Kapitel 40
Bei den Fachats
Das laute Hämmern an meiner Zimmertür riss mich mitten in der Nacht aus dem Schlaf. Erschrocken fuhr ich in die Höhe und versuchte mein wie wild klopfendes Herz zu beruhigen. Erneut erzitterte die Tür unter heftigen Schlägen und ich beeilte mich, aus dem Bett zu kommen und durch die Dunkelheit auf die Tür zu zuhasten.
Wer ist da? fragte ich, immer noch etwas verschlafen.
Hier ist Dwain. Mach auf. Schnell!
Mit fliegenden Fingern drehte ich den Schlüssel im Schloß und riss die Tür auf. Dwain stand davor. Er trug Jeans und T-Shirt, sah ansonsten aber so aus, als hätte man ihn gerade aus dem Bett geholt.
Was ist passiert? fragte ich, während ich gegen das helle Licht im Flur anblinzelte.
Das kann ich dir jetzt nicht erklären. Zieh dich an und komm mit. Kevin wartet auf dich.
Kevin? Ist etwas passiert? Fragte ich alamiert und inzwischen hellwach, öffnete die Tür ein Stück weiter und bedeutete Dwain mir zu folgen. Ich griff mir einige Kleider von dem Stapel, der auf einem Stuhl lag und verschwand im Badezimmer, während Dwain mir antwortete. Ich weiß es nicht so genau. Stattler hat mich aus dem Schlaf gerissen und mir gesagt, ich solle dich wecken.
Geht es um ... AJ? fragte ich und hielt den Atem an. Vielleicht war er zurück gekehrt? Augenblicklich durchströmte mich ein so mächtiges Gefühl der Hoffnung, dass ich beinahe nicht mitbekommen hätte, was Dwain antwortete. Nein. Oder ... ich glaube zumindest dass es nichts mit ihm zu tun hat.
Also ist er nicht zurück? hakte ich noch einmal nach und trat dann wieder hinaus zu Dwain, der mitten im Wohnraum stand und mir nervös entgegen blickte.
Nein, ist er nicht.
Oh, entfuhr es mir und meine Enttäuschung war mir wohl ganz deutlich anzuhören.
Es tut mir leid, sagte Dwain aber wir müssen jetzt wirklich los.
Ja, ja. Bin schon fertig, entgegnete ich und folgte dann Dwain, der eilig zurück in den Flur ging und sich dann dem Treppenhaus zuwandte. Wenig später standen wir vor Kevins Zimmertür. Noch bevor einer von uns angeklopft hatte, wurde die Tür aufgerissen und Thali tauchte dahinter auf.
Rebecca. Dwain. Gott sei Dank. Kommt rein.
Was ist denn nur los? fragte ich und folgte ihr in Kevins Suite hinein. Ist etwas mit Kevin? Geht es euch gut? Ich meine .... , ich stockte mitten im Satz.
Wir hatten den Wohnbereich erreicht und Kevin stand von der Couch auf, als er mich erblickte. So weit ich das beurteilen konnte, war er unversehrt, doch sein Gesicht wirkte angespannt. Hinter ihm erkannte ich Stattler, der an das Fenstersims gelehnt stand und misstrauisch eine Frau im Auge behielt, die auf dem anderen Sofa saß und einen Säugling an ihre Brust drückte.
Ihr schwarzes Haar war kunstvoll geflochten und aufgesteckt, ihre schlanke Gestalt steckte in ausgewaschenen Jeans und einem roten Pullover. Ihre Augen wirkten müde als sie mich nun kurz musterte und sich dann wieder dem Baby in ihren Armen zuwandte.
Hey Rebecca, begrüßte mich Kevin.
Was ist los? fragte ich ihn und senkte dabei meine Stimme zu einem Flüstern.
Nashril, er deutete mit dem Kopf zu der Frau auf seiner Couch. Sie ist vor ein paar Minuten hier aufgetaucht und möchte mit uns reden.
Nashril? entfuhr es mir überrascht und die Frau auf dem Sofa hob den Kopf.
Ja, das bin ich. Und du bist sicherlich Rebecca, sagte sie freundlich.
Ich schluckte. Woher kannte sie meinen Namen? Was hatte Nick ihr erzählt? Nick! Ging es ihm gut? Warum war sie hier? Was ...
Wir sollten uns erst einmal setzen, sagte Kevin, fasste meinen Arm und führte mich zu der Couch. Ich nahm gegenüber von Nashril platz und konnte meine Augen nicht von ihr abwenden.
Sie war tatsächlich noch sehr jung. Ihre Gesichtszüge waren ebenmäßig und klar und ihre Augen zogen sofort die Blicke auf sich. Sie war eine Schönheit und ich fragte mich, warum Nick sie ausgerechnet mit mir ... nein, nicht daran denken. Das war jetzt nicht mehr wichtig.
So Nashril. Wir sind vollzählig und ganz Ohr, sagte Kevin schließlich. Thali und er hatten sich zu mir auf das Sofa gesetzt, während Dwain sich zu Stattler gesellte und das Geschehen mit etwas Abstand betrachtete.
Es geht um ... Nick ... und ... AJ, brachte sie stockend heraus, sah uns dabei allerdings nicht an sondern heftete ihre Augen auf den kleinen Jungen in ihrem Arm. Beim Klang von AJs Namen krampfte sich mein Herz ängstlich zusammen.
Was ist mit ihnen? fragte Kevin nervös, nachdem sie nicht weiter sprach.
Sie schwieg und ich glaubte schon, sie hätte ihn einfach überhört, als sie sich schließlich aufrichtete und uns mit ihren dunklen, funkelnden Augen musterte.
Zu erst möchte ich die Zusicherung, dass mir und meinem Sohn nichts passieren wird.
Kevin nickte sofort. Wir sind keine Monster Nashril, wenn auch ihr Bruder eventuell etwas anders von uns denkt. Wir werden ihnen kein Haar krümmen, darauf gebe ich ihnen mein Wort.
Nein, sie verstehen nicht, entgegnete Nashril und schüttelte den Kopf. Mein Bruder wird mich suchen. Schon sehr bald. Ich möchte, dass sie mir Schutz gewähren.
Schutz vor den Fachats? schaltete sich Stattler in das Gespräch ein, trat einen Schritt näher und warf dabei einen besorgten Blick zu Kevin hinüber.
Ja. Ich kann dort nicht mehr bleiben. Es ist nicht sicher. Mein Bruder ... er ... er wird alles erfahren. Schon sehr bald. Und wenn das passiert, wird er als erstes Sahid töten und dann mich.
Sahid? warf ich verständnislos ein.
Ja, Sahid Aaron Fachat. Nicks Sohn. Mein Sohn, entgegnete sie und richtete sich etwas auf. Ich weiß, dass mein Mann ... nun ja ... bei ihnen war, sagte sie und fixierte mich mit zusammengekniffenen Augen. Mir wurde es abwechselnd heiß und kalt und ich hatte keine Ahnung, was ich sagen sollte.
Sind sie deshalb hier? fragte Kevin. Steckt Nick deshalb in Schwierigkeiten?
Glauben sie mir, wenn das alles wäre, wäre ich nicht hier, entgegnete Nashril kopfschüttelnd.
Ich kann ihnen nichts versprechen, so lange ich nicht die ganze Geschichte kenne, sagte Kevin und ich sah, wie Thali nach seiner Hand fasste.
Nashril blickte langsam von einem zum anderen, als wolle sie herausfinden wie weit sie uns trauen konnte.
Hakim wird mich suchen, sagte sie leise. Und er wird genau wissen, wo er anzusetzen hat. Ich denke, bis zum Morgengrauen wird er alles wissen, was er wissen muß und dann .... , sie biss sich auf die Lippe, beugte sich dann zu ihrem schlafenden Sohn hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn.
Vielleicht fangen sie einfach von vorne an, schlug Kevin vor. Erzählen sie uns genau, was passiert ist. Danach werden wir uns Gedanken darüber machen, wie wir sie beschützen können.
Werden sie das denn tun? Uns beschützen? fragte Nashril.
Wir werden alles in unserer Macht stehende dafür tun, versicherte Kevin.
Kev. Ich halte das nicht ... , setzte Stattler an.
Nein. Nashril bekommt jeden Schutz den sie braucht und den wir ihr gewähren können, entgegnete Kevin unnachgiebig.
Stattler hob die Hände. Sag aber hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.
Kevin wandte sich wieder Nashril zu. Also?
Sie schloss für einen Moment die Augen und als sie sie wieder öffnete starrte sie mich an.
Nick war in letzter Zeit ... ziemlich reizbar. Ich hatte aufgehört ihn nach der Nacht zu fragen, in der er nicht nach Hause kam. Er erzählte mir immer alles, aber darüber ... wollte er nicht sprechen. Ich wußte von ihnen, dabei sah sie mich herausvordernd an. Ich wußte, dass er ein Verhältnis mit ihnen hatte und dass er ... sich wünschte, zurück zu seiner Familie zu können, dabei wanderte ihr Blick hinüber zu Kevin. In dieser Nacht schlief er bereits. Unruhig zwar, von Albträumen verfolgt, aber er schlief, was in letzter Zeit eher eine Seltenheit war. Ich ... war gerade aufgestanden um Sahid zu stillen. Als .... ,
Der Dielenboden knarrte leise, als Nashril durch den Flur zum Zimmer ihres kleines Sohnes schlich. Er weinte vor Hunger und Nashril beeilte sich, damit Nick nicht geweckt wurde. Es war so selten, dass er tatsächlich schlief. Die letzten Nächte war er immer wach neben ihr gelegen, wenn Sahid anfing zu schreien. Er war dann aufgestanden, hatte den Kleinen aus seinem Bett geholt und ihn zu ihr hinüber ins Schlafzimmer gebracht. Dann hatte er sich neben sie gelegt und mit einem leisen Lächeln auf dem Gesicht dabei zugesehen, wie sie Sahid an ihre Brust legte und er leise schmatzend und manchmal vor Anstrengung keuchend trank.
Nick liebte sie, das wußte sie. Auch wenn da diese Affäre gewesen war. Immer wieder zog es ihn zu den Beobachtern und sie hatte mehr als einmal eine heftige Disskusion mit ihm darüber geführt.
Vorsichtig hob sie Sahid aus seinem Bettchen, flüsterte beruhigende Worte und lies sich mit ihm auf den bequemen Stapel aus Kissen sinken. Sie knöpfte ihr Nachthemd auf und führte ihren Sohn an ihre Brust. Lächelnd betrachtete sie sein rundes Gesicht mit dem dichten, dunklen Haarflaum und den kleinen Händen, die sich nun zu Fäusten geballt an seine Wange schmiegten.
Manchmal fragte sie sich, ob Sahid das einzige war, was Nick tatsächlich noch hier hielt. Sie spürte seine Anspannung, seine Sehnsucht jeden Tag, wenn er bewegungslos am Fenster stand und hinaus starrte. Dann war er mit den Gedanken in der anderen Welt, ein paar Blocks weiter im Süden, wo seine Familie war und die Frau, die er nicht wirklich vergessen konnte.
Sie hatte es ihm auf den Kopf zugesagt. Sie hatte ihm vorgeworfen, gedanklich mit einer anderen Frau zusammen zu sein und er hatte es nicht geleugnet. Seltsamer Weise glaubte sie ihm wenn er sagte, dass das nichts an ihrer Beziehung änderte. Er liebte sie, ja. Aber er hatte auch eine Schwäche für Rebecca, doch warum genau er so an dieser Frau hing, konnte er ihr nicht sagen.
Und dann war er vor drei Tage nicht nach Hause gekommen.
Sie hatte versucht sich einzureden, dass er nicht bei dieser Frau war, dass er einfach mal wieder durch die Gegend streifen wollte, dass er vielleicht sogar etwas für Hakim erledigen mußte, doch das alles half nichts. Sie hatte ein ganz ungutes Gefühl und das erste Mal wirkliche Angst um ihn. Er war zwar älter als sie, aber trotzdem so leichtsinnig, dass es sie manchmal verwunderte, dass Hakim nicht schon längst dahinter gekommen war, dass er für die Beobachter spionierte.
Nick hatte sie recht bald nach seiner Ankunft bei den Fachats darüber informiert. Er war betrunken gewesen und er hatte in ihrem Bett gelegen, sie an sich gezogen und kleine Küsse auf ihre Lippen gehaucht.
Ich kann dich nicht belügen, hatte er leise gesagt. Ich habe immer das Gefühl, dass du mühelos meine Gedanken lesen kannst.
Und dann hatte er ihr diese Geschichte erzählt. Dass er ein Spion war, dass er sich nicht mit Kevin gestritten, sondern mit seiner Zustimmung zu den Fachats gegangen war.
Eine Weile hatte sie einen harten Kampf mit sich selbst ausgefochten. Loyalität zu ihrer Familie den Fachats stritten sich mit ihrer Liebe zu Nick. Doch nachdem sie schwanger geworden war, wurde alles andere unwichtig. Vielleicht, so hatte sie manchmal gedacht, wuchs in ihr eine neue Generation heran. Eine Generation, die nicht darauf aus war, alles und jeden zu töten, der nicht die gleich Ansichten vertrat wie Hakim, jemand, der diese versprengten Grüppchen wieder zusammenführen konnte, jemand, der diesem ganzen Morden und Kämpfen ein Ende setzen würde.
Und so hatte sie geschwiegen, hatte Nick in seiner Mission unterstützt und darauf geachtet, dass er keine Dummheiten machte.
Doch seit drei Tagen schwieg er. Er wollte nicht mit ihr reden über das, was in dieser Nacht passiert war. Er schwieg und trauerte. Schließlich hatte sie es aufgegeben irgendetwas über diese Nacht aus ihm heraus zu bekommen. Wenn er reden wollte, dann würde er das irgendwann tun. Bis dahin war sie für ihn da, wiegte ihn in einen unruhigen Schlaf und achtete darauf, dass er genügend ass und nicht in dumpfes Brüten verfiel.
Sahid hatte offensichtlich genug getrunken. Sie hob ihn hoch, legte ihn sich über die Schulter und klopfte ihm sacht auf den Rücken, während sie zum Wickeltisch hinüber ging und eine frische Windel hervor zog.
Ein leises Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie daran dachte, mit wieviel Stolz Nick dieses Möbelstück angeschleppt hatte.
Sie hatten es gemeinsam abgeschliffen und neu bemalt und als sie es schließlich in das Kinderzimmer gestellt hatten, wirkte es wie frisch aus dem Laden.
Leise singend wickelte sie Sahid, zog ihm seinen Schlafanzug wieder an und trug ihn dann vorsichtig zurück zu seinem Bett. Noch bevor sein Kopf wieder richtig auf dem Kissen lag, war er bereits wieder eingeschlafen.
Sie gestattete sich eine Minute, um mit vor Glück klopfendem Herzen auf ihren Sohn hinunter zu blicken, dann wandte sie sich ab und schlich leise zurück ins Schlafzimmer.
Nick lag immer noch da wie sie ihn verlassen hatte. Sein Haar war zerwühlt und sein Gesicht halb in den Kissen verschwunden. Seine Hände zuckten ab und an unruhig und ein leises Schnarchen drang an ihr Ohr.
Es war schön, wenn er hier bei ihr zu Hause war. Er war ihr Halt. Der Mann mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte und dafür nahm sie alles andere gerne in Kauf. Selbst wenn es sich um eine andere Frau handelte was, wie er ihr versichert hatte, endgültig vorbei war.
Irgendetwas lenkte plötzlich ihre Aufmerksamkeit von Nick ab und zog sie unaufhaltsam hinüber zum Fenster. Vorsichtig schob sie die schwarzen Stoffbahnen beiseite, die am Abend die Fenster verdunkelten. Auf dem Platz unter ihrem Fenster tat sich nichts. Das Lagerfeuer flackerte in der Mitte und sie konnte zwei Wachen darum herum sitzen sehen. Außerdem saß noch je ein Posten auf den Ausfallstraßen, diese waren allerdings von ihrem Fenster aus nicht zu sehen.
Plötzlich nahm sie ein Bewegung wahr und erschrocken blickte sie hinunter auf die Straße. Ein Mann taumelte auf die Mitte der Straßenkreuzung zu und es war Nashril unbegreiflich, wie er an den Wachen hatte vorbei kommen können.
Sie verengte ihre Augen zu Schlitzen, konnte aber nicht erkennen, ob es sich bei der Gestalt um ein Mitglied der Fachats handelte. Auf jeden Fall war es aber glatter Selbstmord bei Nacht einfach nach draußen zu gehen.
Schnell wandte sie sich dem Bett zu und rüttelte Nick sanft an der Schulter.
Liebling? Hey, wach auf, flüsterte sie und hoffte, dass Sahid nicht aufwachen würde.
Uhmmm? murmelte Nick, schüttelte ihre Hand ab und drehte sich herum.
Nick, aufwachen. Da draußen tut sich was.
Will nicht, murmelte er und versuchte erneut, ihre Hand von sich wegzuschieben.
Nick, es ist wirklich wichtig, versuchte sie es noch einmal, dann entstand draußen Lärm und ganz deutlich konnte sie eine dunkle, rauhe Stimme vernehmen. NIIIICK! KOMM RAUS! SOFORT!
Mit einem Schlag war Nick neben ihr hellwach.
Was ist los? fragte er und sprang mit einem Satz aus dem Bett und ans Fenster.
Ach du Scheiße! rief er und schlüpfte hastig in seine Hosen, während draußen die ersten Schüsse fielen.
NIIIICK!! brüllte es immer noch von unten.
Ich komme AJ, ich komme, murmelte Nick und rannte dann an Nashril vorbei aus der Wohnung.
Sie blieb wie gelähmt stehen, starrte ihrem Mann hinterher, der polternd durch das Treppenhaus hastete. Gleich darauf sah sie ihn, wie er, nur mit seiner Jeans bekleidet, mit nackten Füßen und Oberkörper und mit wedelnden Armen auf die Straßenkreuzung hinaus rannte.
Mit zitternden Händen machte sich Nashril an der Verriegelung des Fensters zu schaffen und schob gleich darauf das Fenster ein Stückchen nach oben. Sofort drangen die Geräusche lauter zu ihr herauf. Die Schüsse waren verklungen, doch inzwischen umstanden fünf Gestalten den Eindringling, der sich scheinbar nur mit großer Mühe auf den Beinen halten konnte.
Nick drängte sich gerade durch den Ring der Fachats und seine helle Haut leuchtete im fahlen Mondlicht.
Als er den Eindringling erreicht hatte legte er ihm eine Hand auf die Schulter und versuchte ihn zu bruhigen.
AJ, was tust du hier? hörte sie ihn sagen.
ICH .. WILL ... DU SOLLST ... , schrie AJ, doch Nick legte die Finger an die Lippen.
Leise Mann. Du weckst noch alle auf.
Ich bin gekommen ... um ... mich mit dir zu Dull ... Dulli ... Duellieren, würgte AJ hervor und klammerte sich haltsuchend an Nick fest.
Wenn du das unbedingt möchtest ... aber vielleicht kommst du erst einmal mit nach oben. Hier ist der falsche Ort um ... ,
Was ist hier los? donnerte eine Stimme und Nashril rutschte augenblicklich das Herz in die Hose. Hakim war ebenfalls aufgewacht und hatte die Gruppe nun erreicht. Die Soldaten wichen ehrfürchtig zurück und ließen ihn in die Mitte des Kreises.
Nick. Was soll das? herrschte er Nick an und Nashril verschränkte auf ihrem Beobachtungsposten nervös die Finger ineinander.
Tut mir leid Hakim. Hier hat sich scheinbar jemand verirrt.
Verirrt? Selbst von hier oben konnte Nashril das Misstrauen in Hakims Stimme hören.
Ich hab mich nich verirrt, brüllte AJ wieder los. Ich will dem Arschloch hier gehörig in den Arsch treten und ... ,
Hakims Faust war so schnell, dass Nashril sie erst sah, als AJ zu Boden ging.
Was soll ... , setzte dieser an, doch Hakim rammte ihm auch noch die Spitze seiner Armeestiefel in den Magen.
Hakim, bitte, sagte Nick entsetzt und fasste seinen Schwager am Arm. Er ist vollkommen betrunken und weiß nicht was er sagt. Lassen wir ihn laufen und ... ,
Laufen lassen? Hakim wandte sich nun Nick zu und Nashril durchfuhr eine Eiseskälte.
Dieser Wichser hier kommt von den Beobachtern. Wir werden ihn auf keinen Fall laufen lassen. Im Gegenteil. Es wird mir eine große Freude sein ihn in klitzekleinen Stückchen zurück zu diesem Großkotz Richardson zu schicken.
Hakim, bitte. Ich habe dich niemals um irgendetwas gebeten, aber jetzt ... bitte lass ihn laufen.
Totenstille senkte sich über die Anwesenden. Nashril konnte nicht glauben, wie Nick sich gerade aufführte. Er mußte doch wissen, dass es keinen Sinn machte Hakim um Gnade für einen Eindringling zu bitten. Er war unnachgiebig und rachsüchtig. Im letzten Monat waren zwei seiner Soldaten nicht zurückgekehrt, nachdem sie im Lager der Beobachter im Central-Park einige Vorräte besorgen sollten. Hakim sann auf Rache und dass Nick nun dagegenhielt steigerte nur sein Misstrauen und seine Wut.
Kann es sein, sage Hakim gefährlich ruhig dass dich irgendetwas mit diesem Scheißer da verbindet? Er deutete auf AJ hinunter, der am Boden lag und sich nicht rührte.
Ich ... kenne ihn von früher, gestand Nick. Er hat mit unserem Kampf nichts zu tun. Er ist harmlos.
Das ist mir scheißegal! herrschte Hakim ihn an. Aber du ... du bist mir nicht egal.
Auf einen Wink hin griffen sich zwei seiner Männer Nick.
Was hast du vor? rief Nick und versuchte sich aus dem festen Griff zu befreien, doch er hatte damit keinen Erfolg.
Was ich vorhabe? Nun ... lass es mich so ausdrücken ... wir haben da noch eine Rechnung offen, erinnerst du dich? Du hast zwar meine Schwester erst geschwängert und dann geheiratet, aber du warst niemals wirklich einer von uns. Es wird Zeit, dass du Farbe bekennst.
Nashril hielt es nicht mehr auf ihrem Platz. Sie fuhr herum, warf im Vorbeigehen einen kurzen Blick ins Kinderzimmer und stelle erleichtert fest, dass Sahid noch schlief, dann hastete sie die Treppen hinunter und rannte hinaus auf den Platz. Ihr Nachthemd flatterte um ihre Waden und ihr Haar stand ihr zerzaust vom Kopf ab, aber das war ihr egal. Hakim würde Nick nichts antun, dafür würde sie sorgen.
Hakim! rief sie aufgebracht, als sie die Gruppe endlich erreicht hatte. Lass ihn sofort los.
Ah, ich habe mich schon gefragt, wann meine Schwester hier auftauchen wird. Ihr steckt doch sicherlich unter einer Decke, hm? fragte Hakim spöttisch.
Ohne ihr Zutun schnellte ihre Hand vor und traf Hakim an der Wange. Das Klatschten hallte über den gesamten Platz und die Zeit schien augenblicklich eingefroren.
Hakim starrte sie mit großen Augen an, zu verblüfft um irgendeine Reaktion zu zeigen.
Wage es nie wieder mich eine Ungläubige zu nenne, zischte Nashril. Das gleiche gilt für meinen Mann. Er hat dir in den letzten Monaten treue Dienste geleistet. Das solltest du niemals vergessen.
Du, Hakims Hand schloss sich wie ein Schraubstock um ihren Oberarm. Du solltest jetzt sofort zurück ins Haus gehen, bevor ich mich vergesse.
Nur, wenn du meinen Mann gehen lässt, entgegnete sie unnachgiebig.
Nashril bitte, lass es, mischte sich Nick plötzlich ein. Geh und kümmere dich um Sahid. Er braucht seine Mutter, okay?
Entgeistert sah sie zu ihm hinüber. Er versuchte ihr irgendetwas zu sagen, drängte sie mit dem ernsten Blick seiner Augen zurück zu gehen und dieser Umstand machte ihr mehr Angst als irgendetwas was Hakim hätte sagen oder tun können.
Hakim schüttelte den Kopf, dann machte er mit der freien Hand ein Zeichen, woraufhin sofort zwei Männer neben ihm erschienen. Bringt sie hinauf und passt auf, dass sie auch dort bleibt. Ich kümmere mich später um sie.
Hakim! versuchte sie es erneut, doch ihre Füße hatten bereits den Kontakt zum Boden verloren und ohne Umschweife wurde sie über den Platz zu ihrem Haus hinüber getragen. Sie versuchte sich zu wehren, trat und spuckte, doch sie hatte wenig erfolg damit. Ohne dass sie irgendetwas hätte tun können wurde sie die Stufen hinauf geschleift und gleich darauf in ihrer Wohnung auf das Bett geworfen.
Sofort rappelte sie sich auf und hastete zum Fenster. Einer der Wachen versuchte ihr den Weg zu versperren, doch sie fuhr ihn sofort an. Aus dem Weg du Idiot. Ich soll hier bleiben, aber Hakim hat nichts darüber gesagt, dass ich nicht aus dem Fenster sehen darf.
Schon hatte sie die Vorhänge beiseite geschoben und starrte auf die Szenerie unter sich. Zwei der Männer hatten inzwischen AJ zwischen sich genommen. Er schien zwar nicht vollständig bewußtlos zu sein, schaffte es aber nicht mehr, aus eigener Kraft aufrecht zu stehen.
Hakim drückte Nick gerade einen Revolver in die Hand.
Erschieß ihn, danach darfst du zurück zu deiner Frau und deinem Kind und ich werde dich die nächste Zeit nicht mehr belästigen, sagte er.
Die beiden Männer, die Nick festgehalten hatten ließen ihn los und traten einen Schritt zurück. Nick blickte einen Moment regungslos auf die Waffe in seiner Hand hinunter, dann straffte er sich und richtete sich langsam auf. Sein Blick ruhte lange auf AJ, der wie ein nasser Sack zwischen Hakims Männern hing.
Ganz langsam hob Nick die Waffe und zielte auf ihn. Nashril begann zu zittern.
Tus nicht, flüsterte sie. Bitte, tus nicht.
Und dann passierte alles sehr schnell. Nick fuhr herum, zielte auf Hakim und drückte ab, doch das einzige was zu hören war, war ein trockener, metallener Laut. Die Waffe war nicht geladen.
Gleichzeitig warfen sich gleich vier Männer auf Nick. Nashril sah von ihrem Beobachtungsposten lediglich eine Menge Arme und Beine, die aufeinander einzuprügeln schienen.
NEIIIIN; schrie Nashril und wollte an den beiden Wachmännern vorbei, doch diese hielten sie fest und warfen sie ohne große Umschweife zurück auf das Bett.
Ich muß zu ihm, rief Nashril und versuchte wieder aufzustehen.
Keine Chance, entgegnete einer der Soldaten und entsicherte auch noch seine Waffe, die er ungerührt auf sie richtete. Keinen Mucks mehr Verräterin. Oder es ist aus.
Wage es ja nicht mich eine ...,
Ich nenne dich, wie es mir gefällt und jetzt halt die Klappe.
In diesem Moment zerriss der Knall eines Schusses die Stille und Nashril schrie auf. Die beiden Soldaten fuhren augenblichlich zum Fenster herum und starrten angestrengt hinaus.
Ich würde sagen, sagte einer der beiden grinsend du wurdest soeben zur Witwe gemacht.
Im Kinderzimmer fing Sahid an zu schreien und sein Klagen vermischte sich mit Nashrils schreien, die versuchte an den beiden Wachleuten vorbei das Fenster zu erreichen.