Kapitel 12

Zwei Stunden später hörte ich wie die Haustür aufgeschlossen wurde und wenig später trat A.J. zu mir hinaus auf die Veranda.
Er küsste mich sanft auf den Scheitel, murmelte ein kurzes „Hallo“ und setzte sich dann mir gegenüber.
Er trug eine Sonnenbrille, allerdings mit gelben Gläsern, die er jetzt ab nahm und vor sich auf den Tisch legte.
Dann sah er mich einfach nur mit einem intensiven Blick an und schien darauf zu warten, dass ich irgendetwas sagte.
„Es tut mir leid, dass ich vorhin einfach so verschwunden bin,“ begann ich also.
„Es ist Dein Haus, Du kannst tun und lassen was Du willst,“ gab er zurück, aber ich wußte, dass das nicht mehr als eine Floskel war.
„Ich mußte noch ... etwas ... besorgen,“ sagte ich stockend und hatte ein ungutes Gefühl dabei, ihn zu belügen.
„Besorgen, aha,“ gab er zurück.
Ich versuchte seine Stimmung zu deuten. Er wirkte irgendwie überhaupt nicht sauer, wütend oder verletzt sondern einfach nur gespannt auf die Erklärung, die ich ihm jetzt geben würde.
„Ja, ich mußte noch in die Apotheke,“ dabei holte ich das kleine Tablettenröhrchen aus meiner Hosentasche hervor und stellte es zwischen uns auf den Tisch.
Das Plastik fühlte sich unter meinen Fingern ganz warum an und erinnerte mich daran, wie lange ich hier auf der Veranda gesessen, einfach nur in den Garten gestarrt und auf das Öffnen der Haustür gewartet hatte.
„Was ist das?“ fragte er erwartungsgemäß und besah sich das Etikett genauer.
„Die Ärzte haben bei mir vor einiger Zeit einen Herzfehler festgestellt.“
„Herzfehler?“ er wirkte entsetzt.
„Nichts Schlimmes,“ beeilte ich mich zu sagen „aber genug, um jeden Tag diese Tabletten schlucken zu müssen und ausreichend, um mein Sportstudium über den Haufen zu werfen.“
Für einen endlos erscheinenden Augenblick sagte er gar nichts, sondern sah mich einfach nur stumm und mit halb geschlossenen Augenlidern an.
„Warum hast Du mir nie etwas davon erzählt? Wann wurde das fest gestellt?“
„Kurz nach dem Tod meiner Mum mußte ich mal wieder zu einer Routinekontrolle ins Krankenhaus und da hat man dann das kleine Loch gefunden. Wie gesagt, Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Mir geht es gut.“
„Warum bist Du dann einfach so auf und davon?“
Seine Frage war berechtigt und brachte mich in Erklärungsnot.
„Nun ja ... auch wenn es nicht so schlimm ist, so muß ich doch die Tabletten schlucken. Tue ich das nicht, könnten sich kleine Blutgerinnsel bilden, die sich wiederum in meiner lädierten Herzkammer absetzen und dann goodbye Du schöne Welt,“ gab ich leichthin zurück.
„Sehr beruhigend,“ sagte er ironisch und musterte mich immer noch mit diesem eigenartigen Blick.
„Es tut mir wirklich leid,“ sagte ich noch einmal und rutschte dabei unbehaglich auf meinem Stuhl herum.
„Ich weiß, es ist nur ... ,“ er sprach nicht weiter.
„Was?“
„Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich bin nicht blöd, auch wenn ich manchmal vielleicht diesen Eindruck erwecke.“
Für einen kurzen Moment flackerte ein Lächeln in meinem Gesicht auf, erlosch aber sofort wieder, als mir die Tragweite seiner Worte aufging. Hatte er etwas gemerkt? Wußte er etwa, was mit mir los war?
„Es tut mir leid, wenn ich Dir vorhin zu nahe getreten bin. Ich weiß, manchmal sollte ich mit dem was ich sage vorsichtiger sein. Ich wollte Dich nicht beleidigen ... Du weißt, ich hab Dich unheimlich lieb. Manchmal vergesse ich einfach, mit wem ich rede und dann sage ich Dinge, die ich vielleicht gar nicht so meine oder die eigentlich gar nichts mit Dir zu tun haben. Ich ... ,“
„Stop,“ ich hob die Hand und sah ihn entgeistert an. „Du hast nichts gesagt, was mich verletzt hätte.“
„Ach komm schon Sam,“ sagte er und runzelte dabei die Stirn „ich war nicht wirklich freundlich zu Dir. Ich habe Dir vorgeworfen, dass Du keinen Sinn für die Realität hast, dabei ist doch ganz offensichtlich, dass der mir ab geht und nicht Dir. Ich hätte das nicht sagen sollen. Ich befürchte, ich war wohl eher wütend auf mich, als auf Dich.“
„Nein ... bitte ... Du glaubst doch wohl nicht, dass mich so etwas verletzen könnte?“
Er sah mich, jetzt etwas unsicher geworden, an.
„Ich ... weiß nicht. Ich war einfach nicht besondern nett zu Dir und das nach allem, was Du für mich getan hast.
Ich sollte einfach aufhören, mir über so viele Dinge aus der Vergangenheit den Kopf zu zerbrechen und meinen Blick nach vorne richten. Genau so, wie Du es gesagt hast.“
„Ach A.J.,“ ich schüttelte den Kopf, erhob mich aus meinem Stuhl und ging zu ihm hinüber. Von hinten schlang ich meine Arme um seinen Hals und legte mein Kinn auf seinen Kopf. Sanft umschloss er meine Arme mit seinen Händen und seufzte leise.
„Mach Dir bitte nie wieder Gedanken darüber, was Du zu mir sagen kannst und was nicht,“ sagte ich leise. „Ich kann mehr verkraften als Du denkst und von so ein paar Worten, die im Übrigen nicht vollkommen aus der Luft gegriffen waren, lasse ich mich schon gar nicht aus der Ruhe bringen.“
Natürlich war das nur die halbe Wahrheit. Ich war wegen etwas das er gesagt hatte, oder besser nicht gesagt hatte, gegangen, aber das war nicht seine Wahrheit. Es war meine ganz eigene und die hatte im Grunde mit ihm nicht das Geringste zu tun. Es war mein Problem, mit dem ich mich ganz alleine auseinander setzen mußte.
„Du bist also wirklich einfach so verschwunden, weil Du noch in die Apotheke mußtest?“ er klang immer noch skeptisch.
„Ja Mr. McLean, tut mir leid. Diesmal gibt es nichts, was Du auf Deine Kappe nehmen kannst. Muß ganz schön frustrierend sein.“
Er kicherte und zog an meinen Armen, so dass ich halb über seiner Schulter lag.
„Heeeeeee,“ rief ich und versuchte, meine Füße in den Boden zu stemmen, aber sie verloren langsam aber sicher ihren Halt, als er immer fest zog.
„Ich lege Dich jetzt für diese Bemerkung über’s Knie,“ verkündete er „und das ist ganz sicher etwas, was ich ganz locker auf meine Kappe nehmen kann.“
Lachte er, griff nach hinten, umschloss meine Taille und mit einem galanten Schwung lag ich in seinem Schoß, wobei er es irgendwie schaffte dafür zu sorgen, dass ich mir meine Knöchel nicht am Tisch an schlug.
„Und nun?“ fragte ich gespielt ängstlich und machte große Kulleraugen.
Er legte den Kopf schief und schien nach zu denken, während sein einer Arm unter meinem Kopf ruhte und der andere immer noch meine Taille umschlungen hielt.
„Ich weiß nicht so genau. Eigentlich wollte ich Dich ja verhauen, aber als Mann tut man so etwas nun mal nicht.“
„Eben,“ erwiderte ich hoffnungsvoll und versuchte mich auf zu setzten, doch seine starken Hände hielten mich an Ort und Stelle.
„Andererseits,“ er legte den Kopf auf die andere Seite und kleine, listige Fältchen tauchten um seine Augen auf „Strafe muß bekanntlich sein.“
„Finde ich nicht, ich würde sagen ... ,“ weiter kam ich nicht mehr.
Plötzlich waren seine Hände überall und kitzelten mich genau dort, wo es am schlimmsten war.
Kreischend wand ich mich auf seinen Knien, versuchte ihn irgendwie ab zu wehren, was mir leider nicht gelang, bis ich mir dann schließlich doch noch meinen Kopf an der Tischplatte anschlug.
Mit einem lauten und gequälten „Aua,“ griff ich mir an den Kopf und A.J. hörte sofort auf mich zu kitzeln.
„Oh je, das tut mir leid,“ sagte er, kicherte aber immer noch. „Tut es sehr weh?“
„Hm,“ gab ich zu und rieb mir die pochende Stelle.
„Zeig her,“ sagte er sanft und ich drehte den Kopf etwas.
Ich spürte, wie er sich zu mir hinunter beugte und dann einen kühlen Luftzug, als er mir sanft auf die schmerzende Stelle blies. Zum Abschluß drückte er seine Lippen vorsichtig auf mein Haar und von dem Schmerz spürte ich tatsächlich augenblicklich nichts mehr.
„Besser?“ fragte er leise.
„Viiiiiiel besser,“ gab ich zu und richtete mich dann auf. Diesmal lies er mich gewähren.
Ich stand auf, strich mein Kleid glatt und setzte mich ihm wieder gegenüber. Mein Blick fiel dabei auf die Einladung. Sollte ich ihn jetzt darauf ansprechen? Warum eigentlich nicht? Es würde ihn zusätzlich davon ablenken darüber nach zu grübeln, ob ich tatsächlich nur zur Apotheke gewollt hatte.
Doch als ich zu ihm hinüber sah, wirkte er so glücklich und zufrieden, dass ich ihn nicht unbedingt an die geplatzte Hochzeit erinnern wollte. Das hatte wohl später auch noch Zeit.

Kapitel 13