Kapitel 7

Der Bus konnte mich heute nicht schnell genug nach Hause bringen. Ich wollte unbedingt wissen, wie es A.J. ging. Ein paar mal war ich versucht gewesen, ihn von der Schule aus an zu rufen. Ich wollte einfach nur seine Stimme hören und ihm irgendetwas aufmunterndes sagen. Doch da mir dazu nichts einfiel und er mich sicherlich für vollkommen verrückt erklärt hätte, lies ich es bleiben.
Der Bus hatte kaum seine Türen geöffnet, da sprang ich auch schon heraus und machte mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause. Normalerweise brauchte ich zehn Minuten, heute schaffte ich es in sieben.
Ich schloss mit fliegenden Fingern die Haustür auf, hielt dann einen Moment inne um wieder ein wenig zu Atem zu kommen und trat dann in den kühlen Flur.
Musik kam aus dem Wohnzimmer, also wandte ich mich dort hin.
Der Fernseher lief, A.J. saß auf der Couch und blickte mir lächelnd entgegen. Er wirkte blass und die Ringe unter seinen Augen hatten sich vertieft.
„Hi,“ begrüßte ich ihn und setzte mich zu ihm auf die Couch.
„Hallo Lehrerin,“ gab er zurück, legte sich quer über das Sofa und bettete seinen Kopf in meinen Schoß.
„Was siehst Du Dir an,“ fragte ich und warf einen ersten genaueren Blick auf den Bildschirm. Fünf sehr junge Männer standen in einer Schulaula, umgeben von unzähligen Schülern und sangen mit Hingabe Quit playing games with my heart.
„Ich habe Deine Videosammlung durchgestöbert und das hier gefunden,“ er deutete mit der Fernbedienung in seiner Hand auf den Bildschirm „ich wußte gar nicht, dass Du diese alten Aufnahmen noch hast.“
Ich erinnerte mich sehr gut an diese Zeit. Es waren die kleinen Anfänge einer der bekanntesten und erfolgreichsten Boygroup unserer Zeit. Die Backstreet Boys waren damals von Schule zu Schule gezogen, hatten in Einkaufszentren gesungen, nur um sich einen Namen zu machen und ihren Traum von Ruhm und Erfolg zu verwirklichen.
Damals hatte ich sie noch ab und zu begleitet, bewaffnet mit einer veralteten Videokamera, die früher einmal meinem Dad gehört hatte und mit unglaublichem Stolz hatte ich jeder einzelnen Note gelauscht.
„Wünschst Du Dir diese Zeit zurück?“ fragte ich und sah auf A.J. hinunter, der mit großen Augen sich selbst beim Singen zu sah.
„Manchmal,“ gab er zu „aber sehr selten.“ Er grinste zu mir hinauf und runzelte dann die Stirn.
„Ist mit mir Dir alles in Ordnung?“
„Sicher, was sollte sein?“ gab ich leichthin zurück und versuchte konzentriert den Film zu verfolgen.
„Ich weiß nicht. Du wirkst etwas ... erschöpft.“
„Hm ... war ein harter Tag.“ Ich hoffte, das er nicht näher darauf eingehen würde. Ich hatte keine Lust, mit ihm meine derzeitige Gefühlslage zu diskutieren.
Aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie er noch für einen Moment mein Gesicht musterte, doch dann wandte auch er sich wieder dem Geschehen auf dem Bildschirm zu.
„Schau Dir Nick an,“ sagte er „er sieht aus wie ein Baby.“
„Ihr wart damals alle sehr jung. Würde mich wirklich interessieren, was inzwischen aus den anderen geworden ist.“
„Brian ist inzwischen Vater,“ sagte er „Kevin hatte ein Engagement am Broadway und die Kritiken waren durchgehen umwerfend, Howie ist mit seinem Club und der Lupus Foundation beschäftigt und Nick hat sein eigenes Album heraus gebracht. Nur ich hocke nutzlos herum und tue nichts als mich vollaufen zu lassen,“ fügte er bitter hinzu.
Ich strich ihm sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Auch Du wirst Dein Ziel finden,“ sagte ich leise. Er schüttelte den Kopf ohne den Blick vom Bildschirm ab zu wenden.
„Das war mein Ziel,“ erneut schwang er die Fernbedienung durch die Luft „heute schreibe ich irgendwelches dummes Zeug, das kein Mensch hören will und falle meiner besten Freundin zur Last.“
Ungewollt stiegen mir die Tränen in die Augen. Warum dachte er nur so schlecht von sich? Sah er denn nicht, was für ein umwerfender Mensch er war?
Als ich nichts sagte blickte A.J. zu mir auf. Als er meine verräterisch glitzernden Augen sah richtete er sich abrupt auf, stützte sich mit der Hand neben meinem Knie auf und sah mir eindringlich in die Augen.
„Ich kann sofort wieder gehen wenn Du das möchtest,“ sagte er und ich zweifelte keinen Moment daran, das er es ernst meinte.
„Nein,“ würgte ich heraus und schüttelte dabei den Kopf „es tut mir nur weh zu sehen, wie gering Deine Meinung von Dir ist. Du bist ein so wundervoller Mensch. Warum machst Du Dich immer so schlecht? Du hast ein so unglaubliches Talent auf Dinge zu blicken. Du schreibst wundervolle Texte, auch wenn sie im Moment recht düster sind. Ich kann nicht verstehen, warum Du das nicht so siehst.“
Zärtlich strich er mir mit der freien Hand über die Wange „und ich kann nicht verstehen, dass scheinbar überhaupt gar nichts Deine gute Meinung über mich erschüttern kann. Ich frage mich, wer hier die Wahrheit nicht sieht.“
„Glaubst Du nicht, dass ich etwas objektiver bin?“
„Vielleicht,“ er legte den Kopf schief und musterte mich „ich weiß es wirklich nicht,“ sagte er schließlich und setzte sich seufzend neben mich. Er stützte die Arme auf seine Knie und lies den Kopf hängen.
„In meinem Kopf dreht sich alles. Wenn ich nicht gerade daran denke, wie ich wohl am schnellsten an etwas zu trinken heran kommen könnte, laufe ich im Haus auf und ab. Ich bin so verdammt unruhig, kann kaum für fünf Minuten an einem Fleck still sitzen. Das macht mich noch wahnsinnig.“
Vorsichtig strich ich ihm mit meinen Fingernägeln über den Rücken.
„Auch das wird vorbei gehen,“ sagte ich sanft „hab ein wenig Geduld.“
„Hm ... ,“ brummelte er nur und schob seinen Rücken unter meinen Fingern hin und her „könntest Du bitte bis morgen früh so weiter machen?“ schnurrte er.
Ich lachte leise „nur in Deinen Träumen McLean.“
„Schade,“ er wirkte ehrlich enttäuscht.
„Was hältst Du von ein wenig frischer Luft?“
„Uhhh,“ er verzog gespielt angewidert das Gesicht „das klingt so gesund.“
Wieder lachte ich „na komm schon, ich kenne einen Ort, der dir bestimmt gefallen wird.“
Immer noch malten meine Finger kleine Kreise auf seinen Rücken und er sah von unten mit halb geschlossenen Lidern zu mir auf.
„Wo willst Du denn hin?“
„Überraschung,“ gab ich nur zurück und erhob mich.
A.J. reckte und streckte sich und stand dann ebenfalls auf.
„Na gut, aber nur weil Du es bist. Und wehe der Ort ist nicht wirklich toll,“ er drohte mir scherzhaft mit dem Finger „dann lege ich Dich eigenhändig über’s Knie.“
„Au ja,“ rief ich „da stehe ich drauf!“
„Na warte,“ lachte er und jagte hinter mir her durch das Haus. Ich schnappte mir im vorbei rennen meinen Hausschlüssel und öffnete die Haustür, wo er mich schließlich einholte. Seine Arme schlangen sich von hinten um mich und sein Atem kitzelte mich im Nacken.
„Du bist wirklich die Beste, weißt Du das?“ sagte er leise und küsste mich sanft auf die Schulter.
Ein wohliger Schauer rieselte mir über den Rücken und ich versuchte A.J. ab zu schütteln. Wie sollte ich in seiner Gegenwart einen klaren Kopf behalten?
Doch seine Arme hielten mich fest an Ort und Stelle und schließlich gab ich auf.
„Darf ich Deine Zeilen in einem meiner nächsten Songs verwenden?“ fragte er unvermittelt und brachte mich damit total aus dem Konzept.
„Ich ... ähm ... klar ... ich weiß nur nicht ... also ... das war doch nichts besonderes,“ stotterte ich und fühlte mich wie ein Teenager.
„Ich fand sie sehr schön. Your shelter from the storm,“ zitierte er „das bist Du ... schon immer gewesen.“
„Das hoffe ich,“ gab ich leise zurück.
„Du brauchst Dir um mich keine Sorgen zu machen,“ sagte er und war mir dabei immer noch so nahe, das mich bei jedem seiner Worte sein heißer Atem im Nacken streichelte „auch wenn ich manchmal ziemlich verzweifelt bin, ich hänge zu sehr an meinem Leben.“
„Das ist gut zu wissen,“ gab ich zurück.
Er drücke mich noch einmal fest an sich und lies mich dann los.
„Ich ziehe mir schnell etwas anderes an und dann können wir los, o.k.?“
„Ich warte im Wagen auf Dich,“ sagte ich und sah ihm nach, wie er mit federnden Schritten die Treppe hinauf eilte.
Ein alt bekannter, ziehender Schmerz machte sich in meinem Magen breit. Zum ersten Mal überlegte ich ernsthaft, ob ich mir damit einen Gefallen getan hatte, ihn wieder so tief in mein Leben zu lassen. Er kam mir mit jedem Tag näher und ich wußte noch nicht wie ich damit würde umgehen können, wenn er wieder daraus verschwand.

Kapitel 8