Kapitel 34
Die Wahrheit
Ich lief und lief und konnte einfach nicht stehen bleiben. Dabei rannte ich noch nicht einmal, sondern setzte einen Fuß bedächtig vor den anderen. Trotzdem war da die beruhigende Gewissheit, dass ich mich immer weiter von der Lagerhalle und somit auch von AJ entfernte.
Ich hatte keine Ahnung, wo ich eigentlich hin wollte und auch der Gedanke, der mir für einen flüchtigen Moment durch den Kopf schoss, dass ich hier alles andere als sicher war, konnte mich nicht aufhalten.
Wie hatte ich nur in solch eine Situation hinein geraten können? Nick und AJ, die so unterschiedlich wie Tag und Nacht waren, der eine unerreichbar fern, der andere näher als er sein sollte und beide hatten es irgendwie geschafft so tief in mein Leben einzudringen, dass mein gesamtes Denken von ihnen bestimmt wurde.
Ich suchte in meinem Herzen nach einer Antwort. War mir einer der beiden wichtiger als der andere? Schlug mein Herz bei einem von ihnen höher? War das eine eine Liebesnacht gewesen und das andere nur ein Kuß aus Versehen? Doch ich fand keine rechte Antwort darauf.
Wenn ich an Nick dachte, hatte ich das Gefühl automatisch lächeln zu müssen. Er war witzig, geistreich, zärtlich, aber auch geheimnisvoll und im Moment unerreichbar. War es das, was ihn für mich so interessant machte?
Und AJ? Er war mir auf eine schwer zu erklärende Art nahe. Wir redeten über alles und jeden, hatten vieles gemeinsam, verbrachten viel Zeit zusammen, hingen beide mit ganzem Herzen an unserem Projekt und ich war stolz auf ihn, dass er tatsächlich mit dem Trinken aufgehört hatte.
AJ war immer da, immer präsent, ob wir uns nun tatsächlich gemeinsam in einem Raum befanden, oder getrennt an jeweils dem anderen Ende der Stadt.
Nick hingegen schien mir schon beinahe wie eine Fatamorgana. Eine Erscheinung, die eines Nachts aus dem Nichts aufgetaucht war, mich fesselte und an sich band, nur um dann am nächsten Morgen in das Nichts zu verschwinden, aus dem er gekommen war.
Nick beherrschte meinen Kopf, AJ mein Herz ... vielleicht war es das? Und trotzdem konnte ich nicht sagen, welchen dieser beiden Männer ich mir an meiner Seite wünschte.
In der Ferne tauchte die einst grüne Oase des Central-Parks auf und ich beschleunigte unbewußt meine Schritte. Das Gefühl des eingesperrtseins, das mich im Raum der Musik urplötzlich überkommen hatte, verflüchtigte sich langsam und als ich schließlich durch den großen Rundbogen in den Park hinein trat, hatte ich endlich das Gefühl wieder frei atmen zu können.
Ich streifte eine Weile ziellos umher und fühlte wieder dieses überwältigende Staunen wie beim ersten Mal, als Kevin Dwain und mir den Park gezeigt hatte.
Man hatte begonnen den Weizen zu ernten, der Mais wurde ebenfalls langsam reif und die Stauden bogen sich bereits leicht unter ihrer schweren Last.
Die Tiere begrüßten mich freundlich. Ich streichelte die Kühe und fütterte sie mit einigen Grashalmen, die am Rande der Gatter wieder zu sprießen begannen.
Ich wanderte diesmal tiefer in den Park hinein, vorbei an kleinen Lagerhallen, Ställen und Geräteschuppen. Einige Leute winkten mir fröhlich zu, andere wollten wissen, wie weit wir denn mit dem Sender seien. Scheinbar hatte sich dieses Projekt wie ein Lauffeuer herumgesprochen und traf allerorts auf uneingeschränkte Begeisterung.
Schließlich erreichte ich die Gewächshäuser. In ordentlichen Reihen, immer zehn Stück nebeneinander, erstreckten sie sich über die Fläche von einem ganzen Fußballfeld. Hinter den milchigen Plexiglasscheiben konnte ich Menschen arbeiten sehen und ich machte mir einen Spaß daraus zu erraten, welche Früchte oder Gemüse dort wohl angebaut wurden.
Als ich am letzten Gewächshaus ankam, sah ich Bewegung hinter den Scheiben, eine Tür schwang auf und heraus trat Kevin, der sich lachend von einer Frau im Hintergrund verabschiedete. Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, hatte er mich entdeckt.
Rebecca? Was machst du denn hier? fragte er überrascht und sah sich suchend nach meiner Begleitung um.
Ich brauchte einfach ein bißchen frische Luft, entgegnete ich.
Bist du allein? hakte Kevin nach.
Ja.
Was ist mit AJ?
Der dürfte noch im Lager sein und nach Musik suchen. Entgegnete ich.
Aha, sagte er und musterte mich mit zusammen gekniffenen Augen. Lass uns ein Stück gehen, sagte er schließlich, hielt mir den Arm hin, damit ich mich unterhaken konnte und schlenderte langsam den Weg zurück, den ich gekommen war.
Wie läuft es denn mit dem Sender? fragte er.
Oh, sehr gut. Die Innenausstattung ist so gut wie fertig, Dwain sagt, wir können morgen eventuell schon den ersten Testlauf machen und die Musik ist auch so gut wie ausgesucht.
Das ist wunderbar. Wirklich Rebecca, ich weiß nicht, was wir ohne dich gemacht hätten.
Ach komm schon, werte ich ab. Ihr hattet doch selbst schon über einen Sender nachgedacht und ohne Dwain hätte ich es sowieso nicht geschafft. Ihm gebührt die Anerkennung, nicht mir.
Sei nicht so bescheiden, tadelte Kevin mich gutmütig. Du hast so viel Herzblut in das Projekt gesteckt, dich um alles gekümmert, die Leute herumgescheucht und zur Eile angetrieben, lachte er du hast das wirklich toll gemacht.
Danke, nickte ich lächelnd und sog tief die Luft ein. Ich fühlte mich plötzlich ungeheuer friedlich. So, als läge alles was mich bedrückte meilenweit hinter mir an einem weit entfernten Ort.
Dein größter Verdienst allerdings ... , fuhr Kevin fort, doch ich unterbrach ihn sofort.
Pass bloß auf, noch mehr Lob vertrage ich nicht. Dann werde ich rot wie eine Tomate und platze vielleicht.
Er lachte. Das Risiko bin ich bereit auf mich zu nehmen.
Nun gut. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!
Das ist in Ordnung. Ich wollte nur ... die Sache mit AJ. Weißt du, ich habe ihn schon ewig nicht mehr so ... ausgeglichen und ... glücklich gesehen. Ich wage sogar zu behaupten, dass er seit dem Krieg nicht mehr so war.
Du meinst nüchtern?
Das auch. Aber ich denke, dass er, um nüchtern sein zu wollen, erst einen Grund finden mußte, um diese ganzen Strapazen und den Verzicht auf sich zu nehmen. Ich kann ihn sogar ein bißchen verstehen. Ich habe mir oft gewünscht, ebenso ... , er suchte offensichtlich angestrengt nach dem richtigen Wort. .... so .... losgelöst von allem zu sein. Einfach nicht über Konsequenzen, andere Menschen, Verantwort oder mich selbst nachdenken zu müssen, sondern mich einfach volllaufen lassen zu können und damit alles andere vergessen.
Denkst du wirklich, er hat auch nur eine Sekunde vergessen können? fragte ich Kevin leise und spürte, wie mich meine Sorgen langsam aber sicher wieder einholten.
Ich weiß es nicht, gestand Kevin aber es machte den Anschein.
So war es nicht und ich denke, wenn du genauer darüber nachdenkst wirst du zu dem gleichen Schluß kommen. Egal wie viel er getrunken hat, die Bilder waren immer noch da. Die Gefühle, der Schmerz ... das alles.
Ich weiß auch nicht, ob ich tatsächlich etwas dazu beigetragen habe, dass er es sich letzendlich doch anders überlegt hat ... , Eine Frau, die mich dazu gebracht hat mein Leben ändern zu wollen. AJs Stimme hallte in meinem Kopf wieder und für einen Moment schloss ich die Augen. ... wie auch immer ... es ist gut so, wie es ist, vollendete ich schließlich meinen Satz und starrte dabei angestrengt auf meine Schuhspitzen.
Kevin schwieg und ich war froh darüber. Wahrscheinlich hätte ich im Moment sowieso keinen vernünftigen Satz heraus gebracht. So viel wirbelte in meinem Kopf herum. Es war, als hätte Kevin mit diesem harmlosen Gespräch etwas in mir angestoßen. Eine Flut von Empfindungen und Gedanken rollte auf mich zu. Ich sah Nick und AJ. Sie fochten einen stillen Kampf, doch war er ungleich brutal. Ich sah Blut spritzen, hörte Knochen brechen und mit einem leisen Stöhnen schüttelte ich den Kopf, mir nicht mehr bewußt, dass ich gerade an Kevins Seite durch den Central-Park spazierte.
Er blieb auch sofort stehen und sein Arm stoppte meinen nächsten, unbewußten Schritt.
Alles in Ordnung? fragte er mit besorgt gerunzelter Stirn und ich nickte sofort.
Ich glaube dir nicht, sagte er.
Mir geht es gut, sagte ich deshalb laut und betrachtete dabei eine Spinne, die an einem der Gatter hinauf kletterte und begann, ein dünnes Netz zu spinnen.
Klar geht es dir gut, meinte Kevin ironisch. Genau so hat AJ auch immer geklungen, wenn man ihn nach seinem Wohlbefunden gefragt hat.
Du willst mich hoffentlich nicht mit ihm vergleichen, sagte ich, blickte nun endlich zu ihm auf und versuchte ein freundliches Lächeln auf meine Lippen zu zwingen. Doch scheinbar hatten sie für heute beschlossen nicht mehr das zu tun, was ich von ihnen wollte.
Hör mal ... es ist in Ordnung, wenn du es mir nicht erzählen willst, auch wenn ich das ... etwas bedenklich fände. Aber trotzdem irgendwie okay. Aber so zu tun, als wäre bei dir alles in Ordnung, obwohl so offensichtlich ist, dass dich seit Tagen etwas ziemlich beschäftigt ist lächerlich.
Du wirst mir immer unheimlicher, entgegnete ich und entwandt ihm meinen Arm.
Warum? Weil ich ehrlich bin?
Nein, weil du scheinbar in meinen Kopf hinein schauen kannst und das macht mir Angst.
Erstens brauchst du keine Angst vor mir zu haben und zweitens kann ich nur ziemlich gut in deinem Gesicht lesen. Obwohl ... vielleicht liegt es auch daran, dass du dir manchmal gar nicht bewußt bist, dass ich in deiner Nähe bin. Mit AJ ist das anders. Wenn er da ist, bist du immer auf der Hut. Du weißt immer genau wo er gerade ist, was er macht und ob er dich beobachtet. Bei mir ist das anders und ich weiß noch nicht so genau, ob das ein Kompliment sein soll. Beim letzten Satz hatte er leicht geschmunzelt und ich brachte schließlich doch so etwas wie ein Lächeln zustande.
Das Problem ist nicht AJ, sagte ich leise. Oder doch ... vielleicht schon irgendwie ... aber nicht ... das Hauptproblem ... zumindest bis vor kurzem nicht. Ich schüttelte über mich selbst den Kopf. Mein Gestammel drückte wohl am deutlichsten das Chaos in meinem Kopf aus.
Möchtest du darüber reden?
Ich weiß es nicht, gab ich ehrlich zu.
Kevin sah mich noch einen Moment an, dann trat er an mir vorbei und stellte sich an einen der Weidezäune. Er schnalzte ein paar Mal mit der Zunge und pfiff dann leise. Zu meinem großen Erstaunen sah ich, wie von der anderen Seite ein Pferd angetrabt kam. Sein rotes Fell schimmerte seidig in der Sonne und die beinahe schwarze Mähne flatterte leicht im Wind.
Vor Kevin hielt es an, streckte den Kopf über den Zaun und stupste ihn mit dem Maul gegen die Schulter.
Hey mein Kleiner, hörte ich ihn leise flüstern. Wie geht es dir?
Das Pferd schnaubte und ich überlegte ernsthaft, ob er mich einfach wegen einem Pferd vergessen hatte. Doch sofort wurde ich eines besseren belehrt.
Das hier ist Romeo, sagte er, während er dem Pferd sanft über den Kopf streichelte. Wir haben ihn halb verhungert, zu tode verängstigt und mit einem verletzten Vorderlauf in einem Keller gefunden. Keine Ahnung, wie er da hinein geraten ist.
Neugierig trat ich näher und stellte mich neben Kevin an den Zaun. Ich streckte die Hand aus, um Romeo am Hals zu berühren, sein seidiges Fell zu spüren, doch er zuckte erschrocken zurück und lies sich erst nach und nach von Kevins leiser Stimme beruhigen.
Er ist ziemlich ängstlich bei Fremnden, erklärte Kevin. Ich befürchte, der arme Kerl hier ist wie wir alle durch die Hölle gegangen. Pferde sind sehr sensible Tiere, weißt du? Der Lärm der Bomben, das Schreien, der Staub, die Angst und Panik die in der Luft gelegen hat ... er kann das nicht so schnell vergessen.
Als wir ihn fanden war sein Fell total verdreckt, seine Augen waren ganz groß und rund, er hatte Schaum vorm Maul und er war bis auf die Knochen abgemagert. Du konntest förmlich sehen, wie schnell sein Herz vor Angst schlug und er wehrte sich wie wild, als wir ihm auch nur einen Schritt zu nahe kamen. Er hat getreten, gebissen, ist gegen Türen und Wände gerannt ... es war ... es hat mir wehgetan ihn so leiden zu sehen, verstehst du?
Ich sah einen Moment zu ihm hinüber. Seine Augen ruhten starr auf dem Pferd und sein Blick war weit in die Vergangenheit gerichtet, dabei hörte seine Hand nicht auf, Romeo zärtlich über das Fell zu streichen.
Stattler meinte schließlich, es bliebe uns nichts anderes übrig als ihn zu erschießen. Ich meine ... wahrscheinlich war das die logischste Schlußfolgerung aber ... ich konnte nicht. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen, dass wir nicht alles versucht haben um ihn zu retten. Also habe ich alle gebeten, den Raum zu verlassen, habe mich in eine Ecke gesetzt und mit ihm geredet. Ziemlich ... nun ja ... blödes Zeug ... aber ... irgendwann wurde er ruhiger. Es schien fast so, als würde er wirklich zuhören, verstehst du? Ich redete über Kristin und dass wir alle so viel verloren haben, aber dass es immer noch einen Grund gibt, weiter zu leben und wenn es nur der Wille ist, wieder von vorne anzufangen und dem Bösen damit zu trotzen.
Wir gaben ihm zu fressen und Wasser und am Anfang hat er seltsamer Weise davon nichts angerührt. Man sollte doch meinen, dass ein Lebenwesen, dass halb verhungert in einen Keller eingesperrt ist, sich sofot über etwas Essbares hermachen würde, aber ... er hat tatsächlich gewartet, bis ich weg war.
Ungefähr zwei Wochen bin ich jeden Tag für ein bis zwei Stunden in den Keller. Irgendwann hat er angefangen, in meiner Gegenwart zu fressen, kam mir manchmal fast so nahe, dass ich ihn hätte berühren können, aber wenn ich auch nur eine falsche Bewegung machte, ist er wild ausschlagend davon gesprungen.
Und dann, eines Tages, als ich aufstand um wieder zurück zum Hotel zu gehen, da ist er mir ... ganz einfach gefolgt, kannst du dir das vorstellen?
Kevin sah mich an und in seinem Gesichtsausdruck lag immer noch das Staunen von damals, als ein Pferd, das alle anderen schon aufgeben hatten, ihm und seiner Stärke vertraute.
Es war noch ein ziemlicher Kampf, ihn richtig gesund zu machen. Sein Bein wollte nicht heilen, er hatte sich eine seltsame Infektion eingefangen und einige Tage sah es gar nicht gut aus. Aber Romeo ... nun ja ... er ist ein Kämpfer, nicht wahr alter Junge? er klopfte dem Hengst sanft den Hals und Romeo schnaubte, als hätte er ihn tatsächlich verstanden.
Wir schwiegen beide eine Weile. Kevin holte schließlich einen Apfel aus seiner Jackentasche, teilte ihn in zwei Hälften, wobei der Saft in alle Himmelsrichtungen davon spritzte, und reichte mir ein Stück.
Romeo zögerte nicht lange. Bevor ich reagieren konnte, hatte er seinen Kopf bereits auf meine Hand hinunter gesenkt und den Apfel gierig an sich gerissen. Sofort brachte er sich wieder außerhalb meiner Reichweite und begann genüsslich und unter großem Getöse darauf herum zu kauen.
So, und nun kommt die Moral von der Geschichte, grinste Kevin, während er Romeo seine Hälfte des Apfels hinhielt, den dieser wesentlich gesitteter aus seiner flach ausgestreckten Hand fraß. Manchmal ist es wichtig, jemandem zu vertrauen. Man tut es vielleicht nicht gern und man hat Angst davor, aber schlußendlich kann es dir nur helfen. So wie ich das sehe, sitzt du im Moment fest. Wie auch immer dein Gefängnis aussiehst und was auch immer dich darin gefangen hält ... es tut dir nicht gut. Ich sehe es in deinen Augen und ich höre es in dem was du sagst. Irgendetwas ist geschehen. Etwas, was dich ziemlich beschäftigt.
Habe ich schon erwähnt, dass du mir unheimlich bist? fragte ich.
Ja, das hast du, schmunzelte er.
Es ist ... nicht ... so einfach.
Niemand hat behauptet, dass es einfach ist.
Ja ... aber bei mir ist es etwas anderes. Ich ... ,
So, denkst du? Warum ist es anders?
Weil ... weil ... weil es etwas mit Nick zu tun hat.
Kevins grüne Augen hefteten sich alarmiert auf mich. Nick?
Ja. Nick. Er war da. Ich meine ... in der Nacht, als das große Fest war.
Er war ... bei dir? Kevin wirkte ziemlich entgeistert.
Ja. Ich war oben, beim Sender und ... plötzlich ist er einfach aufgetaucht.
Was hatte er da oben zu suchen? Verdammt, wird er denn nie lernen, dass das gefährlich ist? Eine steile Falte war auf Kevins Stirn erschienen und Romeo wurde unruhig.
Es sieht zumindest nicht danach aus.
Was ist dann passiert? Was hat er gesagt?
Er hat nicht viel gesagt ... oder ... also ... zumindest da noch nicht.
Ich glaube, ich muß mich setzen, sagte Kevin und schien tatsächlich etwas blass um die Nase geworden zu sein.
Vielleicht sollte ich dir das gar nicht erzählen. Wahrscheinlich wäre er ziemlich wütend auf mich und ... ,
Ohhh nein, er lies sich ins spärrliche Gras sinken, griff nach meiner Hand und zog mich neben sich. Du hast jetzt damit angefangen, jetzt will ich auch den Rest hören.
Es gibt eigentlich nicht mehr viel zu erzählen, das war eine glatte Lüge und Kevin sah auch nicht so aus, als würde er mir das glauben.
Ich ... wir ... also ... wir haben uns geküsst, sagte ich leise.
Geküsst? seine Stimme klang um einige Nuancen höher.
Ja ... und ... vielleicht auch etwas mehr.
Wie viel mehr?
Viel mehr.
Ach du Schande.
Ja, das war auch mein erster Gedanke, pflichtete ich ihm bei und fühlte mich, als verrate ich gerade einen meiner besten Freunde.
Hat er ... dir von Nashril erzählt. Fragte Kevin weiter.
Etwas verblüfft starrte ich zu ihm hinüber. Ja, hat er.
Auch ..., er stockte und biss sich auf die Unterlippe. Scheinbar dachte er darüber nach, wie viel er mir sagen konnte. Auch ... dass sie verheiratet sind und einen fünf Monate alten Sohn haben?
Ein Schlag in die Magengrube hätte mich nicht härter treffen können. Für einen Augenblick schien die Welt still zu stehen. Sämtliche Farben erschienen mir nun plötzlich zu grell und schmerzten in meinen Augen, mein Herz schlug hart und brennend in meiner Brust und meine Lippen fühlten sich mit einem Mal trocken und rissig an.
Nick verheiratet? Mit der Frau, die ihm einst das Leben rettete? Wie hatte ich nur so naiv sein können? Und warum quälte ich mich seit jener Nacht mit dem Gedanken was wäre wenn? Es gab kein wenn, kein aber und keine Zukunft. Er hatte seinen Spaß und ein wenig Ablenkung gesucht. Vielleicht noch nicht einmal das. Er hatte mich benutzt und ich konnte diesen Verrat bitter auf meiner Zunge schmecken.
Ich werte das jetzt mal als ein nein, sagte er und ich konnte nur den Kopf schütteln, unfähig auch nur einen Ton herraus zu bringen.
Es tut mir leid, hörte ich Kevin sagen. Ich wünschte, du hättest es anders erfahren.
Nein, ist schon okay, sagte ich. Besser so als gar nicht. Dies war sicherlich die Wahrheit, aber sie schmerzte deshalb nicht weniger.
Kevin schwieg. Ob er mir lediglich Zeit geben wollte um mich zu sammeln, oder einfach nicht wußte, was er sagen sollte, konnte ich nicht beurteilen.
Er hatte mir erzählt, wie er zu den Fachats gegangen ist und dass er Nashril irgendwann mal das Leben gerettet hat. Aber ... dass ... sie verheiratet sind ... das hätte ich nicht für möglich gehalten. Ihr Bruder, die Fachats ... das alles. Wie ... wie war das möglich? Ich sah wieder zu Kevin hinüber.
Ich denke, er hatte keine andere Wahl. Hakim lies nicht mit sich reden. Er vertraute ihm nicht, auch wenn er seiner Schwester das Leben gerettet hatte. Nashril ... nun ... ich denke, sie war von Anfang an von Nick faszinert und sie hatte einen gewissen Einfluß auf ihren Bruder. Ich glaube, er ließ Nick nur für sie am Leben und ... als dann ihr Sohn geboren wurde, gehörte er sozusagen zur Familie.
Ich verstehe, nickte ich. Doch auch wenn ich das Ganze mit einer gewissen Logik begreifen konnte, so hieß das noch lange nicht, dass es nicht weh getan hätte.
Es tut mir leid, wiederholte Kevin. Ich weiß, dass Nick ... sagen wir mal ... eine ziemliche Anziehungskraft auf Frauen ausübt. Das war schon früher so und scheinbar hat sich daran nichts geändert.
Ich versteh nur nicht ... warum er es mir nicht gesagt hat. Warum betrügt er seine Frau und dann auch noch mit mir? Das ist weder logisch noch ... moralisch in Ordnung noch ... richtig.
Nick ist kein schlechter Kerl, verteidigte Kevin ihn. Er tut nur selten das Richtige oder das, was andere von ihm erwarten. Er hat seinen eigenen Kopf und neigt dazu sich das zu nehmen, was er gerade haben will.
Frauen mit eingeschlossen?
Frauen mit eingeschlossen, bestätigte Kevin.
Das hätte ich mal vorher wissen sollen, brummelte ich.
Hätte es einen Unterschied gemacht? fragte Kevin und erbost öffnete ich den Mund um ihm eine entsprechende Antwort zu geben als ich inne hielt. Hätte es tatsächlich einen Unterscheid gemacht? Ich seufzte leise.
Wahrscheinlich nicht.
Kevin nickte, als hätte er nichts anderes erwartet.
Es tut weh, sagte ich leise.
Das verstehe ich. Die Frage ist doch, was du dir erwartet hast. War es nur eine Nacht, oder wolltest du eine Beziehung?
Letzteres war nie im Gespräch. Hätte wohl auch schlecht funktioniert wenn er bei den Fachats lebt und sich nur ab und zu davon stehlen kann.
Du sagst es. Also ... hat sich für dich eigentlich nichts geändert, oder?
Ich ... weiß es nicht. Ich fühle mich betrogen. Wenn ich gewußt hätte, dass er eine Frau und ein Kind hat ... es wäre nie so weit gekommen.
Vielleicht. Aber diesen Umstand kannst du nicht mehr ändern. Er hat es billigend in Kauf genommen und somit muß er auch damit leben. Du hast dir nichts vorzuwerfen. Du solltest vielleicht nur darauf achten ... nun ja ... dass es nicht noch einmal passiert.
Ich nickte und starrte dabei angestrengt auf meine Hände hinunter.
So schlimm? hörte ich Kevins Stimme und spürte gleich darauf, wie er mir einen Arm um die Schultern legte.
Ich ... weiß es nicht so genau. Es ist ja nicht so, dass ich in ihn verliebt wäre oder so.
Nicht?
Nein, entgegnete ich entschieden. Es war nur eine Nacht. Er hatte Heimweh und ich ... nun ja ... fühlte mich irgendwie allein, das war alles.
Allein? Aber wieso? Du hättest zu mir kommen können. Kevin wirkte ehrlich erschrocken.
Du meinst, ich hätte dich von Thali wegreißen sollen? fragte ich und konnte mir ein leises Lächeln nicht verkneifen als ich sah, wie er leicht rot anlief.
Nun jaaa ... , sagte er gedehnt und kratzte sich verlegen am Kopf.
Es ist schön, euch beide so glücklich zu sehen. Dich hat es ganz schön erwischt, was? Es fühlte sich gut an, das Thema auf etwas anderes zu lenken, und bei der Erwähnng von Thalis Namen, schien Kevin alles andere sofort zu vergessen.
Ja, wir sind glücklich. Wobei ... das alles ein wenig ... kompliziert ist.
Kompliziert? Inwiefern?
Ich glaube, wir haben beide etwas Angst vor unserer eigenen Courage. Ich meine ... wir haben beide eine Vergangenheit. Ein glückliche. Ich denke, wir vermissen beide unsere früheren Partner und hängen irgendwie auch noch an ihnen. Wir sind beide noch nicht bereit sie wirklich loszulassen und das ist ... manchmal etwas schwierig.
Aber wenn es euch beiden so geht, dann müsstet ihr doch Verständnis dafür aufbringen?
Ja und nein. Manchmal ist es eben etwas anderes, wenn ich an Kristin denke und Thali ist bei mir, als wenn sie an ihren Mann Boris denkt und ich sitze daneben. Gerade weil ich weiß, wie stark diese Gefühle für ihn noch sein können macht es mich wahnsinnig. Ich teile nicht gern und ich glaube, ihr geht es ähnlich.
Und trotzdem seit ihr ein Paar, lächelte ich.
Ja, aber es ist ... ein ganz schöner Kampf.
Wenn du ihn auf dich nimmst, muß er es doch wert sein, meinst du nicht?
Ein leises Lächeln erschien auf Kevins Gesicht. Ja, das ist er. Sie ist ... alles, was ich brauche, alles, was ich will. Aber der Gedanke, dass Kristin irgendwann verblasst ist für mich im Moment noch unerträglich.
Glaubst du, sie hätte etwas dagegen? Ich meine ... denkst du nicht, sie freut sich, wenn sie weiß, dass du in guten Händen bist, dass du wieder glücklich sein kannst?
Vielleicht, er zuckte mit den Schultern. Wer weiß das schon? Über so etwas haben wir nie gesprochen. Wer konnte auch schon ahnen, dass wir nicht zusammen alt werden? Wer hätte denn gedacht, dass es wirklich Krieg geben wird, dass tatsächlich Atombomben fallen?
Wie damals, als die Menschen noch dachten, die Erde wäre eine Scheibe. Genau so sicher war ich mir, dass die totale Vernichtung einfach nur ein Märchen ist um uns Angst einzujagen. Und sieh uns heute an. Wir leben in den Trümmern der Welt, die wir einmal gekannt haben.
Und versuchen das beste daraus zu machen, vollendete ich den Satz und sah lächelnd zu Kevin hinüber.
Ja, das tun wir wohl, entgegnete er nachdenklich.
Und wir machen das sehr gut, setzte ich noch hinzu.
Ja, das auch, nickte er, dann wandte er mir sein Gesicht zu und ein Lächeln stahl sich auf seine ernsten Gesichtszüge.
Wer baut hier eigentlich wen auf?
Wir uns, grinste ich.
Er legte mir erneut einen Arm um die Schultern und zog mich ein Stück zu sich heran. Ja, das tun wir wohl.
Kapitel 35