Kapitel 36
Der Anfang vom Ende
Die eine Stunde, die wir tatsächlich auf Sendung waren ging viel zu schnell vorüber. Ich hatte den Eindruck, dass wir noch nicht einmal richtig angefangen hatten, als wir auch schon wieder die CDs zusammen suchen und zurück in das Archiv bringen mußten.
Schweigend räumten wir alles wieder zurück an seinen Platz. Ab und an hörte ich AJ, der leise vor sich hinsang und wenn ich ihn ansah, lag ein verträumtes Leuchten auf seinem Gesicht, das mich ebenfalls lächeln lies.
Haben wir das gut hingekriegt, oder was? fragte AJ schließlich, während er mir hinaus in die Nacht folgte und ich die Tür des Storchennests abschloss.
Und wie wir das hingekriegt haben, bestätigte ich grinsend.
Wir sind eben das perfekte Team, lächelte AJ, legte mir einen Arm um die Schulter und führte mich über das Dach zur Treppe, die nach unten führte.
Es hat wirklich Spaß gemacht, sagte ich mehr zu mir selbst und genoss das Glücksgefühl, das mich durchströmte.
AJ blieb stehen und fragend blickte ich zu ihm auf.
Es ist seltsam, sagte er, löste sich von mir und kramte eine zerknitterte Schachel Zigaretten aus seiner Hosentasche.
Was ist seltsam? hakte ich nach, während die Flamme des Feuerzeugs für einen kurzen Moment sein Gesicht erhellte.
Genüsslich blies er den Rauch in die Luft und folgte ihm einen Moment mit den Augen, bevor er sich mir wieder zuwandte. Dieses Gefühl. Ich meine ..., er schüttelte den Kopf. Ich wußte schon immer, dass mir Musik wichtig ist, wenn nicht sogar das wichtigste in meinem Leben. Alles hatte sich vor dem Krieg darum gedreht und dann, mit einem Schlag, habe ich nicht nur meine gesamte Familie, alles was ich besitze und noch viel mehr verloren, sondern auch die Musik. Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber Musik war für mich immer schon ... ich weiß auch nicht ... etwas, was mich getröstet hat, wenn es mir schlecht ging. Etwas, das mit mir zusammen gefeiert hat, wenn es mir gut ging. Etwas, dass mit mir gemeinsam geweint, gelitten, sich gefreut und auch die stillen Momente geteilt hat.
Wie ein Spiegel, flüsterte ich.
Ja, er nickte und sah mich lange an. Auch wenn es total verrückt klingt, aber ich habe das Gefühl, dass ich erst jetzt wieder vollkommen bin.
Das klingt nicht verrückt. Ich weiß ganz genau was du meinst, nickte ich und spürte, wie eine Gänsehaut meine Unterarme bedeckte.
Und jetzt habe ich jemanden gefunden, der das genau so empfindet wie ich und das ist ... noch seltsamer. Beendete er verlegen grinsend seine Rede.
Ja, das ist es. Aber auch ... sehr schön.
Er nickte wieder und griff dann vorsichtig nach meiner Hand. Innerlich schrie alles in mir, einfach davon zu laufen. Wir bewegten uns mal wieder am Rande eines Abgrundes und wenn ich nicht aufpasste, würde ich kopfüber hinein stürzen.
Ich möchte dir danken, sagte er leise, während er sanft meine Handrücken streichelte.
Du brauchst mir nicht ... ,
Doch, unterbrach er mich. Ich möchte das gerne. Ich möchte dir danken, dass du an mich geglaubt und mir vertraut hast. Ich habe es nur dir zu verdanken, dass ich jetzt hier stehe, eine ganze Radioshow moderiert habe und mich morgen auch noch daran erinnern werde. Es ist einfach toll endlich wieder Herr über meine Sinne und mein Handeln zu sein. Dafür möchte ich dir danken.
Aber ich habe doch nicht wirklich viel damit zu tun. Die Entscheidung hast du ganz alleine getroffen.
Aber ohne dich hätte ich das niemals geschafft.
Wenn du meinst ... es ist einfach ... ,
Lass es, schmunzelte er. Ich bin dir dankbar und nichts was du sagst, wird daran etwas ändern. Du solltest wirklich an dir arbeiten. Mit Komplimenten kannst du jedenfalls nicht besonders gut umgehen.
Ich weiß, gab ich lächelnd zu und schüttelte dann den Kopf. Wer hätte vor einem halben Jahr gedacht, dass ich irgendwann hier stehen würde, hinter mir ein Radiosender und vor mir ein Mensch, der meint, mir sein Leben zu verdanken.
AJ lachte leise. Ja, das Leben ist manchmal schon sehr seltsam.
Wem sagst du das?
Wir standen noch eine Weile schweigend zusammen und während AJ genüsslich seine Zigarette rauchte und dabei weiterhin meine Hand hielt, hatte ich das erste Mal das Gefühl, mich bei ihm geborgen zu fühlen. Es sollte genau so sein. Er und ich, hier draußen, glücklich und entspannt, weil wir gemeinsam etwas auf die Beine gestellt hatten.
Leider sollte dieser Zustand nicht sehr lange anhalten.
Als wir den Speisesaal betraten, erwarteten uns etwa zwanzig strahlende Gesichter. Applaus brandete auf und ich wünschte mir auf der Stelle ein Loch, in das ich verschwinden konnte. Einer der Gründe, warum ich mich für das Radio entschieden hatte war immer gewesen, dass ich es hasste persönlich im Mittelpunkt zu stehen. Die Leute sollten sich auf meine Stimme und das was ich sagte konzentrieren und mich vor allen Dingen nicht so offensichtlich anstarren.
Doch hier war das scheinbar nicht zu vermeinden. AJ zog mich hinter sich her tiefer in den Raum hinein und als erstes trat Kevin auf uns zu. Er drückte mich ganz fest an sich und murmelte ganz nahe an mein Ohr und mit leicht zitternder Stimme. Das war fantastisch Becca. Das war einfach ... fantastisch.
Ich mußte grinsen. Kevin, es ist alles gut. Nur ein bißchen Radio. Nichts schlimmes.
Naja ... , er löste sich von mir, schniefte kurz und fuhr sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Augen. Das war ... nun ... schon irgendwie ... etwas besonders. Ein weiterer Traum, der sich erfüllt hat, verstehst du? Das war ... ,
... toll, alter Mann, vollendete AJ lachend seinen Satz und zog ihn gleich darauf in eine feste Umarmung.
Immer diese Heulsusen aus Kentucky, sagte er zu mir und lachte, als Kevin ihn in die Seite boxte.
Dann trat Thali auf mich zu. Das war soooo gut! sagte sie und umarmte mich. Wirklich, ihr zwei habt einen hervorragenden Job gemacht.
Danke, lächelte ich. Es hat uns auch unglaublich viel Spaß gemacht. Schade, dass es nur eine Stunde war.
Dwain sagt, in etwa zwei Wochen sind die Batterien so weit aufgeladen, dass es keine Probleme mit der Stromversorgung mehr geben wird, tröstete Thali mich lächelnd.
Gott sei Dank. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr da weg gegangen.
Hey, das ist überhaupt die Idee! rief AJ. Wir ziehen da oben ein. Na?
Wenn du mir verrätst, wie wir da zwei Betten und nen Kleiderschrank unterbringen gerne, lachte ich.
Ach, wer braucht schon ein Bett, winkte AJ ab.
Die Umstehenden lachten. Wir mußten noch ettliche Hände schütteln und Glückwünsche entgegen nehmen, bevor wir uns endlich setzen konnten. Von irgendwo her hatte jemand zwei Gitarren und Trommeln organisiert und während Kevin uns etwas zu trinken besorgte, fingen zwei der Männer an zu spielen, während eine Frau von sicherlich weit über sechszig sich die Trommeln zwischen die Knie klemmte und dazu einen sanften Rhythmus schlug.
Der ganze Saal sang mit, während AJ und ich uns mit Eistee zuprosteten und glücklich und überaus stolz den Abend genossen.
Für einen flüchtigen Moment schoss mir der Gedanke an meine Eltern durch den Kopf. Sie wären sicherlich unglaublich stolz auf mich gewesen und ich konnte mir gut vorstellen, sie hier zwischen all diesen Menschen sitzen zu sehen, wie sie sich amüsierten, dabei verliebt in die Augen schauten und Händchen hielten.
AJs leise Stimme an meinem Ohr holte mich wieder zurück in die Realität. Hey, heute Abend sind keine traurigen Gedanken erlaubt.
Ich sah zu ihm hinüber und ein liebevolles Lächeln lag auf seinem Gesicht.
Du hast recht, nickte ich.
Ich weiß, grinste er, legte dann einen Arm auf meine Stuhllehne und wandte sich wieder dem Geschehen vor uns zu.
Für einen Moment sah ich noch zu ihm hinüber, genoss das warme Gefühl, dass sich in meinem Bauch ausbreitete und mußte gegen meinen Willen lächeln. Irgendwie war alles auf den Kopf gestellt und trotzdem fühlte es sich so unglaublich gut an.
Es war schon spät, als ich mich schließlich verabschiedetet und langsam die Stufen hinauf in den dritten Stock ging. Wie ein Film im schnellen Vorlauf lies ich noch einmal die Ereignisse Revue passieren und lachte leise vor mich hin, als ich an die Showeinlage von AJ und Kevin dachte, die vor versammelter Mannschaft eine Neuauflage von Kids hingelegt hatten, wobei Kevin den Part von Robbi Williams übernahm, weil er der Meinung war, dass AJ die perfekt Kylie darstellte und alleine schon seine Größe ihn dazu prädistinierte.
Das Ergebnis war überraschend gut gewesen, wenn AJ auch eher so klang, als hätte man ihm sein bestes Stück mit einem Löffel entfernt, doch der ganze Saal hatte getobt und ich glaube, ich hatte in meinem ganzen Leben noch nie so viel gelacht.
Als ich schließlich meine Zimmertür erreichte, schloss ich immer noch grinsend und leise Come on board, take a ride vor mich hinsummend auf und hielt dann verdutzt inne.
Eigentlich sollte mein Zimmer im Dunkeln liegen, doch stattdessen flackerte warmer Kerzenschein über die Wände. Schatten bewegten sich darin und augenblicklich verschwand meine gute Stimmung und machte einer unbestimmten Angst Platz. Doch bevor ich mich herum drehen und davon laufen konnte, hörte ich Nicks Stimme. Möchtest du nicht rein kommen?
Ich schluckte. Was tat er hier? Ausgerechnet heute Abend?
Ohne mein Zutun machten meine Füße zwei Schritte in den Raum hinein und ich schloss die Tür hinter mir.
Nick saß in einem Sessel zu meiner Rechten, rauchte eine Zigarette und musterte mich mit unergründlichem Lächeln von oben bis unten.
Eure Sendung war ziemlich cool, wenn auch die Musik etwas ... nun ja ... rockiger hätte sein können.
Was tust du hier? fragte ich und war selbst überrascht über die Kälte in meiner Stimme.
Ich hatte Sehnsucht, sagte er schlicht, drückte die Zigarette aus und erhob sich.
Du bleibst besser wo du bist, warnte ich ihn und ging dann an ihm vorbei in das Zimmer hinein, um so viel Abstand wie möglich zwischen uns zu bringen.
Oh, schlechte Laune? fragte er grinsend.
Jetzt schon.
Hm. Ich habe dich wohl verärgert, wenn ich auch nicht genau weiß, womit.
Ich schnaubte. Wie wäre es für den Anfang damit, dass du mir verschwiegen hast, dass du verheiratet bist und einen Sohn hast?
Du hast mich nicht danach gefragt, entgegnete er achselzuckend und kam langsam auf mich zu.
Bleib gefälligst da stehen, giftete ich ihn an.
Warum? Hast du Angst, du könntest dich nicht beherrschen? Er grinste immer noch, was meine Wut nur noch mehr anfachte.
Hör sofort auf damit. Ich hasse dich. Du hast ... ,
Er hatte mich erreicht und blieb so nahe vor mir stehen, dass sich unsere Nasen beinahe berührten. Augenblick versagte mir die Stimme und ich starrte mit großen Augen zu ihm auf.
Ich habe dir nie irgendwelche Versprechungen gemacht, sagte er leise, während er ganz langsam seine Hand hob und mir damit federleicht über die Wange strich. Ich habe dir gesagt, dass wir keine Beziehung haben, dass wir noch nicht einmal so etwas wie Freunde sind.
Aber ... ,
Aber was? unterbrach er mich. Du hattest genau so deinen Spaß wie ich. Das kannst du nicht leugnen und mehr sollte es auch nicht sein.
Tut mir leid, das ist nichts für mich, entgegnete ich und ärgerte mich über meine Atmung, die sich beschleunigte, während seine Fingerspitzen sanft meinen Hals entlang glitten, und über meine Beine, die sich scheinbar nicht bewegen wollten.
Warum bist du dann immer noch hier? fragte er leise lächelnd, während sich seine Lippen auf meinen Mund hinab senkten.
Meine Knie wurden weich, als seine Lippen über meine strichen und seine Hände aufreizend langsam über meinen Körper glitten. Ich stöhne leise auf, als er mich fest an sich zog und begann, an meinem Ohrläppchen zu knabbern.
Du willst es genau so sehr wie ich, murmelte er, während sein Atem heiß meinen Hals liebkoste. Das kannst du nicht leugnen.
Ich ... will ... das nicht ... , stieß ich hervor und erntete damit lediglich ein heiseres Lachen von ihm. Ich spüre es ganz deutlich, entgegnete er amüsiert und hörte dabei nicht auf, meinen Rücken zu streicheln und kleine Küsse auf meine Halsbeuge zu verteilen.
Ich schloss die Augen und sammelte sämtliche Kraftreserven zusammen, die ich noch in mir finden konnte. Unter größter Anstrengung stemmte ich meine Hände gegen seine Brust und schob ihn ein Stück von mir.
Hör auf damit, sagte ich.
Nein. Keine Chance, murmelte er und seine selbstgefällige Art klärte endlich die Nebelschwaden in meinem Kopf. Wütend versetze ich ihm einen Stoss, der ihn zurück taumeln lies.
Ich habe gesagt, du sollst aufhören verdammt noch mal. Was ist daran nicht zu verstehen?
Komm schon. Deine Stimme sagt nein und alles andere an dir sagt ja. Was erwartetst du?
Ein bißchen Respekt verdammt nochmal! Inzwischen war ich wütend. So wütend, dass ich ihn am liebsten mitten in sein hübsches Gesicht geschlagen hätte. Was bildete sich dieser Typ eigentlich ein?
O.k., o.k., er hob die Hände und lies sich auf das Bett sinken. Du bist wütend. Weil ich dir nicht von meiner Frau und dem Baby erzählt habe. Gut. Ist zur Kenntnis genommen. Aber hast du auch nur einmal darüber nachgedacht, dass ich vielleicht unglücklich dort bin? Dass es nicht geplant war, dass Nashril und ich heiraten? Und das mit dem Baby war sowieso ... , er schüttelte den Kopf und schwieg.
Warum hast du es denn dann getan, wenn es dir sooo zuwider ist? fragte ich sarkastisch und leise zittern vor unterdrücktem Zorn.
Weil ich nur so am Leben bleiben konnte, entgegnete er schlicht und starrte auf seine Hände, die in seinem Schoß ruhten.
Ach komm schon Nick, das soll ich dir glauben? Du hast mich benutzt, wolltest einfach mal deinen Spaß haben, was du im Übrigen gerade eben selbst gesagt hast.
Und selbst wenn ... ich habe dir nie etwas vorgemacht, oder? Das kannst du mir nicht vorwerfen. Ich habe dir weder etwas versprochen, noch die Sterne vom Himmel geholt, noch sonst irgendetwas in dieser Richtung getan.
Das mag ja sein, aber du hättest mir erzählen sollen, dass du mit Nashril verheiratet bist. Dann wäre es nie so weit gekommen und ich denke, das ist auch genau der Grund, warum du es nicht getan hast.
Weißt du, warum ich es dir nicht gesagt habe? fragte er und erhob sich erneut, doch zu seinem Glück blieb er vor dem Bett stehen und versuchte nicht, mir näher zu kommen als gut für ihn war.
Na, da bin ich jetzt aber mal gespannt.
Weil ich einmal nicht an all das denken wollte. Weil ich vergessen wollte, dass ich bei den Fachats ein Gefangener bin. Vielleicht trage ich keine Fesseln und vielleicht muß ich nicht in irgendeinem dunklen, kalten Gefängnis hocken, doch ich bin trotzdem dazu verdammt den Rest meines Lebens bei diesen ... diesen ... Tieren zu verbringen, die den ganzen Tag nur darüber nachdenken, wie sie die Weltherrschaft an sich reißen können. Die halten da nicht sehr viel von mir, auch wenn dich das überraschen dürfte, und meine Heirat mit Nashril war der einzige Weg langfristig dort meinen Frieden zu finden.
Du hast sie betrogen, vestehst du das denn nicht? Sie vertraut dir. Ihr habt ein Kind. Du hast Verantwortung. Und diese Verantwortung hast du ganz freiwillig auf dich genommen.
Hörst du mir eigentlich zu? ereiferte er sich und trat nun doch einen Schritt auf mich zu. Doch diesmal wirkte diese Geste eher wie eine Drohung und ich begann mich augenblicklich mehr als unwohl zu fühlen. Ich habe dir doch gerade eben gesagt, dass ich keine andere Wahl hatte. Von wegen ich habe diese Verantwortung freiwillig übernommen. Ich habe mein Leben gerettet, das ist alles.
Nein Nick. Du hattest die Wahl. Warum bist du dort geblieben? Du hättest genau so gut zurück kommen können.
Gott Rebecca, wie naiv bist du eigentlich? frage er und verdrehte die Augen. Wenn ich hier her zurück gekommen wäre, hätte ich alle in Gefahr gebracht. Glaubst du wirklich Hakim hätte mich einfach so gehen lassen? Nein, er hätte nicht nur alles daran gesetzt mich, den eigentlich Verräter, zu töten, er hätte sich auch gleich jeden einzelnen der Beobachter vorgenommen. Inklusive Kevin, Thali, Stattler, AJ und auch dir. Verdammt, ich hatte keine Wahl! Kapierst du das jetzt endlich?
Ich starrte ihn eine Weile an ohne zu wissen, was ich sagen sollte.
Resiginiert schüttelte er den Kopf. Es war ein Fehler hierher zu kommen. Es war ein Fehler, mich auf dich einzulassen. Ich hätte dich in der Nacht, als du alleine in der Dunkelheit herum geirrt bist, weil du dich in dem blöden Labyrinth verlaufen hast einfach hängen lassen sollen. Die Fachats hätten dich geschnappt und du hättest vielleicht ungefähr eine Vorstellung davon bekommen, was ich seit fast einem Jahr mitmache.
Tut mir leid, aber ich kann kein Mitleid empfinden. Du hast diesen Weg selbst gewählt und hier herum zu lamentieren bringt dir auch nichts. Du bist nunmal verheiratet und ich bin die falsche Frau um dich davon abzulenken.
Ja, das habe ich jetzt auch gemerkt, schnaubte er, dann drehte er sich auf dem Absatz herum und strebte der Zimmertür zu.
Und jetzt willst du einfach abhauen, ja? rief ich und beeilte mich ihm hinterher zu kommen.
Was soll ich denn deiner Meinung nach sonst tun, hm? fragte er zurück und blieb, die Hand auf der Türklinke, stehen.
Er hatte ja recht. Eine Entschuldigung konnte ich von ihm wohl nicht erwarten, doch es tat weh, ihn jetzt einfach so aus meinem Leben gehen zu sehen. Mein Herz pochte schmerzhaft in meiner Brust und ich spürte Tränen, die sich hinter meinen Augenlidern sammelten. Das hier war vollkommen verrückt.
Hör zu, sagte er plötzlich sanft. Ich kann ... dich sogar verstehen. Ich bin eben nicht das, was du brauchst. Du suchst jemand, der ganz solide hinter dir steht und dir Halt gibt. Das kann ich nicht. Ich bin heute hier, morgen da und ich kann dir keine Versprechungen machen. Ich möchte nur, dass du verstehst, dass ich ... dir nicht absichtlich weh tun wollte, okay?
Nach einer kurzen Pause nickte ich ganz automatisch.
Und weißt du, was das komischste ist? fragte er weiter und ich schüttelte den Kopf. Diese Nacht mit dir ... ich ... mußte immer wieder daran denken. Ich habe mich nach langer, langer Zeit wieder einigermaßen sicher gefühlt.
Es ist auch für mich komisch, sagte ich leise.
Es tut mir leid, sagte er ebenso leise, streckte die Hand aus und streichelte ein letztes Mal meine Wange. Du bist eine tolle Frau und derjenige, der irgendwann mal dein Herz gewinnt, kann sich wirklich glücklich schätzen.
Das Seltsame ist, dass du ein ziemlich guter Anwärter auf den Post warst, flüsterte ich.
Mit mir hättest du nur eine Niete gezogen, also sei froh, lächelte er, beugte sich zu mir hinüber und küsste mich sanft auf den Mund.
Machs gut und pass auf dich auf, ja? sagte er leise, dann zog er die Tür auf.
Mein Blut gefror in den Adern, als dahinter plötzlich AJ im Türrahmen auftauchte, die Hand zum Klopfen erhoben mit einem Ausdruck vollkommener Überraschung auf dem Gesicht.
Kapitel 37