Kapitel 10

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich einsam. Es schien mir, als hätte A.J. meine gesamte Energie mit sich genommen.
Ziellos strich ich durch das Haus, räumte eher halbherzig seine Unordnung auf, suchte ein paar Klamotten zusammen, die ich in die Waschmaschine steckte und fand mich schließlich erneut im Wohnzimmer wieder.
Mein Blick fiel auf die Couch, auf der er heute morgen so friedlich geschlafen hatte. In Gedanken ging ich meine Möglichkeiten durch.
Klar war, dass ich das Haus nicht verlassen würde, so lange er weg war. Ich hatte ihm versprochen hier zu sein, wenn er zurück kam und daran würde ich mich halten.
Blieb also ein vertrödelter Tag auf der Veranda, oder ich nahm mir den Garten vor, wozu ich aber bei der hohen Außentemperatur keine wirkliche Lust verspürte, oder ....
Nun gut, putzen war nicht wirklich die angenehmste Alternative, aber noch länger untätig hier herum zu stehen, machte mich langsam aber sicher wahnsinnig.
Ich begann im oberen Stockwerk, zog den Staubsauger aus der Besenkammer im Flur und blieb dann einen Moment unschlüssig vor A.J.s Zimmertür stehen.
Es konnte durchaus als „herum schnüffeln“ ausgelegt werden, wenn ich dort hinein ging. Andererseits mußte auch dort dringend mal gesaugt werden.
Ich holte noch einmal tief Luft und trat ein. Das pure Chaos erwartete mich. Auf jedem freien Fleckchen schienen Kleidungsstücke zu liegen, dazwischen fanden sich Unmengen von CDs, ein Discman lag zwischen einigen Handtüchern auf dem Bett, auf dem Nachttisch lag ein aufgeschlagenes Buch, das auch schon bessere Tage erlebt hatte und auch hier lagen unzählige Papierfetzen herum.
Eher fasziniert blieb ich in der Tür stehen. Wie schaffte es eine einzelne Person in so kurzer Zeit solch eine Unordnung zu hinterlassen? Vorsichtig machte ich zwei Schritte in das Zimmer hinein.
In der hinteren Ecke neben dem Fenster stand ein alter Schreibtisch, den ich aus meinem Arbeitszimmer geräumt hatte, nachdem ich einen größeren gebraucht hatte, um meinen Computer dort unter zu bringen.
Komischer Weise war dies der einzige Ort in A.J.s Zimmer, der einigermaßen aufgeräumt wirkte.
Ich näherte mich vorsichtig dem Schreibtisch und war gleichzeitig von Neugier und einem unglaublich schlechten Gewissen erfüllt. Spätestens hier begann seine Privatsphäre und die hatte ich um Gottes Willen zu respektieren.
Ich hatte mich schon halb umgedreht um das Zimmer wieder zu verlassen, als mir ein kleines, braunes Tablettenröhrchen ins Auge sprang.
Von einer Sekunde auf die andere hatte ich meine Bedenken vergessen und war mit zwei schnellen Schritten an den Schreibtisch heran getreten.
Der Name des Medikaments war ewig lang. Ich konnte ihn kaum entziffern, geschweige denn aussprechen, doch ein kleiner Hinweis darunter verriet mir, dass es sich hier um ein Präparat gegen Depressionen handelte.
Unschlüssig drehte ich das kleine Röhrchen in meinen Händen hin und her. Scheinbar hatten wir beide so unsere kleinen Geheimnisse. Ich dachte an ein ähnliches Röhrchen, das in den Tiefen meines Küchenschrankes stand, gut versteckt, so dass er es nicht irgendwann aus versehen in die Finger bekam. Vielleicht war es so langsam an der Zeit, ihm davon zu erzählen.
Ich legte die Tabletten zurück auf den Schreibtisch, nahm den Staubsauger und verlies sein Zimmer. Wenn er es sauber haben wollte, mußte er wohl selbst Hand anlegen.

Wie immer wenn mich der Putzwahn packte, brauchte ich Stunden. Was als harmloses „ich mache mal eben sauber“ anfing, weitete sich dann zu einem „ach, die Schränke hätten es auch mal wieder nötig“ aus.
Am späten Nachmittag räumte ich endlich die letzten Putzmittel in die Besenkammer und fühlte mich unglaublich erschöpft aber glücklich. Es gab kaum etwas schöneres als zu wissen, dass alles blitzblank war und der Geruch von Sauberkeit in jedem Raum hing.
Leise summend begab ich mich ins Badezimmer, zog meine verschwitzten Kleider aus und stellte mich unter die Dusche. Während ich mit Hingabe meine Haare wusch, überlegte ich, wie wir den Abend verbringen sollten. Natürlich kam es darauf an, wie es A.J. ging, aber vielleicht würde ihn ein Abend in der Stadt etwas aufheitern.
Ich kannte ein nettes, kleines Lokal, das direkt am Strand lag. Von der Terrasse aus hatte man einen unglaublichen Ausblick auf den Strand und das Essen war köstlich.
Immer noch summend stellte ich schließlich das Wasser ab, öffnete die Duschkabine und erstarrte mitten in der Bewegung.
„Hi,“ begrüßte mich A.J. und machte sich dabei nicht die Mühe, seinen anerkennenden Blick über meinen nackten Köper zu verbergen.
Jetzt nur nichts anmerken lassen. Alles ganz normal.
Es kostete mich eine ungeheure Anstrengend möglichst ruhig zu bleiben, in scheinbarer Gelassenheit das Handtuch vom Handtuchhalter zu ziehen und es mir um den Körper zu schlingen.
„Was machst Du hier?“ fragte ich schließlich.
Er hob amüsiert eine Augenbraue „tut mir leid. Ich dachte, ich wohne hier vorübergehend.“
„Ich meine, was Du hier im Bad machst?“ gab ich scharf zurück und sein Lächeln erstarb.
„Ich ... ähm ... wollte mir eigentlich ... nur die Hände waschen,“ stotterte er und befriedigt stellte ich fest, dass er vor Unbehagen von einem Bein auf das andere zu trippeln begann.
„Hätte das nicht auch Zeit gehabt, bis ich hier fertig bin?“ gab ich zurück und wickelte mir dabei ein Handtuch um meine tropfenden Haare.
„Ich wußte nicht, dass Du hier bist,“ verteidigte er sich „außerdem weiß ich sowieso wie Du nackt aussiehst.“
„A.J. ... wir waren vier Jahre alt. Das zählt nicht!“ gab ich empört zurück.
Er kicherte leise „zumindest hat sich seit dem Einiges verändert.“
„Machst du jetzt gefälligst, das Du hier raus kommst?“ rief ich und warf mit einem Schwamm nach ihm, der allerdings nur mit einem leisen Platsch gegen die Tür schlug, da A.J. in weiser Voraussicht den Rückzug angetreten hatte.
Und da machte ich mir Gedanken, ob ich sein Zimmer betreten sollte?

In meinem Schlafzimmer wählte ich ein kurzes Sommerkleid, bürstete mir die Haare und ging dann barfuss zu A.J. hinunter, der auf der Veranda saß und genüsslich eine Zigarette rauchte.
Erst jetzt fiel mir auf, dass er sich seit heute morgen umgezogen hatte. Sein weißes Shirt, dessen Ärmel wohl irgendwann mal abgeschnitten worden waren, betonten seine muskulösen Oberarme mit den vielen Tattoos und mal wieder begann mein Magen zu kribbeln.
Als ich zu ihm hinaus trat, hob er den Blick und musterte mich.
„Was ist?“ fragte ich irritiert und setzte mich ihm gegenüber.
„Ich weiß nicht ... irgendwie ... scheine ich erst jetzt begriffen zu haben, dass Du nicht mehr das kleine Mädchen von früher bist.“
„Und dazu mußtest Du mich erst nackt sehen?“ gab ich zurück, war aber im Grunde schon wieder versöhnt. Irgendwann würde es mir noch einmal das Genick brechen, dass ich nicht lange auf ihn böse sein konnte.
„Scheint so.“ Er zuckte mit den Schultern.
„Wie ist es mit Sarah gelaufen?“ fragte ich um das Thema zu wechseln.
„Ganz gut eigentlich. Ich habe Deine Einladung.“ Er zog umständlich einen verknitterten Umschlag aus der Gesäßtasche seiner Jeans und schob ihn zu mir über den Tisch.
Sein gleichmütiges Gesicht konnte mich nicht täuschen. Irgendetwas war vor gefallen und es schien ihn schwer getroffen zu haben.
Ich lies die Einladung dort wo sie war und sah ihn unverwandt an.
„Also noch einmal: Wie ist es mit Sarah gelaufen?“
Er seufzte und senkte den Blick.
„Es war furchtbar,“ sagte er leise.
„Was ist passiert?“ fragte ich sanft und lehnte mich in meinem Stuhl ein wenig nach vorne.
„Sie ... ihr scheint es nichts aus zu machen ... sie hat ganz ruhig alle Details geklärt, mir einen Berg von Karten vorgelegt, die ich unterschreiben mußte ... lauter solche Dinge eben. Kein Wort der Versöhnung, kein Hinweis, dass sie mir vielleicht irgendwann verzeihen kann ... furchtbar eben.“
Sein Blick schweifte hinaus in den Garten. Um seine Mundwinkel zuckte es verräterisch.
Ich stand auf, ging um den Tisch herum und setzte mich neben ihn.
„Hey,“ sagte ich leise und strich ihm über den Arm „es tut mir wirklich leid.“
„Mir auch,“ gab er noch leiser zurück. Er wandte mir sein Gesicht zu und unter seinen Augenlidern glitzerten bereits die ersten Tränen.
„Komm her,“ sagte ich und zog ihn vorsichtig in meine Arme.
Er versuchte die Tränen zurück zu halten, atmete hörbar ein und aus, schluckte zwischendurch schwer und schlang dann seine Arme fest um mich.
„Was soll ich denn nur ohne sie machen?“ fragte er gepresst.
„Dein Leben weiter leben,“ gab ich zurück und streichelte ihm sanft über den Rücken.
„Das hat doch alles keinen Sinn.“ Jetzt schluchzte er tatsächlich.
„Sag doch so etwas nicht. A.J., Du bist auch ohne sie etwas wert. Du hast so viele Menschen, die Dich lieben, die für Dich da sind. Im Moment tut es weh, klar, aber so hart das klingt, das Leben geht weiter.“
„Ich will aber nicht, das es einfach weiter geht,“ sagte er bockig wie ein kleines Kind und ich mußte gegen meinen Willen lächeln.
„Dagegen wirst Du leider nichts tun können.“
„Ich hasse es,“ sagte er gedämpft an meiner Schulter, aber er klang schon nicht mehr ganz so verzweifelt.
„Glaub mir, mir geht es manchmal ganz genau so.“
Für einen Weile saßen wir einfach so da, dann löste er sich von mir, wischte sich mit beiden Händen die Tränen aus dem Gesicht und sah mich an.
„Danke.“
„Wofür?“
„Das Du für mich da bist.“
„Das ist doch ... ,“
„... selbstverständlich, ich weiß,“ unterbrach er mich „aber das ist es eben nicht Sam. Verstehst Du das denn nicht? Selbstlose Menschen findet man heut zu Tage nicht an jeder Straßenecke und schon gar nicht, wenn Du einen großen Namen und noch mehr Geld hast. Alle wollen nur Dein Bestes,“ er unterstrich das letzte Wort mit in der Luft angedeuteten Anführungszeichen „das kotzt mich so etwas von an. Du kannst niemandem vertrauen. Nicht einmal dem Menschen, den Du im Begriff warst zu heiraten.“
Ich sah ihn voller Unverständnis an.
„Sie hat endlich ihren heiß ersehnten Plattenvertrag,“ sagte er und ein Anflug von Wut war in seinen Augen zu lesen „die ganze Sache muß ihr unglaublich gut ins Konzept gepasst haben.“
„Tut mir leid, da komme ich jetzt nicht mehr ganz mit,“ gab ich zu.
„Es ist ganz einfach,“ sagte er und fischte eine weitere Zigarette aus dem Päckchen auf dem Tisch „es ging ihr im Grunde nicht um mich. Sie wollte Kariere machen und das um jeden Preis. Dann heiraten wir eben einen Popstar,“ sagte er sarkastisch „wenn das zu dem gewünschten Ergebnis führt nimmt sie sogar das in Kauf. Aber,“ er hob einen Zeigefinger „wir haben es ja auch so geschafft. Nun brauchen wir den langweiligen, nutzlosen Alkoholiker nicht mehr.“
„A.J. hör auf,“ versuchte ich seine Hasstirade auf sich selbst zu unterbrechen, doch er war jetzt so richtig in Fahrt und hörte mir gar nicht richtig zu.
„Wie gut, dass er fremd gegangen ist. Einen besseren Grund den Alki los zu werden gibt es ja gar nicht. Und wenn, dann machen wir das aber auch ganz schnell und sauber. Sachen gepackt, Hochzeitsgäste ausgeladen und ab in den nächsten Flieger für die Plattenaufnahmen.“
„A.J. ich glaube nicht ... ,“ doch er schüttelte energisch den Kopf.
„Sam, es tut mir leid, Dir das sagen zu müssen, aber manchmal fehlt Dir ein wenig der Blick für die Realität. Nicht alle Menschen sind so nett und selbstlos wie Du. Da draußen ... das ist ein Dschungel. Jeder will etwas von Dir und im Laufe der Zeit weißt Du nicht mehr, wer Deine wahren Freunde sind. Du vertraust Menschen und sie legen Dich aufs Kreuz. Wieder und wieder, jeden Tag.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Sicher, dass es „da draußen“, wie er es nannte, genug skrupellose Menschen gab, das wußte ich auch, aber Sarah? Das konnte ich mir einfach nicht vorstellen. So kaltherzig konnte man doch gar nicht sein.
„Und Sarah bildet da keine Ausnahme,“ fuhr er fort, als hätte er meine Gedanken erraten „sie hat immer auf ihre große Chance gewartet. Die Musik war ihr so unglaublich wichtig und das war etwas, das wir gemeinsam hatten. Die Liebe zur Musik, etwas Eigenes zu schaffen. Doch wie mir scheint, war ich ihr dabei im Weg ... oder behilflich, wie man es sehen will.“
„Hat sie Dich gebeten, Deine Kontakte spielen zu lassen?“ fragte ich.
„Nein,“ er schüttelte den Kopf „das hat sie immer abgelehnt. Aber das brauchte ich auch gar nicht,“ fügte er schnell hinzu als er sah, dass ich etwas drauf erwidern wollte. „Sie hat auch so durch mich die Leute kennen gelernt, die sie kennen lernen wollte. Wie man jetzt sieht sogar mit durchschlagendem Erfolg.“
„Und Du glaubst tatsächlich, dass sie nur deshalb mit Dir zusammen war? Wie lange war das jetzt ... zwei Jahre?“
„Sogar etwas länger ... Es fällt mir einfach schwer zu glauben, dass sie keine Hintergedanken hatte. Es passt einfach zu gut.“
„Ich kann das trotzdem nicht glauben. Mag sein, dass sie Hintergedanken hatte, aber sie muß Dich auch geliebt haben. Ihr habt so viel zusammen durch gestanden, sie war für Dich da ... das macht man doch alles nicht einfach so.“
Er schüttelte den Kopf und wandte seinen Blick ab.
„Ich weiß es nicht ... ich weiß gar nichts mehr.“
„Ist es im Grunde nicht auch egal?“ fragte ich vorsichtig. „Es ist vorbei, Du solltest den Blick nach vorne richten.“
„Nach vorne ... ,“ er schnaubte verächtlich „was liegt denn vor mir? Nichts ... überhaupt gar nichts.“
„Du hast immer noch Deine Musik, Dein überragendes Talent und ... wenn das noch nicht genügen sollte ... mich.“
Er sah mich an und ein trauriges Lächeln spielte um seine Lippen „ja, ich habe Dich, dafür bin ich auch unendlich dankbar ... ,“ er holte Luft um noch etwas zu sagen, lies es dann aber bleiben.
Innerlich gefror ich. Ich war mir sicher er hatte so etwas wie „ich will aber eine Frau, die ich lieben kann,“ hinzu fügen wollen. Ich schluckte schwer und benötigte meine gesamte Energie um nach außen hin eine gleichgültige Maske zur Schau zu stellen.
„Lass uns einfach das Thema wechseln, o.k.?“ sagte er schließlich.
Ich nickte. Was hätte ich auch sonst tun sollen?

Kapitel 11