Kapitel 1

Ich erwachte schlagartig und versuchte zu ergründen, was mich um drei Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen hatte. Durch das Fenster fiel fahles Mondlicht und tauchte mein Schlafzimmer in diffuses Licht.
Aufrecht im Bett sitzend, horchte ich in das Haus hinein. Einbrecher?
Während ich leise aus meinem Bett kletterte, versuchte ich mein wie wild schlagendes Herz zu beruhigen und zog dann lautlos den Baseballschläger hinter der Tür hervor. Den Bruchteil einer Sekunde später wußte ich, was mich so unsanft geweckt hatte. Irgendetwas – irgendjemand – hämmerte gegen die Haustür und rief meinen Namen.
Gut, Einbrecher konnte ich wohl streichen. Trotzdem fasste ich das glatte Holz des Schlägers etwas fester und trat aus dem Schlafzimmer im ersten Stock hinaus auf die Galerie.
Inzwischen hellwach betätigte ich den Lichtschalter und die gleißende Helligkeit stach mir schmerzhaft in die Augen.
Ich hoffte, dieser Jemand, der mittlerweile den Klingelknopf gefunden zu haben schien, hatte eine wirklich gute Ausrede für diese nächtliche Störung, sonst konnte er was erleben! Ich sah hinunter auf den Baseballschläger in meiner Hand. Es konnte nie schaden, auf alles vorbereitet zu sein.
Ich beeilte mich, die Stufen in den Flur hinunter zu kommen, da mittlerweile der nächtliche Störenfried sowohl gegen die Tür hämmerte, als auch klingelte. Mein Schädel begann vehement gegen diese lauten Geräusche zu protestieren und mit Schwung riss ich die Hautür auf.
„Was zum Teufel...,“ rief ich aufgebracht ... doch weiter kam ich nicht. Ich stand da in meinem Nachthemd, den Baseballschläger zum Schlag erhoben und sah ein kleines Häufchen Elend im Türrahmen lehnen.
„Oh mein Gott A.J., was ist passiert?“ rief ich, lies den Baseballschläger unbeachtet zu Boden fallen und fing den Mann vor mir gerade noch auf, bevor er der Länge nach auf die Fliesen schlagen konnte.
„Sie hat mich verlassen,“ nuschelte er und versuchte sich krampfhaft, an mir fest zu halten „kannst Du Dir das vorstellen Sam? Mich! Verlassen! Einfach so.“
Er roch nach Alkohol und Zigarettenqualm und sein Gesicht war vor Tränen ganz nass.
„Jetzt komm erst einmal herein,“ sagte ich sanft und dirigierte ihn mit einiger Mühe durch den Flur ins Wohnzimmer, wo er schwer auf die Couch viel und direkt zur Seite kippte. Einen Moment sah ich noch verwirrt auf ihn hinunter - das dunkle verstrubbelte Haar, der muskulöse, schmale Körper, die tätowierten Arme, die er jetzt um sich schlang und sein ausdrucksstarkes Gesicht, das er gerade im Kissen vergrub - das alles war mir so vertraut und doch war es jedes Mal so, als sehe ich ihn zum ersten Mal.
Ich schüttelte leicht den Kopf um wieder ins Hier und Jetzt zu finden, dann ging ich zurück in den Flur, schloß die Haustür und wandte mich danach in Richtung Küche um Kaffe auf zu setzten.
Währenddessen arbeitete mein Verstand auf Hochtouren.
A.J. tauchte immer nur bei mir auf, wenn es sich tatsächlich um eine Katastrophe handelte. Wenn er davon sprach, dass Sie ihn verlassen hatte, konnte es sich wohl nur um Sarah handeln und das war gar nicht gut.
Sie wollten doch in ein paar Wochen heiraten!
Hinzu kam, dass er ganz offensichtlich komplett betrunken war und das, obwohl er eigentlich vor einem Jahr mit dem Trinken aufgehört hatte.
Ich schaute um die Ecke ins Wohnzimmer, wo A.J. sich mittlerweile aufgesetzt hatte und unter höchster Konzentration versuchte, sich eine Zigarette an zu zünden.
Ich kramte einen Aschenbecher aus dem hintersten Regal meines Schrankes und ging zu ihm hinüber.
Ich stellte den Aschenbecher vor A.J. auf den Tisch und setzte mich dann neben ihn auf die Couch.
„Eine Katastrophe,“ krächzte er als hätte er meine Gedanken mit angehört, „eine Katastrophe auf der ganzen Linie so zu sagen,“ setzte er hinzu, blies eine Rauchschwade in die Luft, legte dann die Zigarette mit zitternder Hand in den Aschenbecher und sah mich mit blutunterlaufenen Augen an.
„Sie hat tatsächlich ihre Sachen gepackt und ist gegangen,“ eine Träne rollte dabei über seine Wange und dann setzte er etwas leiser hinzu „es tut mir so leid.“
„Es ist o.k.,“ versuchte ich ihn zu beruhigen, während er seinen Kopf auf meine Schulter legte.
Ich schlang meine Arme um ihn und wiegte ihn sacht hin und her „es ist alles gut,“ flüsterte ich und streichelte ihm sanft über den Rücken, während er in meinen Armen weinte wie ein kleines Kind.
„Ich habe alles kaputt gemacht,“ schluchzte er „ich bin zu nichts zu gebrauchen. Das größte Arschloch, das auf Gottes weiter Welt wandelt. Ich...,“ der Rest ging in einem erneuten Schluchzer unter.
„Hey...mal ganz langsam, o.k.? Du bist doch A.J. McLean, oder?“ Er nickte ohne auf zu sehen, sein gesamter Körper zitterte.
„Der McLean, der mir beigebracht hat, wie man einen Basketball richtig in einen Korb wirft.“ Wieder nickte er.
„Der McLean, der diesen Bobbie in der fünften Klasse verprügelt hat, weil er mir unter den Rock geschaut hat.“ Wieder nickte er und sein Schluchzen wurde leiser.
„Der McLean, der mich getröstet hat, als meine Mum starb und mir geholfen hat, danach wieder auf die Beine zu kommen.“
Seine Arme schlangen sich um mich und er presste sein Gesicht noch fester an meine Schulter.
„Der McLean,“ flüsterte ich „der diese wundervolle Stimme hat und damit alle Mädchenherzen höher schlagen lässt und der McLean, an den ich immer geglaubt habe und der seinen Weg immer gemacht hat.“
„Ich befürchte,“ sagte er leise „diesen McLean gibt es nicht mehr.“
„Oh doch, den gibt es noch. Du mußt nur genau hin sehen.“
Er lies mich vorsichtig los und richtete sich auf.
„Sieh mich an,“ forderte er „denkst Du, dass das der McLean ist, den Du kennst?“
Ich legte den Kopf schief und sah ihm fest in die Augen „im Moment ist dieser McLean schwer betrunken und weiß nicht mehr so genau, was er sagt, aber doch...ich denke, er ist es noch.“
„Dann bist Du die Einzige, die das so sieht,“ sagte er und lies sich mit einem unendlich resignierten Seufzer zurück in die Polster sinken.
„Ich schlage vor, Du trinkst jetzt erst einmal einen Kaffe und dann erzählst Du mir genau, was passiert ist, o.k.?“
„Ein Whisky wäre mir lieber,“ sagte er und sah mich hoffnungsvoll an.
„Vergiss es. Kein Alkohol. Nicht bei mir.“
Er nickte „ich habe auch nichts anderes erwartet.“
„Und trotzdem bist Du hier,“ grinste ich, stand auf und ging in die Küche.
Als ich wenig später mit zwei Tassen zurück kam, zog er gerade an seiner Zigarette und musterte mich durch den Rauch hindurch. Er schien sich mittlerweile etwas beruhigt zu haben.
„Was wolltest Du eigentlich mit dem Baseballschläger?“ fragte er.
„Hey...ich wohne alleine. Man weiß nie welche Verrückten morgens um drei Uhr vor der Tür stehen.“
„Tut mir leid,“ sagte er zerknirscht, während ich ihm eine Tasse reichte.
„Ach, ist schon in Ordnung. Für gute Freunde mache ich gerne eine Ausnahme.“
„Bin ich das...ich meine...ein guter Freund?“ fragte er und ich sah Angst in seinen Augen aufglitzern.
„Hast Du eine Beule am Kopf?“
Er tastete vorsichtig seinen Hinterkopf ab und schüttelte dann den Kopf „nein, sieht nicht so aus.“
„Na also.“
Einen Moment sah er zu mir hinüber, dann legte sich ein Lächeln auf sein Gesicht „Du änderst Dich nie, was?“
„Du würdest Dich wundern,“ gab ich zurück und kuschelte mich dann im Schneidersitz auf die Couch.
„Willst Du mir erzählen, was passiert ist?“
Er nippte an seinem Kaffee und starrte vor sich hin ins Leere.
„Ich habe Sarah betrogen,“ er sah zu mir hinüber, um meine Reaktion zu testen, doch ich blieb ganz ruhig. Was auch immer passiert war, er hatte seine Gründe dafür, auch wenn es in seinem Fall durchaus möglich war, dass es keinen Grund gab, den ein „normaler“ Mensch verstand.
„Dieses...Mädchen...sie war...eine von den Leuten bei den anonymen...Du weißt schon.“ Ich nickte. Seit einem Jahr besuchte er die anonymen Alkoholiker und bisher war ich eigentlich der Meinung gewesen, dass ihm das sehr gut tat.
„Es...hat mir nichts bedeutet, weißt Du? Ich...bin einfach ein abgewragter Idiot,“ er fuhr sich mit der freien Hand durch das Haar und schüttelte dann den Kopf „Glaub mir, ich kenne niemanden, der sich ähnlich idiotisch verhält. Ich habe die Liebe meines Lebens und werfe sie weg für eine...dahergelaufene...dreckige Schl...“
„Ich verstehe schon,“ unterbrach ich ihn schnell, bevor er sich in irgendwelche Hasstiraden hinein steigern konnte.
„Sie hat Sarah angerufen und ihr alles erzählt.“
„Also hast nicht Du es Sarah gesagt?“
„Nein.“ Wieder ein abgrundtiefer Seufzer und ich begann langsam zu verstehen, auf was das alles hinaus lief.
„Ich habe sie noch nie so wütend erlebt,“ sagte er leise und vor seinem geistigen Auge schien noch einmal das ganze Geschehen ab zu laufen.
„Was hast Du erwartet?“ fragte ich und versuchte meinem Ton die Schärfe zu nehmen. Genauer betrachtet, hatte er seine gerechte Strafe bereits erhalten.
„Ich weiß...ich bin ein riesiger Vollidiot.“
„Das sagtest Du bereits.“
„Was soll ich denn jetzt tun?“
Er sah mich an, als hätte ich irgendwo die Ideallösung parat und bräuchte sie nur aus meinem nicht vorhandenen Hut zu zaubern. Sein Blick war mittlerweile wieder etwas klarer und er sprach mit fester Stimme.
„Du kannst gar nichts tun,“ sagte ich und legte ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm.
„Aber ich kann doch nicht einfach zu sehen, wie sie aus meinem Leben verschwindet.“
„Es tut mir ja leid, Dir das sagen zu müssen, aber darüber hättest Du vorher nachdenken sollen.“
„Ich weiß...Goooooott, wie konnte ich nur...,“
„Hör auf A.J., es ist vorbei. Du kannst es nicht ungeschehen machen. Du kannst nur hoffen, dass Eure Liebe so stark ist, dass sie das irgendwie überlebt.“
„Hast Du mir nicht richtig zu gehört?“ fragte er entgeistert „sie ist weg...ausgezogen...finito...hat ihre Sachen gepackt und ist auf nimmer Wiedersehen verschwunden.“
„Vielleicht beruhigt sie sich ja wieder und in ein paar Tagen könnt ihr ganz vernünftig darüber reden.“
„Du kennst Sarah nicht,“ sagte er und starrte in seine Kaffeetasse.
„Du hast recht, ich kenne sie nicht,“ gab ich zurück.
Es war typisch für unsere Freundschaft...wenn es ihm gut ging, hörte ich so gut wie nie etwas von ihm. Somit hatte ich auch Sarah nie kennen gelernt.
Er schüttelte den Kopf. Er schien immer noch zu versuchen den Umstand zu begreifen, dass sie tatsächlich gegangen war.
Ich gähnte ausgiebig und sah ihn an. Was wir beide jetzt dringend brauchten war Ruhe. Alles andere konnten wir auch morgen klären.
„Das Gästezimmer wie üblich?“ fragte ich lächelnd und er sah dankbar zu mir hinüber.
„Wenn es Dir nichts ausmacht?“
„Hey...wozu sind Freunde denn sonst da?“ fragte ich zurück und er lächelte schwach.
„Ich danke Dir...wirklich...ich hätte nicht gewußt, wo ich sonst hin sollte.“
„Ist schon in Ordnung,“ entgegnete ich und klopfte ihm etwas verlegen auf die Schulter.
Dann stand ich auf um ihm sein Bett zu beziehen. Es war unglaublich. Wieder ein Mal war A.J. McLean wie ein Wirbelsturm in mein Leben eingebrochen und ich wußte noch nicht genau, ob ich mich darüber freuen oder traurig sein sollte, dass es mal wieder einer Katastrophe bedurft hatte, damit er sich an mich erinnerte.

Kapitel 2