Kapitel 28
Nächtlicher Besuch
Zwei Stunden später kochte der Saal. Es war manchmal sehr schwer die Musik überhaupt noch zu hören, denn über hundert Stimmen sangen aus vollem Hals sämtliche Songs mit die sie kannten und manchmal wohl auch die, die nicht so bekannt waren, zumindest hörte es sich so an.
Ich tanzte eine Weile mit Thali am Rande der Bühne, wurde dann von Gus entdeckt und konnte mich gegen einen waschechten Twist mit ihm nicht wehren. Irgendwann verließen AJ und Rachel die Bühne und ich verlor sie relativ schnell aus den Augen, weil sie in dem Gedränge, das hier mittlerweile herrschte sofort unter gingen.
Die Band spielte weiter, allerdings wurde Kevin am Klavier abgelöst und mit roten Wangen und leuchtenden Augen gesellte er sich zu Thali und mir.
Was eine Party, rief er freudestrahlend um den lauten Gesang zu übertönen.
Das haben ja auch Profis organisiert, brüllte ich mit einem Seitenblick auf Thali zurück, die sofort rot anlief.
Ach das, winkte sie verlegen ab, doch Kevin umarmte sie stürmisch.
Wo Rebecca recht hat, hat sie recht, grinste er und ohne Vorwahnung küsste er sie auf den Mund. Was wohl im ersten Moment nur ein kurze Schmatzer werden sollte, weitete sich im Handumdrehen zu echter Leidenschaft aus und Thali sah für einen Moment genau so verblüfft aus, wie ich mich fühlte. Allerdings nur für einen winzigen Moment, denn dann schloss sie die Augen und ich war mir ziemlich sicher, dass die beiden es noch nicht einmal mehr mitbekommen hätten, wenn das Waldorf Astoria in sich zusammen gestürzt wäre. Für mich war das dann auch das Zeichen, mich diskret zurück zu ziehen. Ich freute mich für die beiden. Endlich einmal etwas in dieser trostlosen Umgebung das gut war.
Ich wanderte noch eine Weile durch die Menschenmenge, trank ein Glas Champagner, das in unserem früheren Leben sicherlich ein Vermögen gekostet hätte, und blieb schließlich in einer der hinteren Ecken stehen.
Urplötzlich war meine euphorische Stimmung verflogen. Das Bild von Kevin und Thali, die sich so innig küssten, wollte nicht aus meinem Kopf verschwinden. Nicht das ich eifersüchtig gewesen wäre. Kevin war ein wundervoller Mensch, aber dann doch wohl eher ein guter Freund, bei dem ich mich sicher fühlte. Niemand, in den ich mich verlieben konnte.
Eigentlich gab es solch einen Menschen für mich hier nicht. Für einen Moment tauchte AJs Gesicht vor mir auf, doch ich schob es schnell beiseite. AJ war zu kompliziert, zu anstrengend um mit ihm eine Beziehung zu führen. Was nicht hieß, dass er mich nicht auf eine schwer zu erklärende Weise reizte. Meine Reaktion, wenn ich ihn zusammen mit Rachel sah, sprach da wohl Bände. Trotzdem ... ich konnte mir nicht vorstellen ihm näher zu kommen.
Mein Blick schweifte über die wogende, ausgelassene Menge. In diesem Moment vermisste ich mein zu Hause, meine Familie und Freunde so schmerzhaft, dass ich das Gefühl hatte, mir würde das Herz heraus gerissen. Was tat ich eigentlich hier? Ich feierte den Umstand, dass mir alles genommen worden war was mir jemals etwas bedeutet hatte.
Diese Feier konnte doch nur für einen kurzen Moment den Schmerz übertünchen um mir gleich darauf bewußt zu machen, was mir eigentlich fehlte und immer fehlen würde. Ich fühlte mich einsam und unvollkommen und darüber konnte mich weder die Arbeit am Sender noch diese Party hinweg trösten.
Plötzlich wurde mir das alles zu viel. Diese Fröhlichkeit, die mich geradezu zu verspotten schien, die Musik, die über den Lärm hinweg kaum zu hören war und mir deshalb vorkam, als würde sie aus der Vergangenheit zu mir sprechen und nicht zuletzt die Menschen, die ich in der kurzen Zeit lieb gewonnen hatte, die aber jeder für sich mit etwas anderem beschäftigt waren. Hier war niemand, der nur für mich da war, niemand, der sich wirklich um mich Gedanken machte, niemand, der an diesem Abend nur mit mir zusammen sein wollte.
Ich machte auf dem Absatz kehrt und verließ fluchtartig die Lobby. Ich wußte nicht genau wo ich hin wollte, denn im Grunde erwartete mich überall nur noch mehr Trostlosigkeit, die gleiche Kälte, die selbe Einsamkeit. Doch länger diesem ausgelassenen Treiben zuzuschauen war mir unmöglich.
Meine Füße schienen mich von ganz alleine vorwärts zu treiben. Ich hastete die Treppenstufen hinauf, ignorierte die Metalltür, die auf den Flur meines Stockwerkes führte und landete schließlich an der Treppe, die hinauf auf das Dach führte.
Mein Atem ging stoßweise, mein Herz schlug unglaublich schnell und in meinem Kopf hatte sich ein dumpfer Schmerz ausgebreitet.
Nur nicht nachdenken.
Immer weiter laufen.
Nicht stehen bleiben.
Meine Schuhe glitten knirschend über Sand und Steine. Die Silhouttete des halb fertiggestellten Sendergebäudes zeichnete sich pechschwarz vor dem Nachthimmel ab und wirkte seltsam bedrohlich.
Immer weiter gehen.
Nicht nachdenken.
Ich erreichte das Ende des Daches, wandte mich nach links und lief an der Kante entlang.
Ich war schon wieder auf der Reise und genau wie vor einem guten halben Jahr, als ich mich in Kanada auf den Weg in ein vermeindlich besseres Leben gemacht hatte, gab es auch diesmal kein wirkliches Ziel. Ich konnte mir einreden, dass ich mich vorwärts bewegte, dass ich nicht stillstand und mich somit meinem Schicksal ergab, aber wenn ich ehrlich war, konnte ich nicht davon laufen. Egal wie weit und wie lange ich lief, ich kam am Ende doch immer wieder bei meinem Schmerz an. Oder holte er mich ein?
Ich passierte die dunklen Mauern des Senders und ging geradewegs auf die gegenüberligende Dachkante zu. Wenn ich jetzt losrannte, einfach die Augen schloss und so lange lief, bis ich keinen Grund mehr unter den Füßen spürte ...
Würde es weh tun? Wäre es wirklich das Ende oder würde ich dieses alles verzehrende Gefühl in meinem Herzen mit mir nehmen?
Ich war so sehr in Gedanken versunken, dass ich mit einem leisen Schrei zusammen zuckte, als sich plötzlich eine Gestalt aus dem Dunkeln schälte und mir den Weg versperrte. Ich wollte herum fahren und davon laufen, doch die Gestalt packte mich am Arm und hielt mich fest.
Hey Rebecca, keine Angst. Ich bin es doch bloß.
Kannte ich diese Stimme? Zumindest schien diese mich zu kennen.
Ich war zu sehr außer Atem, als das ich sofort hätte antworten können. Mit schreckgeweiteten Augen sah ich zu der Gestalt auf, dessen Gesicht im Schatten lag. Mein Gehirn projezierte sofort grässliche, grauenerregende Fratzen in diesen dunklen Fleck und alles was ich wollte war davon zu laufen. Immer noch.
Alles in Ordnung? fragte die Gestalt und trat einen Schritt auf mich zu.
Plötzlich schälten sich Konturen aus dem Schatten. Eine gerade Nase, Haarsträhnen, die sich in ein freundliches Gesicht schoben und eine Narbe, die sich über die gesamte, linke Gesichtshälfte zog.
Nick? keuchte ich. Gott. Du hast mich zu Tode erschreckt!
Scheint, als würden alle unsere Begegnungen so anfangen, was? lächelte er und lies endlich meinen Arm los.
Scheint so, murmelte ich und senkte den Blick hinunter auf meine Schuhspitzen.
Um noch einmal auf meine Frage zurück zu kommen ... ist mit dir alles in Ordnung?
Klar. Warum sollte denn nicht alles in Ordnung sein?
Nun ja. Vielleicht, weil du hier mit Highheels deine Bahnen ziehst und dabei aussiehst, als würdest du vor einem unsichtbaren Freind davon laufen.
Verblüfft starrte ich ihn einen Moment lang an.
Nick lachte leise. Scheint, als hätte ich genau ins Schwarze getroffen.
So ähnlich, gab ich zu.
Keine Lust mehr auf die Party? fragte er.
Ich schüttelte den Kopf.
Warum nicht? Wenn ich könnte wäre ich schon längst dort und würde mir einen ordentlichen Whisky gönnen.
Ich ... weiß nicht. Ich glaube ... das ist nichts für mich.
Warum nicht? wiederholte er.
Weil mir das alles so verlogen vorkommt, antwortete ich wahrheitsgemäß. Weil ... weil es mir ... keinen wirklich Spaß macht. Weil es mich doch nur daran erinnert, was ich verloren habe.
Ich verstehe, sagte Nick leise. Glaubst du, dass du das Andenken deiner Familie verrätst, nur weil du ein bißchen Spaß hast?
Nein, ich schüttelte den Kopf. Das ist es nicht. Ich erinnere mich nur an Dinge.
Dinge?
Dinge, die mir früher wichtig waren. Dinge, die ich mit meiner Familie und meinen Freunden geteilt habe. Partys zum Beispiel. Man hat sich getroffen und noch tagelang darüber gelacht und geredet. Man hat es eben zusammen erlebt. Heute ... heute ist irgendwie keiner da, mit dem ich zusammen feiern kann.
Was ist mit Kevin? Thali? AJ?
Erneut schüttelte ich den Kopf. Sie sind beschäftigt.
Beschäftigt? Ich konnte mich irren, aber Nick schien belustigt.
Vergiss es. Ich sollte jetzt gehen, sagte ich deshalb und drehte mich herum.
Warte! Er kam hinter mir her, versuchte aber nicht mich festzuhalten. Es tut mir leid. Aber so wie du das gesagt hast klang es, als würden sie in dunklen Ecken schmutzige Sachen tun.
Was nicht auszuschließen ist, sagte ich düster und näherte mich dem Treppenabsatz.
Nein! Erzähl mir mehr. Thali und Kevin?
Hm, nickte ich und stieg bereits die ersten Stufen nach unten.
Unglaublich! So lange, wie die beiden sich anschmachten dachte ich schon, sie würden es nie auf die Reihe bekommen.
Schön für dich, dass dich das freut.
Dich etwa nicht?
Er lief immer noch neben mir her und zum ersten Mal machte ich mir Gedanken darüber was passieren würde, wenn uns hier jemand zusammen sah.
Doch, mich auch. Ich freue mich ja wirklich für die zwei, aber ... ach ... was weiß denn ich. Was machst du überhaupt hier?
Wir hatten den Durchgang zum Treppenhaus erreicht und stiegen nun langsam die Stufen in den dritten Stock hinunter.
Heimweh, erklärte Nick schlicht und hielt mir dann die Tür auf, während ich hindurchschlüpfte.
Ich dachte an solchen Tagen wie heute sind überall Fachats unterwegs? Und außerdem ... wie bist du überhaupt hier herein gekommen?
Das bleibt mein Geheimnis, grinste er.
Inzwischen hatten wir meine Zimmertür erreicht und ich sah zu ihm auf.
Nun gut. Dann ... also ... war schön, dich wieder zu sehen, sagte ich und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Es war auch schön dich wieder ... , am Ende des Ganges wurde eine Tür geöffnet und mir rutschte das Herz in die Hose. Ehe ich mich versah hatte Nick nach dem Schlüssel gegriffen, ihn herum gedreht und die Tür geöffnet. Eine Nanosekunde später drängte er mich in die Dunkelheit meines Zimmers und schloss die Tür hinter sich.
Uhm ... das ist mein Zimmer, sagte ich überflüssiger Weise.
Pssst, sagte Nick und legte auch noch einen Finger an die Lippen.
Draußen hörten wir Gelächter und Schritte, die immer näher kamen.
Was soll das? fragte ich flüsternd. Er sollte nicht hier sein. Nicht in meinem Zimmer. Nicht in meiner Nähe.
Sie dürfen mich nicht sehen, flüsterte Nick zurück.
Das hättest du dir vielleicht überlegen sollten, bevor du hier aufgekreuzt bist, findest du nicht?
Klar, Miss Neunmalklug. Tut mir leid, dass ich Sehnsucht nach diesem Ort hatte, tut mir leid, dass ich dir Unannehmlichkeiten bereite, tut mir leid, dass ich geboren wurde! Er wirkte nun wütend, flüsterte aber immer noch. Die Geräusche im Flur waren nun näher, direkt vor meiner Zimmertür. Dann entfernten sie sich langsam.
Ich weiß nicht ...
Mit zwei schnellen Schritten hatte er die Distanz zwischen uns überwunden. Ängstlich zog ich den Kopf ein und versuchte zurück zu weichen, doch hinter mir wartete lediglich die kalte Wand auf mich, die meinen Rückzug unnachgiebig stoppte.
Weißt du, sagte er und kam mit seinem Gesicht gefährlich nahe an meines. Du weißt gar nicht wie gut du es hier hast. Du hast ein weiches Bett, Menschen die dich gern haben, die sich um dich kümmern und so etwas wie ... ein zu Hause. Und da stehst du nun und läufst vor etwas davon, was du sowieso nicht ändern kannst, anstatt einfach etwas zu tun, dich deinen Problemen zu stellen und zu akzeptieren, dass das Leben, wie wir es mal kannten vorbei ist. Du ... ,
Und Du ... , fiel ich ihm ins Wort. Tust gerade so, als hättest du das Wort Heimat neu erfunden. Entschuldige, dass ich nicht so gefühlskalt bin wie du. Ich mache mir etwas daraus, dass ich meine Familie und Freunde verloren habe und ich trauere um sie, anstatt den Helden zu spielen und mich in eine Situation zu bringen, die jeden Tag aufs neue gefährlich ist. Eine Situation, in der ich mich vor den Guten verstecken muß, wenn sie den Flur hinunter kommen.
Du tickst doch nicht mehr ganz richtig, oder? fuhr Nick auf, inzwischen waren wir beide laut geworden.
Ich?? Du wirfst mir vor, dass ich nicht mehr alle beisammen habe? Wer ist denn hier zu den Fachats gegangen, wer tut denn hier so, als hätte er alles im Griff, wer ...
Hältst du jetzt endlich den Mund?
Die Bewegung kam blitzschnell. Sein Hand schoss vor und packte meinen Arm, seine andere Hand umfasste meine Taille und zog mich zu sich heran und seine Lippen pressten sich auf meine, noch bevor ich in irgendeiner Weise reagieren konnte.
Wir fochten einen stillen Kampf aus. Ich schlug nach ihm, versuchte mich aus seiner Umklammerung zu lösen und den Kopf zur Seite zu drehen, doch ich hatte nicht den gringsten Erfolg damit. Mein Herz hämmerte in meiner Brust und obwohl ich eigentlich hätte Angst haben sollen breitete sich ein angenehmes Kribbeln in meiner Magengegend aus.
Hör auf, murmelte ich.
Nein, entgegnete er.
Und schließlich konnte ich mich nicht mehr wehren. Hungrig verlangten meine Lippen nach mehr. Ich zog ihn an mich, während er mich gegen die Wand drückte. Ich spürte das schnelle Auf und Ab seine Brust, seine Hände, die über meinen Körper wanderten und seine Erregung die sich gegen meine Hüfte presste.
Das ist nicht richtig, brachte ich irgendwie heraus, während mein gesamter Körper in Flammen stand und somit meine Worte Lügen straften.
Hörst du jetzt endlich auf zu reden? fragte Nick leise lachend, hob mich hoch und trug mich hinüber zum Bett.
Ich kann nicht. Das hier ist ... Er legte sich neben mich und erstickte meine nächsten Worte in einem nicht enden wollenden Kuß. Ich schloss die Augen und genoss das Gefühl seiner Hände, die sich an den Trägern meines Kleides zu schaffen machten.
Mein Finger ertasteten den Saum seines T-Shirts und ohne darüber nachzudenken streifte ich es ihm über den Kopf.
Ich soll also aufhören, ja? fragte er mit einem breiten Grinsen, nahm das T-Shirt und setzte sich auf.
Ich ... ähm ... was? Das würde er nicht tun, oder? Er würde jetzt nicht gehen ... er würde ...
Sag mir, dass ich bleiben soll. Sag mir, dass du mich willst, forderte er.
Ich starrte einen Moment mit brennendem Verlangen zu ihm auf. Ja, ich wollte ihn. Zum Teufel mit meiner guten Erziehung.
Ich will dass du bleibst, flüsterte ich. Und ich will dich.
Auf seinem Gesicht erschien ein sanftes Lächeln. Wußte ich es doch, sagte er leise, warf sein Shirt unbeachtete auf den Boden und beugte sich zu mir hinunter.
Seit ich dich das erste Mal gesehen habe frage ich mich, wie du wohl schmeckst, flüsterte er, während er meinen Hals und meine Schulter mit kleinen Küssen bedeckte.
Und? fragte ich.
Besser als ich es mir in meiner Fantasie ausgemalt habe, stellte er fest. Seine Hand umschloss meine Brust und ich stöhnte leise auf.
Meine Hände verschwanden in seinem Haar und zogen seinen Kopf zu mir herunter. Als seine Lippen ganz leicht über meine streiften war ich bereits der Meinung sterben zu müssen, wenn er mir nicht sofort das Kleid vom Leib riss. Er war alles was ich in diesem Moment wollte und ich hätte wetten können, dass es ihm in diesem Moment ähnlich ging.