Kapitel 8
Ich hatte den Ort, zu dem wir jetzt fuhren, an dem Tag entdeckt, als ich A.J. in L.A. begegnet war. Nachdem er mich zu Hause abgesetzt hatte, erschien mir meine Wohnung so leer, dass ich es nicht aushielt, mich darin länger als nötig auf zu halten.
Ich fuhr eine Weile ziellos durch die Stadt, erreichte irgendwann die Küstenstraße und landete schließlich auf einem verlassenen Parkplatz. Ich war eigentlich nur ausgestiegen um mich ein wenig zu strecken und mir die Beine zu vertreten, als ich den kleinen Pfad entdeckte, der zum Strand hinunter führte.
Seit dem kam ich hier her, wenn ich nachdenken wollte und mir mein zu Hause dafür nicht mehr die Geborgenheit vermittelte, die ich so dringend in meinem Leben benötigte.
Auch heute war der Parkplatz leer. Die Sterne leuchteten bereits klar über uns, ein fast voller Mond spiegelte sich auf dem Wasser und nur ganz flache Wellen rauschten behäbig dem Strand entgegen.
A.J. und ich stiegen aus und ich wandte mich direkt dem kleinen Pfad zu.
Wo führst Du mich nur hin? fragte A.J., der hinter mir dem Strand entgegen schlitterte.
Warte es ab. Es ist einer der schönsten Orte auf der ganzen Welt.
Wow ... Du versprichst wirklich viel. Dir ist schon klar, dass ich schon so einige Orte auf dieser Welt gesehen habe, oder?
Oh, oh. Mr. McLean lässt wieder den Popstar heraus hängen, grinste ich.
DAS habe ich gehört ... Aua.
Ich schaute mich um und erblickte A.J., der sich mit einer Hand an einem Grasbüschel fest hielt und versuchte mit der anderen sein Gleichgewicht wieder zu finden.
Wenn ich mir hier das Genick breche, bist Du ganz alleine schuld, nörgelte er und lies dann vorsichtig das Grasbüschel los.
Wir sind gleich da, versprach ich und machte mich weiter an den Abstieg.
Schließlich ertastete mein Fuß festen Felsen. Ich machte einige Schritte vorwärts, damit A.J. genug Platz hatte und breitete dann die Arme aus.
Darf ich bekannt machen, Samathas Rock.
Er kicherte leise und folgte mir dann über den glatten Fels. Wenn man diesen Ort vom Strand aus betrachtete, dann sah es aus, als hätte ein Riese einen monströsen Kieselstein fallen lassen. Der Felsen war komplett glatt geschliffen und erstreckte sich vom Rande des Abhangs bis hin zum Wasser.
Bei stürmischem Wetter schlugen die Wellen mit lautem Grollen an den Felsen und die Gischt spritze hoch in den Himmel hinauf. Dann war es ratsam, nicht zu nahe an die Kante heran zu gehen, da der Fels so glatt war, dass man leicht abrutschen und hinunter stürzen konnte.
Doch heute war alles ruhig. Als ich mich an der Spitze setzte und meine Beine über den Abgrund baumeln lies, fühlte sich der Stein unter meiner Hand noch warm an und wie immer vermittelte mir dieser Ort ein unglaubliches Gefühl der Ruhe.
A.J. setzte sich neben mich und eine Weile saßen wir einfach nur schweigend beieinander.
Wenn man dem Strand mit den Augen folgte, so machte er nach einigen Kilometern eine sanfte Biegung und dahinter blinkten die Lichter von L.A.. Das Rauschen des Meeres in Verbindung mit diesem Ausblick entschädigte für den anstrengenden Rückweg. Doch das mußte ich A.J. ja vorerst nicht sagen.
O.k., Du hattest recht, sagte er schließlich.
Womit? fragte ich, wohl wissend was er meinte.
Mit diesem Ort. Ich fühle mich plötzlich so ... so ... ruhig. Er sah zu mir hinüber und das Erstaunen in seinem Gesicht lies mich lächeln.
Ab und zu solltest Du mir einfach einmal etwas glauben, scherzte ich.
Du hast recht, ich sollte viel öfter auf Dich hören.
Na, das ist doch ein guter Vorsatz.
Unsere Blicke wanderten wieder über das Wasser.
Bist Du oft hier? fragte er.
Ab und zu. Irgendwie komme ich nur hier her, wenn es mir schlecht geht. Aber dafür ist das tatsächlich die beste Medizin.
Wohin gehst Du noch wenn es Dir schlecht geht? fragte er und musterte mich aufmerksam.
Das Thema behagte mir nicht wirklich. Genau genommen gab es da niemand. Miranda hatte ich bisher mein Herz nicht ausschütten wollen und zum Telefon zu greifen um A.J. an zu rufen ... dazu hatte mir bisher der Mut gefehlt. Genauer betrachtet war es mir auch, seit ich in L.A. war nie wirklich schlecht gegangen.
Ich mache so etwas lieber mit mir selbst aus, antwortete ich also wahrheitsgemäß.
Hast Du Dir schon einmal überlegt, dass das auch nicht wirklich gesund sein kann?
Wie meinst Du denn das jetzt bitte schön?
Du frist alles in Dich hinein, lässt niemanden an Dich heran. Das klingt in meinen Ohren irgendwie nicht richtig.
Nur weil Du nicht alleine sein kannst heißt das nicht, dass es nicht möglich ist, gab ich bissig zurück.
Wahrscheinlich, sagte enttäuscht und für eine Weile schwiegen wir wieder.
Tut mir leid, sagte ich schließlich ich verstehe einfach nicht, was daran falsch sein soll, wenn man auf sich selbst vertraut.
Auf sich selbst vertrauen ist gut, niemandem anderen vertrauen ist schlecht, gab er zurück.
Aber warum?
Weil Du nicht immer objektiv sein kannst, weil es einfach Dinge gibt, die man einfach nur mal aussprechen muß, damit es einem besser geht, weil ... keine Ahnung, er zuckte mit den Schultern. Du bist so sehr damit beschäftig Dich und Deine Gedanken zu schützen. Wovor hast Du nur solche Angst?
Ich traute mich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich einfach nicht noch einmal jemanden an mich heran lassen wollte, der meine Gefühle nicht erwiderte? Ich brauchte niemanden, der mir weh tat, bewusst oder unbewusst.
Hey, er stupste mich sanft mit der Schulter an ich bin für Dich da, das weißt Du hoffentlich.
Ja, das weiß ich, sagte ich leise und konnte ihn immer noch nicht ansehen.
Also, was tust Du, wenn es Dir wieder einmal schlecht geht?
Hier her kommen? antwortete ich und konnte mir dabei ein Grinsen nicht verkneifen.
Er seufzte theadralisch hast Du ein Handy?
Gibt es auch Menschen, die keines haben? fragte ich zurück.
Gut. Wenn wir wieder zu Hause sind, wird meine Nummer eingespeichert und wenn ich nicht wenigstens einen Anruf von Dir pro Woche bekomme werde ich böse und komme persönlich vorbei um nach Dir zu sehen.
Also werde ich Dich niemals anrufen, gab ich lachend zurück und er stimmte mit ein.
Ich sehe schon, ich brauche eine neue Strategie, meinte er schließlich und für einen Moment sahen wir uns lächelnd in die Augen. Das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass ich vielleicht doch mit der Situation klar kommen würde. Er war ein guter Freund, mehr nicht und ich war dankbar dafür, dass er in meinem Leben war.
Erzähl mir von Deinen Männerbekanntschaften, sagte er und ein verschmitztes Grinsen huschte dabei über sein Gesicht.
Da gibt es nichts zu erzählen, sagte ich vorsichtig und wandte mich den Lichtern von L.A. zu. Warum mußte er mich ausgerechnet das jetzt fragen?
Komm schon, mir kannst Du es doch erzählen, drängte er.
Ich bin sehr wählerisch was die Männer betrifft, sagte ich und wußte, das ich mich auf dünnem Eis bewegte.
Wirklich? A.J. schien mehr fasziniert als geschockt.
Ja wirklich, gab ich lachend zurück und sah wieder zu ihm hinüber.
Wir müssen einen Mann für Dich finden, sagte er und die Entschlossenheit in seiner Stimme machte mich nervös.
Das ist jetzt nicht Dein Ernst, oder? fragte ich entgeistert. Wie stellst Du Dir das denn vor? Wirst Du mich jetzt allen Deinen Freunden vorstellen oder wie? So nach dem Motto: Seht her, das ist Sam. Sie ist nicht in der Lage, sich selbst einen Mann zu suchen also los Leute, rann an das Mädel?
So ähnlich hatte ich mir das gedacht, lachte er und wurde dann wieder ernst nein natürlich nicht. Aber Du mußt dringend mal wieder unter Leute. Wir sollten am Wochenende ausgehen.
Glaubst Du denn, das Du schon wieder dazu bereit bist, in irgendwelchen Clubs herum zu hängen? fragte ich besorgt.
Lass das mal meine Sorge sein. Er war sichtlich Feuer und Flamme für seine Idee.
Und weißt Du wen wir noch mit nehmen?
Ich befürchte, Du wirst es mir gleich sagen, entgegnete ich, das Schlimmste erwartend.
Was hältst Du davon, wenn wir Nick mal einen Besuch abstatten?
Nick?!? Jetzt kam ich nicht mehr ganz mit.
Ja genau, er schien sich immer mehr für seine Idee zu begeistern. Er wohnt in so einem kleinen Apartment am Strand. Ich habe ihn schon ewig nicht mehr gesehen. Wird doch Zeit, dass ich mal nach dem Kleinen sehe, oder?
Ich weiß nicht, der Gedanke gefiel mir nicht wirklich, aber A.J. schien so voller Tatendrang und sogar seine Wangen hatten wieder etwas Farbe bekommen, so dass ich ihm diese Bitte einfach nicht abschlagen konnte.
Wenn es Dir so wichtig ist komme ich natürlich mit.
Also abgemacht? er strahlte mich an.
Ja, ja, abgemacht, gab ich widerwillig nach.
Kapitel 9