Kapitel 44
Verrat
Ich konnte nicht sehr lange bewußtlos gewesen sein. Als ich langsam wieder zu mir kam, hatte sich der Kampflärm von draußen nicht verändert. Er drang nur sehr gedämpft an mein Ohr, doch immernoch hallten Schüsse durch die Nacht und Schreie und lautes Rufen mischte sich in diese Geräuschkulisse.
Für einen ewig scheinenden Moment blieb ich schwer atmend auf dem Rücken liegen. Ich könnte einfach hier bleiben und abwarten, bis es draußen still wurde. Hier würde mich sicherlich niemand finden und für einen winzigen Moment fühlte ich mich annähernd sicher. Allerdings nur so lange, bis mich das laute Getrappel von schweren Stiefeln auf dem Betonboden in die Wirklichkeit zurück holten.
Die Geräusche entstanden irgendwo vor mir, schienen allerdings gedämpft zu sein. Mit großen Augen und wie wahnsinnig pochendem Herzen starrte ich in die Finsternis vor mir und registrierte mit einer gewissen Erleichterung, dass die Schritte nicht näher kamen. Leise stöhnend stemmte ich mich in die Höhe und fiel gleich darauf mit einem unterdrückten Schmerzenslaut zurück. Mein linker Arm brannte wie Feuer und trieb mir damit die Tränen in die Augen, sämtliche Knochen in meinem Körper protestierten gegen jede noch so kleine Bewegung die ich machte und in meinem Kopf hatte sich ein dumpfer Schmerz ausgebreitet. Verdammt, verdammt, verdammt!
Etwas vorsichtiger setzte ich mich auf, zog umständlich und mit vor Anstrengung zusammen gebissenen Zähnen meinen Pullover aus und band ihn mir als provisorische Schlinge um den Hals. Nachdem ich den Arm hinein gelegt hatte atmete ich zitternd aus. Was nun?
Die Waffe war irgendwo in der Dunkelheit verschwunden und obwohl ich mich bisher nicht mit ihr hatte anfreunden können, so vermisste ich sie in diesem Moment doch schmerzlich. Auch wenn ich keine Meisterschützin war, so hatte sie mir doch ein gewisses Gefühl der Sicherheit vermittelt.
Schwankend kam ich auf die Füße, tastete nach der Wand und lehnte meine erhitzte Wange dagegen. Ich fröstelte in meinem dünnen T-Shirt, während mir gleichzeitig der Schweiß den Rücken hinunter lief. Ich mußte weiter. Ich konnte unmöglich hier bleiben.
Also machte ich vorsichtig die ersten Schritte in die Dunkelheit hinein. Bevor ich einen Fuß vor den anderen setzte tastete ich immer wieder ausgiebig vor mich, um zu vermeiden, dass ich noch einmal so unvorbereitet in die Tiefe stürzte. Ich fand keine weitere Treppe, dafür ertastete meine unversehrte Hand nach einer kleinen Ewigkeit eine Tür. Dahinter hörte ich Stimmen. Sie sprachen in einer für mich unverständlichen Sprache, klangen aber unbestreitbar nervös und aufgebracht.
Und nun? Ich konnte doch unmöglich einfach durch die Tür spazieren. Die Männer dahinter hatten garantiert Waffen und dem hatte ich nichts entgegen zu setzen. Plötzlich hörte ich eine weibliche Stimme und mir gefror das Blut in den Adern.
Ich habe euch doch gesagt, dass sie kommen würden! Was schreist du mich jetzt so an? Ich hätte diese Stimme überall wieder erkannt. Scheinbar hatte Rachel ganz feiwillig beschlossen, das Waffenlager nicht wie besprochen in die Luft zu jagen.
Du kamst zu spät! entgegnete eine wütende, männliche Stimme. Sie haben bereits einen Teil des Hauptquartiers besetzt und das alles nur, weil du zu dämlich warst!
Jetzt hör aber auf Hakim! Sei froh, dass ich euch überhaupt bescheid gegeben und nicht einfach das Waffenlager in die Luft gesprengt habe.
Hakim murmelte etwas unverständliches und zu meiner großen Erleichterung hörte ich, wie sich die Stimmen von der Tür entfernten.
Was passiert jetzt mit AJ? hörte ich Rachel noch fragen und mein Herz setzte für einige Schläge aus.
Ohne darüber nachzudenken griff ich nach dem Türknauf und drehte ihn vorsichtig. Mit einem kaum hörbaren Klicken sprang die Tür auf und unendlich langsam schob ich sie einen Spalt auf.
Der Ungläubige ist so gut wie tot, hörte ich Hakim sagen.
Aber du hast mir versprochen ... ,
Du langweilst mich, unterbrach sie Hakim.
Was tust du da? Rachels Stimme klang schrill und ängstlich. Gleich darauf peitschte ein Schuß durch das Kellergewölbe.
Gott, wie ich sie hasse, hörte ich Hakim murmeln, während Gelächter zu mir herüber wehte. Dann hörte ich sich entfernende Schritte und nach einigen Sekunden wurde es still.
Ich kratze meinen letzten Mut zusammen und drückte vorsichtig die Tür auf. Mit einem schnellen Blick vergewisserte ich mich, dass der Gang dahinter leer war. Kerzen brannten in Wandhalterungen und ließen unheimliche Schatten über die Wände tanzen. Zu meiner Linken lag eine Gestalt in dem langen Flur, der am Ende nach rechts abbog.
Hastig schob ich mich durch den Türspalt und lief so leise wie möglich zu ihr hinüber. Rachel lag auf dem Rücken, die Arme weit ausgebreitet, die Beine seltsam verdreht unter ihrem Körper und starrte mit offenen Augen an die Decke. Absolute Ungläubigkeit spiegelte sich in ihrem Gesicht und auf ihrem T-Shirt war ein großer, dunkler Fleck entstanden, direkt dort, wo sich ihr Herz befinden mußte. Hakim hatte scheinbar nicht lange gefackelt.
Ich versuchte mir einzureden, dass sie mit ihrem gemeinen Verrat nur AJ hatte beschützen wollen, doch so ganz gelang mir das nicht. Wie lange hatte sie schon die Geheimnisse der Beobachter an die Fachats verraten? An wie vielen Zwischenfällen war sie indirekt beteiligt gewesen? Warum hatte sie das getan? Ich dachte an Julia, die draußen auf dem Platz lag, vermutlich tot, so wie Rachel hier. Ich dachte an die anderen Beobachter, die heute Nacht ihr Leben lassen mußten, nur weil Rachel nicht das getan hatte, wofür sie bestimmt gewesen war. Und trotzdem konnte ich sie nicht hassen.
Unter leisem Stöhnen ging ich neben ihr in die Knie und schloss ihre Augen. Ich verharrte einen Moment, weil ich das unwirkliche Gefühl hatte, sie nicht alleine lassen zu dürfen. Sollte ich sie wirklich in diesem kalten Kellerflur liegen lassen? Doch gleich darauf schalt ich mich selbst eine Idiotin. Rachel war tot. Sie hatte uns verraten. Und ich hatte im Moment wichtigeres zu tun.
Ohne Umschweife griff ich nach ihrem Maschinengewehr, hängte es mir umständlich um und kehrte ihr den Rücken zu. Ich mußte AJ finden.
Leise schlich ich weiter den Gang hinunter. Ich entdeckte keine einzige Tür und hoffte, dass ich mich inzischen im richtigen Keller befand. Als ich das Ende schließlich erreichte presste ich mich flach an die Wand und warf einen schnellen Blick um die Ecke. Etwa zwanzig Meter weiter war eine Tür und davor standen zwei Wachen mit Gewehren, die allerdings gerade in eine andere Richtung schauten.
Meine Gedanken rasten. Warum wurde ausgerechnet diese Tür bewacht? Mußte das nicht heißen, dass sich dahinter einer ihrer Gefangen befand? AJ? Nick? Und selbst wenn der Raum leer sein sollte ... ich mußte unbedingt an ihnen vorbei, wenn ich nicht den ganzen Weg zurück gehen wollte, nur um dann festzustellen, dass draußen immer noch geschossen wurde und ich auf keinem anderen Weg in den Keller hinein kam.
Mein Blick glitt an dem Maschinengewehr in meiner Hand hinunter. Dwain hatte mir zwar die Funktionsweise des Revolvers erklärt, aber das hier war eine ganz andere Sache. Vergeblich suchte ich den kleinen Hebel für die Entsicherung und hoffte inständig, dass Rachel die Waffe bereits entsichert hatte. Dann holte ich noch einmal tief Luft, schickte ein Stoßgebet gen Himmel und trat einen Schritt vor.
Im selben Moment drückte ich den Abzug. Der Rückschlag war hier noch viel größer als bei meinem kleinen Revoler und da ich das Gewehr nur mit einer Hand festhalten konnte, ging die erste Salve von Schüssen erst einmal in die Decke. Doch das hatte ausgereicht um die beiden Wachen flach auf den Boden zu befördern. Noch bevor sie sich wieder aufrappeln und ihre Gewehre in Anschlag bringen konnten, feuerte ich eine erneute Salve auf sie ab. Staub und kleine Steinchen spritze vom Boden um sie herum auf. Eine Kugel traf einen der Soldaten ins Bein, eine andere bohrte sich in seine Seite und er schrie auf. Der andere versuchte umständlich seinen Kopf zu schützen und robbte davon. Doch die Kugeln erreichten ihn, bevor er um die nächste Ecke verschwinden konnte und bewegungslos blieb er liegen. Die andere Wache hatte aufgehört zu schreien und rührte sich ebenfalls nicht mehr, allerdings meinte ich, dass seine Brust sich unter unregelmäßigen Atemzügen hob und senkte.
Mit lange Schritten überwandt ich die paar Meter, die mich noch von der Tür trennten. Hastig stieß ich sie auf und trat hindurch. Ein kleiner, muffig riechender Kellerraum empfing mich. Auf den ersten Blick schien er leer zu sein und ich wäre am liebsten vor Enttäuschung in Tränen ausgebrochen. Warum verdammt noch mal wurde dieser Raum bewacht, wenn sich darin nichts befand?
Ein leises Stöhnen zu meiner Linken lies mich herumfahren. Ich kniff die Augen zusammen um in dem Halbdunkeln etwas erkennen zu können. In der Ecke zusammen gekrümmt lag eine Gestalt auf dem Boden. Ich warf die Waffe unbeachtete zur Seite und hastete auf den Mann zu.
AJ? fragte ich mit zitternder Stimme und kniete mich nieder.
Vorsichtig berührte ich seine Schulter und drehte ihn zu mir herum. Erleichterung und ein unbändiges Glücksgefühl schlugen über mir zusammen, nur um gleich darauf einem Gefühl grenzenlosen Grauens Platz zu machen als ich in sein Gesicht blickte. Ich mußte zwei Mal hinsehen um zu erkennen, um wen es sich hier handelte.
Mein Gott, was haben sie nur mit dir gemacht? flüsterte ich und starrte geschockt auf das angeschwollene Gesicht, in dem die sonst so großen, braunen Augen beinahe verschwunden waren. AJs Lippe war aufgeplatzt, seine Augen waren zugeschwollen und die gespannte Haut schillerte in sämtlichen Regenbogenfarben. Er trug nur seine Boxershorts und überall auf seinem Körper zeigten sich Schnitt- und Brandwunden, nur unterbrochen von getrocknetem Blut.
Ecca?, hörte ich die Gestalt murmeln.
Schhhhh, flüsterte ich und strich ihm sanft über die Wange. Es wird alles gut. Vertrau mir. Ich hol dich hier raus, in Ordnung?
Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
Kannst du aufstehen? fragte ich und wußte im selben Moment, dass er das nicht konnte. Dass er überhaupt noch atmete grenzte schon an ein Wunder.
Hör zu. Ich hole Hilfe. Hörst du? Ich kann dich nicht alleine tragen. Ich hole Kevin und dann bringen wir dich nach Hause. In Ordnung?
Er starrte mich weiterhin an und ich wußte nicht so genau, ob ich überhaupt zu ihm durchdrang.
Ich liebe dich, flüsterte ich und war mir nicht sicher, ob ich in der Lage sein würde aufzustehen.
Eine Tränen kullerte aus AJs Augenwinkel, hinterlies eine helle Schliere auf seinem schmutzigen Gesicht und rollte über sein Kinn hinunter zu seinem Hals.
Alles wird gut, flüsterte ich, beugte mich hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn. Seine Hand legte sich auf meinen Arm, doch er hatte nicht mehr die Kraft zuzudrücken.
Ich komme wieder, versprochen.
Er brachte den Ansatz eines Nickens zustande und ich versuchte zu lächeln.
Mit einem schnellen Blick sah ich mich dann um, entdeckte zu AJs Füßen ein dreckiges Etwas, das wohl früher mal eine Decke gewesen war und schüttelte sie, so gut das eben mit einem Arm ging, aus. Danach breitete ich sie über seinem nackten Körper und strich ihm noch einmal über das Haar.
Hab keine Angst. Ich komme wieder. Ich lasse dich nicht im Stich.
Für einen winzigen Moment gestatte ich mir inne zu halten, sah auf ihn hinunter und versuchte, ihm irgendwie ein bißchen Kraft zu geben. Er mußte durchhalten, bis ich wieder da war. Ihm so nahe zu sein, überhaupt der Gedanken, dass ich ihn tatsächlich gefunden hatte, lies mein Herz schneller schlagen und gleichzeitig machte mich die Sorge um seinen Zustand ganz krank. Schließlich riss ich mich zusammen. Je schneller ich aufbrach, um so schneller war ich wieder da.
Bis bald, hauchte ich, strich ihm noch einmal liebevoll über den Arm, erhob mich dann und lief zurück zur Tür. Ich hängte mir das Maschinengewehr über die Schulter und späte hinaus in den Gang. Die beiden Wachleute lagen immer noch regungslos da. Ich warf einen letzten Blick zu AJ zurück, der noch immer bewegungslos in der Ecke lag und zur mir herüber starrte und ich mußte meine gesamte Willenskraft aufbringen, um ihn tatsächlich alleine zu lassen und Hilfe zu holen. Er wirkte verloren und ängstlich, wie er da lag und alles in mir drängte mich, bei ihm zu bleiben, ihn in den Arm zu nehmen und ihn zu wärmen. Doch das würde sicherlich unser beider Tod bedeuten. Also schlüpfte ich durch die Tür und zog sie vorsichtig hinter mir zu. Dann hastete ich den Gang entlang und hoffte, dass ich irgendwo Hilfe herbekam.