Kapitel 38
Vorbei?

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich wieder einigermaßen beruhigt hatte. Schließlich stürmte ich, ohne mich um mein verweintes Gesicht zu kümmern aus dem Zimmer, rannte, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in den vierten Stock hinauf und hämmerte gleich darauf an Kevins Zimmertür.
Ich hoffte, dass er da sein würde und für einen eisigen Moment war ich mir sicher, dass die Tür verschlossen bleiben würde, doch gleich darauf wurde sie geöffnet und Kevins Lächeln erstarb augenblicklich, als er mein Gesicht sah.
„Rebecca um Gottes Willen, was ist passiert?“ fragte er, fasste nach meinem Arm und zog mich in das Zimmer hinein. Hinter ihm konnte ich Thali erkennen, die gerade von der Couch aufstand und auf uns zukam.
„AJ ... ,“ schluchzte ich außer Atem. „Er ... war da. Er hat ... Nick und mich ... er ... ist einfach ... ,“
„Halt, halt. Mal ganz langsam. Ich verstehe kein Wort,“ unterbrach Kevin mich sanft und führte mich zu der Sitzgruppe. Thali setzte sich mit einem Glas in der Hand zu mir und drückte es mir in die Hand.
„Trink das,“ sagte sie und der beunruhigte Blick, den sie dabei Kevin zuwarf, entging mir dabei nicht.
Er setzte sich auf meine andere Seite und wartete geduldig, bis ich den Whisky hinunter gestürzt hatte. Er brannte wie Feuer in meinen Eingeweiden und ich konnte den Gedanken dabei nicht loswerden, dass AJ in diesem Moment wahrscheinlich genau das gleiche tat.
„So, und nun noch einmal ganz langsam. Was ist mit AJ und Nick?“ fragte Kevin, während er mir behutsam einen Arm um die Schulter legte.
„Nick war in meinem Zimmer, als ich zurück kam,“ erzählte ich, wobei ich mich nicht traute, einen von den beiden in die Augen zu sehen. „Er ... wir haben uns gestritten wegen der Sache mit Nashril und seinem Sohn und so, du weißt schon. Aber ... also ... das ist ja ... nicht so wichtig. Jedenfalls ... also ... er wollte gerade gehen, öffnet die Tür und plötzlich steht AJ davor.“
„Oh mein Gott,“ hauchte Kevin und auch Thali entfuhr ein entsetzter Laut.
„Er war ... am Anfang hat er sich noch gefreut. Er war total fertig, dass er Nick leibhaftig vor sich hatte und dann ... dann ... ,“ ich begann schon wieder zu weinen.
„Hey, ganz ruhig Becca,“ sagte Kevin leise und streichelte meinen Rücken.
„Er ist so wütend gewesen,“ schluchzte ich. „Und er hat ... er hat es nicht verstanden. Wie auch? Ich habe ihn belogen. Die ganze Zeit. Ich kann nicht ... ,“ Ich war nicht in der Lage weiter zu sprechen. Es war, als könnte ich AJs Schmerz beinahe körperlich spüren. Gott, wir hatten ihm so sehr weh getan!
„Wo ist er jetzt?“ fragte Kevin.
„Ich glaube ... in seinem Zimmer. Ich bin ihm hinterher, weißt du? Ich wollte mit ihm reden, ihm sagen, dass es mir leid tut und dass ich ihn ... ihn nicht verlieren will, aber er war ... so wütend und ... enttäuscht und verletzt und ... Gott, ich habe .... ,“
„Schhhhh,“ machte Kevin und zog mich an sich. „Es ist alles gut, Rebecca,“ flüsterte er leise. „Ich werde mit ihm reden. Du kannst nichts dafür.“
„Du kannst nicht mit ihm reden. Er will niemanden sehen. Er ist ... er weiß, dass du und ich bescheid wußten. Er ... ,“
„Ich kümmere mich darum,“ sagte Kevin bestimmt. Er lies mich los und überlies mich der Obhut von Thali, dann stand er auf. „Ich werde jetzt gleich mit ihm reden. Thali, kümmerst du dich um Becca?“
„Natürlich. Sei vorsichtig, ja?“
„Das werde ich. Ich bin bald wieder da, in Ordnung?“
Dann hörte ich seine Schritte, die sich entfernten und gleich darauf, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel.
„Mach dir keine Sorgen,“ sagte Thali neben mir. „Kevin kriegt das sicherlich wieder hin.“
Ich seufzte. „Kevin ist wirklich ein toller Mann, aber ich befürchte, in diesem Fall kann er gar nichts machen. Ich kann AJ sogar verstehen. Ich würde euch auch alle zum Teufel jagen, wenn ihr mir so etwas angetan hättet.“
Thali schwieg.
„Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, kann ich überhaupt nicht mehr nachvollziehen, warum ihr ihm das so lange verschwiegen habt. Er hatte doch ein Recht darauf zu erfahren, dass sein Freund noch lebt.“
„Es ist eben alles nicht so einfach,“ entgegnete Thali. „Als AJ hier auftauchte, war Nick bereits bei den Fachats und wir wußten nicht, wie es ihm ging. Wir hatten ewig nichts von ihm gehört und befürchteten bereits, dass er tot sei. Ganze drei Monate war er fort, bis er plötzlich eines Tages wieder auftauchte und erzählte, dass er Nashril kennen gelernt hätte und dass er dabei war, sich in die Gemeinschaft der Fachats einzufügen. Das alles ... war ... sein Leben stand ständig auf der Kippe, verstehst du? Wenn auch nur der kleinste Verdacht aufgekommen wäre, dass an seiner Geschichte irgendetwas faul ist, hätten sie ihn getötet. Wir konnten das Risiko nicht eingehen, AJ einzuweihen. Wer weiß, wem er davon in seinem Alkoholrausch erzählt hätte? Die Möglichkeit, dass die Fachats einen Spitzel bei uns eingeschleust haben war und ist ziemlich groß. Wir konnten uns einen solchen Fehler nicht erlauben.“
„Aber AJ hätte doch nie ... ,“
„Oh doch, er hätte. Und ich hoffe, das kann er jetzt auch noch so erkennen. Er war damals ein Wrack. Ständig betrunken und in einem äußerst reizbaren Zustand. Er hätte seine Seele verkauft für eine ordentliche Flasche Jacky. Wir konnten es nicht riskieren.“
Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass AJ zu so etwas fähig war. Er mochte ein Trinker gewesen sein, er war wohl auch des öfteren unausstehlich, aber er hätte doch niemals seine Freunde verraten.
„Du kennst ihn nicht aus dieser Zeit,“ fuhr Thali fort. „Er war so tief gefallen, dass niemand mehr an ihn heran gekommen ist.“
„Aber als ich hier auftauchte, war er doch auch ansprechbar und einigermaßen verträglich.“
„Da war er aber auch schon ein Jahr hier. Er hatte sich ... für seine Verhältnisse ... ein wenig aufgerappelt, verstehst du? Er hatte es sich bis dahin mit jedem verscherzt. Selbst mit Kev und das will schon etwas heißen.“
„Trotzdem. Das alles ... es ist so unglaublich unfair.“
„Ich weiß. Aber AJ hat sich das bis zu einem gewissen Grad selbst zuzuschreiben.“
Ich seufzte. Wie kamen wir nur aus dieser verfahrenen Nummer wieder heraus?

Es dauerte keine zehn Minuten, da war Kevin wieder da.
„In seinem Zimmer ist er nicht,“ sagte er und lief nervös auf und ab.
„Wir sollten ihn suchen,“ entgegnete Thali, die langsam zu ihm hinüber ging und die Arme um seine Taille schlang.
„Ja, das sollten wir wohl,“ entgegnete Kevin, umarmte Thali und legte für einen kurzen Moment seinen Kopf auf ihre Schulter. „Ich habe nur ... ich glaube nicht, dass wir ihn finden werden. Ich hoffe ... ich hoffe wirklich er macht keine Dummheiten.“
Als Kevin wieder aufblickte, sah er so aus, wie ich mich fühlte: Verwirrt und ängstlich. Und ausgerechnet ihn so zu sehen war beinahe schlimmer, als alles, was bisher passiert war.
„Ich versuche es unten im Keller,“ sagte ich und war schon halb aus der Tür.
„Rebecca warte!“ Rief Kevin mir hinterher. „Du solltest nicht alleine dort hinunter gehen. Du weißt, was das letzte Mal passiert ist.“
„Ich werde ihn schon finden, keine Sorge,“ rief ich über die Schulter, dann rannte ich bereits den Flur und die Treppe in die Lobby hinunter.
Die Tür, die in das Kellerlabyrinth hinunter führte, hatte ich schnell gefunden. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend hastete ich hinunter, rannte durch die langen, kahlen Gänge und versuchte nicht daran zu denken, dass ich mich das letzte Mal hier verlaufen und danach Nick getroffen hatte.
Nick ... was er jetzt wohl machte? Wie fühlte er sich? Wenn ich jetzt mit etwas räumlichen Abstand darüber nachdachte, war er mindestens genau so getroffen gewesen wie ich, als AJ plötzlich vor der Tür gestanden hatte. Ich dachte an seine Augen, die diesen harten Glanz angenommen hatten, den Schutzwall den er immer um sich herum aufbaute, so bald ihm etwas oder jemand zu nahe kam. War er wirklich dieser unsensible Mistkerl, den ich so gerne in ihm sehen wollte?
Eine Antwort auf diese Frage fand ich nicht, doch immerhin die Tür, die in den Club führte. Wild hämmerte ich dagegen und hoffte, dass irgendjemand mir öffnen würde. Vielleicht war dort heute gar keiner. Vielleicht hatte AJ sich in eine ganz andere Ecke des Hotels zurück gezogen.
Als die Tür vor mir aufschwang, atmete ich erleichtert auf.
„Hi ... uhm ... Rebecca, richtig?“ meinte der Riese, der dahinter auftauchte und ich nickte.
„Was hast du nur mit AJ angestellt?“ fragte er weiter und Hoffnung keimte in mir auf.
„Ist er hier?“ stieß ich hektisch hervor.
„Oh ja, das ist er. Seit einer Stunde säuft er unsere letzten Alkoholreserven leer.“
„Ich muß zu ihm. Sofort!“
Der Mann trat zur Seite und ich schob mich an ihm vorbei in das Kellergewölbe hinein. Es war heute wesentlich weniger los als das letzte Mal. Drei, vier Gestalten hielten sich im hinteren Teil des Raumes auf, spielten Karten und lauschten der Musik aus einem tragbaren Kassettenrekorder. Hinter der Bar stand Rachel, die gerade ein Glas füllte und vor AJ auf die Theke stellte. Ihr Blick blieb kurz an mir hängen und ich hätte schwören können, dass die pure Mordlust darin glitzerte.
Vorsichtig näherte ich mich AJ, der zusammen gesunken auf einem Barhocker saß, das Glas zum Mund führte und in einem Zug leerte. Unaufgefordert schenkte Rachel ihm nach und auch dieses Glas stürzte er in Null Komma Nichts hinunter.
Als ich die beiden schließlich erreicht hatte, fuhr mich Rachel bissig an. „Du bist hier nicht willkommen. Verschwinde in das Loch aus dem du gekommen bist und lass uns in Ruhe.“
„Das würde ich gerne,“ gab ich zurück „allerdings muß ich vorher mit AJ sprechen.“
„Er will aber nicht mit dir reden,“ entgegnete sie mit einem fiesen Grinsen und schenkte AJ erneut nach.
„Das hat ja wohl immer noch er zu entscheiden,“ sagte ich und hielt AJs Hand fest, bevor auch der Inhalt dieses Glases in ihm verschwinden konnte.
„Bitte. Hör auf damit,“ sagte ich sanft und drückte seine Hand, die das Glas fest umklammert hielt hinunter auf die Theke.
„Ich kann tun und lassen was ich will,“ gab er leicht lallend zurück, schüttelte meine Hand ab und trank den Whisky in einem Zug aus. „Rachel ... noch einen ... doppelten.“
„Das macht es doch auch nicht besser,“ versuchte ich es erneut und kletterte neben ihn auf einen der Barhocker.
„So? Was weißt denn du schon? Hm?“ fragte er bitter und drehte das inzwischen wieder gefüllte Glas in seinen Händen.
„Ich weiß, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich weiß, dass ich dich nicht verlieren möchte und ich weiß ... ,“
„Dass Nick noch lebt,“ vollendete er meinen Satz und wandte mir dann das erste Mal das Gesicht zu. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Gesicht hatte eine unnatürliche Blässe angenommen und auf seinen Wangen waren rote Flecken erschienen. „Du hast es gewußt und mir nichts davon gesagt.“
„Ich weiß,“ brachte ich beinahe flüsternd heraus.
„Und dann ... ,“ AJ hob schwankend einen Finger, als käme nun etwas ganz wichtiges, was möglichst niemand verpassen sollte. „Und dann überrasche ich euch auch noch bei ... bei ... was auch immer. Sanfter Kerzenschein ... gaaaaanz romantisch.“ Er schüttelte den Kopf, trank sein Glas aus und knallte es hörbar zurück auf die Theke.
„Ich habe mich von ihm verabschiedet. Wir ... hatten noch ... einige Dinge zu klären.“
„Ohhhh, Dinge?“ Er zog in gespielter Überraschung die Augenbrauen in die Höhe.
„Ja. Es ist alles nicht so einfach.“
Er lachte freudlos. „Du hast doch überhaupt keine Ahnung. Du weißt nicht wie es ist innerlich zu sterben. Jeden Tag. Wieder und wieder. Und dann, wenn du denkst, dass du irgendwie noch einmal davon gekommen bist, wenn du meinst, dein Leben wieder in den Griff zu kriegen, weil du etwas gefunden hast, das dich davon abhält jede Nacht über deinen eigenen Tod und wie du ihn am schnellsten erreichen kannst nach zu denken, dann ... dann ... willst du an eine Tür klopfen, weil du der Meinung bist, dass diese Frau es wissen sollte.
Weil du der Meinung bist, dass sie dich vielleicht auch liebt und sich vielleicht doch erweichen lässt und dir vertraut, mit dir zusammen sein, mit dir gemeinsam die Vergangenheit hinter sich lassen möchte.
Und was erwartet mich stattdessen? Eine Leiche ... jemand, von dem ich davon ausgegangen bin, dass er längst tot ist. Jemand, dessen Fehlen ich jeden Tag aufs neue betrauert habe. Ein Freund, der mir einmal so unglaublich wichtig war, dass ich ihn zu meiner Familie zählte. Dieser jemand macht mir die Tür auf, mit ... mit ... meinem Mädchen bei sich ... im Kerzenschein.“
Er schwieg einen Moment, während dessen er Rachel, die ihn während seiner langen Rede ungläubig angestarrt hatte, die Flasche aus der Hand riss und sich selbst nachschenkte. Dabei verschüttete er fast mehr, als schlussendlich in seinem Glas landete.
„Und jetzt erzähl mir noch einmal was über Schwierigkeiten und dass du es doch soooo schwer hast.“ Er sah mich herausvordernd an, fixierte mich mit seinen glasigen Augen und biss dabei die Zähne fest zusammen.
„Ich ... ich wollte nicht, dass das passiert,“ entgegnete ich unter Tränen. „Ich weiß nicht, wie ich da hinein geraten bin. Er war irgendwann einfach da und hat ... ich weiß auch nicht ... ich war wohl eine Weile vollkommen unzurechnungsfähig.“
„Was bedeutet das? Was genau willst du mir damit sagen? Hast du mit ihm geschlafen? Ich meine ... so eine richtige, romantische Nacht mit ihm verbracht? Hm? Und am nächsten Tag? Da war ich wieder gut genug für dich, was? Oh jaaa. Und es hat ja auch niemand für nötig befunden den Loser, den Verlierer einzuweihen. Neiiiin. Es ist ja vollkommen egal, ob der blöde Alki weiß, dass sein ehemals bester Freund noch unter den Lebenden weilt. Wahrscheinlich hat es euch auch noch Spaß gemacht mich leiden zu sehen.“
„Nein! So war das nicht. Ich ... ,“
„Klar war es nicht so. Rebecca ... ihr habt mich verarscht. Von vorne bis hinten. So einfach ist das.“
„Ich wollte es dir sagen. Wirklich! Ich wußte nur nicht wie und ... Kevin und Nick meinten ... ,“
„Halts Maul!“ brüllte er plötzlich, sprang von seinem Barhocker, der dabei krachend zu Boden fiel und versuchte sich dann aufrecht vor mir aufzubauen, was ihm erst nach mehreren Versuchen und nachdem er sich krampfhaft an der Tischplatte festklammerte gelang.
Einen endlos scheinenden Moment starrten wir uns so an. Tränen liefen über mein Gesicht und er schien auch nicht mehr weit davon entfernt zu sein direkt vor mir weinend zusammen zu brechen.
„Ich ... ich habe dir vertraut. Ich habe ... dich ... geliebt. Verstehst du das nicht?“
„Doch,“ hauchte ich.
„Tja,“ ein eisiges Lächeln huschte über sein Gesicht. „Leider kommt diese Erkenntnis ein bißchen zu spät.“
„Was hast du vor?“
Doch er hörte mich schon gar nicht mehr. Er stolperte vorwärts auf den Ausgang zu.
„AJ!“ ich hüpfte ebenfalls von meinem Barhocker und hastete hinter ihm her. „Bitte warte. Ich möchte ... du kannst mir vertrauen. Wirklich. Ich habe einen Fehler gemacht. Das weiß ich, aber ich will dich nicht verlieren!“ An der Tür hatte ich ihn schließlich eingeholt und bekam ihn am Arm zu fassen.
„Bitte, gib mir doch eine Chance das wieder gut zu machen. Ich ... ,“
„Schhhhh,“ er schwankte und legte mir einen Finger auf die Lippen. „Es ist zu spät.“ Dabei grinste er wie ein Verrückter, der gerade aus der Anstalt geflohen war. „Zu spät,“ wiederholte er, beugte sich dann zu mir herunter und presste seine Lippen schmatzend und feucht auf meine. Er roch ekelhaft nach Alkohol und Zigaretten und doch hätte ich ihn am liebsten genau hier behalten.
„Es ist zu spät,“ sagte er noch einmal, dann drehte er sich herum und verschwand durch die Tür, die sich gleich darauf hinter ihm schloss. Der Riese, der mich herein gelassen hatte versperrte mir den Weg, als ich nach der Klinke greifen wollte um ihm zu folgen.
„Schätzchen, es ist besser, du wartest eine Weile hier. Ich glaube nicht, dass AJ im Moment wirklich Lust hat, sich mit dir zu unterhalten.“
„Aber ... du verstehst das nicht. Er könnte ... ich weiß nicht, was er jetzt macht. Was, wenn er ... ,“
„AJ ist vielleicht ein Spinner, aber er wird sich ganz bestimmt nichts antun falls du das meinst. Er wird so lange Jacky in sich hineinschütten, bis er bewußtlos ist und morgen sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“
Dieser Typ hatte nicht die geringste Ahnung und so konnten mich seine Worte auch kein Bißchen beruhigen.
„Hey du Schlampe,“ hörte ich plötzlich Rachel hinter mir und als ich herum fuhr, stand sie keine Armeslänge von mir entfernt. „Was auch immer du mit AJ angestellt haben magst, es ist vorbei. Das solltest du nie vergessen. Geh zurück in das Provinzkaff aus dem gekommen bist und lass die Erwachsenen in Ruhe.“
„Du glaubst gar nicht, wie gerne ich nach Hause zurück möchte,“ presste ich durch zusammen gebissenen Zähnen hindurch. „Aber das ist leider nicht möglich.“ Mit diesen Worten wandte ich mich der Tür zu und diesmal durfte ich auch hinaus gehen. Wie durch ein Wunder fand ich den Rückweg und als ich mit letzter Kraft gegen die Tür zur Lobby hämmerte, wurde mir sogar geöffnet.
Das Mädchen schaute ziemlich verwirrt, als ich weinend an ihr vorbei rannte, doch niemand versuchte mich aufzuhalten. Ich ging geradewegs in mein Zimmer, schloss die Tür, warf mich auf mein Bett und zog mir die Decke über den Kopf. Wenn ich einfach so tat, als wäre ich nicht hier, würde vielleicht endlich dieses Gefühl in meinem Herzen verschwinden - der Schmerz und die Angst – und ich würde an einen Punkt zurück finden, an dem mein Leben noch nicht dieses Chaos war. Doch daran konnte wohl selbst die Dunkelheit unter meiner Bettdecke nichts ändern.

Kapitel 39