich ... keine Ahnung. Du bist doch hier die Frau, woher soll ich wissen, was in Euren Köpfen vorgeht?“
Er sagte dies halb im Scherz und halb im Ernst und ich war genau so schlau wie vorher. Wir hatten uns, wenn es hochkam, einmal im Jahr gesehen und ungefähr genau so oft miteinander telefoniert. Es gab sicherlich Frauen, die viel tiefer in seinem Leben standen und trotzdem hatte sie meine Einladung unter den Tisch, oder vielmehr hinter den Sekretär, fallen lassen. Ich fand das sehr seltsam, aber es war klar, dass ich aus ihm nicht mehr heraus bringen würde.
Schweigend legten wir die nächsten Meter zurück.
„Das mit dem Mann für Dich hat ja heute Abend auch nicht wirklich geklappt, was?“ sagte er und lächelte mich dabei verschmitzt an.
„Ich finde das gar nicht schlimm. Auch wenn ich mich wiederhole, aber ich kann mir meine Männer schon sehr gut alleine aussuchen.“
„Deine Vergangenheit sagt aber etwas ganz anderes,“ sagte er und ich konnte dem nicht wirklich widersprechen.
„Tut mir leid wenn ich Dich damit nerve,“ gab er zu „aber Du hättest es einfach verdient, verstehst Du? Du bist ein so wundervoller, warmherziger Mensch. Es ist einfach nicht fair, dass Du alleine bist.“
„Du hättest es genau so gut verdient,“ gab ich stur zurück.
„Nicht wirklich. Abgesehen davon habe ich bis vor zwei Wochen ja noch alles richtig gemacht. Ich bin für Beziehungen wohl nicht gemacht.“
„Vielleicht bin ich das auch nicht.“
„Ach was,“ er winkte ab „Du bist perfekt. Freundin und Geliebte in einem, so sollte es sein.“
„Du hast keine Ahnung von meinen Qualitäten als Geliebte,“ stellte ich fest und wußte sehr wohl, dass ich mich auf sehr dünnem Eis bewegte.
„Hm ... das vielleicht nicht, aber jeder Mann sollte beim Anblick Deiner Kurven schwach werden.“
„A.J.!“ ich schlug ihm empört und nicht sehr sanft auf die Schulter und versuchte dabei, ihm meine Hand zu entwinden. Lebhaft stand mir das Bild vor Augen, wie er mich am Tag zuvor im Bad überrascht hatte und wenn ich ehrlich war, würde ich am liebsten noch im Nachhinein in irgendeinem Loch verschwinden.
Doch er lachte nur und hielt meine Hand fest.
„Das ist doch nichts, wofür Du Dich schämen müsstest. Im Gegenteil.“
„Können wir bitte das Thema wechseln?“
„Ohhhhh ... habe ich etwa Deinen wunden Punkt gefunden?“
„Hör auf damit!“ So langsam machte er mich wütend. Es war gemein mich absichtlich in Verlegenheit zu bringen.
Unvermittelt blieb er stehen und sah mich an.
„Es tut mir leid. Vergessen wir das Thema einfach, o.k.? Ich will Dir doch nur begreiflich machen, was für eine tolle Frau Du bist.“
„Danke, das habe ich begriffen,“ sagte ich bissig und setzte mich wieder in Bewegung ... und dann beging ich einen schweren Fehler.
„Im Übrigen bin ich sehr wohl verliebt.“
„Was?“ Erneut blieb er stehen.
„Ja, stell Dir vor. Es gibt einen Mann, der mein Herz höher schlagen lässt.“ Ich rannte mit offenen Augen in mein Verderben, das war mir sehr wohl klar, aber im Moment gab es einfach kein halten mehr. Er glaubte ich traue mir nichts zu? Er dachte, ich wäre evtl. zu kaltherzig dafür, öffnete mich nicht wenn ich einem Mann begegnete der mir gefiel? Tja Mr. McLean, da irrten sie sich.
„Wer ist es?“ A.J. wirkte ganz aufgeregt „und was noch viel wichtiger ist, warum seid ihr nicht zusammen?“
„Ich ... ,“ was sollte ich jetzt nur sagen? Lügen war noch nie meine Stärke gewesen „er liebt eine Andere,“ sagte ich schließlich und fand, dass das sogar in der Nähe der Wahrheit lag.
„Der Typ muß blind, taub und furchtbar dämlich sein,“ sagte er kopfschüttelnd. „Warum hast Du mir nie von ihm erzählt?“
„Weil es weh tut?“
„Aber vielleicht hilft es Dir ja, ein wenig über ihn zu sprechen,“ gab er zu bedenken.
„Das glaube ich weniger.“
Erneut schüttelte er den Kopf, so, als könne er es einfach nicht glauben.
„Da erzähle ich Dir meine ganze verdammte Lebensgeschichte und Du unterschlägst die unwichtige Kleinigkeit, dass Du unglücklich verliebt bist. Ich fasse es einfach nicht.“
Aha. Es ging hier also nicht um mich ... oder wie?
„Lassen wir es einfach, o.k.?“ Ich versuchte ihn weiter zu ziehen, doch er blieb weiterhin wie angewurzelt stehen und vergrub dabei langsam seine Zehen im Sand.
„Sag mir wenigstens seinen Namen,“ bat er.
„Wozu?“ Ich fühlte mich unbehaglich. Je mehr ich hier herum fantasierte, um so schneller würde er mir auf die Schliche kommen.
„Jetzt komm’ schon Sam. Nur seinen Namen, mehr will ich ja gar nicht wissen.“
„Er heißt Max. Zufrieden?“ Max war der Name meines Postbotens, aber das mußte ich A.J. ja nicht auf die Nase binden.
„Kenne ich ihn?“ bohrte er weiter.
„Du wolltest doch nur seinen Namen wissen.“
Er seufzte „Du machst es einem nicht gerade leicht.“
„Das war auch niemals meine Absicht,“ sagte ich fest und schaffte es endlich, mich seinem Griff zu entziehen.
„Frauen!“ rief er und warf theatralisch die Hände in die Luft.
„Na komm’ schon Brummbär,“ lachte ich, trat hinter ihn und begann mich gegen seinen Rücken zu stemmen.
„Na los,“ presste ich durch meine, vor Anstrengung zusammengebissenen Zähnen hervor „beweg Dich.“
„Niemals. Ich bleibe für immer und ewig hier stehen,“ gab A.J. zurück. „So lange, bis Du mir gesagt hast, wer er ist und warum Du mir nichts über ihn erzählt hast.“
„Jetzt stell’ Dich doch nicht so an,“ ich versuchte einen besseren Halt zu finden und grub dabei mit meinen Füßen tiefe Kuhlen in den Sand.
„Nei-en,“ sagte er und verschränkte auch noch die Hände vor der Brust.
Unvermittelt hörte ich auf, mich gegen ihn zu stemmen und überrumpelt taumelte er einige Schritte rückwärts, tief in das Wasser hinein.
Ich lachte hinter vorgehaltener Hand, als ich seinen überraschten Gesichtsausdruck sah und gleich darauf sein Geheul hörte, da das Wasser unangenehm kalt war.
„Na warte,“ rief er und hatte schon die halbe Strecke zwischen dem Wasser und mir zurück gelegt.
„Ahhhhhh,“ kreischte ich und rannte los, zurück zu der rettenden Treppe, die mich zu meinem Auto bringen würde.
Ich hörte A.J. hinter mir näher kommen. Dafür dass er rauchte und mehr trank als ihm gut tat, war er unglaublich gut in Form.
Gerade waren nur seine Schritte hinter mir zu hören, da vernahm ich auch schon sein Keuchen dicht an meinem Ohr und gleich darauf warf er sich auf mich und wir purzelten gemeinsam in den Sand.
Wir lachten und kreischten wie zwei Teenager, rollten uns im Sand hin und her und versuchten dabei jeweils die Oberhand zu erlangen.
Schließlich saß A.J. schwer atmend auf mir und drückte meine Arme nach hinten in den Sand.
„Bettel um Gnade,“ verlangte er schwer atmend und ich schüttelte den Kopf.
„Niemals!“
„Ich werde schlimme Dinge mit Dir machen,“ prophezeite er mit einem Grinsen, was mich wieder zum Lachen brachte.
Ich versuchte mich unter ihm heraus zu winden und auf die Seite zu rollen, doch er war einfach zu stark.
„Keine Chance Fräulein. Du sitzt fest.“
„Das werden wir ja noch sehen!“
Ich wußte, dass ich gegen ihn nicht die geringste Chance hatte, aber ich wollte mich auch nicht so kampflos geschlagen geben. Ich stemmte also meine Füße in den Sand und hob meine Hintern vom Boden, was A.J. nach vorne kippen lies, da er damit nicht gerechnet hatte. Doch bevor ich mich weiter befreien konnte, hatte er schon die Knie näher an meinen Körper gepresst und ich lag erneut unbeweglich unter ihm, wobei sein Gesicht nur einige wenige Zentimeter von meinem entfernt war.
Der tiefe Blick in seine Augen war es dann wohl auch, der mich schließlich aufgeben lies. Ganz still lag ich im Sand, mir der Nähe seines Körpers sehr wohl bewußt und versuchte mein wie wild schlagendes Herz unter Kontrolle zu bringen.
„Gibst Du endlich auf?“ flüsterte er und schien mir dabei noch etwas näher zu kommen.
Ich konnte nur noch mit großen Augen nicken, da ich meiner Stimme nicht mehr so recht traute.
„Sag „ich bitte um Gnade“,“ forderte er, immer noch so nahe an meinem Gesicht, dass ich seinen warmen Atem auf meiner Wange spüren konnte.
„Ich ... ,“ kiekste ich, schluckte und versuchte es noch einmal „ich bitte um Gnade.“
„So ist es brav,“ nickte er, lies mich aber immer noch nicht los und rückte auch keinen Zentimeter von mir ab.
„Kann ... kann ich jetzt aufstehen ... bitte?“
Er schien wie aus einer Trance auf zu wachen. Ruckartig richtete er sich auf, lies dabei meine Arme los und rollte sich von mir herunter in den Sand.
„Klar kannst Du jetzt aufstehen,“ sagte er, hatte dabei aber den Blick in den Himmel gerichtet.
Ich blieb wo ich war und gemeinsam betrachteten wir den Sternenhimmel.
„Dieser Max hat Dich gar nicht verdient,“ sagte A.J. schließlich.
„Wie meinst Du das?“
„So wie ich es gesagt habe.“
Ich sah zu ihm hinüber und unsere Blicke trafen sich.
Hätte ich es nicht besser gewußt, so hätte ich gedacht so etwas wie Enttäuschung in seinen Augen zu lesen.

Kapitel 16