Kapitel 26
Kleine und große Probleme
Die nächsten drei Wochen vergingen wie im Flug und wie ich es mir gedacht hatte lief mit dem Sender natürlich nichts wirklich so, wie wir uns das vorgestellt hatten.
Die ersten Tage war ich noch sehr zuversichtlich. Gus hatte innerhalb von einer Nacht einen Bauplan entworfen und Ludwig war gleich am nächsten Tag zusammen mit Lollek und Bollek ans Werk gegangen.
Hier fingen dann auch schon die Probleme an. Das Baumaterial auf dem Dach reichte bei weitem nicht aus. Kevin stellte uns weitere drei Mann zur Verfügung, die alles heranschafften, was nicht niet und nagelfest war. Schnell stellten wir fest, dass es viel zu umständlich war, das ganze Material immer wieder über die wacklige Leiter und durch die Luke zu transportieren. Also bauten Ludwig und seine beiden Helfer als erstes eine vernünftige Treppe vom Flur im vierten Stock hinauf auf das Dach. Das alleine kostete uns beinahe eine ganze Woche.
Als die ersten Holzbalken, Zementsäcke und Backsteine die Treppe passierten, war diese noch in einem provisorischen Stadium. Es gab kein Geländer und eigentlich sollten die Stufen, die im Moment noch aus zwar robusten aber irgendwie doch wackligen Holzbalken bestand, irgendwann durch Beton ersetzt werden. Aber das wurde erst einmal zu Gunsten des Studios auf einen hinteren Platz der To-Do-Liste gesetzt.
Das führte wiederrum dazu, dass einer unserer Helfer bei dem Versuch einen Trägerbalken die Treppe hinaufzuhiefen einen Schritt zu weit zur Seite machte und zusammen mit dem Balken abstürzte. Er brach sich dabei ein Bein und kugelte sich die Schulter aus und wenn ich an sein Geschrei denke wird mir immer noch ganz schlecht.
Danach lief es eine Weile recht gut. Das Studio nahm langsam Gestalt an. Ich half Lollek und Bollek Stein um Stein aufeinander zu setzen und hatte dabei das Gefühl, etwas wirklich sinnvolles zu tun. Ich konnte mich jedenfalls nicht daran erinnnern, jemals in meinem Leben etwas ähnlich befriedigendes getan zu haben. Etwas wie ein Haus selbst zu bauen, dabei zu zu sehen, wie mit jeder Steinreihe etwas mehr von dem Endprodukt zu sehen ist, dabei sein zu dürfen, wie Visionen, die bisher nur auf Papier gebannt waren, in der Realität Gestalt annahmen, machte mich rundum glücklich.
Zudem half mir die körperliche Arbeit dabei, abends ohne große Probleme einzuschlafen. Ich träumte nicht. Ich versank einfach in einer dichten Wolke aus Erschöpfung und Müdigkeit, aus der ich an den ersten Tagen noch mit einem fiesen Muskelkater aufwachte, später allerdings erfrischt und voller Tatendrang aus dem Bett sprang.
Ganz tief in meinem Inneren hatte ich gehofft, dass wir bis zur Feier des Jahrestages fertig werden würden, doch das war eine utopische Vorstellung und ich schlug sie mir relativ schnell aus dem Kopf. Die Mauern wuchsen nur langsam, Dwain hatte einige Probleme sämtliche Bauteile für den Sender zusammen zu bekommen und zu guter Letzt brauchten wir zwei Tage um einen Zimmermann zu finden, der sich um das Dach kümmern konnte.
Am Abend des großen Festes stand ich schließlich vor meinem Kleiderschrank und starrte ratlos auf die Fülle von Kleidern, die darin hingen. In den letzten Wochen war ich ausschließlich in verdreckten Jeans, staubigen T-Shirts und Pullovern und festen Wanderschuhen herumgelaufen. Meine Hände waren aufgerissen und mit Schwielen überzogen und alles in mir wollte lieber wieder hinauf auf das Dach und weitermachen, anstatt einen Abend lang einer festlichen Feier beizuwohnen.
Kevin hatte gesagt, dass jeder das anziehen sollte, worauf er Lust hatte, was mir nicht wirklich bei meiner Entscheidungsfindung half. Auf meinem Bett lagen inzwischen ettliche Jeans, Röcke, Blusen, Shirts und sogar ein eleganter Hosenanzug, aber das alles schien mir nicht wirklich zu passen.
Immer noch im Bademantel, aber immerhin mit frisch gewaschenen Haaren stand ich seit einer geschlagenen halben Stunde vor dem Kleiderschrank, als es leise an der Tür klopfte.
In Gedanken immer noch mit meinem nicht vorhanden Outfit beschäftigt, öffnete ich und sah mich unvermittelt einem Mann in schwarzem Anzug, rosafarbenem Hemd und einem schwarzen Hut gegenüber.
AJ? entfuhr es mir, weil ich nicht wirklich glauben konnte, was ich sah.
Nein der heilige Geist, grinste er. Darf ich rein kommen? Und schon war er an mir vorbei.
Ich hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er mir vor beinahe drei Wochen das Dach und damit den Platz für das Studio gezeigt hatte. Manchmal hatte ich mich für einen kurzen Moment gefragt, was er wohl so machte, aber die meiste Zeit hatten mich die Baustelle und die damit einhergehenden Probleme dermaßen beansprucht, dass ich mir kaum um andere Dinge Gedanken machte.
Ich freute mich, ihn zu sehen, was ich eigentlich kaum für möglich gehalten hatte und irgendwo in mir begann sich dann doch ein kleiner Teil meines Selbst auf die Party zu freuen.
AJ war näher getreten und betrachtete stirnrunzelnd den Kleiderberg auf meinem Bett.
Das sieht nach einer schweren Outfit-Kriese aus, bemerkte er.
Kann man so sagen, nickte ich, schloss seufzend die Tür und trat neben ihn.
Vertraust du mir? fragte er und lächelte mich an.
Nein, kam es wie aus der Pistole geschossen und ich schämte mich noch nicht einmal dafür.
O.k. ... lass es mich anders formulieren, sagte er und wirkte kein bißchen gekränkt. Vertraust du meinem Klamottengeschmack?
Ich betrachtete ihn noch einmal ausgiebig von oben bis unten. Bis vor kurzem hätte ich diese Frage noch mit einem klaren Jein beantwortet, aber wenn ich mir dich so ansehe ... du siehst klasse aus.
Danke. Mit einem leicht verlegenen Grinsen zupfte er an seinem Jackett herum. Also ... mein Vorschlag: Du setzt dich jetzt auf das Bett und ich präsentiere dir das perfekte Outfit für heute Abend.
Super Vorschlag, aber ich befürchte, so etwas wie das perfekte Outfit gibt es nicht für mich. Ich fühle mich in meinen dreckigen Jeans im Moment am wohlsten.
Ein bißchen Offenheit ist natürlich schon gefragt, grinste er, legte seine Hände auf meine Schultern und dirigierte mich Richtung Bett.
Zum ersten Mal fiel mir auf, dass er nicht nach Alkohol roch sondern nach einer angenehmen Mischung aus After-Shave und Duschgel. Als ich von meinem Posten auf dem Bett zu ihm aufsah, waren seine Augen vollkommen klar und seine Bewegungen sicher und zielgerichtet.
Du bist heute irgendwie anders, sagte ich und beobachtete ihn, wie er an meinen Schrank heran trat und anfing mit ernster Miene den Inhalt zu inspizieren.
Findest du? gab er beiläufig zurück, zog ein Kleid hervor, schüttelte den Kopf und hängte es wieder zurück auf die Stange.
Ja. So ... , eigentlich lag mir das Wort nüchtern auf der Zunge, aber ich schluckte es herunter und sagte stattdessen ... aufgeräumt.
Aufgeräumt? Er drehte sich zu mir herum und runzelte die Stirn.
Naja ... irgendwie ... anders eben.
Das liegt vielleicht daran, dass ich seit zwei Wochen keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken haben, sagte er leise und wandte sich dann wieder dem Kleiderschrank zu.
Ehrlich? Ich war wie elektrisiert und starrte ihn mit großen Augen an.
Ja, ehrlich. Wie wäre es hiermit, er zog etwas aus dem Schrank hervor, das aussah als hätte man eine handvoll Stoffstreifen mit Bindfäden aneinnader gebunden und ich schüttelte sofort den Kopf.
Da bekomme ich ja ne Lungenentzündung noch bevor wir richtig auf der Party angekommen sind.
AJ schmunzelte. O.k.. Dann ... uhm ... das hier. Er hielt mir ein kanariengelbes Kleid entgegen und ich bedachte ihn lediglich mit einem verächtlichen Schnauben.
Er lachte. Gut, war nur ein Versuch.
Erneut verschwand er halb zwischen den Kleidern, während ich immer noch versuchte den Umstand irgendwie in meinem Gehirn unterzubringen, dass er aus irgendeinem Grund aufgehört hatte zu trinken.
Ich habs! rief er triumphierend und griff nach einem Bügel.
Oh je, was kommt jetzt? fragte ich ängstlich auf alles gefasst. Doch was er dann aus dem Schrank hervorzauberte sah nicht einmal so schlecht aus.
Klassisch elegant aber mit dem Hauch des Außergewöhnlichen, kommentierte er und ich mußte lachen.
Bist du sicher, dass in dir nicht irgendwo ne kleine Frau schlummert? Ich kenne sowas nur von einem meiner schwulen Freunde, der normaler Weise noch länger braucht sich für ein Outfit zu entscheiden als ich.
Er wirkte gekränkt und schob beleidigt die Unterlippe vor. Da helfe ich dir aus einer wirklichen Kriese und schon werde ich für schwul gehalten. Das ist nicht fair.
Es tut mir leid, beeilte ich mich zu sagen, konnte mir aber ein Grinsen nicht verkneifen als ich aufstand und ihm das Kleid aus der Hand nahm.
Ja, ja. Ich sehe ganz genau wie leid es dir tut, gab er zurück, aber ein leichtes Lächeln lag dabei schon wieder auf seinem Gesicht.
Ich drückte das Kleid an mich und sah ihm noch einen Moment in die Augen.
Ich bin wirklich stolz auf dich, dass du versuchst mit dem Trinken aufzuhören, sagte ich schließlich und er senkte den Blick.
Freu dich nicht zu früh. Ich weiß nicht, wie lange dieser Sinneswandel anhält.
Ich würde dir gerne helfen, wenn ich kann.
Das ist nett. Ich ... weiß nicht ob ... , er brach ab und schüttelte den Kopf. Lass uns das auf später vertagen. Zieh dich um und lass mal sehen, ob ich tatsächlich noch so etwas wie Geschmack besitze.
Ey, ey Captain, sagte ich, salutierte und begab mich dann ins Badezimmer.
Zehn Minuten später trat ich eher zögerlich durch die Tür zurück in den Wohnraum und strich dabei immer wieder über das dunkelblaue Kleid, das für meinen Geschmack aus viel zu wenig Stoff gefertigt war.
Wow, entfuhr es AJ, der es sich mittlerweile auf dem Bett zwischen den ganzen Klamotten gemütlich gemacht hatte und sich jetzt aufrichtete, als ich an ihm vorbei zu dem bodenlangen Spiegel ging.
Ich würde sagen, in Punkto Geschmack verdiene ich ein A+.
Mit großen Augen starrte ich auf das fremde Wesen, das mir aus dem Spiegel entgegen blickte. Das sollte ich sein? Das Kleid schmiegte sich wie eine zweite Haut an meinen Körper, der Ausschnitt war beinahe unanständig tief, der Rock hörte knapp über dem Knie auf und ich spürte einen kühlen Luftzug auf meinem nackten Rücken, als AJ hinter mich trat und mir aus dem Spiegel triumphierend entgegen lächelte.
Und? Ist das nicht das perfekte Kleid für diesen Abend?
Ich ... weiß nicht. Ehrlich gesagt hatte ich noch nie etwas an, das so wenig meines Körpers bedeckt hat.
Du kannst doch zeigen was du hast, kommentierte AJ, fasste nach meiner Taille und drehte mich zu sich herum. Das ist richtig scharf. Echt, nickte er, die Hände immer noch auf meinen Hüften.
Uhm ja ... toll, sagte ich und schob ihn ein Stück von mir. Wir sollten dann wohl gehen, hm?
Wie wäre es mit einem kleinen Dankeschön? fragte er grinsend und hielt mir seine frisch rasierte Wange hin.
Dankeschön, sagte ich artig und ging dann an ihm vorbei um mir Schuhe anzuziehen.
Hey, das war jetzt nicht fair, beschwerte er sich und als ich mich auf wackligen Beinen umdrehte, weil ich scheinbar verlernt hatte, wie man sich mit sieben Zentimeter Absätzen bewegte, stand er mit gerunzelter Stirn und vor der Brust verschränkten Armen vor mir.
AJ, was ist eigentlich dein Problem? Ich bin dir wirklich dankbar und ich mag dich. Auf eine etwas seltsame Art vielleicht, aber ich habe dich wirklich gern. Aber mehr kannst du von mir nicht erwarten, o.k.?
Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte ... ich wollte lediglich einen kleinen Schmatzer auf die Wange und nicht sofort über dich herfallen.
Es gibt Menschen, die stehen nicht so auf die kleinen Schmatzer, gutgemeinte Bussis und diesen ganzen Kram, gab ich heftiger als beabsichtigt zurück.
AJ legte den Kopf schief und musterte mich von oben bis unten. Warum nicht?
Falsches Thema, entschied ich. Gehen wir nun oder wie?
Für einen Moment sah er noch so aus, als würde er für den Rest seines Lebens schmollend in meinem Zimmer verbringen wollen, doch dann seufzte er, schüttelte den Kopf und ging an mir vorbei zur Zimmertür.
Du bist ne harte Nuß, sagte er beiläufig und hielt mir die Tür auf.
Ich weiß.
Aber das ist irgendwie sehr erfrischend.
Wenns dir nur gefällt, gab ich zurück und ging vor ihm den langen Gang hinunter. Ich wußte genau, dass er mir dabei auf den Hintern starrte und komischer Weise fand ich diesen Gedanken eher anregend als abstoßend. Ich mußte auf der Hut sein. Dieser Typ hatte irgendetwas an sich, das mich auf die Palme brachte und gleichzeitig mein Herz glücklich schneller schlagen lies. Ein gefährliche Kombination und von vorneherein zum katastrophalen Scheitern verurteilt.