Kapitel 2
Am nächsten Morgen war ich schon fast am Gehen, als er blass und mit dunklen Schatten unter den Augen die Treppe herunter geschlurft kam.
Guten Morgen, begrüßte ich ihn, füllte dabei ein Glas mit Wasser und lies ein Aspirin hinein fallen wie fühlst Du Dich?
Als hätte ich heute Nacht eine intensive Unterhaltung mit einem Baseballschläger gehabt, grummelte er und lies sich schwer auf einen meiner Küchenstühle fallen.
Also ich wars nicht, gab ich grinsend zurück und stellte das Glas mit der sprudelnden Tablette vor ihn auf den Tisch.
Ich weiß...oh Mann...mein Schädel, er stützte den Kopf in beide Hände und schloß die Augen.
Hör zu, ich muß jetzt auf die Arbeit, sein Kopf ruckte nach oben und sofort verzog er schmerzhaft das Gesicht mußt Du wirklich gehen? fragte er und rieb sich die Schläfen.
Yep. Tut mir leid, aber ich habe da so ein paar Gnome, die darauf warten, von mir Schreiben und Lesen beigebracht zu bekommen.
Könntest Du Dich nicht krank melden? Ich meine...die Schule hat doch bestimmt noch ein paar Lehrer, die sie für Dich einspringen lassen könnte.
Tut mir leid, aber ich kann mir das nicht leisten. Bleib einfach hier, schau Dir irgendwelchen Blödsinn im Fernsehen an und wenn ich heute Nachmittag nach Hause komme, koche ich uns etwas Schönes.
Bei dem Gedanken an Essen verzog er das Gesicht, was mich zum Lachen brachte keine Sorge, bis dahin wirst Du ganz sicher wieder feste Nahrung zu Dir nehmen können.
Hm, gab er vage zurück, nahm das Glas in die Hand und leerte es in einem Zug.
Ich legte einen Schlüssel vor ihn auf den Tisch.
Dein Haustürschlüssel, falls Du heute irgendwie raus und wieder rein mußt.
Für einen Moment starrte er das glänzende Stück Metall an, als hätte ich ihm gerade einen Alien vor gesetzt.
Du vertraust mir Dein Haus an? fragte er ungläubig.
Warum nicht? fragte ich entgeistert zurück.
Na ja ... , er kratzte sich verlegen im Nacken ich befürchte, ich wäre der letzte Mensch, dem ich meinen Haustürschlüssel überlassen würde.
Dann kenne ich Dich wohl besser als Du selbst, gab ich leichthin zurück.
Womit habe ich das verdient ... ich meine ... womit habe ich Dich verdient? fragte er und sah dabei sichtlich gerührt zu mir auf.
Na ja, irgendetwas scheinst Du in der Vergangenheit richtig gemacht zu haben.
Mein beiläufiger Ton stand im krassen Gegensatz zu dem Gefühl der Freude und des Stolzes über seine Worte.
Versprichst Du mir, keine Dummheiten zu machen, während ich weg bin? fragte ich und massierte dabei sanft seine verspannten Schultern.
Ich denke, das sollte ich hin bekommen, entgegnete er mit geschlossenen Augen.
Gut, dann bis heute Nachmittag, ich lies seine Schultern los und nahm meine Aktentasche vom Stuhl.
He, Du kannst doch jetzt nicht einfach aufhören, schmollte er und warf mir einen Hundeblick zu, der jeden Stein zum Erweichen gebracht hätte.
Vergiss es, sagte ich fest, nahm die Autoschlüssel von dem kleinen Regalbrett neben dem Kühlschrank und drehte mich dann noch einmal zu ihm herum.
Er saß zusammengesunken auf seinem Stuhl und starrte mich an.
Ich komme wieder, o.k.? Bis dahin mußt Du alleine klar kommen.
Ist schon o.k.. Tut mir leid, dass ich Dir so viele Umstände mache, gab er zurück und brachte ein kleines Lächeln zu stande.
Mach Dir darüber mal keine Gedanken. Also dann...bis heute Nachmittag, ja?
Ja, viel Spaß und zeig den Kids wo es lang geht.
Ich werde mein bestes geben, lächelte ich, drückte ihm einen flüchtigen Kuß auf die Stirn und machte mich dann auf den Weg in die Schule.
Ich stieg in den Bus, ging nach hinten bis zur letzten Reihe und lies mich am Fenster auf meinen Stammplatz fallen.
Die Außenbezirke von L.A. rauschten an mir vorbei, aber gedanklich war ich immer noch bei A.J. und dem Umstand, dass er jetzt gerade bei mir zu Hause saß.
Wir kannten uns schon seit wir klein waren. Wir hatten zusammen die Grundschule besucht und waren danach auf die gleiche Highschool gewechselt. Doch im Gegensatz zu ihm, war ich danach aufs College gegangen um Lehrerin zu werden, während er ins Musikgeschäft einstieg und sich zusammen mit den anderen Jungs von den Backstreet Boys an die Spitze der Charts arbeitete.
In all den Jahren hatten wir uns nie aus den Augen verloren. Auch wenn manchmal ein ganzes Jahr verging, in dem wir uns weder hörten noch sahen, so war doch diese innere Verbundenheit jedes Mal wieder da, wenn er unerwartet bei mir anrief, oder, so wie gestern Nacht, bei mir vor der Tür stand.
Wir waren Freunde, wirklich gute Freunde und im Laufe der Zeit lernte ich mit dem Gefühl zu leben, dass wir niemals mehr sein würden.
Ich erinnerte mich noch an den Tag, als ich in das Musikzimmer der Schule platzte, in dem A.J. einsam und verlassen auf einem Stuhl saß, einige Notenblätter in der Hand hielt und leise vor sich hin sang.
Die Sonne fiel durch die Oberlichter herein und tauchte den Raum in goldenes Licht und seine Stimme, obwohl ganz leise, schien den Raum komplett aus zu füllen.
Ich stand mucksmäuschen still und hatte das Gefühl, ich sehe ihn zum ersten Mal. Seine Augen, die er geschlossen hielt, während er eine Note nach der anderen sang, sein dunkles Haar, das damals schon fast jede Woche die Farbe wechselte, sein magerer Körper, dem man nur dann die Muskeln ansah, wenn er kein Shirt anhatte, die etwas zu groß geratene Nase, die er sich manchmal Gedanken verloren rieb wenn er angestrengt nachdachte...das alles fiel mir in diesem Moment auf und so hatte es sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt.
Natürlich gab es für uns beide nie eine Chance. Wir waren eben nur Freunde und so sehr ich mich in der Anfangszeit auch bemühte, er hatte niemals mehr in mir gesehen.
Vielleicht war es auch gerade dieser Umstand, der ihn immer wieder zu mir führte. Bei mir brauchte er sich nicht verstecken, mich mußte er nicht beeindrucken, bei mir konnte er einfach er selbst sein.
Tja, und wie so oft in seinem Leben, steckte er mal wieder bis zum Hals im Schlamassel.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich ihm da heraus helfen sollte. Das mit Sarah war schon schlimm genug, was mir allerdings noch mehr Sorgen machte, war seine Trinkerei.
Vor ungefähr zwei Jahren hatte er mich von irgendeinem Hotelzimmer aus angerufen.
Ich hätte ihn beinahe nicht erkannt, so anders klang seine Stimme. Er weinte und schluchzte und versuchte mir zu erklären, dass er ein wirkliches Problem hatte.
Frauen, Alkohol, Drogen...die ganze Palette. Ich redete fast eine ganze Stunde auf ihn ein, überzeugte ihn, mit seinen Jungs von der Band zu reden und schließlich konnten die ihn dazu bewegen, in eine Therapie ein zu willigen.
Wie üblich hörte ich danach lange Zeit nichts mehr von ihm.
Ich zog nach L.A., da mir dort eine gute Stelle angeboten wurde und ich einfach einen Ortswechsel dringend nötig hatte.
Nach dem Tod meiner Mutter gab es nicht mehr viel, was mich in Florida hielt. Sie war an einem Herzinfarkt gestorben und wie sich einige Zeit später bei einer Routinekontrolle heraus stellte, hatte ich das gleiche, winzige Loch im Herzen geerbt. Es war nicht wirklich schlimm. Ich mußte lediglich ein paar Medikamente einnehmen, die mein Blut verdünnten und mich von solchen Dingen wie Fallschirmspringen oder meinem Sportstudium verabschieden.
Eine Weile hatte ich daran zu knabbern, aber schlußendlich war Englisch und Musik die bestmögliche Wahl. Ich liebte meinen Beruf, auch wenn ich ab und zu ganz schön mit den kleinen Biestern meiner Klasse zu kämpfen hatte.
Doch L.A. war großartig. Pulsierend, aufregend, aber auch ruhig und, wenn man das wollte, einsam.
Ich war ungefähr zwei Monate in L.A., als ich A.J. mitten in der Stadt über den Weg lief.
Wir feierten unser Wiedersehen mit einem romantischen Essen, Kerzenschein und Orangensaft und er erzählte mir, wie glücklich er war, sein Leben wieder im Griff zu haben und dass er seine Traumfrau gefunden hatte.
Ich war hin und her gerissen zwischen Freude, ihn so glücklich zu sehen und der Traurigkeit, ihn endgültig an eine Andere verloren zu haben.
Doch am Ende überwog die Freude. Wenn es ihm gut ging, ging es mir auch gut.
Tja ... und dann wieder keinen Ton ... bis gestern.
Für mich war klar, dass er so lange bleiben konnte, wie er brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen. Länger würde ich ihn sowieso auch diesmal nicht halten können.
Wie ich A.J. McLean kannte, würde das nicht lange dauern. Er war ein Kämpfer und dafür erschaffen, immer wieder auf zu stehen, was nicht hieß, dass er immer fest mit beiden Beinen im Leben stand.
Kapitel 3