Kapitel 24
Dwain
Kevin schickte mich schließlich zurück in mein Zimmer mit dem Hinweis, mich einmal richtig auszuschlafen. Tatsächlich fielen mir beinahe die Augen zu und so wankte ich die Treppe in mein Stockwerk hinunter und fiel komplett bekleidet auf mein Bett. Noch in der selben Sekunde schlief ich ein.
Ich träumte von dunklen Gestalten, die mich durch die gesamte Stadt jagten. Ich rannte durch dunkle, verwinkelte Straßen, hörte die Schritte der Verfolger in meinem Rücken und sämtliche Anstrengungen schienen mich nicht weiter von ihnen fort zu bringen. Schließlich kam ich vor dem World Trade Center an. Flammen schlugen aus den oberen Stockwerken, Trümmer regneten auf mich hinunter und wie von weit her hörte ich die Stimme meiner Schwester, die verzweifelt meinen Namen schrie.
Schließlich schreckte ich zitternd und mit hämmernden Herzen in die Höhe. Nur ein Traum, versuchte ich mir einzureden während ich auf der Bettkante saß und mein Gesicht in den Händen vergrub, doch es beruhigte mich nicht wirklich. Zu nahe lagen die Bilder, die mich in meinen Träumen verfolgten, an der Wahrheit. Langsam stand ich auf und trat an das Fenster heran. Die Sonne mußte bereits tief stehen, denn die Schatten waren länger geworden. Ich hatte auf jeden Fall länger geschlafen, als ich mich fühlte.
Nachdem ich mich im Bad ein wenig frisch gemacht und mir den Schlaf aus den Augen gewaschen hatte, machte ich mich auf die Suche nach Dwain. Ich wollte mein Radioprojekt so schnell wie möglich aufnehmen und ohne ihn, so viel war klar, würde ich es nicht schaffen.
Ich klopfte an seiner Zimmertür und erwartete halb, dass er nicht da war, doch nach kurzer Zeit schwang die Tür auf und seine kleinen, schwarzen Knopfaugen blinzelten mich an.
Hey, was machst du denn hier? begrüßte er mich beinahe missmutig.
Ich muß etwas mit dir besprechen, gab ich extra freundlich lächelnd zurück und wartete darauf, dass er mich in sein Zimmer herein bat. Doch scheinbar dachte er gar nicht daran.
Und? hakte er nach.
Müssen wir das hier auf dem Flur besprechen? Ich meine ... kann ich rein kommen?
Für einen Moment war ich mir sicher, dass er mich hier stehen lassen und mir einfach die Tür vor der Nase zuschlagen würde, doch dann schien er sich innerlich einen Ruck zu geben.
Bitte, sagte er, öffnete die Tür ein Stück weiter und ging dann mir voraus in sein Zimmer hinein.
Der Raum ähnelte meinem. Er war ungefähr genau so groß, es ging ebenfalls eine Tür in ein angrezendes Badezimmer ab und ein großes Kingsize-Bett nahm beinahe die Hälfte des Platzes ein. Das war es dann aber auch schon.
Egal wo man hinblickte, überall stapelten sich technische Geräte aller Art. Ich entdeckte einen Toster, der auseinander geschraubt und dessen Innereinen auf dem Fußboden um die weiße Plastikabdeckung verstreut lagen. In einem ähnlichen Zustand war die Waschmaschine in einer der hinteren Ecken, ein Staubsauger, mehrere Telefone und ein Mixer. Dazwischen stapelten sich Kabeltrommeln, Werkzeug und Dinge, die ich auch beim näheren Hinsehen nicht wirklich deffinieren konnte.
Wow, entfuhr es mir was ist das alles?
Ach das, Dwain winkte ab. Ich habe den Typen von der Lagerverwaltung gefragt, ob er ein paar Geräte für mich zum Spielen hat. Er war hoch erfreut und hat mir gestern Abend eine ganze Wagenladung von dem Kram geschickt. Er zuckte mit den Achseln und lies sich auf das Bett sinken, das von dem ganzen Chaos bisher unberührt geblieben war.
Noch immer fasziniert von dem ganzen Durcheinander ließ ich mich neben ihm nieder.
Du wolltest etwas mit mir besprechen? kam Dwain wieder zurück zu dem eigentlichen Grund meines Besuches.
Ja. Ich ... nun ja ... ich könnte deine Hilfe gebrauchen.
Diese Hilfe ist sicherlich technischer Natur, was? fragte er mit einem angedeuteten Grinsen.
Auch, nickte ich. Weißt du, ich mache mir ein wenig Gedanken darüber ob du dich ... na ja ... schon entschieden hast, ob du hier bleiben möchtest.
Warum?
Warum ich mir diese Gedanken mache?
Er nickte.
Ist das nicht offensichtlich? Ich meine ... wir sind jetzt ein halbes Jahr unzertrennlich gewesen und kaum sind wir hier, bekomme ich dich nicht mehr zu Gesicht und du ... hm ... ich weiß auch nicht. Du hast dich auf der Versammlung so sehr für die Fachats interessiert, du machst aus allem was du tust ein großes Geheimnis und dann ist da auch noch das Gespräch, das wir vor der Versammlung geführt haben. Ich glaube, ein paar Leute stellen sich die Frage, ob sie dir vertrauen können.
Und du? Stellst du dir diese Frage auch?
Ich weiß nicht, gab ich zu. Auf der einen Seite mag ich dich sehr und habe es wahrscheinlich auch dir zu verdanken, dass ich hier lebend angekommen bin. Auf der anderen Seite kann ich nicht einschätzen, was du denkst. Bist du hier glücklich?
Glücklich? Dwain schnaubte verächtlich.
Ja, ich weiß. Glück wird in der heutigen Zeit etwas anders deffiniert. Ich möchte nur wissen, ob du bereit bist, dich in diese Gemeinschaft einzufügen. Willst du hier bleiben?
Dwain schwieg und lies seinen Blick über die Technikwüste seines Zimmers wandern. Ich weiß es, ehrlich gesagt nicht. Gab er schließlich zu.
Warum? Was stört dich?
Ist dir jemals aufgefallen, dass das hier eine andere Art von Diktatur ist?
Mit erschrocken aufgerissenen Augen starrte ich ihn an. Diktatur? Dwain, ich glaube, das weiche Bett ist dir zu Kopf gestiegen!
Nein Becca. Sieh dich doch einmal um. Hier gibt es einen Mann, der für alle entscheidet und noch dazu jemand, der, nimm mir das bitte nicht übel ich weiß, dass du Kevin magst, aber der mir nicht wirklich geeignet für diese Position erscheint.
Wieso nicht? Glaubst du, ein Studium in Politikwissenschaft ist Voraussetzung dafür, zu wissen, was das Richtige ist?
Nein, sicherlich nicht. Aber mir gefällt der Gedanke nicht, dass ich als Individium nichts mehr zu sagen habe. Ich werde zum Arbeitsdienst eingespannt und muß ansonsten tun, was er sagt.
Ich sehe das anders. Ich finde es wichtig, dass es so etwas wie einen Anführer gibt. Irgendjemand muß schließlich den Überblick behalten. Ansonsten bist du doch frei in dem, was du tust. Genau deshalb gibt es schließlich die Versammlungen.
Ich weiß nicht, Dwain schüttelte den Kopf.
Okay. Dann gehen wir das Ganze doch einmal von einer anderen Seite an. Was glaubst du, können dir die Fachats bieten? Glaubst du, du wärst da zufriedener?
Ehrlich gesagt, denke ich eher an die Hippies, sagte er trocken und ich warf ihm einen überraschten Blick zu. Er begann zu grinsen und gemeinsam brachen wir in Gelächter aus.
Der war gut, kicherte ich schließlich. Aber kommen wir noch einmal zurück auf meine Frage. Glaubst du, bei den Fachats hättest du es besser?
Vielleicht? Ich weiß es nicht. Ich glaube einfach, dass ich dort jemand wäre, verstehst du? Ich würde nicht untergehen in einem Brei aus Gleichheit. Ich möchte nicht wie alle anderen sein und ich bin davon überzeugt, dass das das Ziel eines jeden Menschen ist. Vielleicht jeweils in einer anderen Form, aber so wie hier ... nein. Er schüttelte erneut den Kopf.
Was würdest du sagen, wenn ich dir einen Ausweg anbiete? Eine sinnvolle, gewichtige Aufgabe, die für alle Beobachter von großer Bedeutung ist?
Er warf mir einen kurzen Seitenblick zu. Das klingt, als würden wir uns auf die Suche nach dem heiligen Gral machen.
So ähnlich, lachte ich. Also?
Es kommt darauf an, was du vor hast. Ist das hier so etwas wie eine Erpressung? Du darfst nur mit den Großen spielen, wenn du ihre Spielregeln akzeptierst?
Nein. Es ist eine Bitte von mir und Kevin. Schließ dich uns an, denn du bist unglaublich wichtig. Und das nicht nur, weil du einfach alles reapieren kannst, was einen Stecker hat.
Er lachte gutmütig, schien aber immer noch nicht wirklich überzeugt zu sein.
Du weißt, dass du dir mit deiner Entscheidung nicht ewig Zeit lassen kannst, oder? fragte ich vorsichtig.
Er nickte. Ja, das weiß ich. Alleine der Umstand, dass Kevin dich hier her geschickt hat um mich mit dieser großen Aufgabe zu betrauen sagt schon so einiges.
Er hat mich nicht geschickt. Es war meine Idee und ich habe ihm angeboten, noch einmal mit dir zu reden.
Wie auch immer. Er streckte sich und lies sich dann nach hinten auf das Bett fallen. Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an Decke.
Gibst du mir bis morgen früh Bescheid?
Hm, brummte er zustimmend und ich erhob mich. Mehr war wohl für den Augenblick nicht von ihm zu erwarten.
Nach dem Gespräch mit Dwain machte ich mich auf den Weg hinunter in den Speisesaal. Ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen und der Hunger wütete in meinem Magen. Die Ausgabe für das Abendessen hatte bereits begonnen und ein Großteil der Beobachter war in dem großen Raum versammelt.
Ich stellte mich mit einem Tablett und Besteck an der langen Schlange an und rückte langsam Schritt für Schritt vorwärts, während mir der köstliche Duft des Essens das Wasser im Munde zusammen laufen ließ.
Als ich schließlich an der Reihe war, reichte mir ein älterer Herr in weißem Kittel und altmodisch aufragender Kochmütze einen Teller mit Braten, Kartoffelbrei, grünen Bohnen und dunkler Soße und ich hätte ihn direkt küssen mögen. Immer noch war es für mich das größte Wunder, hier so fürstlich speisen zu können.
Mit meinem Tablett in den Händen sah ich mich für einen Moment aufmerksam um, bis ich an einem der hinteren Tische Thali entdeckte. Zielstrebig bahnte ich mir einen Weg zu ihr und hatte sie gleich darauf erreicht.
Darf ich mich zu dir setzen? fragte ich und sie lächelte freundlich zu mir auf.
Aber sicher. Nimm Platz.
Ich setzte mich ihr gegenüber und begann sofort, das leckere Essen in mich hinein zu schaufeln.
Wie weit seid ihr denn mit der Organisation zum Jahrestag? fragte ich zwischen zwei Bissen und schenkte mir ein Glas Wasser ein, das in einem Krug auf dem Tisch stand.
Es geht voran, erklärte Thali strahlend. Wir haben uns doch dafür entschieden, hier im Hotel zu feiern. Das Lagerhaus ist zu weit weg und zudem in der Nacht auch nicht wirklich sicher. Wir müssten außerdem das Hotel und das Lagerhaus schützen und das ist ein zu großer Aufwand.
Habt ihr hier denn genügend Platz gefunden? Wenn ich das noch richtig weiß, war das wohl das größte Problem, oder?
Das ist richtig, nickte Thali, legte ihr Besteck beseite und tupfte sich elegant mit einer Papierserviette den Mund ab. Aber Kevin hatte eine phänomänale Idee: Wir werden einfach in der Lobby feiern, wie findest du das?
Das ist toll! strahlte ich.
Finden wir auch. Hier haben wir Strom, die Küche ist nicht weit und im hinteren Teil können wir eine kleine Bühne aufbauen. Im Moment suchen wir nach Dekorationsmaterial und versuchen das Rahmenprogramm auf die Beine zu stellen.
Ich habe beinahe ein schlechtes Gewissen, dass ich mich noch nicht freiwillig dafür gemeldet habe, gab ich zu und hoffte gleichzeitig, dass sie diesen Ausspruch nicht als Aufforderung ansah, mich mit einer Aufgabe zu betrauen. Wenn das mit dem Radioprojekt wirklich anlief, war ich die nächste Zeit sicherlich sehr beschäftigt. Als hätte sie meine Gedanken gelesen sagte Thali lächelnd mach dir darüber mal keinen Kopf. Wie Kevin mir erzählt hat, hast du ein sehr anspruchsvolles Projekt vor dir. Es ist vollkommen okay, wenn du dich dem voll und ganz widmest.
Ich hoffe nur, dass auch alles so klappt, wie ich mir das vorstelle. Und ohne Dwain geht schon einmal gar nichts.
Ja, ja, Dwain, unser Sorgenkind, seufzte Thali.
Er ist kein schlechter Kerl, verteidigte ich ihn. Er ... hm ... braucht wohl nur einfach ein bißchen mehr Bedenkzeit.
Das ist ja auch in Ordnung. Es ist nur ... , sie schüttelte den Kopf und sprach nicht weiter.
Ihr vertraut ihm nicht, stellte ich fest.
So ähnlich, gab sie zu. Ich weiß auch nicht, woran das liegt. Es ist vollkommen legitim, dass er sich Gedanken darüber macht, was er mit seinem Leben anfangen will. Trotzdem ist es, so weit ich mich erinnern kann, noch nie vorgekommen, dass jemand so viele Bedenken geäußert hat. Ich glaube, das verunsichert mich. Tun wir hier wirklich das Richtige? Überschätzen wir uns vielleicht selbst?
Nein, ich schüttelte entschieden den Kopf. Ich bin der festen Überzeugung, dass ihr den richtigen Weg gewählt habt. Aber man muß wohl auch jedem zugestehen, dass er anders denkt. Trotz allem kann ich mir nicht vorstellen, dass Dwain zu den Fachats geht.
Hoffen wir es. Wir möchten ihn ungern verlieren. Mitch von der Lagerverwaltung hat gesagt, Dwain verbringt wahre Wunder an alten Elektrogeräten.
Ich mußte grinsen, als ich an Dwains Zimmer dachte. Ja, das ist wohl seine Berufung. Er liebt die Arbeit und ich glaube dadurch, dass er jetzt wieder eine Aufgabe hat und gebraucht wird, hat sich seine Einstellung zu den Beobachtern geändert. Nach einer kleineren Pause fügte ich hinzu Ich habe mit ihm vorhin gesprochen. Er will mir bis morgen früh seine Entscheidung mitteilen. Dann wissen wir wenigstens, woran wir sind.
Das ist gut, nickte Thali.
Das ist sogar sehr gut, hörten wir eine Stimme und als ich aufsah, stand Kevin an unserem Tisch.
Hey Cowboy, wo kommst du denn auf einmal her, begrüßte ihn Thali lächelnd und rutschte ein Stück, damit sich Kevin einen Stuhl heran ziehen und zu uns setzen konnte.
Ich war noch in meiner Suite und habe etwas gearbeitet, entgegnete er und goss sich ein Glas Wasser ein. Manchmal glaube ich wirklich, dass das richtige Leben da oben an mir vorbei zieht.
Tja, wie das so ist als Politiker, grinste Thali und erntete dafür von Kevin einen leichten Knuff in die Seite. Danach wandte er sich, wieder ernst geworden, mir zu. Ich habe übrigens noch einmal über das Radioprojekt nachgedacht.
Ja? Ich rutschte interessiert ein Stück auf meinem Stuhl nach vorne.
Ja. Ich glaube, wir könnten es zur Not auch ohne Dwain schaffen, allerdings wird es dann wohl ein wenig länger dauern. Wir haben einen fähigen Mann, der sich ein wenig mit Elektrotechnik auskennt. Ich würde ihn bei Bedarf ins Lager schicken, damit er mal nachsieht, ob er nicht doch eine entsprechende Lektüre findet. Denn alles, was uns im Prinzip fehlt, ist das Know How.
Sicher, nickte ich, nicht wirklich begeistert von der Idee. Ich wollte Dwain, sonst niemanden.
Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht, lächelte Thali nachsichtig. Er wird bestimmt hier bleiben.
Ich hoffe, du hast recht, seufzte ich.
Das erste Mal ging mir auf, wie sehr ich Dwain brauchte. Er war der einzige Mensch hier, den ich länger als ein paar Tage kannte.
Er hatte mich vorhin in seinem Zimmer gefragt, ob ich ihm vertraute und jetzt, hier an diesem Tisch wußte ich, dass ich es tat. Uneingeschränkt. Selbst wenn er zu den Fachats wechseln sollte konnte ich mir nicht vorstellen, dass er uns böses wollte.