Kapitel 9
Der nächste Tag war ein Samstag. Normalerweise begann ich das Wochenende, in dem ich nicht vor elf aufstand, mir auf dem Weg zu meinem Lieblingscafe die Zeitung kaufte, um dann bei deren Lektüre einen großen Milchkaffee und ein Schokocroissant zu vertilgen.
Heute erwachte ich allerdings um kurz vor sieben und mir war sofort klar, dass ich nicht wieder einschlafen würde. Der Gedanke, dass A.J. ganz in meiner Nähe war, machte mich unruhig und erfüllte mich mit einer eigenartigen Vorfreude. Wir hatten einen ganzen Tag, den wir gemeinsam verbringen würden. Ich konnte mich kaum daran erinnern, wann wir das letzte Mal so viel Zeit miteinander verbracht hatten.
Also stand ich beschwingt auf, tapste ins Bad und nach einer ausgiebigen Dusche fühlte ich mich frisch gerüstet für den Tag.
Als ich in das Wohnzimmer hinunter kam, fand ich das gleiche Chaos vor wie am Tag zuvor, allerdings mit dem Unterschied, dass A.J. auf der Couch lag und leise schnarchte. Einen Arm hatte er hinter den Kopf gelegt, der andere ruhte auf seinem Bauch, in der Hand hielt er immer noch einen Bleistift und alles in allem wirkte er, als sei er früh morgens mitten im Songs schreiben vor Erschöpft eingeschlafen.
Für einen endlos scheinenden Augenblick blieb ich einfach mitten im Raum stehen und betrachtete ihn. Ungewollte begannen tausende kleiner Schmetterlinge in meinem Bauch zu tanzen. Noch nie hatte der Anblick eines anderen Mannes solche Gefühle in mir hervor gerufen.
Ich wußte, dass ich mich eigentlich stärker dagegen wehren sollen. Was brachte es mir, wenn ich mein Leben lang diese Gefühle für ihn in mir hatte und sie doch nicht ausleben konnte? Doch wie es mir schien, benötigte ich hierfür einen gewichtigen Anlass und im Moment konnte ich mir nicht vorstellen, dass solch ein Augenblick irgendwann kommen würde.
Also blieb ich weiter wie angewurzelt stehen und gab mich der Liebe für diesen Mann hin. Mit den Augen sog ich jedes Detail in mich auf und schließlich konnte ich dem Impuls nicht widerstehen, näher an ihn heran zu treten.
Ich kniete mich leise neben die Couch und lies meinen Blick über sein Gesicht schweifen. Er wirkte so unglaublich friedlich wie er dort lag, die Lippen leicht geöffnet, die Gesichtszüge völlig entspannt, während seine unglaublich langen und dichten Wimpern Schatten auf seine Wangen mahlten.
Vorsichtig streckte ich die Hand aus. Ich wollte ihn berühren, nur kurz über seine Wange streichen und mich höchstwahrscheinlich die nächsten Tage dafür entsetzlich schämen.
Kurz bevor ich ihn allerdings tatsächlich berühren konnte, zog ich die Hand zurück. Wenn er jetzt aufwachte war ich geliefert. Wie sollte ich ihm denn erklären, dass ich mich wie eine Psychopatin an ihn herangeschlichen hatte?
Für einen Moment verweilte mein Blick noch auf seinem Gesicht, dann stand ich leise auf und begab mich in die Küche.
Erstaunt stellte ich fest, dass meine Hände zitterten, als ich Wasser in die Kaffeemaschine schüttete und gratulierte mir im Nachhinein dazu, der Versuchung widerstanden zu haben.
Ich saß mit einem Roman von Stephen King auf der Veranda, als ich ein lautes Gähnen aus dem Wohnzimmer vernahm und kurz darauf A.J. nach draußen geschlichen kam.
Du bist schon wach? brummelte er und lies sich mir gegenüber auf einen Stuhl fallen.
Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, lächelte ich.
Guten Morgen.
Er fuhr sich mit allen zehn Fingern durch sein verstrubeltes Haar, reckte sich dann und gähnte erneut.
Ist noch Kaffe da?
Sicher.
Er erhob sich, schlurfte in die Küche und kam gleich darauf mit einer Tasse in der Hand zurück.
Hast Du letzte Nacht noch lange gearbeitet? fragte ich ihn und legte mein Buch zur Seite.
Ich weiß nicht so genau, gab er zu irgendwann muß ich wohl einfach eingeschlafen sein. Genauer betrachtet ist es überhaupt ein Wunder, dass ich schlafen konnte.
Wieso?
Meistens bin ich zu unruhig um überhaupt die Augen schließen zu können, sagte er und nippte an seinem Kaffee.
Immer oder nur wenn Du ... ähm ... ,
... auf Entzug bist. Vollendete er den Satz und nickte leicht.
Wie lange wird das noch so gehen? fragte ich.
Keine Ahnung. Das letzte Mal dauerte es fast eine Woche bis ich zumindest körperlich soweit clean war. Aber diesmal ... , er zuckte mit den Schultern. Ich habe nicht so lange getrunken wie damals, also hoffe ich, dass es etwas schneller vergehen wird.
Er streckte seine Hände aus, die unkontrolliert zitterten sieh Dir das an. Ich bin echt ein Wrack. Er schüttelte den Kopf und wandte sich dann wieder seiner Kaffeetasse zu, die er mit beiden Händen festhielt, damit ihm das heiße Getränk nicht über den Rand schwappte.
Na ja, drei Tage hast Du schon hinter Dir, das Meiste ist also geschafft.
Er lächelte Du bist ekelhaft optimistisch.
Einer von uns beiden sollte das doch sein, findest Du nicht? gab ich grinsend zurück.
Was machen wir heute? entgegnete er ohne auf meine Frage ein zu gehen.
Keine Ahnung. Auf was hast Du denn Lust?
Lust? Also, wenn es nach mir ginge, währen wir schon auf den Weg in meine Stammkneipe und ich hätte meinen ersten Jackie-Cola intus. Aber das scheidet wohl aus.
Ja, das ist von der Eventliste gestrichen.
Nun ... was möchtest Du denn machen?
Ich überlegte einen Moment. Wie wäre es mit einem entspannten Tag am Strand? Ein bißchen Schwimmen, wir schlagen uns die Mägen mit diesen ekelhaft ungesunden Hotdogs voll und reden ein bißchen.
Warum nicht? er zuckte mit den Schulter und schien nicht wirklich begeistert. Andererseits war ich versucht zu glauben, dass ihn sowieso nichts reizen konnte. Wie er schon gesagt hatte, seine Idealvorstellung wurde vom Alkohol bestimmt und da war leider nichts zu machen.
Also gut, dann packe ich mal ein paar Sachen zusammen.
Ich hatte mich halb aus meinem Stuhl erhoben, als aus dem Wohnzimmer ein leises Piepsen erklang.
Mein Handy, erklärte A.J., sprang auf und lief ins Haus hinein.
Als ich ihm folgte, stand er bereits mit seinem Telefon am Ohr mitten im Raum. Seine Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt und die Stirn hatte er in angestrengte Falten gelegt.
Als er mich ansah, formten seine Lippen ein einziges Wort: Sarah und das Herz rutschte mir in die Hose. Ich weiß nicht, warum ich ihm geglaubt hatte, dass sie sich nicht mehr melden würde. Vielleicht, weil ich es einfach gerne glauben wollte. Innerlich strich ich bereits unseren Tag am Strand, begab mich aber trotzdem in die Küche, um ein paar Getränke und eine Decke zusammen zu suchen.
Mit halben Ohr hörte ich seiner Unterhaltung zu.
Denkst Du, dass ist wirklich nötig? .... Ja, das verstehe ich aber .... Nein, nein .... ja ... wenn Du meinst ... ich weiß es nicht Sarah, wirklich ... es tut mir leid, glaub es mir einfach .... o.k. ... ja, in Ordnung ... ja, in einer Stunde, das schaffe ich ... bye.
Für einen Moment schloss ich enttäuscht die Augen und nahm mich dann zusammen. Seine Beziehung zu Sarah war einfach wichtiger als so ein doofer Strandausflug. Es gab einige Dinge zu klären und vielleicht bestand ja tatsächlich die Aussicht, dass sie sich wieder zusammenrauften. Ich dachte den Gedanken nicht wirklich zu Ende, da die Tränen der Enttäuschung bereits irgendwo im Hintergrund lauerten.
Sie will mich sehen, hörte ich ihn hinter mir und ich drehte mich mit einem Lächeln zu ihm herum.
Kein Problem. Fahr hin und klär das. Wer weiß? Vielleicht schläfst Du heute Abend schon in Deinem eigenen Bett.
Er schüttelte den Kopf nein. Sie möchte, dass ich ihr bei den Ausladungen zur Hochzeit helfe. Das ist alles.
Ausladungen? Ich wußte noch nicht einmal, das Einladungen verschickt worden waren. Für einen Moment wurde mir schwindlig und ich setzte mich schnell auf einen Stuhl. Konnte es ein, dass er mich nicht zur Hochzeit eingeladen hatte? Ich schluckte schwer. Ich war also so unwichtig, dass er mich noch nicht einmal an seinem großen Tag dabei haben wollte.
Was ist los? fragte er irritiert.
Nichts. Alles bestens, erwiderte ich und versuchte ein möglichst harmloses Gesicht zu machen.
Erzähl mir doch nichts. Du siehst aus, als würdest Du gleich von Deinem Stuhl kippen.
Es ist ... nicht so ... wichtig.
Ich konnte mich doch unmöglich darüber beschweren, dass ich nicht eingeladen gewesen war. Am Ende würde er mir noch ins Gesicht sagen, dass er das nicht für nötig befunden hatte und darauf konnte ich gut verzichten.
Er zog sich mit einem leisen seufzen einen Stuhl unter dem Tisch hervor und setzte sich neben mich.
Was. Ist. Los. Sagte er mit Nachdruck. Eine steile Falte hatte sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet und man merkte ihm an, dass er kurz davor stand, die Geduld zu verlieren.
Ich habe nur darüber nachgedacht, sagte ich kaum hörbar warum ich nicht eingeladen war.
Ich betrachtete dabei höchst interessiert meine Hände, die verkrampft in meinem Schoß lagen und hätte mich innerlich ohrfeigen können, dass ich hier wie ein Häufchen Elend saß. Mein Gott ... ich war eben nicht eingeladen. Na und? Ich war eben nur für die dunklen Momente zuständig.
Was soll das heißen nicht eingeladen? fragte er irritiert. Ich habe Dir eine Karte geschickt und sogar noch einen Brief dazu gelegt.
Was? Nun war ich diejenige, die ihn irritiert ansah. Ich habe nichts dergleichen bekommen.
Sag, dass das nicht wahr ist, bat er und seine Augen wurden so groß wie Untertassen.
Ich habe wirklich nichts bekommen, verteidigte ich mich und er wischte meinen Einwand mit einer Handbewegung beiseite.
Das meine ich ja gar nicht. Du hast wirklich angenommen, ich hätte Dich zu meiner HOCHZEIT nicht eingeladen?
Ähm ... ja? ...
Er schüttelte den Kopf Samantha, Samantha. Du traust mir ja wirklich viel zu.
Ich ... also ... es hätte ja durchaus sein können ... es ... , stotterte ich und spürte, wie meine Wangen zu brennen begannen.
Also wirklich, erneut schüttelte er den Kopf, rutschte dann ein Stück auf seinem Stuhl nach vorne und zog mich an sich.
Du glaubst also wirklich, ich würde meine beste Freundin zu dem wichtigsten Ereignis in meinem Leben nicht einladen? Wie kommst Du nur darauf? Mein Gott, die Hälfte der Gästeliste war so etwas von unnötig, aber Du? Wie stellst Du Dir das denn vor? Ich heiraten ohne Dich. Das geht doch gar nicht.
Ich konnte nur leise Seufzen, da mein Kopf wie leer gefegt war. Ich fragte mich wirklich, wie ich überhaupt auf diese Idee gekommen war. Traute ich ihm das tatsächlich zu? Die Antwort mußte wohl eindeutig ja lauten, auch wenn ich es mir vorher nicht eingestanden hätte. Scheinbar war mein Platz in seinem Leben doch größer, als ich bisher angenommen hatte.
Komm bitte nie wieder auf so komische Gedanken, ja? flüsterte er und drückte mich etwas fester.
Tut mir leid, murmelte ich und ich hörte ihn leise lachen.
Das sollte es auch.
Eine Weile saßen wir noch eng umschlungen auf unseren Stühlen, bis er mich dann vorsichtig los lies und mir fest in die Augen sah.
Ich habe da so eine Verdacht und das werde ich nachher klären. Bis dahin ... ,
Was für einen Verdacht? unterbrach ich ihn und strich mir einen Haarsträhne aus dem Gesicht.
Sarah hat sich damals erfolgreich gewehrt, als ich Dich als meine Trauzeugin vorgeschlagen habe.
Du wolltest mich als Deine .... Trauzeugin? wieder konnte ich ihn nur zu tiefst erstaunt anschauen.
Yep. Hey ... Du bist mir eben unglaublich wichtig. Wen hätte ich denn sonst nehmen sollen? Na ja, genau genommen ... im Endeffekt habe ich mich von Sarah überreden lassen und habe Tim gefragt. Das ist auch ein alter Freund von mir. Sie meinte, dass es an meiner Seite an diesem Tag keine andere Frau geben sollte und irgendwie konnte ich das sogar verstehen ... damals, fügte er nachdenklich hinzu und sah mich wieder an. Bei meiner nächsten Hochzeit passiert mir das jedenfalls nicht mehr.
Sein Lächeln wirkte dabei eher traurig als fröhlich und ich strich ihm sanft über den Arm.
Es ist nicht wichtig, ob ich Deine Trauzeugin bin oder nicht. Wichtig ist, dass Du die richtige Frau heiratest. Also ... ich fühle mich wirklich sehr geehrt.
Er beugte sich vor und küsste mich auf die Wange komm bitte niemals wieder auf die Idee, Du wärst mir nicht wichtig, o.k.?
In Ordnung.
Versprochen?
Versprochen!
Gut, inzwischen war sein Lächeln breiter geworden und er wirkte zufrieden leider muß ich unseren Strandtag absagen, aber ich verspreche, wir holen das nach.
Jetzt mach Dir mal keine Gedanken. Regel das mit Sarah und dann sehen wir weiter. Ich komme sehr gut alleine klar wie Du weißt.
Er nickte ja, das weiß ich. Sein Gesichtsausdruck war dabei nicht zu deuten und ich entschied mich, ihn jetzt endgültig weg zu schicken.
Sarah wartete sicherlich und ich wollte nicht der Anlass für weitere Diskussionen sein.
Dann mach Dich jetzt mal auf den Weg. Und sei nett zu ihr, ja?
Während er aufstand schüttelte er den Kopf ehrlich gesagt ist mir ziemlich mulmig bei dem Gedanken sie wieder zu sehen. Es kommt mir vor wie eine Ewigkeit, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe und dabei ist das jetzt gerade mal ne Woche her.
Was ... hast Du denn gemacht, bevor Du hier aufgetaucht bist? fragte ich und rechnete im Kopf schnell nach, dass er vier Tage gebraucht hatte, um sich bei mir zu melden.
Ich weiß es nicht so genau, er verzog dabei das Gesicht, als erwartete er, dass ich ihm für diese Entgegnung ins Gesicht schlagen würde.
Na ja, darüber können wir ja später noch reden, sagte ich leichthin und umarmte ihn noch einmal.
Ich wünsche Dir viel Glück.
Danke, das kann ich wohl gebrauchen.
Lass Dich nicht zu sehr von ihr runter ziehen, ja? Wenn sie nicht einsieht was für ein wundervoller Mensch Du bist und das jeder mal einen Fehler machen darf, dann hat sie Dich überhaupt nicht verdient.
Ich werde es ihr ausrichten, schmunzelte er, lies mich dann los und fischte seine Autoschlüssel aus der Hosentasche.
Er ging zur Haustür und drehte sich dort noch einmal zu mir herum.
Wirst Du hier sein, wenn ich wieder komme?
Es wirkte eher wie eine Bitte als eine Frage und ich nickte.
Ich bin da.
Gut. Er schien erleichtert, winkte mir noch einmal kurz zu und verschwand dann durch die Haustür.
Kapitel 10