Kapitel 5

Etwas später saßen wir gemeinsam auf der Veranda hinter dem Haus und aßen in gemütlicher Zweisamkeit unser Abendessen.
Entgegen A.J.s Befürchtungen von heute Morgen schien er einen riesigen Appetit zu haben.
„Erzähl mir von Deinem Tag in der Schule,“ bat er zwischen zwei Bissen.
„Oh je ... ich würde sagen, ein Tag wieder jeder andere. Ich habe eine Klasse von sieben jährigen Monstern in Englisch, das ist wirklich anstrengend.“
„Macht Dir Deine Arbeit keinen Spaß?“
„Oh doch, ich liebe es. Ich befürchte, es gehört einfach zu meinem Job, dass ich mich immer beschwere,“ grinste ich und nahm mir noch etwas von dem Salat aus der großen Holzschüssel.
Er lächelte „also Englisch,“ nahm er den Faden wieder auf.
„Yep, Englisch.“
„Du warst schon immer vernarrt in Bücher,“ stellte er fest.
„Das stimmt. Allerdings wäre es wohl etwas früh die Kleinen jetzt schon mit Shakespeare zu nerven.“
„Allerdings,“ stimmte mir A.J. lächelnd zu, schob seinen Teller von sich, lehnte sich in seinem Korbsessel zurück und bedachte mich mit einem langen Blick aus seinen unergründlichen braunen Augen.
„Wolltest Du nicht eigentlich Sport studieren?“
„Eigentlich schon, aber Englisch und Musik waren dann auch o.k..“
Ich hatte meine Krankheit nie an die große Glocke gehängt und es hatte sich auch nie wirklich die Gelegenheit ergeben ihm davon zu erzählen. Irgendwie war mir das auch ganz recht so. Ich brauchte kein Mitleid und schon gar nicht von ihm.
„Warum hast Du Deine Pläne geändert?“ hakte er nach.
„Sind Pläne nicht dazu da, um geändert zu werden?“ fragte ich zurück.
„So gesehen ... ,“ er seufzte und sein Blick schweifte ab.
„Sarah?“
„Hm ... ,“ gab er in Gedanken versunken zurück.
„Was meinst, was ist schief gelaufen?“ fragte ich und räumte die Teller zusammen.
„Gute Frage. Wenn ich das wüsste,“ gab er zurück, während sein Blick immer noch über meinen kleinen Garten schweifte.
Ich beschloß, ihm eine kurze Atempause zu gönnen und brachte das Geschirr in die Küche.
Als ich mich wenig später wieder zu ihm setzte, wirkte er immer noch abwesend.
„Möchtest Du lieber ein wenig alleine sein?“ fragte ich vorsichtig, was ihn dazu veranlasste, den Kopf in meine Richtung zu drehen.
„Nein. Ich bin so froh, dass ich nicht alleine bin. Ich glaube, das ist überhaupt das schlimmste, was einem Menschen passieren kann ... alleine zu sein meine ich.“
„Findest Du? Ich bin eigentlich ganz gerne alleine.“
Er zuckte mit den Schultern „dann bist Du die große Ausnahme.“
„Was ist daran so verkehrt? Ich meine ... keine Verantwortung, keine Erwartungen, die man erfüllen muß. Du kannst ganz Du selbst sein und niemand schreibt Dir irgendetwas vor.“
„Wie langweilig,“ lächelte er.
„Aha, Du magst es also wenn Dir jemand sagt, wo es lang geht?“ scherzte ich, doch er antwortete ganz ernst.
„Ich befürchte, genau so ist. Es ist so anstrengend immer seine eigenen Entscheidungen treffen zu müssen.“
„Jetzt hör’ aber auf. Du solltest Dir mal zu hören. Weißt Du noch, wie es früher war? A.J., der König der Welt. Keiner hat Dir gesagt was Du zu tun oder zu lassen hattest.“
„Ich sagte schon, dass das vorbei ist, oder?“
„Was ist passiert? Es kann doch nicht sein, dass der A.J. den ich gekannt habe, so vollkommen ausgelöscht wurde.“
„Zehn Jahre in dem Buiseness und wir sprechen uns wieder,“ gab er trocken zurück und seine Gleichgültigkeit machte mich wütend.
„Ich verstehe das nicht und werde es wohl auch niemals verstehen. Es gefällt Dir tatsächlich wenn Du Dinge tust, die Du nicht willst?“
„Das habe ich nicht gesagt. Aber irgendwann kommst Du an einen Punkt wo Du erstens feststellst, dass es ziemlich anstrengend und zudem ungemein hinderlich ist, wenn Du immer der Stolperstein im Getriebe bist und Du zweitens wesentlich beliebter bist, wenn Du mit dem Strom schwimmst.“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Sollte ich mich so in ihm getäuscht haben? Wo war der Mann, der den Chorleiter vor versammelter Mannschaft einen Idioten genannt hatte, weil er uns Kinderlieder statt richtige Musik singen lies?
„A.J., nicht alle Menschen müssen Dich lieben,“ sagte ich sanft.
„Aber es erleichtert das Leben ungemein,“ gab er zurück und ein unsagbar trauriger Ausdruck lag auf seinem Gesicht.
„Gib wenigstens zu, dass Du damit nicht glücklich bist,“ forderte ich.
Er senkte den Blick und starrte auf seine Hände.
„Würde ich sonst immer wieder dieses Teufelszeug in mich hinein kippen? Würde ich sonst alle Beziehungen kaputt machen?“
„Das sind allerdings zwei sehr schlagkräftige Argumente,“ gab ich zu und er hob den Kopf.
„Wie machst Du das nur?“ fragte er.
„Was mache ich?“
„Na ja, Du wirkst so, als könnte Dir nichts und niemand etwas anhaben. Woher kommt diese Stärke, diese Unabhängigkeit?“
„Zum großen Teil ist es wohl schlicht und ergreifend Selbstschutz und zum anderen gelingt mir das auch nicht immer.“
„Das kann ich mir kaum vorstellen,“ gab er zu und wirkte schon wieder etwas entspannter. Natürlich, es ging hier ja auch nicht um ihn.
„Du solltest mich erleben, wenn ich vor meinem Direx erscheinen muß. Dieser Typ ist ... ,“ ich suchte nach dem richtigen Wort „grausam.“
„Grausam? In wiefern?“
„Er lässt einen grundsätzlich ablaufen und macht gerne klar, dass er der wichtigste Hahn im Korb ist. Leider ist er dafür auch mit den richtigen Kompetenzen ausgestattet. Also muß alles nach seiner Pfeife tanzen. Ich fürchte mich jedes Mal, da ich genau weiß, dass ich meine große Klappe nicht halten kann und deshalb regelmäßig mit ihm aneinander rassel.“
„Der Typ sollte mir mal im Dunklen begegnen,“ sagte er düster und ich lächelte. Das war schon eher der A.J. den ich kannte.
„Weißt Du,“ sagte er unvermittelt „Sarah hatte manchmal auch so einen Zug an sich. Dieses „ich bestimme über unser beider Leben“. Das war manchmal schon sehr ... anstrengend.“
Ich wußte, dass ihm ein weniger freundlicher Ausdruck auf der Zunge gelegen hatte, doch ich konnte mir auch so gut vorstellen, was er meinte.
„Ich dachte es gefällt Dir, die Kontrolle ab zu geben,“ sagte ich vorsichtig.
„Ja und nein. Es ist ... wie soll ich das erklären ... ,“ wieder schweifte sein Blick ab „in einer Partnerschaft, und das sagt ja schon das Wort, sollte man zusammen entscheiden und miteinander leben. Nicht gegeneinander. Manchmal hatte ich wirklich das Gefühl, dass sie mich nur als Karrieresprungbrett betrachtet hat. Ich meine ... sie hat mich geliebt, dessen bin ich mir sicher ... aber ich war wohl nicht der Richtige für sie. Nur haben wir uns das beide nie eingestanden.“
„Glaubst Du, dass das der Grund war, warum Du sie betrogen hast?“
Er schloß für einen Moment die Augen. Scheinbar wollte er daran nicht erinnert werden.
„Kann sein ... ich weiß es nicht. Ich glaube, ich habe nach dem Gefühl gesucht, wichtig zu sein. Nein, so ist das auch nicht richtig ... ich meine, das Wichtigste zu sein. Verstehst Du was ich meine?“ Sein Blick ruhte dabei fragend auf meinem Gesicht.
„Ich denke schon. Ich glaube auch, dass man in einer Beziehung immer an erster Stelle stehen sollte. Sonst hat das Ganze keinen Sinn.“
Er nickte. „Du wußtest immer was in mir vorging,“ stellte er fest.
„Was jetzt heißen soll?“ fragte ich zurück.
„Ich weiß nicht ... es ist einfach schön mit jemandem wirklich zu reden und nicht dauernd kämpfen zu müssen.“
Eine Weile schwiegen wir beide und sahen zu, wie sich der Himmel langsam von Blau in Violett und schließlich zu einem sanften Grau verfärbte.
„Ich befürchte, ich werde dann langsam Richtung Bett wanken,“ sagte ich und gähnte ausgiebig.
„Es ist noch nicht einmal elf!“ sagte er entgeistert.
„Das ist richtig, aber ich habe gestern nicht wirklich viel Schlaf bekommen und morgen muß ich wieder fit sein.“
„Konsequent auch noch, auf was habe ich mich da nur eingelassen,“ sagte er halb im Scherz.
„Gute Nacht,“ sagte ich statte einer Antwort und erhob mich.
„Gute Nacht,“ gab er zurück „und noch einmal Danke für alles.“
„Hör endlich auf Dich zu bedanken. Das ist doch selbstverständlich,“ gab ich zurück und wandte mich um.
„Warte,“ sagte er, stand aus seinem Sessel auf und kam schnell um den Tisch herum.
„Was ist?“
Etwas unschlüssig blieb er vor mir stehen.
„Auch wenn Du es nicht magst, ich bin Dir wirklich dankbar und hier und heute verspreche ich, Dir zukünftig ein besserer Freund zu sein, als ich es bisher war,“ sagte er leise, wagte es dabei aber nicht, mir in die Augen zu sehen.
„Verspreche nichts, was Du nicht halten kannst,“ gab ich lächelnd zurück und er sah auf.
„Bin ich so schlimm?“
„Nein, Du bist eben Du. Wegen mir brauchst Du Dich ganz bestimmt nicht ändern.“
Er seufzte und schüttelte den Kopf. Er wollte noch etwas sagen, doch ich trat schnell den Rückzug ins Haus an.
Ein seliges Lächeln lag dabei auf meinem Gesicht und mit dem selben schlief ich schließlich auch ein, noch bevor mein Kopf richtig das Kopfkissen berührt hatte.

Kapitel 6