Kapitel 27
Das Fest

Noch bevor wir das Erdgeschoss erreicht hatten, hörte ich Musik und ich blieb wie festgewachsen auf der letzten Treppenstufe stehen, so dass AJ mich beinahe über den Haufen rannte.
„Hey, alles in Ordnung da vorne?“ fragte er und beeilte sich, einen Schritt zurück zu treten. Vielleicht hatte er ja inzwischen Angst, dass ich handgreiflich werden würde, wenn er mir zu nahe kam.
„Nein, alles in bester Ordnung,“ entgegnete ich, merkte aber, dass meine Stimme dabei ganz leicht zitterte.
„Ich glaube dir kein Wort,“ hörte ich seine sanfte Stimme und schon tauchte sein Gesicht vor mir auf. Er stand unter mir auf dem Treppenabsatz und musterte mich freundlich.
„Es ist nur ... also ... ,“ stotterte ich. „Das ist Musik!“
Als würden diese drei Worte alles erklären. Für mich ergaben sie durchaus einen Sinn, doch ich bezweifelte, dass das ein normaler Mensch verstehen konnte. Doch wieder einmal bewieß AJ, dass er alles andere als normal war.
„Ich weiß. Mir geht es auch immer so. Es ist so selten, dass wir Musik zu hören bekommen. Genieß es. Es wird noch eine Weile dauern, bis du wieder in diesen Genuss kommst.“
Ich sah dankbar auf ihn hinunter. „Es ist wirklich seltsam, dass ausgerechnet du mich verstehst.“
„Ausgerechnet ich?“ fragte er mit einem gutmütigen Schmunzeln. Erst jetzt ging mir auf, was ich da eigentlich gesagt hatte und versuchte sofort mich zu entschuldigen. „So war das nicht gemeint. Das war ... also ich ... ,“
„Ist schon gut,“ grinste er, nahm meine Hand und führte mich durch die zerbrochene Glastür hinein in die Lobby.
Ich blieb einen Moment stehen um das Geschehen in mich aufzunehmen. Thali und Rachel hatten sich beinahe selbst übertroffen. Sie hatten auf elektrisches Licht verzichtet, dafür brannten überall eine Unmengen an Kerzen in großen Windlichtern, Glasvasen und anderen, undefinierbaren Gegenständen. In dem warmen, festlichen Licht wirkten die vielen Menschen, die überall in Grüppchen zusammenstanden beinahe unwirklich.
Von meinem Platz aus konnte ich einen kurzen Blick in den Speisesaal erhaschen. Auch dort brannte kein elektrisches Licht und ich konnte ein Stück des Buffets sehen, das mir schon jetzt das Wasser im Mund zusammenlaufen lies.
Im hinteren Teil der Lobby war eine Bühne aufgebaut und als ich genauer hinsah, bemerkte ich Kevin am Klavier, wie er hingebungsvoll mit geschlossenen Augen eine wundervoll beschwingte Melodie spielte, begleitet von einer ganzen Hand voll Musiker, die ähnlich entrückt wirkten. Ich entdeckte Thali, die etwas abseits neben der Bühne stand und Kevin keine Sekunde aus den Augen zu lassen schien. Dabei lag ein verklärtes Lächeln auf ihrem Gesicht, was gleichzeitig meine eigenen Gesichtszüge zum Strahlen brachte.
„Na komm, mischen wir uns unter die Leute,“ sagte AJ neben mir, nahm meinen Arm und führte mich in das Gedränge hinein.
Zielstrebig bahnte er sich einen Weg durch den gesamten Saal zu Thali hinüber und auf dem Weg ging mir so langsam auf, was Kevin mit der für heute geltenden Kleiderordnung gemeint hatte.
Ein buntes Sammelsurium von unterschiedlichen Kleiderformen hatte sich hier zusammen gefunden. Einige trugen Jeans und T-Shirt, andere hatten sich in schwarze Anzüge oder bodenlange, atemberaubende Kreationen geworfen. Wieder andere trugen grelle Hemden und Blusen. Ich sah eine Frau, die ganz in Schwarz gekleidet war, ihr Haar und ihre Augen waren ebenfalls schwarz wie die Nacht und um ihren Hals trug sie ein Stachelhalsband. Kurz bevor wir Thali erreicht hatten, lief mir sogar ein Clown über den Weg, der uns im Vorbeigehen ein dickes Grinsen schenkte und dann in der Menschenmenge verschwand.
„Das ist wirklich sehr seltsam hier,“ bemerkte ich und hörte AJ leise lachen.
„Dann passen wir ja perfekt dazu,“ entgegnete er.
Als wir Thali schließlich erreichten, bemerkte sie uns für einen langen Moment überhaupt nicht, weil ihre Augen immer noch an dem dunkelhaarigen Mann auf der Bühne hingen. Als AJ sie schließlich sanft am Arm berührte zuckte sie erschrocken zusammen und fuhr mit großen Augen zu uns herum. Als sie uns erkannte, erhellten ein Lächeln ihre Gesichtszüge.
„Hallo ihr zwei. Je später der Abend desto schöner die Gäste,“ sagte sie und schenkte sowohl AJ also auch mir einen anerkennenden Blick, der mich sofort um fünf Zentimeter wachsen lies.
„Kevin ist gut in Form heute Abend, was?“ bemerkte AJ, während er zu seinem Freund hinaufstarrte.
„Ja,“ nickte Thali und hatte schon wieder dieses entrückte Lächeln im Gesicht. „Ich glaube, er hat sich mehr auf sein Klavier als auf die Party gefreut. Seit es hier vor zwei Stunden los gegangen ist sitzt er da oben und bekommt nichts mehr um sich herum mit.“
„Wer kann es ihm verdenken,“ sagte AJ leise und schien mit den Gedanken ganz weit weg zu sein.
„Warum gehtst du nicht zu ihm hinauf?“ fragte Thali. „Ich habe dich schon lange nicht mehr singen gehört.“
„Ich ... ach, ich weiß nicht. Später vielleicht,“ entgegnete AJ abwehrend und versenkte seine Hände in den Hosentaschen.
„Ich würde das auch gerne hören,“ sagte ich lächelnd, doch er schüttelte den Kopf und sah sich dann im Saal aufmerksam um. „Wen muß man hier bestechen um etwas zu trinken zubekommen?“ fragte er Thali und ich spürte, wie mir das Herz in die Hose rutschte. Hatte er seinen Vorsatz mit dem Trinken aufzuhören schon wieder vergessen?
„Wir haben hinten im Versammlungssaal eine kleine Bar aufgebaut,“ informierte ihn Thali. „Rachel war so nett und hat uns sowohl ein paar Flaschen als auch einen Barkeeper aus dem Club geliehen.“
„Das klingt gut. Dann sehen wir uns später,“ nickte AJ, wandte sich ab und begann den Gang zu den hinteren Räumlichkeiten hinunter zu gehen. Scheinbar hatte er mich vollkommen vergessen.
„Ich glaube, ich gehe mal nachsehen, ob mit ihm alles in Ordnung ist,“ sagte ich an Thali gewannt.
„Tu das. Aber mach dir nicht zu viele Hoffnung. AJ hört nur auf seinen eigenen, verqueren Geist. Für vernünftige Argumente ist er nicht zugänglich.“
„Menschen können sich ändern,“ gab ich lediglich zurück und lies Thali einfach stehen.
Ich konnte nicht genau sagen, warum mich ihr Satz so ärgerte. Vielleicht, weil ich gesehen hatte, dass AJ wirklich bereit war sich seiner Sucht zu stellen, vielleicht, weil ich fühlte, dass er in einem ständigen Kampf mit sich selbst lebte, vielleicht auch einfach, weil ich ihn mittlerweile lieb gewonnen hatte und nicht wollte, dass jemand schlecht über ihn dachte und redete.
Ich fand ihn schließlich in dem großen Versammlungssaal auf einem Stuhl an der Wand sitzen und gedankenverloren ein Glas mit heller Flüssigkeit in den Händen drehend.
Man hatte eine behelfsmäßige Bar aus einigen Tischen aufgebaut, dicke, rote Tischtücher darüber gelegt und ein unübersichtliches Sammelsurium aus Flaschen, Gläsern, großen Schalen mit Obst und diverser anderer Kleinigkeiten zusammen getragen. Hinter den Tischen stand ein junger Mann, der zu der leisen Musik von draußen mit dem Kopf wippte und fleißig dabei war die Wünsche seiner Gäste zu erfüllen.
Ich ging zu AJ hinüber, der zwischen den ganzen Menschen, die sich wunderbar zu unterhalten schienen und miteinander lachten, etwas verloren wirkte.
„Hey,“ sagte ich, als ich mich neben ihn setzte.
„Hallo,“ gab er zurück. „Bist du jetzt mein neuer Aufpasser? „Passt auf, dass der Alki nicht wieder zur Flasche greift und uns blamiert“?“
„Nein. Ich denke, ich bin eher so etwas wie ein Freund der nachsehen kommt, ob bei dir alles in Ordnung ist.“
„Hier ist alles bestens,“ grunzte er und hob das Glas an seinen Mund.
Schnell legte ich ihm eine Hand auf den Arm und drückte das Glas zurück in seinen Schoß.
„Hast du dir das gut überlegt?“ fragte ich und AJ runzelte die Stirn.
„Was habe ich mir überlegt?“
„Na, jetzt schon wieder aufzugeben.“
„Aufgeben?“ Er starrte mich verständnislos an.
Ich warf mit hochgezogenen Augenbrauen einen wissenden Blick auf sein Glas hinunter und er schien endlich zu verstehen.
„Oh das!“ Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Das habe ich mir mehr als gut überlegt,“ entgegnete er, hob das Glas und leerte es in einem Zug.
„Aber ... also ... findest du das jetzt gut oder was?“ Ich war wütend. Da hatte er endlich angefangen über sich und sein Handeln nachzudenken und warf es mit einer unbedachten Dosis Alkohol direkt wieder über den Haufen.
„Klar finde ich das gut,“ entgegnete er Achselzuckend.
„Na, dann kann ich ja gehen. Wirklich schade, dass Thali recht hatte. Ich war gerade eben noch dabei ihr klar zu machen, dass sich Menschen ändern können,“ sagte ich sarkastisch und wollte davon stürmen, doch er hielt mich am Arm fest.
„Setz dich,“ sagte er und zog mich zurück auf meinen Stuhl hinunter.
„Ich will mich aber nicht setzen. Ich werde jetzt da raus gehen und Spaß haben und ... ,“
„Das war nur ein Glas Wasser,“ unterbrach er mich und seine Worte brauchten eine Weile um zu mir durchzudringen.
„Du wolltest doch keinen Alkohol mehr ... Wasser?“ Ich muß ihn wie eine dämliche Kuh angestarrt haben, denn er brach in Gelächter aus.
„Wenn ich mit jedem Wasser so einen Gesichtsausdruck von dir bekomme, trinke ich ab heute nichts anderes mehr,“ kichert er.
„Ich ... aber ... das ist also ...“ Am liebsten wäre ich auf der Stelle im Boden versunken. Da erzählte ich Thali etwas davon, dass Menschen sich ändern konnten und glaubte scheinbar selbst nicht daran.
„Es tut mir leid,“ brachte ich zerknirscht herhaus, doch AJ lächelte immer noch freundlich.
„Ist schon in Ordnung. Du konntest es ja nicht wissen.“
„Naja ... ich dachte wirklich ... ,“
„Und es ist wirklich sehr lieb von dir, dass du dir Sorgen um mich machst,“ fügte er sanft hinzu.
„Ich ... ja ... also ... vielleicht sollte ich mir auch mal etwas zu trinken besorgen,“ sagte ich und stand erneut auf.
„Tu das. Daniel macht wirklich klasse Cocktails. Ich würde mir einen Havannah-Flip bestellen. Sehr lecker.“
„Uhm ... ich denke, eine Cola tut es auch erst einmal,“ murmelte ich und beeilte mich, von AJ wegzukommen. Gott, wie peinlich. Ich mußte mir unbedingt Gedanken über meine unbedachten Kommentare machen. Irgendwann würde mich das in eine Situation bringen, aus der ich nicht mehr heraus kam.
Der Barkeeper Daniel erklärte mir, dass er mit einer Cola nicht dienen konnte, aber er goss mir ein Glas selbstgemachten Eistee ein und ich bin mir sicher, dass ich noch nie etwas ähnlich leckers getrunken hatte.
Wesentlich entspannter drehte ich mich schließlich herum und ging wieder zu AJ hinüber. Im Näherkommen bemerkte ich Rachel, die neben ihm saß und eindringlich auf ihn einredete.
Ich hielt mitten im Schritt inne, weil ich nicht wußte was ich tun sollte. Vielleicht wollten die beiden alleine sein. Schließlich war dies eine Party und sie so etwas wie ein Paar ... nun ja ... so etwas ähnliches zumindest. Doch bevor ich eine Entscheidung fällen konnte hatte AJ mich entdeckt und winkte mich zu sich heran.
„Rebecca, das ist Rachel. Rachel, das ist Rebecca.“
„Die Rebecca, die nicht weiß, dass man nicht alleine hinaus in das Kellerlabyrinth geht?“ fragte sie mit hochgezogenen Augenbrauen.
„Ja, das bin ich wohl,“ nickte ich und reichte ihr die Hand, die sie geflissentlich übersah.
„Was ist nun,“ wandte sie sich stattdessen wieder an AJ und ich fühlte mich mehr als überflüssig.
„Lass mich doch erst einmal richtig hier ankommen. Wir können nachher ... ,“
„Ach komm schon,“ lächelte sie und schmiegte sich noch etwas enger an ihn, was er sichtlich genoss. „Nur ein oder zwei Songs. Ich habe schon so lange nicht mehr auf einer Bühne gestanden und du im Übrigen auch nicht. Das wird bestimmt ganz toll! Kevin hockt doch auch schon seit zwei Stunden da oben und ...,“
„Ja, ja. Schon gut. In Ordnung,“ gab er sich schließlich geschlagen und erhob sich. „Aber nur damit du Ruhe gibst. Zwei Songs und nicht mehr.“
„Nicht mehr,“ nickte sie, aber es war so offensichtlich, dass sie log, dass selbst AJ grinsen mußte.
„Ich lasse dich dann einfach stehen, das ist dir klar?“
„Als ob du schon einmal freiwillig von einer Bühne abgetreten wärst,“ lachte sie, fasste nach seiner Hand und zog ihn in die Höhe.
Als wäre ich gar nicht da ging sie an mir vorbei und strebte dem Ausgang zu. AJ schaffte es gerade noch nach meiner Hand zu fassen und wollte mich hinter sich her ziehen, doch ich entwandt ihm meine Hand und winkte ihm kurz nach, während er mir einen verständnislosen Blick zu warf, aber weiterhin Rachel hinterher trottete.
Mein Blick blieb an ihren langen Beinen hängen, die in Schuhen mit sicherlich zehn Zentimetern Absatz steckten. Ihr Kleid war sogar noch kürzer als meines, ihr Busen füllte das Dekolltè wesentlich besser aus und alles in allem wirkte sie wie die Fee und ich das Trampeltier.
Sollte er ruhig mit ihr seinen Spaß haben. So lange er dabei weiterhin bei Wasser blieb, war mir alles recht. Nun ja ... es wäre nicht schlecht, wenn er wirklich nur mit ihr singen würde ... was dachte ich da eigentlich?
Etwas langsamer folgte ich den beiden und kam gerade dazu, als die beiden, von frenetischem Applaus begleitet, die Bühne betraten.
AJ ging zu Kevin hinüber, beugte sich zu ihm hinunter und flüsterte ihm irgendetwas ins Ohr. Kevin hörte mit schief gelegtem Kopf zu und nach und nach erschien ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht. Als AJ sich zurück lehnte stand Kevin auf und umarmte ihn - mitten auf der Bühen, vor allen anderen Gästen - und der Applaus brandete erneut auf.
Danch wandte sich Kevin an das Publikum, immer noch einen Arm um AJs Schulter gelegt.
„O.k. Leute,“ rief er und nach und nach verebbte der Applaus. „AJ und Rachel wollen ein bißchen für uns singen. Was haltete ihr davon?“
Der Lärm war ohrenbetäubend. Es wurde geklatscht, gebrüllt und getrampelt und AJ wirkte wie ein kleines Kind an Weihnachten, das genau das bekommen hatte, was es sich schon immer gewünscht hatte.
Kevin hob die Hände um sich Gehör zu verschaffen. „Da wir keine elektronsichen Mittel zur Verfügung haben möchte ich euch bitten ein bißchen leiser zu sein, damit wir die beiden auch verstehen können, okay?“
Erneut wurde geklatscht und gejohlt und Kevin begab sich mit einem breiten Grinsen zurück an sein Klavier.
Ich gesellte mich zu Thali und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wegen vorhin ... also ... es tut mir leid. Ich weiß nicht ... ,“
„Ist schon in Ordnung,“ lächelte sie. „Vielleicht hat AJ jemanden wie dich gebraucht. Jemand, der wirklich noch daran glaubt, dass alles gut werden wird. Er sieht heute Abend auf jeden Fall besser aus, als das ganze letzte halbe Jahr.“
„Er sagt, er hat seit zwei Wochen keinen Tropfen Alkohol mehr angerührt,“ sagte ich und starrte zu AJ hinauf, der neben Rachel am Klavier stand und sich mit Kevin absparch, welches Lied sie jetzt spielen sollten.
„Das hat er gesagt?“ fragte Thali überrascht und wandte ihre volle Aufmerksamkeit mir zu.
„Ja, das hat er und ich glaube ihm sogar. Ich möchte einfach ... dass wir ihn ein bißchen dabei unterstüzten. Ich weiß, dass das für einige nicht sehr leicht werden wird, weil er ja nun ... sagen wir mal ... er hat es in der Vergangenheit wirklich gut hinbekommen alle Menschen zu vergraulen, die ihm etwas bedeuten.“
„Er bekommt jede Unterstützung die er braucht,“ sagte Thali sanft. „Nur bisher hat er diese nicht angenommen. Was hast du nur mit ihm angestellt?“
„Ich? Nichts!“
„Na. Das hat auf jeden Fall gewirkt,“ lachte sie und urplötzlich lag ich in ihren Armen und wußte gar nicht, wie mir geschah. „Das ist toll. Das ist wirklich toll.“ Sagte sie hörbar gerührt und ich tätschelte ihr etwas verlegen den Rücken.
AJs Stimme riss uns schließlich aus dieser herzzerreissenden Szene.
„Guten Abend allerseits,“ sagte AJ und trat ganz nahe an den Rand der Bühne heran.
Vereinzelt wurde geklatscht, aber die meisten starrten wie gebannt zu ihm auf in Erwartung des Songs, den er gleich singen würde.
„Ich möchte mich kurz vorstellen,“ sagte er, was einiges Gelächter auslöste, denn scheinbar war er bei den meisten recht gut bekannt. „Mein Name ist AJ McLean und ich bin Alkoholiker.“
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, so still war es plötzlich geworden. „Ich bin nun seit dreizehn Tagen trocken und es ist wirklich schön euch hier in dieser Runde so glücklich versammelt zu sehen.“
Seine Augen huschten im Publikum umher, bis er mich gefunden hatte und sein Lächeln wurde noch etwas breiter.
„Ich habe schon so ewig nicht mehr gesungen, dass ich gar nicht weiß, ob ich das noch kann,“ sagte er grinsend und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Publikum zu.
Für eine endlos scheinende Sekunde blieb es noch still, dann klatschte der erste im hinteren Teil der Lobby und als wäre dies der Startschuss gewesen, steckte er nach und nach den Rest der versammelten Gäste an. Unter lautstarkem Applaus trat AJ schließlich zurück an das Klavier. Kevin strahlte zu ihm auf, während Rachel ihn voller Unverständis mit gerunzelter Stirn anstarrte.
AJ nickte Kevin zu, dieser legte in einer eleganten Bewegung die Hände auf die Tasten, der Schlagzeuger hob seine Stöcke in die Luft und gab den Takt an, die Musiker begannen zu spielen und ich driftete davon.
Und dann schloss AJ die Augen und begann zu singen. Eine Gänsehaut krabbelte augenblicklich über meinen gesamten Körper, mein Herz machte einen beinahe schmerzhaften Satz in meiner Brust und meine Hände begannen zu zittern.

When you’re weary, feeling small.
When tears are in your eyes, I will dry them all.
I’m on your side. When times get rough
And friends just can’t be found.
Like a bridge over troubled water
I will lay me down.
Like a bridge over traoubled water.
I will lay me down.

Ich hatte gewußt wie gut er war. Natürlich. Schließlich hatte ich in meinem früheren Job viel mit der Musik der Backstreet Boys zu tun gehabt und außerdem vor nicht einmal vier Wochen das Vergnügen genossen, eine kleine private Vorstellung von ihm in seinem Zimmer zu bekommen. Doch ihn jetzt so, untermalt von dem melancholischen Klavier und den sanften Gitarrenklängen zu hören, war etwas ganz anderes. Er berührte etwas in mir, brachte eine Saite zum klingen, die ich schon lange nicht mehr gefühlt hatte. Tränen sammelten sich in meinen Augenwinklen. Ich hätte vor lauter Glück hier auf der Stelle einfach losheulen können, doch ich beherrschte mich.
In diesem Moment öffnete Rachel den Mund, ihre klare, helle Stimme erfüllte den Raum und ich hatte das Gefühl, mich unbedingt setzen zu müssen. Sie war wirklich gesegnet mit dieser wundervollen, kräftigen Stimme und sofort flammte so etwas wie Neid in mir auf, den ich sofort versuchte im Keim zu ersticken. AJ und sie passten einfach perfekt zusammen und eigentlich sollte ich mich wohl für die beiden freuen. Doch wenn ich ganz ehrlich war, gelang mir das nicht wirklich.
Schließlich drängte ich all diese Gedanken beiseite und konzentrierte mich nur noch auf die Musik. Das Leben war schön. Ebenso wunderbar wie diese beiden Stimmen, die über uns zu schweben schienen und einen Teil der Last von unseren Schultern nahmen.

Kapitel 28