Kapitel 32
Das Storchennest

Als ich erwachte fiel bereits helles Tageslicht durch die hohen Fenster. Der Geruch nach kaltem Zigarettenrauch hing in der Luft und ich verzog leicht angewidert das Gesicht.
Leise seufzend drehte ich mich auf den Rücken und warf einen Blick neben mich. Das Bett war leer, das Kopfkissen zu einer undefinierbaren Form zusammengeknüllt. Langsam lies ich meine Hand über das Laken gleiten. Es war kühl, was wohl bedeutete, dass Nick schon vor einer ganzen Weile gegangen war, ohne sich von mir zu verabschieden.
Enttäuschung überflutete mich. Aus irgend einem Grund, den ich mir auch nicht näher erklären konnte, hatte ich gehofft, dass diese Nacht, die Nähe und die Vertrautheit mit ihm nicht so schnell vorbei sein würde. Zumindest hatte ich erwartet, dass er an diesem Morgen hier neben mir liegen, mich in seiner unvergleichlichen Art anlächeln und mir versichern würde, das alles in Ordnung sei.
Stattdessen war er wie ein Dieb bei Nacht und Nebel verschwunden. Frustriert schlug ich die Decke zurück und stand auf. Nach einer ausgiebigen Dusche, während der ich das Gefühl nicht los wurde, nun auch die letzten Reste dieser wunderschönen Nacht von mir abzuwaschen, zog ich mich an und schaute mich unschlüssig in meinem Zimmer um. Ich hatte keine Lust auf irgend einen anderen Menschen zu treffen, doch das, was ich mir stattdessen wünschte, war leider nicht in die Tat umzusetzen. Nick war fort und wann beziehungsweise ob ich ihn überhaupt wieder sehen würde, wußte nur Gott allein.
Mein Blick blieb schließlich an dem Nachtisch hängen, auf dem noch immer der Aschenbecher mit Nicks Zigarettenkippen stand. Als ich danach griff um ihn auszuleeren, flatterte ein kleines Stück Papier zu Boden. Mit klopfendem Herzen bückte ich mich und hob es auf.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Er hatte mich gezeichnet, wie ich schlief. Mein Haar umrahmte unordentlich mein Gesicht, mein Mund war leicht geöffnet. Darüber hatte er in großen Druckbuchstaben „Beauty“ geschrieben und darunter „Danke für diese Nacht. Nick.“
Nun gut ... es war nicht gerade eine Liebeserklärung, aber immerhin war er nicht einfach ohne ein Wort verschwunden. Ich steckte den Zettel in meine Hosentasche, leerte nun endliche den Aschenbecher und öffnete die Fenster um frische Luft herein zu lassen.
Dann öffnete ich meine Zimmertür und trat hinaus in den Flur. Das Leben ging weiter, ob mit oder ohne Nick, hatte nicht ich zu entscheiden.

Als ich in die Lobby trat, war von der großen Feier des vorangegengenen Abends nicht mehr viel zu sehen. Die Bühne stand noch, doch die einzelnen Tische, die Kerzen, die Deko und alles andere waren bereits verschwunden. Hier und da waren einige der Beobachter noch dabei Kisten herum zu schleppen, in einer der hinteren Ecke stand ein Grüppchen zusammen, die sich lachend und lautstark über den letzten Abend unterhielten und als ich den Speisesaal betrat, erwartete mich dort lautes Gemurmel von unzähligen Stimmen. Von Katerstimmung war nicht viel zu spüren. Überall sah ich ausgelassene und ekelhaft wache Gestalten.
Ich hielt mich nicht sehr lange dort auf, schnappt mir ein Stück des herrlich duftenden und noch leicht warmen Apfelkuchens und ging zurück durch die Lobby ins Treppenhaus. Niemand hatte mich angesprochen, alle waren mit sich selbst mehr als beschäftigt.
Unaufhaltsam zog es mich nun hinauf auf das Dach. Ich mußte irgendetwas tun um meine Gedanken und Gefühle, die im Grunde nur um Nick kreisten, abzustellen. Als ich die provisorische Treppe hinauf stieg, hörte ich bereits Stimmen und lautes Hämmern.
Überrascht trat ich gleich darauf in einen kühlen Morgen hinaus und was ich dort sah, verschlug mir die Sprache. Ludwig war mit Lollek und Bollek gerade dabei, neuen Zement anzurühren, während Gus daneben stand und in irgendwelchen Plänen blätterte. Auf dem Dach des Senders, das gestern eigentlich noch gar nicht vorhanden gewesen war, hockten zwei mir unbekannte Gestalten und montierten einen Dachstuhl aus hellen, dicken Holzbalken. Fasziniert ging ich einen Schritt auf die Szene zu und dann entdeckte ich eine weitere Gestalt, die bisher von Bollek verdeckt worden war und die mit nacktem Oberkörper und sehr viel Hingabe eine Ladung Steine aufeinander stapelte.
„Guten Morgen,“ lachte die Gestalt, als sie mich entdeckte. „Auch schon ausgeschlafen?“
„Was machst du denn hier?“ entfuhr es mir überrascht und ich ging langsam auf AJ zu.
„Ach, ich habe mir gedacht, dass es Zeit wird, etwas sinnvolles zu tun. Außerdem kann mein Körper ein wenig körperliche Arbeit vertragen. Sieh dir das an ... ,“ er richtete sich auf umschloss mit seinen Händen seinen Bauch und schaffte es, winzige Speckröllchen zwischen seinen Fingern hervor zu quetschen. „Überhaupt nicht in Form ... Speck angesetzt ... Nicht gut,“ kommentierte er, lachte dann und kam auf mich zu.
Ohne sich an meinem verdutzen Gesicht und das Gelächter der anderen zu stören beugte er sich über mich und biss ein großes Stück meines Kuchens ab.
„Uhmmmm ... daf ift guuuut,“ grinste er, während Kuchenkrümel von seinem Kinn zu Boden fielen.
„Das ist meiner,“ sagte ich lahm und starrte ihn immer noch aus großen Augen an.
Ich weiß nicht, warum ich so überrascht war, ihn zu sehen. Vielleicht vollzog er seine Verwandlung vom unaustehlichen Trinker zu dem liebenswerten und vor allen Dingen trockenen Alkoholiker für meinen Geschmack viel zu schnell, vielleicht konnte ich aber auch einfach nicht mit der Tatsache umgehen, das hier alle bestens ohne mich klar kamen.
„Na komm schon. Wir könnten noch eine helfende Hand gebrauchen,“ lächelte AJ, drehte sich herum und machte sich wieder an den Steinen zu schaffen.
„Hast du mich gerade aufgefordert etwas für MEIN Projekt zu tun?“ fragte ich entgeistert zurück, stopfte mir den letzten Rest des Kuchens in den Mund und zog meinen Pullover aus.
Ich bekam lediglich ein Lachen von ihm zur Antwort und grinsend gesellte ich mich zu ihm.
„Ich finde es toll, dass du hier bist,“ sagte ich, während ich ihm dabei half einen großen Berg Steine nach „brauchbar“ und „unbrauchbar“ zu sortieren.
„Danke. Weißt du ... ,“ er hiefte einen besonders großen Stein auf den Stapel, wobei sich seine Muskeln an den Armen anspannten und er vor Anstrengung das Gesicht verzog. „ ... ich glaube, es wurde Zeit, dass ich aus ... diesem ... Loch ... wieder raus komme. Im Moment fühle ich mich, als könnte ich Bäume ausreißen.“
„Das ist toll!“ Lächelte ich.
„Das finden wir auch,“ meldete sich Gus hinter uns zu Wort. „Wir können jede helfende Hand gebrauchen.“
„Wohl wahr,“ nickte ich.
„Könntest du mal kurz hier rüber kommen?“ fragte er dann und ich lies AJ alleine mit den Steinen und gesellte mich zu Gus, der immer noch stirnrunzelnd auf seinen Plan starrte.
„Wir haben hier ein Problem mit dem Archiev. Siehst du, hier und hier ... ,“
Während mir Gus etwas über Statik, Platzverhältnisse und schwierige Raumaufteilung erzählte, warf ich einen verstohlenen Blick in die Runde. Das erste Mal hatte ich das erhebende Gefühl, dass das was wir hier taten tatsächlich funktionieren könnte, dass wir nicht mehr weit von unserem Ziel entfernt waren und dass wir eine Gemeinschaft waren, die alle gemeinsam an einem Strang zogen. So etwas wie Zufriedenheit legte sich wie eine warme Decke über mich. So wie es aussah begann jetzt gerade mein neues Leben und seltsamer Weise fühlte es sich einfach wunderbar an.

Die nächste Zeit arbeiteten wir buschstäblich Tag und Nacht. Je mehr Fortschritte wir machten, um so schneller und motivierter, so schien es, waren alle Beteiligten bei der Sache.
Das Dach wurde innerhalb von drei Tagen fertig gestellt. Dwain hatte, von wo auch immer, eine ganze Ladung Dachziegel herbei gezaubert, Ludwig, Lollek, Bollek und AJ arbeiteten beinahe bis zum Umfallen, um alle Mauern rechtzeitig fertig zu stellen und Gus und ich verputzen während dessen die Innenräume.
Zehn Tage später standen wir mit stolzgeschwellter Brust alle gemeinsam vor dem kleinen Häuschen, das wir hier oben auf dem Dach aus dem Nichts aufgebaut hatten.
Sämtliche Beteiligten des Projekts hatten sich eingefunden. Ludwig stand mit Lollek, Bollek, Gus und den beiden Zimmerleuten zu meiner Rechten, AJ unterhielt sich zu meiner Linken mit Kevin und Thali, die es sich nicht hatten nehmen lassen an diesem großen Tag mit uns zusammen zu feiern und selbst Dwain war in letzter Sekunde gemeinsam mit dem Lagerverwalter Mitch aufgetaucht.
Mit freudig erregtem Herzklopfen betrachtete ich die Sendestation. Die Wände des eineinhalb stöckigen Gebäudes waren noch nicht verputzt und die roten Backsteine schimmerten im warmen Licht der Nachmittagssonne. Das Dach war mit schwarzen Ziegeln gedeckt worden und Dwain hatte in einem einzigen Nachmittag so viel Sonnenkollektoren darauf montiert, dass ich eine Zeit lang Angst hatte, dass unter dem Gewicht alles zusammen brechen würde.
An der rechten Seite hatte Gus tatsächlich seinen Balkon gebaut, wobei es sich hierbei eher um eine Terrasse handelte, die mit groben Holzbalken bis an den Rand des Daches heran reichte. Ein hüfthohes Geländer umschloss die zwei mal drei Meter messende Fläche und Thali war vor zwei Tagen freudestrahlend und mit zwei Leuten im Schlepptau aufgetaucht, die tatsächlich Gartenmöbel aus dunklem Holz und zwei große Palmen in Terrakottatöpfen angeschleppt hatten. Wahrscheinlich war dieser Ort im Moment noch das behaglichste an dem ganzen Bauwerk.
Der Sender an sich war noch nicht installiert. Ein gutes Stück hinter dem Gebäude ragte allerdings bereits die etwa drei Meter hohe Antenne in die Luft und dicke Kabel schlängelten sich von dort zu dem Häuschen herüber.
In diesem Moment räusperte sich Kevin und trat zwei Schritte aus der Gruppe heraus. Sofort kehrte Stille ein und ich spürte, wie AJ verstohlen nach meiner Hand griff. Mit einem Lächeln sah ich zu ihm hinüber und er grinste glücklich zurück.
„So Herrschaften,“ sagte Kevin laut und wir wandten uns ihm wieder zu. „Die letzten Wochen haben wir alle ... naja ... mich vielleicht ausgenommen ... unglaublich hart gearbeitet. Das beeindruckende Ergebnis können wir hier sehen und ich bin so unglaublich stolz auf jeden einzelnen von euch, dass ich das unmöglich in Worte kleiden kann.“
Ich sah, wie er schluckte und angestrengt blinzelte. Auch in meine Augenwinkel hatten sich zwei kleine Tränchen der Rührung geschlichen und ich spürte, wie AJ sanft meine Hand drückte.
„Nach den ganzen Strapazen habt ihr es euch verdient, heute ein wenig zu feiern. Aber zu erst ... ,“ Thali trat auf ihn zu und reichte ihm mit einem warmen Lächeln eine Flasche Champagner „ ... müssen wir den Sender gebührend einweihen und ihm natürlich einen Namen geben.“ Dabei sah er mich an und grinste. „Rebecca, ich glaube, das ist dein Stichwort.“
„Oh ... uhm ... tatsächlich?“ murmelte ich verlegen und trat auf Kevin zu, der mir auffordernd lächelnd die Hand entgegen streckte. Ich griff danach und stellte mich neben ihn. Unvermittelt blickte ich in all die glücklichen Gesichter, die uns umringten und ich konnte nicht anders, als überwälltigt zurück zu grinsen.
„Nachdem das hier alles deine Idee war bin ich der Meinung, dass es auch deine Aufgabe sein sollte, den Sender zu taufen. Außerdem bin ich mir sicher, dass du bereits einen geeigneten Namen gefunden hast. Stimmts?“
Es war unheimlich. Ich hatte niemandem von meinen Gedanken erzählt, doch seit etwa fünf Tagen hatte ich dem Sender heimlich tatsächlich einen Namen gegeben. Und Kevin schien das zu wissen.
„Nun schau nicht so,“ lachte er gutmütig. „Das war nur eine Vermutung, aber so wie du aussiehst, habe ich voll ins Schwarze getroffen.“
Die Umstehenden lachten und ich nickte langsam.
„Wunderbar,“ grinste er und drückte mir die Flasche in die Hand. „Dann mal los.“
„Aber ... ,“ stotterte ich und hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte.
Kevin war bereits zurück zu Thali getreten und alle Augen waren nun gespannt auf mich gerichtete.
„Schüttel sie Baby!“ rief AJ lachend und lies seine Hüften wackeln.
„Ja, genau!“ rief Kevin und begann ebenfalls mit dem Hintern zu kreisen.
„Ich ... aber ...“
„Komm’ schon Becka. Tu’s!“ lachte Dwain und als hätten sie sich abgesprochen begannen plötzlich alle ausgelassen mit den Hüften zu wackeln und im Chor zu singen „Shake it Baby. Shake it. Shake it Baby ... ,“
Meine Hände begannen ganz automatisch die Flasche heftig zu schütteln, während sich ein breites Grinsen auf mein Gesicht legte. Diese Menschen waren eindeutig verrückt.
Mit zitternden Händen entfernte ich das Staniolpapier über dem Korken und hielt vorsorglich eine Hand darauf, damit er nicht davon sprang.
„Hiermit ... ,“ sagte ich dann und wandte mich dem Haus zu. „Taufe ich dich auf den Namen ... ,“ ich legte eine kunstvolle Pause ein, während ich die Flasche noch einige Mal auf und ab bewegte „STORCHENNEST!“ rief ich, lies den Korken los, der auch sofort mit einem satten Knall davon flog und augenblicklich ergoss sich ein breiter Strahl von teurem Champagner über die Hauswand.
Hinter mir wurde gebrüllt, gejohlt, geklatscht und gelacht.
„Storchennest ... ,“ riefen sie schließlich gemeinsam im Chor. „Storchennest, Storchennest ... ,“

Kapitel 33