Kapitel 35
Auf Sendung

Die nächsten Tage war für mich am Sender nicht sehr viel zu tun. Dwain hatte einen Testlauf gestartet und festgestellt, dass noch einige Veränderungen an der Technik nötig waren. Er sicherte Kevin zu, dass er nicht mehr als ein paar Tage brauchen würde und so begannen wir damit, Radioempfänger an jeden Beobachter zu verteilen. Mitch hatte zusammen mit Dwain versucht, so viele wie möglich wieder zum Laufen zu bringen und mit Batterien ausgestattet. Auf die Dauer war das sicherlich keine Lösung, aber nachdem die Solaranlage auf dem Dach des Storchennestes so hervorragende Arbeit leistete, wurde bereits darüber nachgedacht, ähnliches auch auf den Gebäuden zu installieren, in denen die Beobachter wohnten und somit eine neue, unabhängige Stromquelle zu schaffen.
Dadurch, dass ich dem Sender und allem, was damit zu tun hatte, eine Weile fern blieb, ging ich gleichzeitig auch AJ aus dem Weg. Dieser Umstand war mir zwar sehr wohl bewußt, ich war aber auch nicht bereit etwas daran zu ändern. Ein zu großes Chaos herrschte in meinem Kopf, zu viele Gedanken wirbelten darin herum, ohne dass ich zu irgendeinem brauchbaren Entschluss gekommen wäre. Ich wußte nicht, wie ich mit ihm umgehen sollte. Auf der einen Seite war er ein Freund, der mir überaus wichtig und nahe war, auf der anderen Seite hatte er einen Schritt über eine unsichtbare Grenze gemacht und ich hatte keine Ahnung, ob ich ihn in diesem Bereich meines Lebens haben wollte.
Die Sache mit Nick steckte mir noch in den Knochen. Das Gefühl betrogen und hintergangen worden zu sein wollte einfach nicht verschwinden und auch wenn es unfair war, so unterstellte ich AJ doch ähnliche Motive. Ein bißchen Spaß haben, sich von dem grauen Alltag ablenken und dabei nicht über Konsequenzen nachdenken.
Diese Einstellung konnte ich nicht teilen. Ich dachte pausenlos an Konsequenzen, die Zukunft und wie diese aussehen könnte und somit war es mir auch nicht möglich diese „ersteinmal sehen was passiert“ Einstellung anzunehmen. Auch wenn ich zugeben mußte, dass ich keine Ahnung von AJs Motiven, Gedanken und Gefühlen mir gegenüber hatte.
Und so flossen die Tage dahin. Die meiste Zeit verbrachte ich draußen. Entgegen allen Warnungen, Ermahnungen und gutgemeinten Ratschlägen nicht alleine hinaus zu gehen und in der Sicherheit des Hotels zu bleiben, streifte ich durch die zerstörten Häuserschluchten New Yorks. Ich wollte und brauchte diese Freiheit, auch wenn sie sicherlich in gewisser Weise trügerisch war. Ich war nicht wirklich frei. Stattler hatte mir gezeigt, in welchen Vierteln ich mich einigermaßen sicher bewegen konnte, wo es brenzlich werden könnte und welche Gebiete ich unter allen Umständen meiden sollte. Zu Kevins großer Erleichterung hielt ich mich wenigstens an diese wenigen Regeln.
Ein paar Mal, als ich an der Grenze zum Gebiet der Fachats ankam, überlegte ich ernsthaft einfach weiter zu gehen. Ich wollte Nick sehen, wollte mit ihm reden, ihn nach seiner Sicht der Dinge fragen und heraus finden, ob ich für ihn tatsächlich nur ein flüchtiges Abenteuer gewesen war. Dabei konnte ich nicht unterscheiden, ob es hier lediglich um mein verletztes Ego oder um mehr ging. Um ehrlich zu sein, wagte ich mich nicht dieser Frage wirklich zu stellen. Ich hatte Angst davor der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen und so bog ich einfach in den nächsten Straßenzug ab und wandte dem Gebiet der Fachats den Rücken zu. Ich würde meine Antworten sicherlich früher oder später erhalten. Bis dahin mußte ich geduldig sein wenn ich nicht wollte, dass ich die Antworten entweder nie bekam, oder direkt danach getötet wurde.
Schließlich kam der große Tag. Dwain hatte grünes Licht für den Betrieb des Senders gegeben, jeder, der es irgendwie geschafft hatte zum Lager zu marschieren, war im Besitz eines Radiogerätes und im Speisesaal des Hotels hatte man ein besonders großes Exemplar mit überdimensionalen Boxen aufgestellt um die sich ein Großteil der Beobachter versammelt hatte.
Die Spannung, die im gesamten Haus herrschte, war beinahe mit Händen zu greifen und auch ich konnte mich dieser nicht entziehen. Ich fühlte mich ein wenig, als hätten wir das Radio neu erfunden. Alle warteten auf den großen Durchbruch, auf meine Stimme, die aus Lautsprechern schallen würde, auf Musik, die zwar niemals vergessen, aber nicht mehr als allgegenwärtig angesehen werden konnte.
Mit klopfendem Herzen stieg ich die Treppe zum Dach hinauf. Die Sonne war bereits am Untergehen und es legte sich ein rötlicher Schimmer über die Stadt, die die sonst so hässlichen, zerstörten Gebäude in warmes Licht tauchte und das Storchennest verheißungsvoll leuchten lies.
Durch die Eingangstür an der Gebäudeseite betrat ich den Senderaum und war nicht wirklich überrascht, AJ dort vorzufinden.
Er saß in einem der beiden bequemen Schreibtischdrehstühle, die Kevin und Thali mir vor ein paar Tagen mit feierlichem Grinsen überreicht hatten und an deren Rückenlehnen immer noch die rosa Papierschleifen klebten. AJ hatte Kopfhörer auf den Ohren und die Augen geschlossen. Ganz leise drangen die Klänge von „Weird World“ aus den Kopfhörern, einer der Songs vom letzten Backstreet Boys Album.
Für einen Moment blieb ich stehen und beobachtete ihn. Seine Gesichtszüge waren entspannt, auf seinen Lippen lag ein angedeutetes Lächeln und kaum hörbar sang er den Text mit. Scheinbar hatte er früher als erwartet beschlossen, sich seiner Vergangenheit zu stellen.
Schließlich schien er zu spüren, dass er nicht mehr alleine war. Er öffnete die Augen, blickte sich einen Moment suchend um und entdeckte mich dann, wie ich immer noch in der Eingangstür, umrahmt von den letzten, sanften Sonnenstrahlen stand.
Eine Weile sahen wir uns schweigend an, begleitet von den leisen Klängen von „Weird World“. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und erst jetzt ging mir auf, wie sehr er mir gefehlt hatte. Unsere Gespräche, sein raues Lachen, sein oftmals recht zynischer Humor, seine warmen, braunen Augen, die manchmal mühelos in mich hineinsehen konnten und sein charmantes Lächeln, das nun auf seinen Lippen erschien, während er die Kopfhörer von den Ohren nahm.
„Na, bereit für den großen Augenblick?“ fragte er mich und erhob sich von seinem Platz, umrundete das Mischpult und kam langsam auf mich zugeschlendert.
„So lala,“ gab ich zu und konnte meine Augen nicht von ihm lösen. Ich fühlte mich unwohl unter seinem durchdringenden Blick und ich hatte keine Ahung, was ich sagen sollte.
Mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen blieb er schließlich vor mir stehen.
„Lange nicht gesehen,“ sagte er leise und legte dabei den Kopf leicht schräg.
„Ja,“ nickte ich.
„Wie geht es dir?“
„Nervös.“
„Und einsilbig,“ lächelte er.
„Das auch.“
„Es ... tut mir leid.“
„Was?“
„Das mit ... mit dem Kuß ... und so. Ich ... habe dich wohl ziemlich überfahren. Das wollte ich nicht.“
„Überfahren ist gut,“ schnaubte ich und schaffte es endlich mich aus meiner Erstarrung zu lösen und an ihm vorbei zum Mischpult hinüber zu gehen.
„Mir ist kein besserer Ausdruck eingefallen,“ entschuldigte er sich.
„Weißt du, ich glaube, es ist nicht einmal die Art und Weise oder der Kuß an sich, der mir ... Angst macht,“ gestand ich und betrachtete ausgiebig das Cover einer CD, das auf dem Tisch lag, nur um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Sondern?“
„Sondern? Hm ... dass ich etwas verlieren könnte. Dass ich ... ich weiß auch nicht ... wir sind doch so gut miteinander ausgekommen. Warum sollten wir das verkomplizieren? Warum versuchen wir nicht einfach Freunde zu sein?“
„Weil Freundschaften zwischen Männern und Frauen nie wirklich funktionieren,“ entgegnete er.
„Denkst du?“ fragte ich überrascht und sah zu ihm hinüber. Er schloss gerade die Tür und für einen Moment konnte ich lediglich seine dunkle Silhoutte erkennen.
„Ich weiß das. Zumindest in deinem Fall wird mir das ziemlich schwer fallen.“
„Wieso?“
„Wieso?“ er lachte leise und schüttelte den Kopf, während er zu mir herüber kam und unangenehm nahe vor mir stehen blieb. „Weil ich dich ziemlich gern habe und weil ich denke, dass ich mit einer reinen Freundschaft so meine Probleme hätte.“
„Aber ... das ist doch total verrückt. Ich meine ...,“
„Vielleicht ist es das,“ unterbrach er mich. „Aber ...,“ er zuckte mit den Schultern und schüttelte erneut den Kopf, als wüsste er nicht, wie er das was er fühlte ausdrücken sollte.
Dann griff er plötzlich nach meiner Hand und ich zuckte zusammen, während er sie an seine Brust führte und sie dorthin legte, wo sein Herz schnell und hektisch unter seinem Pullover schlug. „Hier ... fühlst du das?“
Ich konnte nicht antworten und starrte ihn stattdessen wie ein göttliche Erscheinung an.
„Das hier hat mein Denken und mein Handeln übernommen. Ich kann gar nichts dagegen tun und wenn du sagst, du willst nur Freundschaft, dann tut das genau da drin unheimlich weh.“
Ich spürte die Wärme, die von ihm ausging, seinen Herzschlag, der wild gegen meine Handfläche pochte und das leichte Zittern seiner Hand, die meine immer noch umschlossen hielt.
„Seit Tagen versuche ich mir einzureden, dass Freundschaft ganz okay ist, dass ich das sicherlich irgendwie hinkriege und dass ich dich nicht verlieren will. Nur ... ich kann das da drin nicht abstellen, verstehst du?“
Ich entzog ihm vorsichtig meine Hand und trat einen kleinen Schritt zurück.
„Ich verstehe was du meinst,“ sagte ich leise „aber ich glaube, ich bin noch nicht so weit. Du bist mir wichtig und irgendetwas in mir sagt mir, dass es vielleicht ganz toll wäre mit dir ... zusammen zu sein. Aber ... ,“ ich schüttelte den Kopf und breitete hilflos die Arme aus. Wie sollte ich ihm etwas erklären, was ich selbst nicht genau benennen konnte?
Sicherlich war da mehr als nur bloße Freundschaft. Alleine der Umstand, dass mein Herz in diesem Moment ebenso schnell schlug wie seins, war dafür wohl Beweis genug, doch irgendwo in meinem Kopf saß Nick und sah mich vorwurfsvoll an. Irgendwo da drin waren noch ungeklärte Fragen, Dinge, die ich erst mit Nick besprechen mußte, Gewissheiten, die ich für meinen Seelenfrieden brauchte und vorher war es für mich unvorstellbar auch nur über die Möglichkeit nachzudenken, mit AJ irgendetwas anzufangen, das über bloße Freundschaft hinaus ging.
„Immerhin hast du mich nicht gleich zum Teufel gejagt,“ stellte er fest und senkte enttäuscht den Blick.
„Das könnte ich nie,“ entgegnete ich ehrlich und er nickte langsam.
„In Ordnung. Fürs erste werde ich mich wohl damit zufrieden geben müssen. Aber ... ich kann nichts versprechen.“
„Das ... ist in Ordnung. Glaube ich zumindest.“
Ein leises Lächeln stahl sich bei meinen Worten auf sein Gesicht. „Glaubst du? Hm ... nun gut. Nachdem ich mich nun komplett lächerlich gemacht habe, sollten wir wohl mit der Sendung anfangen, hm?“
„Du hast dich überhaupt nicht lächerlich gemacht,“ widersprach ich „und ich würde sehr gerne mit der Show anfangen.“
„Dann also los,“ nickte er, warf mir noch einmal einen langen, intensieven Blick zu, bevor er sich herum drehte und im angrenzenden Archiv verschwand. Für einen Moment blieb ich noch wie versteinert stehen, überrascht darüber, wie kalt und leer mir dieser Raum auf einmal vorkam, dann folgte ich ihm langsam.

Hinter den großen Glastüren, die hinaus auf die Terrasse führten, lag undurchdringliche Schwärze, eine kleine Lampe über dem Mischpult malte einen behaglichen Lichtkreis in die Dunkelheit und ich saß vor dem Mikrofon mit Kopfhörern auf den Ohren und war bereit für die erste Sendung.
AJ und ich hatten in der letzten halbe Stunde sämtliche CDs zusammen gesucht, die wir für die nächste Stunde brauchen würden und saßen nun einträchtig nebeneinander.
Ich zog das Mikro noch etwas näher zu mir heran und sah dann auffordernd zu AJ hinüber.
„Wollen wir?“ fragte ich und er nickte lächelnd.
Vorsichtig griff ich nach seiner Hand, führte sie über die vielen Regler und Knöpfe des Mischpults, bis hin zu dem unscheinbaren Kippschalter, der mich auf Sendung bringen würde. Gemeinsam schlossen sich unsere Hände über dieses unscheibare Stück Plastik und gemeinsam legten wir ihn um.
Sofort erklang ein leises Rauschen in meinen Kopfhörern, das mir sagte, dass wir nun tatsächlich mit der Außenwelt verbunden waren und mit einem breiten Grinsen zählte ich mit den Fingern langsam von drei rückwärts.
Schließlich beugte ich mich etwas näher an das Mikro heran, während AJ den Regler für die Musik langsam nach oben schob. Als ich anfing zu sprechen war ich mir bewußt, dass man meine Stimme nun im Umkreis von 3 Kilometern deutlich aus sämtlichen Radiogeräten hören konnte und vor Glück hätte ich am liebsten angefangen zu weinen. Doch das ging natürlich nicht. Untermalt von Pink Floyds „Is there anybody out there?“ begann ich zu sprechen.
„Guten Abend liebe Freunde, Beobachter und Mitstreiter. Hier ist Rebecca Swan, live aus dem Storchennest unter den nicht zu sehenden Sternen. Und neben mir sitzt AJ McLean. Sag Hi, AJ.“
Er beugte sich mit einem breiten Grinsen zu meinem Mikro hinüber. „Hallo ihr da draußen,“ sagte er. „Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich könnte im Moment platzen vor Stolz und Freude, und um auch noch den letzten mit unserer bombastischen Stimmung hier oben anzustecken spielen wir euch ... ,“
„We will rock you von Queen,“ brüllten wir beide ins Mikro, brachen dann in Gelächter aus, während AJ die Regler bediente und die traurigen Klänge von Pink Floyd dem dumpfen Wummern von Queen wichen. Ich schaltete das Mikro aus und drehte gleichzeitig die Lautstärke für die Musik höher, so dass das kleine Steinhaus unter den stampfenden Bässen zu erzittern schien.
„Yeah!!“ brüllte AJ, hob die Hand, ich schlug ein und gemeinsam warfen wir uns auf den Boden und klatschten im Takt zu We will rock you auf den Boden. Bum, Bum, Buuuuum. Bum, Bum, Buuuuum.
Eine riesige Welle Glückseligkeit spülte mich davon und ich glaube, ich hatte noch nie so laut und mit so viel Enthusiasmus diesen alten Klassiker mitgesungen. Meine Stimmbänder drohten zu reißen, doch das war mir herzlich egal.
Das hier war Musik und wir begrüßten sie beide wie einen lange vermissten Freund, wie jemand, der nach langer Zeit zu uns zurück gekehrt war und erst jetzt wurde mir wirklich bewußt, wie sehr ich die Musik vermisst hatte.
Nach ungefähr der Hälfte des Songs hatten wir uns soweit wieder eingekriegt, dass wir uns wieder setzen und die nächsten Stücke vorbereiten konnte. Dabei hörten wir allerdings beide nicht auf zu singen und mein Herz schlug vor Freude so fest, dass ich glaubte, es müsse die laute Musik noch übertönen.
Schließlich wandte ich mich wieder dem Mikrofon zu.
„Und hier sind wieder Rebecca und AJ, direkt aus dem Storchennest. Für unsere erste Sendung haben wir uns etwas ganz besonders einfallen lassen, nicht wahr AJ?“
„Jep, ganz genau. Ich habe hier einen ganzen Berg kleiner Zettelchen in meiner Hand, die mir von überaus hübschen Laydies in letzter Zeit zugesteckt wurden,“ er kicherte und zog das erste Blatt Papier zu sich heran.
„Als erstes habe ich hier einen kleinen Gruß von Melli an Sunny. Sie wünscht sich Dreams von Gabrielle und grüßt damit ihre beste Freundin ganz herzlich. Auch von mir einen herzlichen Gruß und einen dicken Schmatzer an euch beide!“
Er schmatzte einen dicken Kuß in das Mikrofon und schob dann den Regler für die Musik nach oben. Gleich darauf erfüllte Gabrielles sanfte Stimme den Raum.
„So, so. Überaus hübsche Ladys, hm?“ neckte ich ihn und er grinste verschmitzt.
„Was dagegen?“ fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Oh nein,“ ich schüttelte den Kopf. „So lange sie dir nur nette Grüße für andere zustecken,“ lachte ich, was mir einen freundschaftlichen Knuff in die Seite einbrachte.
Wenig später meldete ich mich erneut.
„Und weiter geht es mit dem bunten Strauß an Musikwünschen und Grüßen. AJ, was haben wir denn als nächstes zu bieten?“
„Tja Becca, als nächstes haben wir eine junge Frau, die auf den wundervollen Namen Shaya hört. Sie hat sich einen meiner persönlichen Favoriten gewünscht. Don’t let it get you down von Spoon. Lady you rock! Und da sie damit niemanden besonderen grüßt, nehme ich das einfach mal als Gruß an mich.“
„Unverschämt wie immer,“ lachte ich. „Aber deshalb ein nicht weniger toller Song. Hier also Spoon in voller Länge für euch.“
Während der nächsten Stunde wurde der Berg Zettel immer kleiner.
„Für alle zum abrocken, und damit meine ich tatsächlich tanzen Männer, kommt jetzt Usher mit Yeah,“ sagte AJ und beugte sich noch näher an das Mikro heran, wobei er meinen Arm streifte und mir damit ein leises Prickeln durch den Körper jagte. „Das hat sich die liebe Kathi gewünscht und ich widme das einfach mal allen hübschen Ladys da draußen, die jetzt hoffentlich ihre perfekten Körper in Wallungen bringen und tanzen, als würde ihr Leben davon abhängen.“
Nachdem die letzten Töne von Usher verklungen waren, wandte ich mich wieder dem Mikro zu.
„Und wieder haben wir einen ganz besonderen Gruß von Euch. Diesmal von Sunny. AJ, wallte deines Amtes,“ grinste ich. Es war einfach unglaublich ihm dabei zuzusehen, wie der Entertainer in ihm erwachte und das Leuchten auf seinem Gesicht zu beobachten, wenn er sich an die Menge da draußen wandte, die ganz sicher wie verzaubert vor den Radiogeräten saß.
„Ja Hallo. Da bin ich wieder. AJ McLean, falls ihr das vergessen haben solltet. Wir haben hier einen Gruß von Sunny an ihre beste Freundin Melli. Haben wir damit nicht angefangen?“ irritiert wandte er sich mir zu.
„Wir hatten vorhin Melli, die Sunny gegrüßt hat,“ erklärte ich ihm.
„Oh ja, richtig. Also Mädels. Für euch, und nur für euch, von mir persönlich herausgesucht und aufgelegt kommt jetzt „Down Under“. Hach, da werden Erinnerungen wach. Denken wir dabei an unsere Freunde in Australien und schicken ihnen ein bißchen Liebe. Love and Peace, an alle da draußen von mir ... Verzeihung ... von uns an euch. Down Under. Bitte schön.“
Nachdem auch dieser Song verklungen war, zog AJ die letzten beiden Zettel zu sich heran.
„Ich befürchte, wir nähern uns dem Ende der Sendung,“ sagte ich. „Wenn es nach mir ginge, könnten wir die ganze Nacht so weiter machen, aber leider können wir im Moment noch nicht länger als eine Stunde senden. Dann geht uns nämlich der Strom aus.“
„Genau. Und damit wir nicht traurig im Dunkeln hocken, gibt es jetzt noch etwas auf die Ohren. Ich hoffe für euch, dass ihr in der guten, alten Zeit ab und zu im Kino wart und dass in jedem von euch wenigestens ein kleines Bißchen von einem Ogar steckt. Hier haben wir nämlich das wundervolle „Hallelujah“ aus dem Shrek-Soundtrack. Gewünscht hat sich das das Mathegenie und wenn ich dies auch für einen eher außergewöhnlichen Namen halte, bekommt sie natürlich diesen wundervollen Wunsch erfüllt.“
„Vielleicht ein Pseudonym,“ gab ich zu bedenken.
„Ja, wahrscheinlich ist sie ein ganz schlimmes Mädchen,“ lachte AJ. „Hey, du Genie da draußen, wir sollten bei Gelegenheit unsere Zimmernummern austauschen, was hältst du davon?“
Der Song begann zu spielen und ich sah gespielt vorwurfsvoll zu AJ hinüber. „So, so. Jetzt werden schon Zimmernummern ausgetauscht.“
„Hey, du darfst dich nicht beschweren, wir sind nur Freunde, schon vergessen?“
Ich schluckte. Was tat ich hier eigentlich? Mit ihm flirten, obwohl wir vor nicht einmal einer Stunde die Fronten geklärt hatten? Gott, ich war ein Miststück!
„Und zu guter letzt haben wir hier noch einen besonders schönen Song für euch,“ meldete ich mich schließlich wieder.
„Oh ja,“ sagte AJ. „Auch wieder Filmmusik, aber ein Schmuseklassiker, der auf keiner anständigen Party fehlen darf. Danken können wir hierfür Nine, die sich „A time of my life“ von Jennifer Warns und ... wie heißt der Typ noch ... ?“ AJ wandte sich mir zu. „Ich habe keine Ahnung,“ antwortete ich ehrlich.
„Na ja, ist ja auch nicht so wichtig. Ihr wisst wen wir meinen. Also ... Time of my life für Nine und sie grüßt damit sunny, cooles blondes ... wieder so ein Name, der mich fertig macht, aber egal ... uhm ... Shannon ... hey, wir haben eine Irin unter uns? Cool! Die haben die hübschesten Frauen, die Iren ... ähm ... und natürlich Ashley und alle die sie kennen. Hey, ich kenne dich leider nicht, aber das können wir nachholen, oder? Ich fühle mich jetzt einfach mal mit gegrüßt. Lass laufen Becca und schlüpf in deine Cinderella-Tanzschuhe.“
Lächelnd schob ich den Regler für die Musik nach oben und sofort wurden wir von der Musik eingehüllt. Ich konnte lediglich von AJs Lippen ablesen wie er „Darf ich bitten?“ sagte und mir die Hand hinhielt.
Gleich darauf zog er mich von meinem Sitz und drückte mich an sich. Dabei sang er laut den Song mit und ich konnte nicht anders als lächelnd in seinen Gesang mit einzufallen. Wie auf Wolken tanzten wir zu den Klängen einer längst vergangenen Zeit und ich fühlte mich hier das erste Mal wirklich und wahrhaftig zu Hause. Ob dies auch etwas mit AJs Armen zu tun hatte, die mich sanft umschlungen hielten, konnte ich allerdings nicht sagen.

Kapitel 36