Kapitel 29
Die Nacht
Im Zimmer war es still geworden. Ich lag neben Nick und beobachtete wie er genüsslich an einer Zigarette zog und gleich darauf eine kleine Rauchwolke in die Luft blies. Mein Körper fühlte sich angenehm matt und entspannt an, mein Kopf war wie leergefegt und ich genoss das Gefühl einfach hier zu liegen und ihn anzusehen.
Er drehte den Kopf und sah mir in die Augen.
Geht es dir gut? fragte er.
Hm, ich denke schon.
Er schwieg und starrte mich weiterhin aus seinen blauen Augen an.
Was siehst du? flüsterte ich leise.
Ich sehe dich, lächelte er. Dein hübsches Gesicht, deine traurigen Augen, deine wundervollen Lippen ... , er rutschte ein Stück an mich heran und küsste mich sanft. Und ich sehe den Kampf in dir, flüsterte er.
Welchen Kampf? Ich richtete mich stirnrunzelnd auf und rückte dabei ein Stück von ihm ab.
Du weißt nicht so recht, was du von dieser Situation hier halten sollst, erklärte er und sog erneut an seiner Zigarette. Während er den Rauch an die Decke blies faltete er die Hände auf der Brust und starrte den kleinen, grauen Wolken nach. Du wünschst dich zurück in eine bessere Zeit, weißt aber gleichzeitig, dass das nicht möglich ist. Du versucht die ganze Zeit diese Leere in dir mit Arbeit und anderen Dingen zu füllen, aber wenn du dann damit aufhörst, sind diese Gedanken immer noch da.
Er wandte sich mir wieder zu und ich fühlte mich unwohl unter seinen ernst dreinblickenden Augen, die scheinbar mühelos in mich hinein sehen konnten. Es war unheimlich und ich verspürte nicht die geringste Lust mir diese Nacht durch Gespräche dieser Art kaputt machen zu lassen.
Vielen Dank für die Aufklärung Doktor Freud, grinste ich also etwas angestrengt, rollte mich auf die Seite und legte einen Arm um seine Taille. Aber ehrlich gesagt ist mir das im Moment alles ziemlich egal.
So? Er hob in gespielter Verblüffung die Augenbrauen und drückte dann in dem kleinen Aschenbecher auf dem Nachtisch seine Zigarette aus. Gleich darauf schlangen sich seine langen Arme um mich. Was machen wir denn dann mit der kurzen Zeit, die uns noch bleibt?
Ich weiß es nicht, sagte ich leise und versuchte das unbehagliche Gefühl abzuschüttelnd, das mich überkommen hatte als er mir bewußt machte, dass er bald wieder zurück zu den Fachats mußte.
Seine Hände umfassten meine Taille und zogen mich in die Höhe, so dass ich rittlings auf ihm zu sitzen kam. Seine Hände fuhren die Außenseite meiner nackten Oberschenkel entlang und verschwanden dann in meinem Schoß. Ich sog scharf die Luft ein und meine Hände krallten sich automatisch in seine Brust, als er mich an meiner empfindlichsten Stelle berührte.
Ich hätte da einen Vorschlag, grinste er, während er nicht aufhörte mich zu streicheln.
Ja? keuchte ich und schloss die Augen.
Hm, ich spürte, wie er nickte, dann umfasste er wieder meine Taille und hob mich ein Stück an. Gleich darauf spürte ich, wie er in mich hinein glitt und ein leises Stöhnen kam über meine Lippen. Und so wie es aussieht, scheint dir mein Vorschlag zu gefallen, hörte ich ihn leise lachen.
Kann man so sagen, murmelte ich, während das Zimmer um mich herum verschwamm und ich mich nur noch auf die Hitze in mir konzentrierte.
Durch die Fenster sickerte bereits das erste Tageslicht als ich aus einem leichten Schlaf in die Höhe schreckte. Mein Herz wummerte in meiner Brust, ich spürte kalten Schweiß, der eine Gänsehaut auf meinen Rücken und Arme zauberte, während sich meine Hände in die Bettdecke krampften.
Hey, hörte ich eine leise Stimme und ich schrag zusammen. Neben mir fühlte ich eine Bewegung, dann tauchte Nicks Gesicht neben mir auf. Sein Haar war zerwühlt, seine Augen wirkten müde und noch nicht ganz wach und die Narbe in seinem Gesicht schien sich noch tiefer in seine Gesichtszüge gegraben zu haben.
Alles in Ordnung, murmelte er, während er seine Arme um mich legte und sich mit mir zusammen zurück in die Kissen sinken lies. Nur ein Traum, setzte er leise hinzu.
Klar, nur ein Traum, murmelte ich und versuchte krampfhaft mich aus den Fesseln des Traumes zu befreien. Doch das Entsetzten wollte einfach nicht weichen und die Angst jagte mir immer noch kalte Schauer über den Rücken. Die Bilder waren verblasst und selbst wenn mir jemand eine Waffe an den Kopf gehalten hätte, hätte ich mich wohl nicht an meinen Traum erinnern können, aber die Gefühle, die blieben.
Ich spürte Nicks Arme, die mich an sich drückten, fühlte seine Lippen, die sanft meine Schläfe streiften.
Dir wird nichts passieren, flüsterte er. Das verspreche ich.
Versprich nichts, was du nicht halten kannst, gab ich zurück, spürte allerdings, dass mich alleine der Klang seiner Stimme beruhigte. Du bist doch nie hier.
Aber ich passe aus der Ferne auf dich auf.
Klar. Aus der Ferne, entgegnete ich und schaffte es nicht, meiner Stimme den sarkastischen Unterton zu nehmen.
Ich lebe nicht am Ende der Welt. Ob es uns gefällt oder nicht, die Fachats wissen im allgemeinen recht gut darüber bescheid, was hier so los ist.
Tatsächlich? Woher? fragte ich überrascht.
Na, zum einen ist das mein Job.
Du ... du ... verrätst unsere Geheimnisse? Ich meine ... , plötzlich wurde mir übel. Hatte ich mich etwa ohne es zu wissen mit dem Feind eingelassen? Andererseits vertraute Kevin ihm. Also konnte er eigentlich nicht ... oder etwa doch?
Keine Sorge. Die Fachats erfahren nur das, was sie erfahren sollen. Im Allgemeinen kann ich ziemlich gut steuern was zu ihnen durchdringt und was nicht. In letzter Zeit allerdings ... Er verstummte und streichelte gedankenverloren meinen Nacken.
In letzter Zeit allerdings? hakte ich nach.
Ich weiß nicht. Ist nur so ein Gefühl, wehrte Nick ab.
Und was sagt dir dein Gefühl?
Er wandte den Kopf und sah mich an. Irgendwie wurde ich das Gefühl nicht los, dass er versuchte zu erkennen auf welcher Seite ich wirklich stand, ob er mir vertrauen konnte.
In letzter Zeit habe ich allerdings den Eindruck, dass es da noch jemanden gibt. Jemand, der ziemlich genau darüber bescheid weiß, was bei den Beobachtern los ist. Jemand, der Interna kennt und diese weiter gibt. Jemand, der mir einen Schritt voraus ist.
Das ist nicht gut, hauchte ich.
Nein, Nick schüttelte zur Bekräftigung den Kopf und für einen kurzen Moment sah ich die Angst und Unsicherheit in seinem Gesicht aufblitzen, die er sonst so gut unter seiner harten Schale versteckte. Aber, er lächelte bereits wieder und ich versuchte mir einzureden, dass ich mir diesen kurzen Moment nur eingebildet hatte wahrscheinlich leide ich bereits an Verfolgungswahn. Wenn es eine undichte Stelle bei den Beobachtern gäbe, wüßte ich davon. So viel ist klar.
Bist du dir sicher?
Oh ja, ganz sicher, nickte er und ich konnte nicht erkennen, ob er mich nur beruhigen wollte oder tatsächlich davon überzeugt war.
Wie kannst du das wissen?
Ich kenne Hakim Fachat. Er vertraut mir. Gäbe es einen weiteren Spitzel, dann wüßte ich davon.
Wie hast du das angestellt? fragte ich ehrlich interessiert und kuschelte mich etwas beruhigter an seine Brust. Mit meinem Finger malte ich die rote Linie einer drei Zentimeter langen Narbe nach, die sich knapp neben seinem Bauchnabel befand.
Ich denke, ich hatte großes Glück. Im Grunde war meine Idee einfach so bei den Fachats hinein zu spazieren und zu glauben, sie würden mich ohne groß zu fragen bei sich aufnehmen totaler Irrsinn.
Hättest du mich vorher gefragt, hätte ich dir das auch so sagen können, schmunzelte ich.
Ich weiß. Kevin wußte es auch und Stattler ... nun ja ... ihm war wohl klar, dass ich so oder so gehen würde. Deshalb hat er nichts gesagt.
Und dann? fragte ich.
Tja ... und dann tauchte ich in das Hoheitsgebiet der Fachats ein und bekam erst einmal einen ordentlichen Schlag auf den Hinterkopf, schmunzelte Nick.