Kapitel 3
Diese kleinen Biester bringen mich noch frühzeitig ins Grab, stöhnte Miranda Scott und lies sich mir gegenüber auf einen freien Stuhl im Lehrerzimmer fallen.
Tja, frei gewählt würde ich sagen, gab ich grinsend zurück und sie warf mir ihren ich-hasse-es-wenn-Du-recht-hast-Blick zu.
Miranda und ich waren ungefähr zur gleichen Zeit an die Schule gekommen. Miranda, weil sie keine Lust mehr auf das Provinznest hatte, aus dem sie stammte, ich, weil ich glaubte, in der Stadt der Engel so etwas wie meinen persönlichen Engel zu finden. Bisher hatte das allerdings noch nicht so recht funktioniert.
Miranda war äußerst hübsch mit ihren dunkelroten, kurzen Haaren, den tiefblauen Augen und dem Schmollmund. Erst einmal aus ihrer Heimatstadt heraus, lies sie nichts anbrennen. Alles was Hosen trug und nicht bei drei auf irgendeinem Baum saß, war vor ihr in keinster Weise sicher.
Meistens klappten ihre Annäherungsversuche auf Anhieb und mehr als einmal hatte sie angeboten, mir den perfekten Mann aus ihrem kleinen, roten Büchlein heraus zu suchen, das sich mit jeder Woche mehr füllte.
Doch ich hatte jedes Mal dankend abgelehnt. Der Richtige würde irgendwann kommen, dessen war ich mir sicher.
Ungewollt schweiften meine Gedanken zu A.J. zurück. Der perfekte Mann hatte so zu sagen heute Nacht meine Tür eingerannt, nur leider sah er das ein wenig anders.
Du siehst ziemlich müde aus, unterbrach Mirandas besorgte Stimme meine Gedanken.
Hm ... ein Freund von mir ist heute Nacht um drei Uhr bei mir aufgetaucht. Danach war nicht mehr an Schlaf zu denken.
Ein Freund? Mirandas Interesse war ganz offensichtlich geweckt. Jemand den ich kenne?
Ich warf ihr einen nachsichtigen Blick zu.
Oh, entschuldige. Hab ich ja ganz vergessen. Du hast ja keine Freunde.
Die habe ich sehr wohl, sie sind nur leider nicht hier in der Nähe, gab ich zurück und das entsprach sogar fast der Wahrheit.
Es gab ein paar Menschen in Florida, die vielleicht noch ab und zu an mich dachten, doch der Kontakt war relativ schnell abgebrochen. Wie ich zugeben mußte, war ich daran nicht ganz unschuldig.
Na erzähl schon, forderte sie und beugte sich ein Stückchen weiter über den Tisch zu mir hinüber, wobei die hinteren Beine ihres Stuhles den Boden verließen. Irgendwann würde sie auf diese Weise fürchterlich mit ihrem hübschen Kopf auf irgendeine Tischplatte knallen.
Was soll ich denn erzählen? fragte ich unschuldig und stellte belustigt fest, wie sich eine tiefe Falte des Unmuts zwischen ihren Augen zusammenbraute.
Na ... zum Beispiel woher ihr Euch kennt und wie er aussieht ... alles eben.
Wir kennen uns schon ewig. Er ist so zu sagen mein bester Freund. Wir sind zusammen zur Schule gegangen und haben schon so einige Höhen und Tiefen zusammen durch gemacht.
Gut, sagte Miranda ungeduldig kommen wir nun zu den wichtigen Dingen.
Gegen meine Willen mußte ich lachen ja, er sieht unverschämt gut aus und nein, er ist nichts für Dein rotes Büchlein.
Hätte ich mir ja denken können, schmollte sie die besten sind immer schon vergeben.
Das ist er nicht wirklich, mußte ich gestehen und sah so etwas wie Freude in Mirandas Augen aufblitzen. Weniger nette Menschen hätten es wohl als Jagdinstinkt beschrieben.
Nicht? hakte sie nach.
Zumindest nicht im Moment, schwächte ich meine Aussage etwas ab. Jetzt hatte ich eindeutig ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.
Er ... macht im Moment eine ziemlich harte Zeit durch ... und ..., ich wußte nicht, was ich noch sagen sollte. Er gehört mir war wohl nicht wirklich die richtige Antwort. Zumal das ja nun Lichtjahre von der Wahrheit entfernt war.
Du bist in ihn verknallt, stellte Miranda nüchtern fest und lies ihren Stuhl zurück auf alle vier Beine gleiten.
Nein! Wie kommst Du denn darauf? protestierte ich und wußte im selben Moment, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so dermaßen schlecht gelogen hatte.
Ich entlockte Miranda auch nur ein schwaches Grinsen, was so viel heißen sollte wie netter Versuch Samantha und wieder beugte sie sich zu mir hinüber, wobei ihr Stuhl gefährlich wackelte. Doch sofort hatte sie ihn wieder im Griff.
Ich fasse es nicht, sagte sie leise es gibt tatsächlich einen Menschen, einen Mann, der Dein Herz höher schlagen lässt. Nimm es mir nicht übel, aber bis eben war ich mir nicht sicher, ob Du nicht vielleicht doch auf Frauen stehst.
MIRANDA! Ich war entsetzt nur weil ich nicht jedem männlichen Wesen hinterher jage heißt das doch noch lange nicht dass ich ... , ich schaute mich verstohlen im Lehrerzimmer um, doch außer uns befand sich nur noch Mr. Jackson Rob mit uns im Raum und der saß so weit weg, dass er uns nicht hören konnte dass ich lesbisch bin, flüsterte ich und versuchte verletzt aus zu sehen.
Miranda kicherte tut mir leid. Aber so jemanden wie Dich habe ich noch nie kennen gelernt. Eine Nonne ist frivol dagegen.
Mooooment, das konnte ich so auch nicht auf mir sitzen lassen es muß eben erst der Richtige kommen. So einfach ist das.
Aber der Richtige sieht in Dir nicht mehr als einen guten Freund Süße. Wie lange willst Du noch einem Traum hinterher jagen?
Das hatte gesessen und Miranda sah das wohl auch.
Tut mir leid, ich ziehe die Bemerkung zurück, sagte sie und sah zerknirscht zu mir hinüber.
Ist schon gut, gab ich zurück im Prinzip hast Du ja recht. Ich weiß auch nicht, warum es gerade A.J ist. Objektiv betrachtet ... na ja ... manche würden wohl sagen, er ist ein riesen großer Egoist.
Wie meinst Du das?
Uhm ... zum Beispiel meldet er sich nur, wenn es ihm wirklich richtig schlecht geht. Alles andere teilt er mit anderen Menschen.
Das bedeutet nur, dass Du ihm sehr wichtig bist.
Wie meinst Du das? ich kam im Moment tatsächlich nicht mehr richtig mit.
Ist doch ganz logisch. Wohin gehst Du, wenn es Dir wirklich schlecht geht?
Zu A.J. schoß es mir durch den Kopf, laut sagte ich zu demjenigen, dem ich am meisten vertraue ... und bei dem ich mich wohl fühle.
Siehst Du, sagte Miranda triumphierend und ich verstand so langsam, was sie meinte.
Das heißt aber noch nicht, dass er auch etwas für mich empfindet, gab ich zu bedenken.
Nein, ich würde eher sagen, das Gegenteil. Miranda bemerkte meine enttäuschte Miene tut mir leid, aber so ist das nun mal. Freunde können Dir nie so weh tun wie jemand, den Du wirklich liebst. Also kommt er zu Dir, weil er weiß, dass Du für ihn da bist und ihn so nimmst wie er ist.
Für mich klingt das nach Widerspruch, sagte ich nachdenklich.
Vertraue der Expertin, sagte Miranda mit Nachdruck ich kenne die Männer und wenn ich eines gelernt habe, dann, dass sich Sex und Freundschaft von vornherein ausschließen.
Schon einmal darüber nachgedacht, dass das vielleicht auch an Dir liegen könnte? gab ich zurück und Miranda verzog das Gesicht.
Autsch, sagte sie und lies sich wieder zurück auf alle vier Stuhlbeine fallen.
Für einen Moment schwiegen wir.
Auf jeden Fall muß ich ihn kennen lernen, sagte sie schließlich.
Wozu? gab ich misstrauisch zurück.
Na, ich muß mir doch den Mann ansehen für den Du Dein Nonnendasein aufgeben würdest, sagte sie schlicht und ich mußte grinsen.
Eines mußte man ihr lassen. Sie brachte mich auch in der schwierigsten Situation zum Lachen.
Kapitel 4