Kapitel 11

Wir redeten noch eine ganze Weile miteinander. Besser gesagt ... er redete und ich versuchte ihm zu zu hören. Doch meine Gedanken waren meist ganz weit weg.
Ich fragte mich, wie lange ich noch so tun konnte, als ob wir einfach nur Freunde waren. Egal was er tat oder sagte, ich wurde jedes Mal schmerzlich daran erinnert, dass er mich nicht liebte.
Masochismus gehörte eindeutig nicht zu meinen Eigenschaften und es war klar, dass ich mich in naher Zukunft verraten würde.
Und dann? Ich würde es nicht ertragen können, wenn er mich mitleidig ansah und ich würde verrückt werden bei dem Gedanken, dass er mir ab dem Zeitpunkt nicht mehr uneingeschränkt vertraute.
Ich würde ihn verlieren. Die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz und ohne darüber nach zu denken, schnellte ich von meinem Stuhl in die Höhe.
„Ich muß noch mal kurz weg,“ sagte ich zu A.J., während ich schon fast im Wohnzimmer verschwunden war.
Ich hörte A.J. noch erstaunt „Was?“ und „Sam, was ist denn los?“ rufen, dann hatte ich meine Schlüssel geschnappt und verlies fluchtartig das Haus.

Der Fahrtwind kühlte meine erhitzten Wangen und trieb mir langsam aber sicher den dichten Nebel aus meinem Gehirn. Nicht das ich viel von meiner Umgebung wahr genommen hätte, dafür tauchte wieder und wieder A.J.s Gesicht vor mir auf.
Sein liebevolles Lächeln, das leider nicht liebevoll genug war, sein bewundernder Blick, den er mir im Badezimmer zu geworfen hatte, seine Bemerkung über das kleine Mädchen, das ich nicht mehr war ... er gab mir so viel und gleichzeitig überhaupt nichts.
Ohne mein Zutun hielt der Wagen schließlich am Straßenrand und für einen Moment blieb ich wie betäubt sitzen.
Schließlich zwang ich mich, die Wagentür zu öffnen, überquerte die Küstenstraße und stand gleich darauf am Rand der Klippen. Unter mir rauschte das Meer, der Himmel war in eine wundervolle Abendröte getaucht und tief atmete ich die salzige Luft ein.
„O.k. Samantha, etwas Dümmeres ist Dir nicht eingefallen, was?“ sagte ich zu mir selbst. „Da unterhält er sich ganz friedlich mit Dir und Du flüchtest wie von Furien gehetzt. Wenn er nicht schon vorher Zweifel an Deinem Geisteszustand hatte, dann jetzt mit Sicherheit.“
Ich fuhr mir mit den Händen über das Gesicht und merkte zu meinem Erstaunen, dass meine Wangen feucht von Tränen waren. Ich spürte, wie mich die Hoffnungslosigkeit zu überwältigen drohte. Der ganze Schmerz, der sich im Laufe der Jahre aufgestaut hatte, drängte nach draußen.
Nein!! Nicht jetzt, nicht hier und wenn möglich niemals!! Für solche Gefühlsausbrüche war keine Zeit und gab es im Grunde auch keine Veranlassung. Ich hatte von Anfang an gewußt, auf was ich mich einließ. Schluß und Aus.
Mein Gott, wie konnte man nur so ... dämlich sein!
Ich lies mich im Schneidersitz auf dem staubigen Boden nieder und blickte hinaus auf das Wasser. Das gleichmäßige Grollen der Wellen und der Wind, der sanft mein Gesicht streichelte beruhigte so langsam aber sicher meinen Aufruhr.
Es war nun wohl zu spät, sich über mein Verhalten auf zu regen. Viel wichtiger war die Frage, was ich A.J. sagen sollte, wenn ich wieder zurück kam. Es mußte eine wirklich gute Ausrede sein, denn er würde mich sofort durchschauen, wenn auch nur der geringste Zweifel an meiner Geschichte auftauchte.
„Tut mir leid A.J., aber mir ist eingefallen, dass ich noch XY besorgen mußte ... ,“ probte ich meinen Auftritt und schüttelte gleich darauf den Kopf. Nie im Leben würde er mir das ab nehmen.
Ein leichtes Stechen in der Brust erinnerte mich daran, dass ich meine Medikamente heute Abend noch nicht genommen hatte.
Ächzend stand ich auf, schüttelte meine steif gewordenen Glieder und ging langsam zurück zum Auto.
Im Licht des schwindenden Tages öffnete ich das Handschuhfach und kramte dort nach meinen Tabletten. Für einen Notfall wie diesen, hatte ich irgendwann einmal ein Tablettenröhrchen hier deponiert.
Ich schob Taschentücher, Kugelschreiber, Kaugummi und diverse Straßenkarten hin und her, bis mir das Röhrchen entgegen gerollt kam.
Ich öffnete den Deckel und lies zwei kleine, weiße Pillen in meine Hand gleiten. Mit nach hinten gelegtem Kopf schluckte ich sie, der leise Schmerz in meiner Brust verschwand fast augenblicklich und zurück blieb der übliche metallische Geschmack auf meiner Zunge.
Gedankenversunken blickte ich auf das Röhrchen in meiner Hand. War das die Lösung meines Problems?
Wenn ich ihm eröffnete, dass ich krank war, war er vielleicht so weit abgelenkt, dass er nicht näher nach fragte. Ich konnte ihm erklären, ich hätte die Tabletten noch in der Apotheke abholen müssen ... ich schlug so zu sagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Er würde endlich von meiner Herzschwäche erfahren und ich hatte eine plausible Erklärung für mein plötzliches Verschwinden.
Ohne es zu merken hatte ich die Maske der treu sorgenden Freundin wieder aufgesetzt.
Wie lange konnte ich damit wohl noch herum laufen, bevor sie vor seinen Augen zu Staub zerfiel?

Als ich einige Zeit später leise die Haustür aufschloss, war es bereits dunkel. Ich trat in den Flur und nachdem ich die Tür wieder geschlossen hatte, umfing mich eine unangenehme Stille ... eine Stille, wie sie nur ein leeres Haus ausstrahlen konnte.
Ich ging in die Küche, schaltete das Licht an, legte meine Schlüssel auf das Regal neben dem Kühlschrank und schaute mich dann unentschlossen um. Ein kleiner Zettel lag auf dem Küchentisch.

Hallo Sam,

bin noch einmal weg. Gedanken ordnen, nachdenken, ein wenig alleine sein ... nenne es wie Du willst.
Ich hoffe, Du hast eine gute Erklärung dafür, dass Du mich mit einem halben Herzinfarkt hier zurück gelassen hast ... ach was ... ich weiß, dass Du eine gute Erklärung dafür hast. Trotzdem mache ich mir Sorgen.

Wir sehen uns später, ja?

A.J. x

Enttäuscht lies ich mich auf einen der Stühle nieder und drehte unschlüssig das Blatt Papier in den Händen.
Vielleicht war es ganz gut, dass er nicht hier war, vielleicht brauchte ich auch ein wenig Zeit für mich ... aber vielleicht kam er auch nicht wieder.
Ich schüttelte den Kopf. Selbst wenn dem so wäre ... ich konnte es sowieso nicht ändern. Irgendwann würde der Augenblick kommen und wenn ich an meine Reaktion von heute Nachmittag dachte, war es vielleicht sogar besser, wenn er nicht mehr all zu lange blieb.
So viele „vielleichts“ ... dieses Wort gab es normalerweise nicht so häufig in meinem Sprachgebrauch.
Ich stand ächzend auf und öffnete lustlos den Kühlschrank. Ich holte den Rest Salat von gestern heraus, nahm zwei Scheiben Weißbrot aus einer Tüte und ging damit hinaus auf die Veranda.
Die Hochzeitseinladung lag immer noch unberührt in der Mitte des Tisches. Nachdem ich mir die erste Gurkenscheibe in den Mund geschoben hatte, zog ich den Umschlag zu mir heran und riss ihn auf.
Zum Vorschein kamen eine cremefarbene Karte und eine Seite zusammengefaltetes, liniertes Papier.
Zunächst klappte ich die Karte auf, wobei mir einige blutrote, getrocknete Rosenblätter entgegen geflattert kamen. Ich sammelte sie ein und für einen Moment steckte ich mit geschlossenen Augen meine Nase hinein. Tief sog ich den süßen, würzigen Duft ein. Rosenblätter ... eine wundervolle Idee wie ich fand, auf die ich sicherlich niemals gekommen wäre. Ich verstaute sie vorsichtig in dem Umschlag, dann widmete ich mich wieder der Einladung.
Über einem Text in verschlungener Schrift, prangte ein Bild von Sarah und A.J.. Komplett in schwarz/weiß gehalten, mit Weichzeichner verwischt und höchstwahrscheinlich in einem teuren Studio entstanden, strahlte dieses Bild so viel Liebe aus, dass es mir für einen Moment die Kehle zu schnürte.
Er hatte den Kopf auf ihre Schulter gelegt, die Augen geschlossen und sie wirkten dabei so unglaublich vertraut miteinander, keinerlei Unsicherheit war zu spüren. Es schien, als hätte A.J. mit dieser Geste sein ganzes Vertrauen in sie ausgedrückt, während sie mit offenen Augen und einem strahlenden Lächeln den Blick nach vorne wagte.
Vorsichtig strich ich über sein Gesicht. Es tat mir so unglaublich leid, dass er dieses Glück verloren hatte, auch wenn man wohl zugeben mußte, dass er nicht ganz unschuldig daran war.

Wir möchten nicht länger Freund und Freundin sein, sondern machen uns auf in das Abenteuer Ehe.
Bitte sei unser Gast und verbringe mit uns diesen wichtigen Tag.

Ich konnte immer noch nicht ganz glauben, dass Sarah dafür gesorgt hatte, dass diese Karte mich nicht erreichte. Hatte sie wirklich geglaubt, sie würde damit durch kommen? Und wieso überhaupt?
Sie war eine Frau mit einem gesunden Selbstbewußtsein und A.J. liebte sie. Warum sollte ich ihr in irgendeiner Weise gefährlich werden?
Ob A.J. mir darauf eine Antwort würde geben können?
Ich steckte die Karte zurück in den Umschlag und faltete das Blatt Papier auseinander.

Liebe Sam,

kannst Du es glauben? Ich noch nicht so wirklich. Ich werde also tatsächlich heiraten und noch dazu eine Frau, die ich mehr liebe als mein Leben.
Gib es zu, damit hast Du nicht gerechnet, oder?
Vielleicht wäre es Dir ja möglich, ein paar Tage früher einmal vorbei zu schauen. Ich glaube, ich könnte eine helfende Hand und einen Menschen, der nur für mich da ist, gebrauchen.
Also, ruf mich an, ja?

Bis bald.

A.J.

Jemand der nur für mich da ist? Was sollte denn das heißen? Es klang, als hätte er Angst, es klang, als wäre er sich nicht sicher und es klang, als redete er sich selbst ein, dass sie die Frau für ihn sei.
Oder redete ich mir da etwas ein? Wollte ich es nicht genau so sehen?
Vielleicht hatte er wirklich nur nach jemandem gesucht, der ihm die Hand hielt und seine flatternden Nerven beruhigte. Immerhin mußte Sarah sich um viele Dinge kümmern.
Ich faltete das Blatt Papier zusammen und steckte auch dieses zurück in den Umschlag. Dann lehnte ich mich zurück und wartete, dass A.J. nach Hause kam. Es gab wohl noch ein paar mehr Dinge zu klären.

Kapitel 12