Kapitel 13

„Sam, wie weit bist Du?“ rief A.J. vom Fuße der Treppe und ich beeilte mich auf die Galerie hinaus zu kommen.
„So zu sagen fertig,“ antwortete ich und hüpfte mit meinen Sandalen in der Hand die Treppenstufen hinunter.
A.J. hatte heute Vormittag Nick angerufen und wir hatten uns für den Abend verabredet. Das „La Taverna“ war ein kleines, italienisches Restaurant, das trotz seiner Schlichtheit als Geheimtipp galt.
A.J. wirkte sehr nachdenklich, nachdem er das Telefonat beendet hatte. Darauf angesprochen hatte er lediglich geantwortet, dass er sich frage, ob überhaupt noch etwas in der heutigen Zeit Bestand habe und war dann in seinem Zimmer verschwunden.
Doch als ich jetzt zu ihm in den Flur kam, auf einem Bein hüpfend um mir meine Sandale über zu streifen, war von seiner Nachdenklichkeit nichts mehr zu spüren. Er wirkte aufgekratzt und lebendiger, als ich ihn in den letzten Tagen erlebt hatte.
Ich hielt mich an seiner Schulter fest und zog auch noch den anderen Schuh an. Dann strich ich mein knielanges Kleid glatt und betrachtete mich für einen Moment in dem bodenlangen Spiegel neben der Tür.
„Wow,“ sagte A.J. hinter mir leise und ich drehte mich zu ihm herum.
„Was?“
„Ich meine nur ... ,“ er trat einen Schritt auf mich zu und blieb dann wieder stehen.
„Du siehst irgendwie ... so ... anders aus.“
„Anders?“ Ich versuchte zu ergründen, was er damit meinte.
„Ja ... eben nicht wie ... Sam ... ,“
„Also echt. Du hast mich doch schon so gesehen, oder? Das bisschen Schminke und das Kleid dürften doch eigentlich ... also ... ,“ ich errötete unter seinem intensiven Blick und verstummte.
„Du bist auf jeden Fall wunderschön,“ sagte er und grinste dann breit „es dürfte also kein Problem sein für Dich den geeigneten Mann zu finden.“
Na prima, genau so hatte ich mir das vorgestellt, aber notgedrungen spielte ich sein Spielchen mit.
„Wahrscheinlich werden wir überhaupt nicht zu unserem Platz durchkommen, weil jeder Mann mich sofort kennen lernen und entführen will,“ scherzte ich und wandte mich in die Küche um meinen Autoschlüssel zu holen.
„Genau. Nick und ich werden einsam und verlassen an unserem Tisch sitzen, trockenes Brot knabbern und darauf warten, dass Du uns das Privileg Deiner Aufmerksamkeit schenkst.“
Ich lachte, hoffte, dass es sich nicht so künstlich anhörte wie es sich anfühlte und hakte mich dann bei ihm unter.
„Fahren wir dann los? Wir wollen den armen Nick doch nicht warten lassen.“
„Abgesehen davon, dass ihm das auch nicht schaden würde, habe ich einen wahnsinnigen Hunger. Lass uns also fahren.“
Er öffnete die Tür und führte mich galant zu meinem Wagen.
„Ich fahre,“ sagte er bestimmt und streckte mir die Hand entgegen, damit ich ihm die Schlüssel aushändigen konnte.
„So? Das ist ja etwas ganz Neues,“ gab ich zurück, überlies ihm aber bereitwillig die Autoschlüssel meines Sportwagens, den ich normalerweise hütete wie mein Baby und dass das einzige war, an dem ich wirklich und mit ganzem Herzen hing..
Wie ein Gentleman öffnete er mir die Beifahrertür, was ich mit einem gekünstelten „Vielen Dank Boy,“ honorierte und lies mich dann in die Polster sinken.
Nachdem er neben mir Platz genommen hatte, knuffte er mich sanft in die Seite.
„Ich bin nicht Dein „Boy“.“
Ich lachte „das war nur Spaß.“
„Hm ... schon klar,“ brummelte er, wobei ihm an zu sehen war, dass er das nicht wirklich ernst meinte.
Für einen Moment sah er auf die Schaltung hinunter.
„Keine Automatik?“ fragte er überrascht.
„Nein, ist das ein Problem?“
„N-Nein ... natürlich nicht,“ beeilte er sich zu sagen, startete den Wagen und legte mit lautem Knirschen den ersten Gang ein.
„Bist Du sicher, dass nicht doch lieber ich fahren sollte?“ fragte ich vorsichtig, doch ich bekam keine Antwort.
Männer und ihre Sturköpfe!

Auf halber Strecke hatte A.J. sich schließlich an die ungewohnte Schaltung gewöhnt und ich hegte die Hoffnung, dass mein Getriebe den Weg zum Restaurant doch noch unbeschadet überstehen würde.
Schließlich bogen wir mit Schwung in den kleinen Parkplatz neben dem Restaurant ein und A.J. brachte den Wagen mit quitschenden Reifen zum stehen, kurz bevor wir über die Klippe schießen konnten.
Selig grinsend blieb er einen Moment sitzen und ich versuchte mein vor Panik pochendes Herz wieder unter Kontrolle zu bringen.
„Erinnere mich daran,“ sagte ich, während ich immer noch auf das Wasser vor uns starrte, über dem sich langsam einige dunkle Wolken zusammen brauten „das ich Dir nie wieder meinen Autoschlüssel in die Hand drücke.“
Doch er lachte nur „komm’ schon Sam. Sag bloß es hat Dir keinen Spaß gemacht,“ und mit diesen Worten öffnete er die Tür und stieg aus.
„Keinen Spaß?“ fragte ich ungläubig als er mir die Beifahrertür öffnete und mir die Hand reichte, damit ich auf meinen wackligen Beinen aussteigen konnte.
„Ich habe in Gedanken schon mein Testament gemacht und ich kann Dir versichern, dass Du darin nicht vor gekommen bist.“
Er lachte erneut und legte mir einen Arm um die Taille „wenn Du darüber noch nachdenken konntest kann es so schlimm ja nicht gewesen sein.“
Ich gab ihm einen leichten Klaps auf die Schulter, konnte mir ein Lachen aber leider nicht verkneifen. Wie konnte dieser Mann nur so sexy sein, selbst wenn er mich ärgerte?
Wir betraten das Restaurant und A.J. sah sich suchend nach Nick um.
Mein Blick schweifte erst einmal anerkennend durch das Lokal. Drei Stufen führten in einen großen Raum, der unglaublich hell und freundlich wirkte obwohl die Wände mit dunklem Holz vertäfelt waren.
Grund hierfür waren die großen Fenster, die sich über die gesamte vordere Front vom Boden bis zur Decke erstreckten und einen atemberaubenden Blick über die Küste boten.
Auf der riesigen Terrasse waren nur wenige Tische besetzt, da die meisten wohl auf Grund des herannahenden Gewitters das Innere vorgezogen hatten.
Dementsprechend herrschte geschäftiges Treiben in dem Lokal. Kellner in weißen Hemden und langen, ebenfalls weißen Schürzen eilten von Tisch zu Tisch, nahmen Bestellungen auf, servierten die Gerichte auf riesigen, dampfenden Tellern und wirkten dabei nicht im Geringsten angestrengt oder genervt. Sie lachten und scherzten untereinander und mit den Gästen, was mir das Gefühl von Behaglichkeit vermittelte.
Das Publikum war sehr gemischt. Alle Altersstufen schienen vertreten zu sein. Familien, Geschäftsleute und verliebte Paare verteilten sich auf die großen, rechteckigen Holztische, die lediglich mit einer winzigen, rot/weiß karierten Tischdecke bedeckt waren. In der Mitte jedes Tisches brannte eine Kerze in einer, zum Kerzenständer umfunktionierten Lambruscoflasche und ich merkte, wie ich mich langsam entspannte.
Gerne hätte ich mich auf die Terrasse gesetzt. Das Spiel der Wellen zu dem guten Essen und diesem angenehmen Ambiente mußte einfach göttlich sein, doch ein Ober führte uns in das Restaurant hinein und noch bevor wir unseren Tisch erreicht hatten, erkannte ich den blonden, jungen Mann, der nahe beim Fenster saß und gedankenverloren nach draußen starrte.
Aufgeregt packte ich A.J. am Arm.
„Sag mir nicht, dass das unser kleiner Nicky-Boy ist,“ flüsterte ich und A.J. kicherte.
„Stell Dir vor, sogar er ist erwachsen geworden. Na ja ... zumindest äußerlich.“
Er lachte wieder und als ich zu ihm aufsah funkelten seine Augen in dem warmen Kerzenlicht, dass es mir für einen Moment den Atem raubte.
Gleich darauf hatten wir unseren Tisch erreicht, was Nick aber scheinbar nicht bemerkte. Er rührte sich nicht, sondern schien immer noch interessiert das Spiel der immer dunkler werdenden Wolken zu beobachten.
„Weißt Du, manchmal hat er so eine Art einen zu ignorieren, dass man sich ganz schön blöd vorkommt,“ bemerkte A.J. schmunzelnd, doch Nick rührte sich immer noch nicht.
„Hey Kleiner,“ A.J. fuchtelte mit seiner Hand vor Nicks Nase herum, was ihn zusammen zucken und mit großen Augen zu uns aufsehen lies.
Das letzte Mal hatte ich ihn gesehen, da war er gerade 15 Jahre alt gewesen. Das Kindliche war aus seinem Gesicht verschwunden, was sein verstörter Blick und die gerunzelte Stirn noch deutlicher machte. Doch es war unbestreitbar Nick Carter, der uns jetzt endlich zu erkennen schien und das herzliche Lächeln, dass nun auf seinem Gesicht erstrahlte erinnerte mich schon eher an den Jungen, der damals nur Blödsinn im Kopf gehabt hatte und dabei motivierter bei der Sache war, als die anderen vier Jungs zusammen. Und das wollte schon etwas heißen!
„A.J., Mann, ich hab Dich gar nicht bemerkt.“
„Das habe ich gemerkt,“ lachte A.J. während Nick sich erhob und seinen Freund in die Arme schloß. Gleich darauf lies er ihn los und wandte sich mir zu.
„Tut mir leid. Eigentlich begrüßt man die Lady ja zu erst,“ entschuldigte er sich und zog mich ohne Umschweife ebenfalls in seine Arme.
Meine Güte, mit seinem Charme hatte er sicher schon ganze Legionen von Mädchenherzen gebrochen.
„Lass Dich ansehen,“ sagte er und schob mich ein Stück von sich.
„Wow ... immer noch so hübsch wie damals.“
„Schmeichler,“ sagte ich verlegen.
„Schleimer,“ sagte A.J. und wir lachten alle drei.
Als wir uns setzten bemerkte Nick „ich wäre auf der Straße sicherlich an Dir vorbei gelaufen. Wo ist Deine Zahnspange hin? Und diese riesigen Ohrringe?“
Ich lachte und fummelte unbewußt an meinen Ohrläppchen herum, in denen heute zwei kleine, silberne Creolen steckten.
„Wo ist Dein furchtbarer Haarschnitt geblieben?“ fragte ich statt einer Antwort zurück „und Dein Babyspeck?“
Jetzt war es an ihm leicht zu erröten.
„Den Babyspeck habe ich leider immer noch, nur haben mir inzwischen ein paar liebe Menschen gezeigt, wie man ihn am besten versteckt und an dem Haarschnitt arbeite ich noch,“ sagte er grinsend und fuhr sich mit den Finger durch das Haar.
„Nachdem wir das jetzt geklärt haben können wir doch etwas zu essen bestellen, oder? Ich sterbe vor Hunger,“ mischte A.J. sich in das Gespräch ein und griff nach der Speisekarte.
„Ich weiß nicht, wie Du es mit ihm aushältst,“ sagte Nick und schüttelte dabei den Kopf.
„Och, das ist eigentlich gar nicht so schwer,“ gab ich zurück, tätschelte A.J. gönnerhaft die Schulter und sagte „nicht wahr A.J.? Zu Hause klappt das doch alles bestens.“
Er schnitt mir eine Grimasse und ich mußte lachen.
A.J. und Nick warfen sich über den Tisch hinweg einen Blick zu.
„Ist lange her was?“ fragte Nick und A.J. nickte „viel zu lange wenn Du mich fragst.“

Kapitel 14