Kapitel 37
Bittere Erkenntnis
Die Welt schien für einen endlosen Moment still zu stehen. AJ starrte mit großen Augen zu Nick auf, die Hand immer noch zum Klopfen erhoben so, als sei er mitten in der Bewegung zur Salzsäule erstarrt. Nicks Gesicht konnte ich nicht sehen, da er mir den Rücken zukehrte, aber seine ganze Haltung war verkrampft und auch er rühte sich keinen Millimeter.
Äußerlich war ich genau so gelähmt, doch in meinem Kopf rasten die Gedanken. Wie würde AJ reagieren? Was dachte er? Nick nach so langer Zeit lebend wieder zu sehen mußte ein Schock sein. Und dann auch noch in meinem Zimmer! Dieser Gedanke versetzte mir einen eisigen Schrecken. Das hier war ganz und gar nicht gut.
Nick? AJs Stimme war nicht mehr als ein heiseres Flüstern.
Hi AJ, presste Nick hervor.
Du .... , AJ schüttelte den Kopf, lies dann ganz langsam seine Hand sinken und streckte sie dann nach seinem Freund aus. In Zeitlupe schien er sich ihm zu nähern und berührte ihn dann ganz sachte an der Schulter.
Als er dann wieder zu Nick aufsah, glitzerten Tränen in seinen Augenwinkeln.
Du lebst? Hauchte er und dann, von einem auf den anderen Moment, lagen sie sich in den Armen.
AJ murmelte unverständliches an Nicks Schulter, schluchzte dabei leise und drückte ihn so fest an sich, dass die Sehnen an seinen Unterarmen deutlich hervor traten.
Am liebsten wäre ich jetzt im Erdboden versunken. Ich hatte keine Ahnung was ich tun oder sagen sollte. Ich wünschte mir beinahe schmerzhaft, dass Kevin jetzt um die Ecke kommen würde. Er hätte gewußt, was wir tun sollten. Doch das passierte natürlich nicht. Stattdessen hob AJ den Blick und seine Augen richteten sich, leicht irritiert wie ich fand, auf mich.
Ganz langsam löste er sich von Nick und blickte dann immer wieder von mir zu ihm.
Was tust du hier? Wie lange ... , er räusperte sich und setzte noch einmal neu an. Wie lange bist du schon hier?
Das ... ist ... etwas kompliziert, entgegnete Nick und warf mir dann einen hilfesuchenden Blick zu.
Vielleicht möchtest du erst einmal herein kommen, schaltete ich mich also ein. AJ stand immer noch auf dem Flur und das nun folgende Gespräch wurde wohl besser hinter verschlossenen Türen geführt.
Nick legte AJ einen Arm um die Schulter und führte ihn weiter in das Zimmer hinein, während ich an den beiden vorbei ging und die Tür schloss. Augenblicklich wurde es dunkel im Zimmer. Die Kerzen flackerten in dem leichten Luftzug und ließen die Szenerie vor mir unwirklich erscheinen.
Ich spürte mehr als das ich sah, wie es in AJ zu arbeiten begann. Er entfernte sich einen Schritt von Nick, auf seiner Stirn waren nachdenkliche Falten erschienen und sein Blick huschte unstet hin und her. Er versuchte alles gleichzeitig in sich aufzunehmen, schaffte es dabei allerdings nicht, seine Augen länger als zwei Sekunden von Nick abzuwenden, so als hätte er Angst, er könnte im nächsten Moment wieder verschwinden.
Du hast es gewußt? seine Augen hefteten sich plötzlich auf mich und seine Stimme vibrierte dabei gefährlich.
Ich ... uhm ... ja ... aber das ist eine lange ... ,
Wie lange? fragte er und seine Stimme klang plötzlich hart und unnachgiebig.
Ich möchte es dir erklären, sagte Nick und streckte die Hand aus um AJ auf das Bett zu drücken, doch dieser schüttelte unwirsch Nicks Arm ab und machte einen weiteren Schritt zur Seite.
Erklären? fragte AJ und seine Augen verengten sich zu Schlitzen. Da bin ich jetzt aber mal gespannt. Du lebst? Und niemand ... keiner sagt mir etwas davon? Und dann finde ich dich hier ... , er streckte den Arm aus und deutete auf mich. Bei ... Rebecca ... in sanftem Kerzenschein vereint. Ich meine ... , Er stockte und sah nun mich an. Sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen grenzenloser Wut, Enttäuschung und Ungläubigkeit.
Wir hielten es für besser, dir nichts zu sagen, meinte Nick und setzte sich nun selbst auf das Bett.
Ihr hieltet es für besser? AJ starrte entgeistert auf Nick hinunter.
Ich bin ein Spitzel, verstehst du? Ich lebe bei den Fachats und ... ,
Seit wann? AJs Stimme wurde etwas lauter.
Seit ungefähr einem Jahr, entgegnete Nick leise.
Seit ... ? Aber ... ? Das ist doch ... AJ fuhr sich aufgebracht mit den Händen durch das Haar und begann im Zimmer auf und ab zu laufen.
Du warst damals eigentlich die ganze Zeit betrunken. Kevin und ich hielten es für besser, dir nichts davon zu sagen. Es tut mir leid, ich ... ,
ES TUT DIR LEID? Schrie AJ plötzlich und machte einige drohende Schritte auf Nick zu. Es tut dir leid? wiederholte er. Fuck you, Nick. Ich war der Meinung, du bist tot. Verstehst du das? Ich ... OH FUCK!!
Er drehte sich einmal im Kreis, als suche er irgendetwas, auf das er seine Wut lenken konnte und scheinbar fand er in mir, was er gesucht hatte.
Und du hast es gewußt?
Ich ... ja ... am Abend der Versammlung bin ich ... ,
Die Versammlung? So lange weißt du es schon? Und ich ... ich bin so blöd ... und ... , Seine Atmung ging abgehackt, seine Hände öffneten und schlossen sich in schnellem Rhythmus und seine Augen waren so groß und rund, dass es aussah, als würden sie ihm gleich aus dem Gesicht springen.
Wie konntest du mir das antun? Eine einzelne Träne bahnte sich ihren Weg und lief über seine Wange. Wie konntest du mich in dem Glauben lassen, dass Nick tot ist? Ich habe dir alles erzählt! Ich habe dir gesagt, wie sehr ich darunter leide!
Rebecca kann nichts dafür, schaltete sich Nick ein. Kevin und ich haben ihr verboten, mit jemandem darüber zu reden. Sie ... ,
Halts Maul Nick oder ich kann für nichts mehr garantieren, fuhr er seinen ehemaligen Freund an. Ich kann ... es gar nicht glauben. Hat es euch Spaß gemacht mich zu quälen? Habt ihr euch hinter meinem Rücken über mich lustig gemacht und euch gedacht, dass man dem Alki unmöglich sagen kann, dass einer seiner besten Freunde noch lebt? Hat es euch Spaß gemacht mir dabei zuzusehen wie ich leide? Hä?
AJ wirklich. Du mußt mir glauben, es war nur zu deinem eigenen Schutz, versuchte Nick es erneut. Doch selbst in meinen Ohren klangen diese Wort plötzlich lächerlich und gemein.
BULLSHIT!! Verdammt noch mal. Das ... ich glaube das alles nicht ... Langsam ging AJ rückwärts und näherte sich der Tür.
Wo willst du hin? fragte ich ihn alarmiert und machte zwei Schritte auf ihn zu.
Das geht dich nichts mehr an, sagte er und dabei lag so viel Verachtung in seiner Stimme, dass mir ganz schwindlig vor Angst wurde.
AJ, bitte. Ich ... ,
Das ganze Gerede vonwegen ich bin noch nicht so weit und lass uns Freunde sein. Gott, Rebecca, das ist so erbärmlich!
Ich habe dich nicht angelogen, verteidigte ich mich. Ich ... ,
NICHT? Unterbrach AJ mich und lachte ein trockenes, sarkastisches Lachen. Jedes Wort das du mit mir gesprochen hast, war eine Farce. Du wußtest, dass er lebt Herrgottnochmal! Ein zitternder Finger deutete auf Nick.
Es tut mir leid. Wirklich! Ich konnte nicht.
Niemand sollte wissen, dass ich noch lebe, sagte Nick eindringlich, während er sich vom Bett erhob und ein paar Schritte auf AJ zumachte. Doch dieser wich nur noch weiter in Richtung Tür zurück und so blieb Nick schließlich mit erhobenen Händen stehen. Wir wußten nicht, wie du reagieren würdest. Wir wollten dich und auch mich schützen. Wie ich schon gesagt habe, lebe ich bei den Fachats. Ich bin ein Spitzel.
Und du glaubst, das entschuldigt alles? fragte AJ entgeistert. Du glaubst wirklich, es war richtig mich im Ungewissen zu lassen? Kannst du dir auch nur ansatzweise vorstellen, was ich durchgemacht habe?
Nick zögerte einen Moment und schüttelte dann langsam den Kopf.
Nein? Oh, vielleicht kann ich dir auf die Sprünge helfen. Es hat weh getan. Es hat mich innerlich aufgefressen. Kapierst du das? Und jetzt? Jetzt wünschte ich mir, du wärst tatsächlich tot!
In diesem Moment fuhr AJ herum und riss die Tür auf.
Warte! Rief ich und hastete ihm hinterher. Ich verfolgte ihn durch den langen Flur ins Treppenhaus und redete dabei unablässig auf ihn ein.
Es tut mir leid, wirklich! Kevin und Nick meinten, ich dürfe mit niemandem darüber reden. Ich wollte nicht, dass das passiert. Das mußt du mir glauben. Du bist mir wirklich ungeheuer wichtig und ... ,
Urplötzlich blieb er stehen, so dass ich beinahe in ihn hinein gerannt wäre.
Hör auf damit. Sofort! Sonst ... ,
Sonst? fragte ich ängstlich und sah dabei in sein wutverzerrtes Gesicht.
Im Moment, möchte ich einfach nur irgendetwas in Stücke hauen, also bleib mir vom Leib!
Er fuhr herum und hastete die Stufen in den zweiten Stock hinunter. Ich blieb zurück, da ich nicht wußte, was ich tun sollte. So wie es aussah, wollte er mich nicht in seiner Nähe haben und wer konnte ihm das verdenken? Für einen Moment stand ich noch auf dem Treppenabsatz und hoffte, dass er zurück kommen und mir zuhören würde. Er würde sagen, dass er zwar von mir enttäuscht, mich aber immer noch gern hatte und dass er nur etwas Zeit brauchte und dann würden wir uns küssen und alles wäre wieder gut.
Schließlich schob ich diese Kleinmädchenträume zur Seite und schlich langsam zurück in mein Zimmer. Ich fühlte mich schuldig und schmutzig. Er hatte mir vertraut und ich hatte ihn verraten.
Als ich wieder in mein Zimmer zurück kehrte, stand Nick mit dem Rücken zu mir an einem der Fenster und starrte unbewegt hinaus. Leise schloss ich die Tür und setzte mich dann auf das Bett. Ein eisiges Schweigen legte sich über uns. Kein Laut war zu hören und trotzdem rauschte es in meinen Ohren.
Das hätte niemals passieren dürften, hörte ich Nick murmeln.
Ja, das stimmt. Ihr hättet ihm gleich die Wahrheit sagen sollen. Er ... ,
Jetzt fang du auch noch damit an, ereiferte sich Nick. Du weißt nicht, wie er damals drauf war. Ihm war alles scheißegal. Hat man ihm gesagt, er soll weitergehen, ist er stehen geblieben und hast du ihm gesagt, er soll warten, ist er los gelaufen. Er hat immer genau das Gegenteil von dem getan, was man ihm sagte. Wie hätten wir ihm da anvertrauen sollen, dass ich noch lebe und zu den Fachats gehe? Er hätte die gesamte Mission gefährdet. Das Risiko konnten wir nicht eingehen.
Er war dein Freund verdammt nochmal! Wie würdest du dich fühlen, wenn dir jemand erzählt, dass Brian oder Howie noch leben und sie vor dir ein ganzes Jahr versteckt wurden?
Das ist etwas anderes. Sie ... ,
Nein, ist es nicht! Du kannst nicht alles damit entschuldigen, dass du bei den Fachats lebst.
Oh, sind wir jetzt wieder bei diesem Punkt angekommen? ereiferte er sich und drehte sich nun endlich zu mir herum. Immer noch der verletzte Stolz, hm? Da können wir mir auch gleich die Schuld für AJs Kummer in die Schuhe schieben. Das ist ja sooooo einfach.
Hör endlich auf dich wie ein kleines Kind aufzuführen, fuhr ich ihn an und stand auf. AJ leidet, ist verletzt und hat jetzt das letzte bißchen Vertrauen verloren, das er irgendwo in sich noch gerettet hatte. Verstehst du das nicht? Er ist jetzt ganz alleine und ich will mir lieber gar nicht vorstellen, was er jetzt gerade tut.
Sich volllaufen lassen, was sonst? Etwas anderes kann er doch gar nicht.
Mit zwei schnellen Schritten hatte ich ihn erreicht und meine Hand schoss vor, um ihn mitten ins Gesicht zu schlagen. Doch seine Reflexe waren ziemlich gut. Noch auf halben Weg packte er mein Handgelenk.
Denk noch nicht einmal daran, sagte er gefährlich leise und funkelte mich an.
Du bist ... so ein ... Arschloch! fuhr ich ihn an und hatte Mühe, meine Wut unter Kontrolle zu bringen.
Ich weiß. Das hat man mir schon öfter gesagt.
Wir funkelten uns noch einen Moment wütend an, dann senkte ich meine Hand und Nick lies sie los.
Ich verschwinde jetzt besser, sagte er dann und schob sich an mir vorbei.
Ja, im Davonlaufen seid ihr alle die größten, murmelte ich kopfschüttelnd mehr zu mir selbst.
Da kenne ich noch so jemanden, entgegnete Nick, dann öffnete sich die Tür und gleich darauf war ich wieder allein. Der Kerzenschein kam mir plötzlich kalt und bedrohlich vor. Mit Nachdruck betätigte ich den Lichtschalter und blies eine Flamme nach der anderen aus, dann lies ich mich auf das Bett sinken und verbarg mein Gesicht in den Händen. Wie hatte das nur passieren können? Eben war mein Leben wieder annähernd erträglich gewesen und im nächsten Moment war ich umgeben von Trümmern.
Ein erstes Schluchzen drang aus meiner Kehle, dann lies ich mich langsam zurück sinken und weinte. Um wen und warum konnte ich noch nicht einmal wirklich sagen. Ich weinte, weil ich diesen Druck in mir los werden wollte. Den Druck, der mich innerlich zu zerreißen drohte, das Gefühl des Alleineseins und des Verlustes. Ich hatte alles falsch gemacht und ich bezahlte gerade einen ziemlich hohen Preis dafür.