Kapitel 45
Showdown

Der Keller war wie ausgestorben. Ich drückte mich um einige Ecken, lief lange Gänge entlang und rechnete dabei immer damit, dass Soldaten auftauchen und auf mich schießen würden. Doch seltsamer Weise passierte dies nicht.
Unbehelligt erreichte ich das Treppenhaus. Hier wurden die Geräusche von draußen lauter. Immernoch hallten vereinzelte Schüsse durch die Nacht und ich hätte alles dafür gegeben um zu wissen, wie es draußen aussah, ob Kevin und Mayo es geschafft hatten und wo ich am schnellsten Hilfe herbekam.
Während ich noch unschlüssig am Treppenabsatz stand und hinauf blickte, wo ein schwacher Lichtschimmer mich geradezu dazu einlud darauf zu zu gehen, spürte ich plötzlich ein tiefes Grollen unter meinen Füßen. Der Boden vibrierte und gleich darauf zerriss eine ungeheurer Explosion die Nacht. Der schwache Lichtschimmer über mir erstrahlte plötzlich in einem gleißendem Weiß, Staub und kleine Steinchen rieselten auf mich hinunter und aus einem Reflex heraus lies ich mich zur Seite fallen.
Ängstlich robbte ich in den kleinen Zwischenraum unter der Treppe. Zwei weitere Explosionen folgten, ließen die Erde erzittern und mich noch kleiner werden. Scheinbar hatten es die Beobachter doch noch geschafft das Waffenlager zu erreichen und in die Luft zu jagen. Vielleicht war das das Ereigniss, das uns den entscheidenden Vorteil verschaffte. Doch auch dieser Gedanke konnte die rasenden Angst in meinem Herzen nicht stoppen. Ich wimmerte leise und zog mich so weit wie möglich in den Schatten der Treppe zurück.
Ich wollte hier raus, nach Hause zu meinen Eltern, zurück in meine behütete Welt in der ich aufgewachsen war und wo der Gedanke an Soldaten, die auf mich und meine Freunde schossen so unwirklich war, wie die Möglichkeit, dass der heilige Geist plötzlich vor mir auftauchte.
Die Panik, die ich die ganze Zeit in den hintersten Winkel meines Gehirns verdrängt hatte, war nun wieder voll da. Sie umklammerte mein Herz mit festem Griff, lies meinen Körper zittern und trieb mir die Tränen der Verzweiflung in die Augen. Was sollte ich nur tun? War denn niemand hier, der mir helfen konnte?
Mir wurde schwindlig, mein Arm tat höllisch weh und wie ein kleines Kind saß ich in der Ecke und schluchzte. Deshalb hörte ich die Schritte auch viel zu spät. Erst als das Paar schwarzer Armeestiefel vor meinen Augen auftauchte verstummte ich und ich meinte, dass mir das Herz vor Schreck aus der Brust springen mußte.
Eine Gestalt beugte sich zu mir hinunter unter die Treppe. Als ein Arm hervor schnellte und mich packte, schrie ich auf, versuchte mich zu wehren, doch ich hatte der männlichen Kraft, die an mir zerrte, nichts entgegen zu setzen. Panisch versuchte ich das Maschinengewehr an mich zu bringen, doch bevor ich es überhaupt erreichten konnte, wurde mir der Riemen von der Schulter gerissen.
„Na, wen haben wir denn da?“ hörte ich eine dunkle, männliche Stimme und als ich schließlich hochgerissen wurde, starrte ich direkt in schwarze, glühende Augen. Der Mann war nicht viel größer als ich, doch er strahlte so viel Härte und Autorität aus, dass ich mich unwillkürlich klein und schwach fühlte.
Ein blutiger Striemen zog sich über seine Stirn, seine schmalen Lippen waren fest zusammengepresst und seine Augen musterten mich kalt.
„Du siehst nicht so aus, als hättest du schon jemals ein Gewehr in den Händen gehalten,“ stellte er fest.
Ich versuchte mich loszureißen und davon zu laufen, doch er packte mich ohne Umschweife an meinem verletzten Arm und der Schmerz lies mich aufschreien und in die Knie gehen.
„Ich könnte dich hier auf der Stelle töten,“ knurrte der Mann und beugte sich dabei tief zu mir hinunter. „Aber ich werde es nicht tun und weißt du warum?“
Ich war nicht in der Lage zu Antworten. Jede noch so kleine Bewegung schickte eine Salve glühenden Schmerzes durch meinen Körper und so blieb ich einfach geduckt vor ihm hocken.
„Ich werde dir sagen wieso,“ fuhr der Mann ungerührt fort. „Weil du meine Lebensversicherung bist. Meine Fahrkarte in die Freiheit sozusagen. Richardson ist einfach zu weich für sowas. Er wird nicht auf dich schießen und wird mich somit gehen lassen müssen.“
Ein Grinsen erschien auf seinen harten Gesichtszügen, doch dieses Grinsen hatte nichts freundliches an sich. Es erinnerte mich an einen Wolf, der seine Beute erspäht hatte und sich bereits darüber Gedanken machte, ob er mit einem Bein, der Kehle oder dem Herzen anfangen sollte.
Der Mann zerrte mich in die Höhe, wobei er Gott sei Dank meinen unverletzten Arm packte, wirbelte mich herum und hielt mich wie ein Schutzschild vor sich. Dann drängte er mich mit Nachdruck die Treppe hinauf. Von draußen drangen lautes Rufen und Schreie an mein Ohr. Geschossen wurde scheinbar nicht mehr.
Als wir den oberen Treppenabsatz erreichten, stand immer noch der Staub von der Explosion im Raum und verlieh ihm damit ein unheimliches und beinahe unwirkliches Aussehen.
Ich wurde von der Gestalt in meinem Rücken in Richtung Tür gedrängt und in die rechteckige Öffnung geschoben. Gleich darauf brüllte der Mann hinter mir in mein Ohr. „Richardson! Hey Richardson sieh her. Ich habe eines deiner Kücken eingefangen, was sagst du dazu?“
Draußen blieb es still. Der Staub legte sich ganz langsam und gab den Blick auf die zerstörte Straßenkreuzung frei. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes klaffte ein großes Loch, da wo bis vor kurzem noch das niedrige Gebäude des Waffenlagers gestanden hatte. Trümmer lagen überall herum, hier und da züngelten noch Flammen an alten Holzbalken hinauf und über allem hing der ekelerregende Geruch nach vebranntem Fleisch.
Dazwischen konnte ich reglose Körper ausmachen. Wo man hinblickte lagen Menschen reglos auf dem Boden, Gestalten huschten dazwischen herum oder duckten sich hinter Schuttbergen.
„Richardson!“ schrie der Mann in meinem Rücken erneut.
Für einen Augenblick blieb es still, dann hörte ich die gedämpfte Stimme von Kevin und vor Erleichterung wurden meine Knie ganz weich.
„Was willst du Hakim?“ rief er.
„Ich will, dass ihr euch zurück zieht. Die Schlacht ist zu Ende.“
„Ich gehe nur dann, wenn du mir Nick und AJ aushändigst,“ rief Kevin zurück.
Doch das entlockte Hakim Fachat nur ein trockenes Lachen. „Vergiss es. Sie sind meine Gefangenen. Der elene Hurensohn hat mich verraten und der andere ... nun ... sagen wir, ich behalte ihn als Pfand.“
„Nein Hakim, so kommen wir nicht weiter.“
Meine Augen huschten über den Platz, versuchten auszumachen wo Kevin sich aufhielt, doch alles was ich wahrnahm war seine Stimme, die unheimlich körperlos über den Platz zu uns herüber schwebte.
„Lass sie laufen Hakim. Sie hat mit unserem Krieg nichts zu tun.“
„Falsch! Jeder hat mit diesem Krieg etwas zu tun Richardson. Sie ist in mein Haus eingedrungen, mit einer Waffe in ihren Händen. Sie wird sterben.“
Ich hörte ein metallisches Klicken und gleich darauf wurde mir der Lauf des Maschinengewehrs an die Schläfe gedrückt.
„Ich gebe dir eine letzte Chance,“ rief Hakim. „Komm aus deinem Versteck und lass uns kämpfen wie zwei Ehrenmänner.“
„Wer garantiert mir, dass mich nicht du oder einer deiner Männer gleich erschießen?“
„Nun, die Garantie kann dir wohl keiner geben,“ erwiderte Hakim amüsiert.
„Lass sie erst laufen.“
„Ich glaube, du verkennst den Ernst der Lage,“ rief Hakim, inzwischen mit einer unüberhörbaren Portion Wut in der Stimme. „Du bist nicht in der Lage irgendwelche Forderungen zu stellen.“
Auf dem Platz war es still geworden. Jeder schien den Schlagabtausch zwischen Hakim und Kevon zu verfolgen, niemand mischte sich ein.
„Ich zähle bis fünf. Wenn du bis dahin nicht aus deinem Versteck gekrochen kommst, wird die Kleine hier sterben.“
Meine Eingeweide schienen sich zu verflüssigen und ich begann zu schwanken. Ich konnte kaum Atmen, meine Augen waren so groß wie Untertassen geworden und huschten ängstlich von einer Ecke in die andere. Ich stand hier wie auf dem Präsentierteller. Wenn irgendjemand auf die Idee kam mich zu erschießen, konnte er kaum daneben zielen.
„EINS ... ,“ begann Hakim nun zu zählen. „ZWEI ... DREI ... VIER ... ,“ ein ängstliches Wimmern entrang sich meiner Kehle und ich schloss die Augen, überzeugt davon, dass ich in der nächsten Sekunde sterben musste, doch in diesem Moment hörte ich erneut Kevins Stimme.
„Okay, okay, du hast gewonnen.“
Vorsichtig öffnete ich die Augen wieder und sah, wie sich eine Gestalt mit erhobenen Händen aus dem Schatten eines Hauseingangs löste. Kevin schien unversehrt zu sein, wirkte allerdings äußerst angespannt.
„Nun lass sie gehen,“ sagte er, als er in der Mitte des Platzes angekommen war.
„Noch nicht.“ Hakim drängte mich vorwärts und achtete dabei darauf, dass ich seinen Körper ausreichend verdeckte, während er mit mir über den Platz auf Kevin zu ging.
Ich fühlte mich so unglaublich schuldig, dass ich kaum aufsehen konnte. Ich war schuld daran, dass Kevin nun ungeschützt auf diesem Platz stand, umzingelt von Fachats, die ohne Zweifel bereits auf ihn angelegt hatten. Was hatte ich mir nur dabei gedacht hier her mitzukommen? Warum hatte ich unbedingt den Helden spielen müssen? Sicherlich hätten die Beobachter AJ und Nick längst befreit, wenn ich ihnen nicht im Weg gestanden hätte. Vielleicht würde Julia noch leben, vielleicht ...
In diesem Moment nahm ich eine Bewegung zu meiner Rechten wahr und erschrocken zuckte ich zusammen. Was dann geschah, brannte sich wie in Zeitlupe und für alle Zeit in mein Gedächtnis ein.
Nick war wie aus dem Nichts aufgetaucht und fing nun an zu brüllen, als er sich auf den völlig überraschten Hakim warf. Ich wurde zu Boden gerissen und der Schmerz in meinem Arm explodierte augenblicklich in meinem gesamten Körper. Ich schrie und versuchte mich gleichzeitig auf den Rücken zu drehen.
Ein herum wirbelnder Fuß traf mich in die Seite und sämtliche Luft wurde aus meinen Lungen gepresst. Nicks Faust fuhr auf Hakims Gesicht herunter und traf ich mit voller Wucht. Dieser brüllte nun ebenfalls, bekam Nick irgendwie am Kragen zu fassen und schleuderte ihn von sich. Auf Händen und Knien kriechend versuchte ich etwas Abstand zwischen mich und die beiden Kämpfenden zu bringen.
Um mich herum entstand Bewegung. Gestalten tauchten auf, liefen über den Platz und auf die Kämpfenden zu. Jemand packte mich am Arm und riss mich in die Höhe. Ich schrie erneut und versuchte mich loszureißen, doch die Gestalt drückte mich an sich und gleich darauf vernahm ich die beruhigende, tiefe Stimme von Stattler in meinem Rücken.
„Alles in Ordnung Rebecca, ich hab dich,“ sagte er und zog mich einfach mit sich.
Mein Blick fiel auf Hakim und Nick, die mit ganzer Härter auf einander einschlugen. Ich wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton heraus. Von vorne näherte sich Kevin im Laufschritt, der versuchte die beiden zu erreichen, doch ein Schuß, der knapp vor seinen Füßen im Boden einschlug lies ihn zusammenzucken und sich flach auf den Boden werfen. Gleich darauf hörte man einen erstickten Laut und als ich mich umsah, brach gerade ein Soldat der Fachtas zusammen. Hinter ihm tauchte Mayo auf, der sich bückte und ein Messer aus dessen Rücken zog.
Mittlerweile waren Nick und Hakim wieder auf dem Boden gelandet und rollten hin und her, während sie versuchten, sich gegenseitig mit den Fäusten schmerzhafte Schläge zuzufügen.
Hakim tastete mit ausgestrecktem Arm um sich und mit großen Augen entdeckte ich das Maschinengewehr, das ich Rachel abgenommen hatte und das beunruhigend nahe neben ihm lag.
Mit letzter Kraft riss ich mich von Stattler los und spurtete los. Doch ich kam zu spät. Ich war noch zwei Schritte von ihm entfernt, da schloss sich Hakims Hand um den Griff des Gewehrs und mit ungeheurer Wucht schlug er dieses Nick über den Schädel. Dessen Gegenwehr erstarb augenblicklich. Behände stieß Hakim ihn von sich herunter, kam auf die Füße und legte auf ihn an.
In diesem Moment hatte ich ihn erreicht. Ich warf mich auf ihn und riss ihn von den Füßen. Die Gewehrsalve peitschte durch die Luft und ich landete unter ihm. Mein Kopf schlug schmerzhaft auf dem Pflaster auf und ich begann Sterne zu sehen. Benommen und unfähig mich irgendwie zu rühren blieb ich liegen. Hakim richtete sich auf, kam irgendwie auf die Knie und wirbelte herum. Unvermittelt blickte ich den Lauf des Maschinengewehrs.
„Du kleine Schlampe,“ presste er hervor und zog den Abzug. Ich schloss die Augen und als der Schuß durch die Nacht hallte, hatte ich ein leises Gebet auf den Lippen.
Doch zu meiner Überraschung spürte ich keinen Schmerz, stattdessen hörte ich einen dumpfen Laut und als ich vorsichtig die Augen wieder öffnete, lag Hakim neben mir, die Hände auf die Brust gepresst, während durch seine Finger Blut hervorquoll. Sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen grenzenloser Überraschung und Unglauben.
Schnelle Schritte näherten sich und in meinem Blickfeld tauchte Nicks Gesicht auf. Über sein Gesicht lief Blut und er schien etwas unsicher auf den Beinen zu sein.
„Rebecca? Mein Gott, ist alles in Ordnung?“ Ich konnte nicht sprechen, deshalb nickte ich langsam.
Er lies sich neben mir auf die Knie sinken.
„Leg mir einen Arm um die Schultern,“ sagte er und schob gleichzeitig seine Hände unter meinen Körper. Ich tat wie mir geheißen und spürte gleich darauf, wie sich seine Arme anspannten und er mich hochhob.
Neben uns tauchte Kevin auf. Er trat an Hakim heran und blickte auf ihn hinunter, in seiner Hand hielt er einen Revolver.
„Du ... ,“ presste Hakim hervor.
„Ich habe dir gesagt, dass ich nicht ohne die beiden gehen werde,“ sagte Kevin ruhig.
„Du ... hättest ... ,“ setzte Hakim an, doch dann packte ihn ein Hustenreiz. Er röchelte, spuckte Blut und erstarrte dann plötzlich. Während Hakim Fachat sein Leben aushauchte, trug mich Nick humpelnd über den Platz, hinüber zu einem schützenden Hauseingang.
„Nick ... AJ, er ist ... ,“ brachte ich irgendwie heraus.
„Schhhhh,“ machte dieser und schüttelte den Kopf. „Ich weiß. Wir werden uns gleich um ihn kümmern.“
Für einen Moment blickte ich noch zu ihm auf, registrierte jede Kleinigkeit in seinem Gesicht und spürte mein Herz vor grenzenloser Freude schneller schlagen. Nick lebte. Es ging ihm gut.
Nun endlich gestattete ich mir die Augen zu schließen und augenblicklich lies ich diese unwirkliche Welt hinter mir und driftete davon.

Kapitel 46