Kapitel 6

Als ich am nächsten Morgen frisch geduscht und abfahrtbereit die Treppe herunter kam, herrschte im Wohnzimmer unübersehbares Chaos. Der Couchtisch war übersäht mit leeren Chipstüten, um das Sofa herum standen überall leere Colaflaschen und dazwischen lagen - teilweise zusammengeknüllt - unzählige Blätter Papier. Es sah so aus, als hätte A.J. heute Nacht dringend eine Beschäftigung gebraucht.
Während ich die Flaschen einsammelte sah ich mir die Seiten genauer an. Es schienen Songtexte zu sein. Manche schnell dahin geschrieben, manche unzählige Male durchgestrichen, andere verbessert oder mit Randnotizen versehen und dazwischen einige Gitarrenakkorde, die mit kräftigen Strichen umrandet worden waren.
Die Texte waren allesamt sehr düster. Sie handelten von Zwängen, Leere und Einsamkeit, Sehnsüchten und dem Wunsch nach einem wirklichen zu Hause.
Im nu hatte ich alles um mich herum vergessen. Die Plastikflaschen waren mit einem leisen Plopp auf den Teppich gefallen und ich hockte in mitten des Chaos und konnte mich von A.J.s Worten nicht los reißen.
Nach und nach nahm ich jedes einzelne Blatt in die Hand, besah mir die Texte, glättete die verkrumpelten Seiten und häufte sie zu einem sauberen Stapel auf.
Das letzte Blatt zog ich schließlich in zwei Teilen unter der Couch hervor. Es waren nur einige wenige Worte darauf, aber sie ließen mich für einige endlos scheinende Sekunden wie versteinert da sitzen.

I wish I could die,
say goodbye to all the things that hurt me,
begin to live a real life
and forget about all the pain that follows me

Daneben prangte ein Totenkopf. Ich fragte mich, warum er es weg geworfen hatte. Natürlich reimte sich das ganze nicht wirklich und als Songtext war es wohl nicht zu gebrauchen, aber der Sinn hinter diesen Worten erschreckte mich. Hatte er es also vernichtet, weil er es nicht verwenden konnte, oder hatte er hinterher gemerkt, dass für ihn der Wunsch nach dem Tod doch nicht in Frage kam?
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich beeilen mußte, wenn ich den Bus noch erwischen wollte. Hin und her gerissen zwischen Pflichtgefühl meiner Arbeit gegenüber und der Angst um A.J., die mich von einem Moment auf den anderen überfallen hatte, starrte ich weiterhin auf die zwei Hälften in meiner Hand.
Kurz entschlossen nahm ich mir schließlich einen Stift und schrieb darunter

I wish I could take a look into your heart,
erase all the pain and heal the wounds
make sure, that nobody hurts you anymore
and be your shelter from the storm

Ich legte die beiden Teile fein säuberlich zu oberst auf den Stapel auf dem Tisch und erhob mich dann widerwillig. Es half ja nichts. Meine Schüler warteten auf mich und der Bus kam eben pünktlich.

„Wann kann ich denn nun mal bei Euch vorbei schauen?“ meinte Miranda, während sie mir dabei zu sah, wie ich mein Truthahnsandwich in seine Einzelteile zerlegte.
„Was?“ ich war in Gedanken ganz weit weg gewesen und hatte nur die Hälfte von dem mitbekommen, was sie gesagt hatte.
„Wann ich mir diesen Wunderknaben mal ansehen kann, der Dich dazu bringt, Dein heiß geliebtes Sandwich so aus einander zu nehmen,“ wiederholte sie und ihr breites Grinsen erinnerte mich an eine Katze, die ihre Beute gerade schlafend vor gefunden hatte.
„Ich ... also ... ich glaube das wäre im Moment ... nicht so gut.“ Oh Mann Samantha, so wirst Du sie ganz bestimmt nicht davon überzeugen uns in Ruhe zu lassen.
„Jetzt hab Dich nicht so Sam,“ sagte sie und sah mich treuherzig an „ich verspreche auch brav und anständig zu sein.“
„Brav und anständig? Du weißt doch noch nicht einmal, wie man das buchstabiert.“
„B-r-a-v und a-n-s-t-ä-n-d-i-g,“ gab sie zurück und ihr Grinsen wurde noch breiter.
„Ich halte das einfach für keine so gute Idee. A.J. geht es wirklich nicht gut und ich weiß nicht, ob er überhaupt Lust auf Gesellschaft hat.“
„Jetzt komm schon. Ein bißchen Ablenkung ist doch nie verkehrt und wenn es ihm wirklich zu viel wird, kann ich immer noch gehen.“
Ihre Argumente waren leider nicht wirklich von der Hand zu weisen. Außerdem ... was wußte ich schon von dem, was er brauchte? Vielleicht war Miranda tatsächlich der Jemand, der sein Ego etwas aufbauen konnte. Eine hübsche, junge Frau, die, da war ich mir absolute sicher, ihm den ganzen Abend schöne Augen machen würde. Welchem Mann gefiel das nicht?
„Ich werde ihn fragen, o.k.?“ gab ich mich also geschlagen und Miranda nickte befriedigt.
„Das ist doch mal ein Wort. Ich kann es wirklich kaum erwarten.“
„Jetzt hör doch endlich auf so zu tun, als wenn das etwas Besonderes wäre.“ So langsam machte mich ihre Art wütend. Als ob ich bisher ein geschlechtsloses Wesen gewesen wäre, das mit Scheuklappen durch die Gegend lief.
„Nimm mich doch nicht so ernst,“ kicherte sie „Gott Sam, seit wann bist Du so empfindlich?“
„Ich habe keine Ahnung,“ gab ich bissig zurück und meine Wut steigerte sich ins Unermessliche. Schnell stand ich auf, murmelte etwas von Hausaufgabenheften, die ich noch durchsehen mußte und beeilte mich, von dem Rasen vor unserer Schule wieder ins Gebäude zu kommen.
Wäre ich noch eine Sekunde länger ihren neugierigen und bohrenden Blicken ausgesetzt gewesen, wäre ich sicherlich explodiert.
Ich hatte keine Ahnung, woher diese heftige Reaktion plötzlich kam. Miranda hatte mir nichts getan. Doch ich fühlte mich angespannt und unruhig. Genau genommen stieg meine Unruhe seit A.J. bei mir aufgekreuzt war.
Es war, als hätte sie ein Streichholz an ein Pulverfass gehalten. In mir brodelte es. Immer wieder kamen mir seine traurigen Augen in den Sinn und wie sie sich im Laufe der Zeit verändert hatten. Der Text von heute Morgen ging mir ebenfalls nicht mehr aus dem Kopf.
Ich hatte schlicht und ergreifend Angst. Angst um ihn und um mich. Weil ich ihm nicht würde helfen können, so viel war mir mittlerweile klar. Ich überlegte, ob ich ihm vorschlagen sollte, erneut in eine Therapie zu gehen.
Die Leute dort waren auf solche Probleme spezialisiert. Sie würden wissen was und wie sie es zu tun hatten. Was, wenn ich seine Probleme bisher komplett falsch eingeschätzt hatte? Wie kam ich denn überhaupt auf die Idee, dass er vollkommen ehrlich zu mir war? Vielleicht waren seine Depressionen so stark, dass er sich tatsächlich eines schönen Tages das Leben nehmen würde. Das würde ich mir nie verzeihen, das wußte ich jetzt schon.
Ich erreichte das Lehrerzimmer, setzte mich in die hinterste Ecke und zog die Hausaufgabenhefte meiner Schüler zu mir heran. Ich schlug das erste auf, doch die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen. Wie konnte sich ein einzelner Mensch nur so hilflos fühlen?
Irgendwann legte sich eine warme Hand auf meine Schulter.
„Es tut mir leid,“ hörte ich Miranda leise sagen „wenn Du meinst, es ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, dann lassen wir das einfach, o.k.?“
Ich sah zu ihr auf. Sie wirkte besorgt und beunruhigt und kaute nervös auf ihrer Unterlippe.
„Das ist es doch gar nicht,“ gab ich zu und sie lies sich neben mir auf einen Stuhl fallen.
„Ich ... habe einfach Angst, dass ich ihm nicht helfen kann,“ brach es aus mir heraus und gleichzeitig war ich erschrocken über meine Offenheit. Miranda und ich kannten uns eigentlich recht gut, aber meine Gedanken behielt ich normalerweise ganz gerne für mich.
„Du kannst das sicherlich besser, als sonst irgendjemand,“ entgegnete sie ruhig.
„Wie kommst Du denn darauf?“
„Nun ja,“ sie wirkte etwas verunsichert, auch ihr schien klar zu sein, das wir hier die nächste Stufe unserer Freundschaft erklommen „Du bist so unglaublich warmherzig, kannst gut zu hören und scheinst immer Herr der Lage zu sein.“
„Aber das ist es doch gerade,“ sagte ich und warf hilflos die Arme in die Luft „ich habe das Gefühl, dass mir alles aus den Händen gleitet. Am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen und ihm immer wieder sagen, dass alles gut wird und irgendwann würde er zu mir auf sehen und das Feuer wäre wieder zurück gekehrt in seine Augen und er könnte endlich wieder daran glauben, das er etwas wert ist.“
„Du kannst im Moment nicht mehr tun, als für ihn da zu sein. Er braucht einfach jemand, an den er sich anlehnen kann,“ sie lehnte sich in ihrer vertrauten Art auf den Tisch, lies ihren Stuhl nach vorne kippen und sah mich eindringlich an „aber Du mußt ihm auch seine Privatsphäre zu gestehen. Nur weil er jetzt bei Dir wohnt heißt das noch lange nicht, dass Du die Lösung für all seine Probleme bist. Da muß er sich ganz von alleine heraus holen. Du kannst ihn nur dabei unterstützen, in dem Du ihm zu hörst.“
„Seit wann bist Du so klug?“ lächelte ich und sie lachte leise.
„Hab ich von Dir gelernt.“
Ich boxte sie spielerisch in die Seite, so dass sie mit ihrem Stuhl wieder nach hinten kippte.
„Danke,“ sagte ich schließlich leise und sie nickte „gerne geschehen,“ und nach einer Pause fügte sie verschmitz grinsend hinzu „aber die Einladung steht hoffentlich noch.“
Ich mußte gegen meinen Willen lachen „jaha, die steht noch.“

Kapitel 7