Kapitel 42
Der Plan
Der Versammlungsraum schien vor Anspannung förmlich zu vibrieren. Stattler hatte wirklich ganze Arbeit geleistet und innerhalb von einer halben Stunde jeden, der irgendwie im Stande war zu laufen, hier im Hotel versammelt. Etwa sechzig Beobachter drängten sich um einen kleinen Tisch in der Mitte, auf dem Kevin eine handgezeichnete Karte ausgebreitet hatte. Gemeinsam mit ihm, Stattler, Dwain und auch Nashril, die sich nicht dazu bewegen lies untätig in Thalis Zimmer herum zu sitzen, stand ich nun tief über den Tisch gebeugt und versuchte den vielen Linien, Kreisen und Rechtecken eine Bedeutung beizumessen. Irgendwo hinter mir wuselte Thali herum, die gemeinsam mit einigen anderen Frauen heißen Kaffee und belegte Brote heran schleppte. Als ich kurz aufblickte, sah ich Rachel, die in einer Gruppe von Männern stand und mich verkniffen musterte, gerade so, als sei diese ganze Geschichte meine Schuld. Und ein wenig fühlte ich mich auch so.
Als Kevin nun die Stimme hob, erstarb augenblicklich das laute Gemurmel um uns herum und machte einer atemlosen Stille platz. Dies hier ist der Lageplan vom Hauptquartier der Fachats, erklärte Kevin. Die Häuser sind um diesen Platz hier angeordnet. Soweit wir wissen, ist dies hier Hakims Wohnung, er deutete auf ein rot umrandetes Quadrat und sah dabei Nashril fragend an. Diese nickte bestätigend, während sie Sahid vorsichtig hin und her wiegte und dabei mit großen Augen den Plan betrachtete. Sicherlich war es für sie ein seltsames Gefühl die Auswirkungen von Nicks Arbeit so plastisch vor sich zu sehen.
Hier drüben, Kevin zeigte auf eine Ansammlung von Rechtecken, die sich am südlichen Rand des Platzes erstreckten werden normaler Weise die Gefangenen untergebracht. Wir müssen also da irgendwie hinein. Die restlichen Gebäude hier und hier, Kevin deutete auf die westliche und nördliche Begrenzung der Straßenkreuzung teilen sich in Wohngebäude und Vorratslager auf. Was uns aber am meisten interessiert ist das hier. Kevin tippte auf ein Quadrat am unteren Teil der Karte und sah dann auffordernd zu Stattler hinüber. Dieser nickte und räusperte sich dann verhalten.
Das ist das Waffenlager, erklärte er mit seiner dunklen Stimme. Die Ausfallstraßen hier, hier und hier sind äußerst gut bewacht, außerdem hält Hakim jederzeit ein Dutzend Männer einsatzbereit. Wir können also nicht einfach so dort hinein spazieren und Nick und AJ heraus holen. Wir brauchen ein Ablenkungsmanöver.
Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm.
Als erstes wird sich also jemand dort hinein schleichen müssen und das Waffenlager in die Luft sprengen. Mit einer Handgranate dürfte das kein Problem sein. Ein Teil unser Männer wird danach die Fachats in Bewegung halten, die anderen werden Nick und AJ suchen und sie da heraus holen. Ich sage es euch allerdings gleich: Das wird kein Spaziergang. Hakim Fachat ist sicherlich in höchster Alarmbereitschaft. Er wird damit rechnen, dass wir kommen. Also seid auf der Hut und tut nichts, bevor ich es euch sage.
Bei diesen Worten drängte sich Mitch durch die dicht beieinander stehenden Beobachter und lies mit einem lauten Rums eine schwere Kiste auf den Tisch fallen.
Wir haben Funkgeräte, erklärte Stattler, während Kevin Mitch dankbar auf die Schulter klopfte. Allerdings nicht sehr viele. Wir werden uns in Gruppen von fünf Mann aufteilen. Jede Gruppe erhält ein Funkgerät. Wenn wir das Lager der Fachats betreten haben, werden die Geräte nur im Notfall benutzt, davor dienen sie zur Koordination.
Hey, das ist cool. Das erinnert mich an meine Kindheit, sagte einer der Anwesenden, griff beherzt in die Kiste und zog ein schwarzes Walki-Talki hervor.
Das sind keine Spielzeuge Fred, tadelte Stattler den Mann mit missbilligend gerunzelter Stirn.
Ich weiß, entgegnete dieser betreten und legte das Funkgerät zurück in die Kiste.
Also gut. Ich teile jetzt die Gruppen ein. Jede einzelne wird aus zwei meiner Männer und drei Zivilisten bestehen. Freiwillige vor.
Während ein unübersichtliches Gedränge und Geschiebe begann, verschaffte sich Dwain mit lauter Stimme gehör. Und wer wird das Waffenlager übernehmen?
Das mache ich, entgegneten Kevin, Rachel und ich gleichzeitig.
Das wirst du schön bleiben lassen, tadelte Kevin mich.
Wieso? Ich kann genau so gut da hinein schleichen und ... ,
Darum geht es nicht. Wir brauchen jemanden, der ein bißchen mehr Erfahrung mitbringt und ... ,
Ach, und du bist der richtige Mann, oder wie? ereiferte ich mich.
Nein, aber ... ,
Das wird Rachel machen, unterbrach Stattler uns beide und wir starrten ihn beide verblüfft an.
Jetzt schaut nicht so wie ne Kuh wenns donnert, amüsierte sich Rachel, die scheinbar den Triumpf über mich in vollen Zügen auskostete. Ich war vier Jahre bei der Army. Ich weiß, wie so etwas funktioniert. Schnell rein und wieder raus und dabei nicht erwischen lassen, sie zwinkerte Stattler zu, doch dieser zeigte keinerlei Regung.
Rachel hat tatsächlich einige Erfahrung in diesen Dingen, außerdem brauche ich euch beide um nach Nick und AJ zu suchen. Ich habe keine Ahnung wie die beiden im Moment drauf sind, aber ich denke es kann nicht schaden, wenn sie zwei vertraute Gesichter sehen. Außerdem gebe ich euch Mayo und Julia mit und ich bin selbstverständlich auch dabei. Zu fünft sollten wir es schaffen, selbst wenn sie schwer verletzt sind.
Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter und ich erkannte, wie dämlich mein kleine Machtkampf mit Kevin hier war. Wir wollten alle das Gleiche: Nick und AJ lebend hier her zurück bringen und es half niemandem, wenn wir uns schon vorher zerfleischten.
Es tut mir leid, sagte ich also zerknirscht an Kevin gewandt.
Mir auch, gab er mit einem traurigen Lächeln zurück.
Nun gut, nachdem das geklärt ist ... , Stattler wandte sich ab um die Anwesenden in Gruppen einzuteilen, sie mit Funkgeräten auszustatten und letzte Instruktionen zu geben. Mein Magen rebellierte für einen Moment und mir wurde fuchtbar übel. Das alles war der reine Wahnsinn! Wir hatten weder eine Vorstellung davon, was uns bei den Fachats erwartete, noch, ob Nick und AJ überhaupt noch lebten. Angst wütete wie ein wildes Tier in meinen Eingeweiden, mein Herz schlug heftig in meiner Brust und meine Hände zitterten unkontrolliert. Sie mußten einfach noch leben, einen anderen Gedanken durfte ich nicht zulassen.
Bevor wir zum Hauptquartier der Fachts vordringen konnte, machten wir noch einen Zwischenstopp im Lager. In einer langen Schlange stellten sich die Beobachter an und nahmen von Mitch, Stattler und Dwain jegliche Arten von Waffen in Empfang. Da waren Pistolen, Maschinengewehre, Gewehre mit langen Läufen, abgesägte Schrotflinten und jegliche Arten von Messer, angefangen bei winzigen Gemüsemessern bis hin zu Messern mit einer Klinge so lang wie mein Unterarm. Als ich an die Reihe kam, drückte mir Dwain einen Revoler in die Hand. Ich war verblüfft, wie schwer das schwarze Metall in meiner Hand lag. Im Film hatten die irgendwie immer so leicht wie Pappe ausgesehen.
Kannst du damit umgehen? fragte mich Dwain und der ernste Ausdruck in seinen Augen rührte mich.
Nein, gestand ich und schüttelte den Kopf.
Okay, ich zeige es dir.
Er nahm mir die Waffe aus der Hand und drehte sie hin und her, während er mir den Umgang damit erklärte. Hier ist die Sicherung. Diesen winzigen Hebel mußt du erst zurück schieben, bevor du sie abfeuern kannst, klar? Ich nickte.
Ich habe dir ein volles Magazin eingelegt und hier ist ein Ersatzmagazin. Mehr Munition haben wir im Moment leider nicht. Ich nahm ein längliches, schwarzes Stück Metall entgegen, in dem die silbernen Kugeln feinsäuberlich übereinander gestapelt waren.
Wenn du hier drückst, springt das Magazin heraus, er drückte auf einen winzigen Knopf und schon lag das Magazin in seiner geöffnete Hand. Dann schiebst du den Ersatz einfach hier rein und drückst fest dagegen. Mit einem scharfen Klicken rastete das Magazin ein. Dann Zielen, er legte die Waffe an und richtete sie gegen die Wand, während er ein Auge schloss und irgendeinen Puntk hinter mir fixierte. Am besten nimmst du beide Hände, siehst du? Das Ding sieht vielleicht klein aus, hat aber nen ganz schönen Rückschlag, also mach dich auf was gefasst.
Ich konnte nur nicken, hatte aber im Grunde keine wirkliche Vorstellung davon, was er mir damit eigentlich sagen wollte.
Okay, probiers mal. Aber bitte nicht entsichern und schießen. Wir können uns eine Verschwendung von Munition leider nicht leisten.
Mit einem flauen Gefühl nahm ich die Waffe in Empfang und betätigte als erstes den Knopf für das Magazin. Wie bei Dwain sprang es aus dem Griff der Waffe und landete in meiner geöffneten Hand.
Na bitte, nachladen kannst du schon, lächelte Dwain.
Leider wird mir das nicht wirklich das Leben retten, entgegnete ich ironisch.
Ich schob das Magazin wieder zurück an seinen Platz, hob die Waffe und zielte auf einen alten Autoreifen, der hinter Dwain an der Wand hing. Dabei zitterte meine Hand so sehr, dass ich ihn wahrscheinlich noch nicht einmal getroffen hätte, wenn er direkt vor mir gelegen hätte.
Du mußt das so machen, Dwain kam um den Tisch herum, hinter dem er bis eben gestanden hatte, stellte sich hinter mich und umfasste meiner Hände.
Die eine Hand um die andere legen, damit erreichst du Stabilität. Genau so. Beide Beine fest auf den Boden stemmen. Und jetzt über diese beiden kleinen Dinger da vorne das Ziel anvisieren. Hast dus? Genau. Und jetzt abdrücken.
Ich traute mich nicht den Abzug zu ziehen. Am Ende würde ich noch irgendeinen armen Teufel über den Haufen schießen, weil ich keine Ahnung von diesen Dingern hatte. Doch Dwain griff beherzt nach meinem Finger und drückte so fest dagegen, bis schließlich ein trockenes Klicken zu hören war.
So. Zumindest theoretisch weißt du jetzt bescheid, meinte Dwain, trat wieder hinter seinen Tisch und sah lächelnd zu mir herüber. Wahrscheinlich wirst du sie gar nicht brauchen, also mach dir keinen Kopf, ja?
Ich habe Angst vor dem Ding, gestand ich.
Das kann ich verstehen. Aber glaub mir, wenn du in die Situation kommst, in der es heißt du oder der Feind, dann wirst auch du dich für den Feind entscheiden, so viel ist sicher.
Ich konnte Dwain nicht wirklich zustimmen, beschloss aber, meinen Mund zu halten. Ich hatte in der Vegangenheit schon so einige brenzlige Situationen erlebt und sie jedes Mal ohne Waffe überstanden. Ich konnte mir noch nicht einmal vorstellen in irgendeiner dieser Situationen tatsächlich auf einen Menschen zu schießen. Ich war einfach der Meinung, dass man mir nicht die Verantwortung über Leben und Tod in die Hand drücken sollte. Vielleicht gab es andere, die für so etwas geeignet waren, doch ich ganz sicher nicht.
Andererseits, und der Gedanke lies mich frösteln, war ich vielleicht gezwungen tatsächlich mein oder das Leben eines anderen zu verteidigen. Würde ich tatsächlich abdrücken können? Und selbst wenn ich das wirklich schaffte ... ich würde nie im Leben treffen.
Betrachte es einfach als so eine Art ... hm ... Lebensversicherung für den Notfall, in Ordnung? versuchte Dwain mich aufzumuntern.
Ich werde es versuchen, nickte ich und verstaute dann die Waffe vorsichtig in meinem Hosebund, wie ich es schon in unzähligen Gangsterfilmen gesehen hatte. Das Ersatzmagazin schob ich die Gesäßtasche meiner Jeans.
Das solltest du übrigens nur tun, wenn die Waffe gesichert ist, bemerkte Dwain mit einem leisen Schmunzeln. Sonst schießt du dir am Ende noch irgendwelche lebenswichtigen Teile weg.
Ich werde es mir merken, entgegente ich und seufzte dann verhalten. Noch bevor dieser Horrortrip richtig los ging war ich bereits mutlos. Das konnte ja heiter werden.