Kapitel 46
Erwachen
Dunkle Augen funkelten mich an, während ich versuchte mich aus dem harten Griff um meinen Arm zu befreien. Ein gemeines Grinsen erschien in der Dunkelheit und eine tiefe Stimme sprach zu mir. Es hat keinen Sinn Rebecca. Du weißt nicht, wie man mit einer Waffe umgeht, du bist verletzt und deine Freunde sind alle tot. Was willst du nun also tun?
Davonlaufen. Ja, das war die Lösung. Ich mußte ihr weg.
Ich versuchte mich loszureißen, zog und zerrte an den unsichtbaren Fesseln, die mich festhielten. Plötzlich war ich frei. Ich kam taumelnd auf die Füße und stand mitten auf der großen Straßenkreuzung, um die herum das Hauptquartier der Fachats lag. Die Gebäude brannten, um mich herum lagen unzählige Leichen und als ich etwas genauer hinah, konnte ich Nick, AJ und Kevin erkennen, die blutüberströmt zu meinen Füßen lagen.
Du hast sie getötet, flüsterte eine Stimme nahe an meinem Ohr. Und nun bist du ganz alleine. Du wirst sterben. So wie sie.
Ich hörte ein metallisches Klicken und Angst schnürte mir die Kehle zu. Mein Atem ging stoßweise und aus einem Reflex heraus warf ich mich herum und rannte los. Ich legte meine gesamte Energie, meine letzten Kraftreserven in diese Handlung, stemmte die Füße gegen den Boden und versuchte vorwärts zu kommen, doch irgendetwas hielt mich mit aller Macht zurück.
Ich schrie, versuchte einen Fuß vor den anderen zu setzen und hatte dabei das Gefühl, dass ich gegen unnachgibige Schlingpflanzen ankämpfte, die sich um meine Knöchel geschlungen hatten und die mich unaufhaltsam in mein Verderben zogen.
Du bist tot! hörte ich die Stimme erneut und dann einen lauten Knall.
Neiiiiin! Mit einem Schrei auf meinen Lippen schreckte ich in die Höhe.
Hey, alles in Ordnung. Ich bin hier, hörte ich eine Stimme, doch sie war der Stimme aus meinem Traum so verdammt ähnlich, dass ich ängstlich zurück wich.
Um mich herum war es dunkel und unglaublich ruhig. Zu meiner Linken konnte ich ein Rechteck aus diffuser Helligkeit ausmachen, die allerdings nicht das Bett erreichte in dem ich lag. Etwas hartes umklammerte meinen Arm und als ich darauf hinunter blickte, sah ich das strahlende Weiß eines frischen Gipses. Eine dunkle Silhoutte saß bei mir und versuchte mich zu beruhigen.
Rebecca, hab keine Angst. Ich bin es doch bloß.
Die Angst aus meinem Traum verflüchtigten sich ganz langsam und ich war in der Lage, meine Umgebung klar und deutlich wahr zu nehmen.
Ich war nicht mehr bei den Fachats. Das hier war das Walldorf Astoria. Ich war zu Hause. Und nicht allein.
Nick? fragte ich flüsternd.
Ja?
Ist es vorbei?
Ja, das ist es.
Erleichterung überflutete mich, meine Hände begannen zu zittern und ganz langsam rutschte ich zurück unter die Laken.
Das ist gut, entgegnete ich leise.
Ja, das ist.
Wie ... wie geht es dir? Erst jetzt fiel mir ein, dass die Möglichkeit bestanden hatte, dass er tot war.
Ganz gut eigentlich. Mein Bein hat etwas abbekommen, aber der Doc meint, das bekommen wir in den Griff.
Und AJ? Erneut setzte ich mich erschrocken auf.
Es ... geht ihm gut.
Mir war sein kurzes Zögern nicht entgangen und misstrauisch blickte ich zu ihm auf. Ich konnte immer noch nicht mehr als einen dunklen Schatten erkennen und so war ich auch nicht in der Lage in seinen Augen zu lesen.
Sag mir die Wahrheit, forderte ich.
Das ist die Wahrheit. Es wird eine Weile dauern, bis er wieder herum springen kann, aber so wie es aussieht, hat er noch einmal Glück gehabt.
Seine Stimme war ungewohnt dunkel und rau. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.
Ich will ihn sehen, sagte ich also und schlug bereits das Laken zurück nur um festzustellen, dass ich nur meine Unterwäsche trug und von plötzlicher Scham befallen, deckte ich mich schnell wieder zu.
Du kannst später zu ihm. Du solltest dich jetzt ersteinmal ausruhen, sagte Nick und drückte mich sanft aber mit Nachdruck zurück in die Kissen.
Eine Weile schwiegen wir. In meinem Kopf tauchten Fetzen von Bildern auf: AJ, der bis zur Unkenntlichkeit verprügelt in der Ecke des Kellers lag, die verdrehte Gestalt von Rachel, Kevin, mit erhobenen Hände in der Mitte des Platzes, Stattlers dunkle Stimme die ich hab dich sagte und Nick, der sich wie ein Verrückter auf Hakim Fachat stürzte.
Was ist da draußen passiert? fragte ich leise und sah zu Nick auf.
Er zuckte die Schultern. Ich denke, Hakim hat das bekommen, was er verdient hat. Er ist diesmal einfach einen Schritt zu weit gegangen.
Was hat er mit euch angestellt?
Nick schwieg und ich dachte schon, er würde gar nichts mehr sagen, doch schließlich hörte ich erneut seine leise Stimme. Das ist im Moment nicht wichtig. Wichtig ist, dass du und AJ wieder ganz gesund werdet. Danach sehen wir weiter.
Und was ist mit dir?
Mein Bein wird heilen, kein Problem.
Das meine ich nicht.
Ich weiß.
Wir schwiegen erneut und so langsam breitete sich in mir so etwas wie Freude aus. Wir hatten es geschafft! Nick war hier, AJ würde auch wieder auf die Beine kommen und Kevin war ... ja, was war mit Kevin eigentlich?
Kevin? Wo ist er jetzt?
Er ist oben bei Thali und Nashril. Es geht im gut.
Gott sei Dank. Ich ... ich fühle mich so ... verdammt schuldig, dass Hakim mich erwischt hat. Er ... ,
Du kannst nichts dafür Rebecca, widersprach Nick. Außerdem denke ich, dass uns kaum etwas besseres zu diesem Zeitpunkt passieren konnte. Wir hatten die Fachats zum großen Teil unter Kontrolle, nur Hakim fehlte noch. Er dachte wohl, mit dir als Schutzschild könnte ihm nichts passieren, dabei war es sein größter Fehler sein Versteck zu verlassen. Wir hätten ihn vielleicht nie gefunden, wenn er sich einfach abgesetzt hätte.
Sein Tonfall war äußerst grimmig und ich konnte die Verachtung spüren, die er für diesen Mann empfand.
Es tut mir leid, sagte ich leise.
Es muß dir nicht leid tun.
Nein ... ich meine ... was ich damals zu dir gesagt habe. Dass du feiwillig zu den Fachats gegangen bist und dass das keine Entschuldigung für dein Verhalten ist. Das ... tut mir leid.
Nick seufzte leise. Im Grunde hattest du recht. Ich hätte schon viel früher etwas gegen ihn unternehmen sollen, aber Kevin war immer der Meinung, dass wir versuchen sollten friedlich mit einander auszukommen.
Sicherlich hatte er damit irgendwie recht. Ich weiß nur nicht ... ich glaube nicht, dass ich es dort so lange ausgehalten hätte.
Ich hatte Nashril und Sahid. Sie waren mein zu Hause.
Er klang traurig, während er das sagte und in mir regte sich ein schrecklicher Verdacht. Was ist mit ihnen? Geht es ihnen gut? Ist alles in Ordnung bei euch?
Lass uns nicht jetzt darüber reden, okay? Ich ... leg dich hin, schließ die Augen und ruh dich aus.
Aber ... ,
Nein, er schüttelte den Kopf. Später.
Ich wußte nicht, was ich noch sagen sollte, als rutschte ich etwas tiefer und kuschelte mich in die Decke.
Möchtest du hier bleiben? fragte ich leise.
Ich werde mich in den Sessel da drüben setzen und ... ,
Nein, ich meine ... , ich hob die Decke an und sah zu ihm auf.
Ich halte das für keine sehr gute Idee Rebecca. Das ist ... ,
Ich will doch nur ... ich möchte nicht alleine sein, verstehst du? Lass uns einfach nur wie Freunde zusammen sein, ja? Bettelte ich.
Er seufzte, fuhr sich einmal durchs Haar und blickte dann wieder auf mich hinunter.
In Ordnung, sagte er dann und während ich ein Stück zur Seite rückte krabbelte er unter die Decke und legte vorsichtig seine Arme um mich.
Ich bin so froh, dass du nicht tot bist, flüsterte ich.
Ich bin mir da noch nicht so sicher, entgegnete er.
Aber du bist doch hier. Ich meine ... ,
Ich meinte, ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich froh darüber sein soll, dass ich noch lebe. Im Moment ist alles ... ziemlich schwierig.
Dann rede mit mir darüber, vielleicht kann ich dir helfen.
Er seufzte erneut und ich spürte, wie er den Kopf schüttelte. Da muß ich alleine durch. Lass uns bitte nicht mehr darüber reden. Ich möchte einfach nur ... ein bißchen Ruhe und ... Sicherheit. Ja, das möchte ich.
In Ordnung, gab ich nach und legte meinen eingegipsten Arm vorsichtig auf seinen Bauch.
Ich spürte, wie er sanft über meinen Rücken strich, hörte seinen gleichmäßigen Atemzügen zu und wurde davon ganz sanft in den Schlaf gelullt. Doch kurz bevor ich wirklich fest eingeschlafen war, mischte sich ein neues Geräusch in die Stille. Ich brauchte einen Moment um mich zu orientieren und zu lokalisieren, woher es kam, als mir schließlich aufging, dass Nick dieses Geräusch verursachte, weil er leise weinte.
Ich zog ihn noch etwas enger an mich, versuchte ihm Wärme und Stärke zu geben, während er sein Gesicht in meinem Haar versenkte und von leisem Schluchzen geschüttelt wurde.
Es wird alles wieder gut, redete ich leise auf ihn ein. Du bist hier in Sicherheit, niemand kann dir etwas tun. Alles andere hat Zeit.
Es dauerte eine ganze Weile bis er sich wieder beruhigte. Draußen vor dem Fenster erhob sich die Sonne um einen neuen Tag in ihre schmutziges Licht zu tauchen, während wir beide langsam einschliefen um uns noch nicht sofort der neuen Zukunft stellen zu müssen.
Kapitel 47