Kapitel 33
AJ und der Raum der Musik
Ich hätte nicht gedacht, dass die Installation der verschiedenen Gerätschaften des Senders fast genau so lange dauern könnte, wie das bauen das Hauses, doch Dwain brauchte tatsächlich beinahe zwei Wochen um alles anzuschließen, Löcher in die frisch verputzten Wände zu bohren, Unmengen an Kabel zu verlegen und die Schüssel der Antenne richtig auszurichten.
Während Dwain also mit der Technik beschäftigt war, hatten sich Thali, AJ und ich um die Innenausstattung gekümmert, wobei AJ und ich mehr für das Grobe wie Möbel und Regale zuständig waren, während Thali mit Hingabe Teppich verlegte und Gardinen nähte.
AJ und ich verbrachten einen ganzen Tag im Lager, in dem, wie ich es nannte, Raum der Musik und suchten CDs zusammen, die wir in riesige Kisten packten und die Lollek und Bollek mit einem Leiterwagen zum Hotel transportierten.
Ich empfand diese Arbeit als ungeheuer entspannend und befriedigend. AJ und ich liefen meist schweigend die langen, deckenhohen Regale entlang und packten alles ein, was uns geeigenet erschien.
Irgendwann trat er auf mich zu und drehte dabei eine CD nervös in den Händen.
Sollen wir die auch mitnehmen, was meinst du? fragte er.
Ich nahm die CD an mich und warf einen kurzen Blick auf das Cover.
Never Gone? fragte ich lächelnd. Warum nicht? Möchtest du sie denn mitnehmen?
Ich ... weiß nicht ... , sagte er und wirkte seltsam nervös.
Was ist los? fragte ich sanft, lies mich auf eine der Kisten sinken und klopfte mit der freien Hand neben mich.
Ich weiß es nicht. Es ist ... seltsam etwas aus meiner Vergangenheit in den Händen zu halten, sagte er, während er sich neben mich setzte. Außerdem ... ich glaube, es wird ziemlich .... komisch werden, diese Musik wieder zu hören. So viel hat sich seit dem verändert. So viel ... Schmerz. So viel ... Verlust. Howie ist tot, Brian und Nick vermisst ... ich weiß nicht. Er schüttelte den Kopf, während er auf das Cover in meinen Händen hinunter sah.
Ich schluckte hart. Bei der Erwähnung von Nicks Namen hatte sich ein heißer Schmerz in meiner Brust breitgemacht. Seit jener Nacht hatte ich nichts mehr von ihm gehört. Kein Lebenszeichen, kein heimlicher Besuch nichts. Bisher hatte ich die Gedanken an ihn ganz gut verdrängt, lediglich wenn ich abends erschöpft in meinem Bett lag gestattete ich mir einen kurzen Gedanken, ein Aufblitzen seines lieben Gesichts, seiner blauen Augen und seines Lächelns.
Doch jetzt wurde mir schmerzhaft bewußt, dass ich ein Geheimnis hütete. Dass ich AJ, der mir in der Zwischenzeit sehr wichtig geworden war, weil er mich scheinbar am besten von allen verstand, belog. Was würde er wohl sagen wenn er wüßte, dass Nick noch lebte, dass ich wußte wo er war, dass ich sogar mit ihm geschlafen hatte? Nein, darüber sollte ich besser nicht nachdenken.
Wir können die CD ja erst einmal mitnehmen und wenn du meinst, dass es an der Zeit ist, werden wir sie spielen, sagte ich also und sah zu ihm hinüber. Er schien tief in Gedanken versunken und nickte abwesend. Ja, wahrscheinlich ist das das beste, murmelte er.
Woran denkst du? fragte ich sanft.
An vergangene Zeiten, sagte AJ und hob nun endlich den Blick um mich wieder anzusehen. An glückliche Tage.
Sind sie das denn heute nicht auch? fragte ich zurück. Zugegeben ... sie sind anders ... aber irgendwie ... ich weiß auch nicht. In letzter Zeit spüre ich wieder so etwas wie Zufriedenheit, Glück ... Ein neuer Abschnitt hat angefangen und es ist vielleicht an der Zeit, die Vergangenheit hinter sich zu lassen.
Tja, dann bist du wohl weiter als ich, sagte AJ und ein trauriges Lächeln spielte um seine Mundwinkel. Sicher ... die Arbeit am Sender, das alles ... , er machte eine ausholende Handbewegung ... macht schon den Anschein von Glück. Doch ich kann mich irgendwie nicht an den Gedanken gewöhnen, das Vergangene loszulassen. Es wäre, als verrate ich alle, die ich einmal geliebt habe. Wo kommen wir denn hin, wenn die Toten vergessen werden? Wenn wir nicht mehr an sie denken? Wenn wir nicht ab und an in Erinnerungen schwelgen und uns diese dann nicht mehr berühren?
Du sollst doch auch nicht vergessen. Nur ... hm ... die Vergangenheit nicht mehr die Gegenwart bestimmen lassen. Was geschehen ist, ist geschehen und so sehr wir uns das wünschen, nichts davon wird wieder kommen. Wie war noch dieser Spruch ... uhm ..., ich überlegte und kramte tief in meinem Kopf nach den entsprechenden Worte. Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, die Dinge zu ändern, dich in ändern kann ...
... und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Vollendeten wir gemeinsam den Satz.
Es klingt so einfach, sagte AJ nach einer kleinen Pause. Aber in Wirklichkeit, kann man das so schwer beeinflussen. Ich kann meine Gefühle nicht abstellen.
Das wird irgendwann von alleine geschehen, glaub mir, sagte ich und drückte sanft seinen Arm.
Ich hoffe du hast recht, nickte er langsam.
Hey, habe ich schon jemals daneben gelegen? fragte ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen, was ihn schmunzeln lies.
Nein, du weißt immer, wo es lang geht ... außer, wenn man dich in ein Kellerlabyrinth steckt und ... ,
Erwähne bitte diese Episode meines Lebens nicht. Das habe ich verdrängt!
Nun lachte er. Hey, ich habe nie behauptet, dass dir dein Dickschädel immer nützlich ist.
Ja, ja. Machen wir lieber weiter. Ich will fertig sein, bevor es dunkel wird, entgegnete ich und erhob mich.
Du bist so leicht zu kriegen, lachte AJ, stand ebenfalls auf, zog mich an sich und drückte mir einen schmatzenden Kuß auf die Wange.
Wofür war der? fragte ich lächelnd.
Dafür, dass du so bist, wie du bist, sagte er schlicht, lies mich dann los und verschwand in einer der Regalreihen.
Dafür kannst du mich ruhig öfter küssen, rief ich ihm lachend hinterher und trat wieder an das Regal heran um weiter nach geeigneter Musik zu suchen.
Falls das eine Aufforderung gewesen sein sollte, hörte ich ihn von irgendwo im hinteren Teil des Lagers rufen komme ich später gerne darauf zurück.
Ich freu mich schon darauf, lachte ich.
Aber nur wenn du versprichst, mir nicht wieder blaue Flecke dafür zu verpassen.
Das kommt ganz darauf an, wie gut du dich anstellst.
Ich bin so gut Baby, dass dir die Luft wegbleiben wird!
Das glaube ich erst, wenn ich es gesehen habe.
Verlass dich darauf. Bevor du es dich versiehst, weißt du nicht mehr, wo oben und unten ist.
Eingebildet bist du gar nicht, was? lachte ich.
AJ antwortete nicht.
Du ziehst es wohl vor, lieber zu schweigen, was? Würde ich an deiner Stelle auch. Denn wer solche Versprechungen macht ...
Was hast du gesagt? hörte ich ihn plötzlich direkt neben mir und zu tode erschrocken fuhr ich herum. Er lehnte an einem der Regale und musterte mich aus dunklen Augen von oben bis unten. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass aus Spiel plötzlich Ernst wurde und unbehaglich trat ich von einem Fuß auf den anderen.
Ich? N-Nichts, würgte ich hervor und wußte nicht, was ich tun sollte. Mit aufreizender Langsamkeit kam er auf mich zugeschlendert.
Du zweifelst also an meinen Fähigkeiten? flüsterte er mit einem breiten Grinsen.
I-Ich ... also ... so hatte ich das ja nun nicht gemeint. Eigentlich ... , doch weiter kam ich nicht. In einer einzigen, fließenden Bewegung zog er mich an sich und beugte sich zu mir hinunter.
Ich werde es dir beweisen, hauchte er mit rauher Stimme und einem übermütigen Glitzern in den Augen.
Gleich darauf senkten sich seine Lippen auf meine, streiften aufreizend langsam darüber, dann löste er sich ganz kurz von mir um mir ein, wie ich fand, triumphierendes Grinsen zu schenken, bevor er seinen Lippen wieder auf meine presste. Sein Kuss war erst zärtlich und verspielt, doch dann wurde er fordernder. Er drückte mich mit dem Rücken gegen das Regal, seine Hände wanderten tiefer und umschlossen sanft meine Pobacken, während sich seine Zunge auffordernd in meinen Mund schob.
Doch während ich mit geschlossenen Augen das Kribbeln in meinem Magen und die Sanftheit seiner Lippen genosse, stritten sich in mir die unterschiedlichsten Gefühle.
Der eine Teil in mir genoss seine Zärtlichkeit in vollen Zügen. Mein Körper bog sich ihm entgegen, meine Lippen verlangten hungrig nach mehr und meine Finger bohrten sich haltsuchend in seinen Rücken.
Der andere Teil schrie laut und vernehmlich, ich solle gefälligst sofort damit aufhören. Vor nicht einmal vier Wochen hatte Nick mich geküsst, hatten wir uns eine Nacht lang aus sämtlichen Verpflichtungen und Ängsten gestohlen. Nicht, dass ich ihm irgendetwas schuldig gewesen wäre, doch das hier war ganz eindeutig nicht richtig.
Dann war da noch die Stimme meines schlechten Gewissens. AJ wußte nichts von Nick. Weder, dass ich mit ihm geschlafen hatte noch, dass er überhaupt noch lebte. Das hier war ein schwerer Verrat sämtlicher Prinzipien, an die ich sonst glaubte: Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Vertrauen.
Mit größer Anstrengung schaffte ich es schließlich, meine Hände gegen AJs Brust zu stemmen und ihn von mir weg zu schieben.
AJ blinzelte kurz, dann fuhr er sich mit der Zunge über die Lippe und trat einen Stück zurück.
Ja, so ungefähr hatte ich mir das vorgestellt, grinste er.
Was bin ich eigentlich für dich? fragte ich kopfschüttelnd, während ich mit zitternden Knie einige Schritte rückwärts machte.
Ein sehr guter Freund, entgegnete er sofort und gleichzeitig eine Frau, die mir die Sinne vernebelt und mich dazu gebracht hat, mein Leben ändern zu wollen.
Für einen Moment hielt ich inne und starrte ihn sprachlos an. Er stand in der Mitte des langen Ganges, hatte die Hände in den Hosentaschen versenkt und blickte ernst zu mir herüber.
Du benutzt mich, sagte ich laut und vernehmlich, dann drehte ich mich herum und begann den langen Gang hinunter zu gehen. Und das gefällt mir nicht. Sei mir ein Freund, aber schlag dir das ganze Sexding aus dem Kopf.
Als ob du es nicht genossen hättest, rief er mir hinterher, während ich die Tür, die hinaus ins Freie führte aufriss und nach Luft schnappend hinaus trat.