Kapitel 22
Der 11. September

„Es ist seltsam,“ sagte ich, während ich mich von der Obstkiste auf den Boden sinken lies und die Beine unterschlug. „Wenn ich versuche, mich an meine Vergangenheit zu erinnern, bleibe ich immer am 11. September hängen. Wenn ich mich anstrenge, fallen mir auch noch Dinge davor ein, aber so grundsätzlich ... steht mir dieser Tag noch am deutlichsten vor Augen.
Es ist noch nicht einmal so, dass mein Leben davor ereignislos gewesen wäre, aber ... ich glaube, dass an diesem Tag alles angefangen hat ganz furchtbar schief zu laufen. Die Ereignisse dieses Tages haben mich schlussendlich hier her geführt.“
„Uns alle,“ stimmte Nick mir zu.
„Sicher. Im Grunde hast Du recht, aber ... ,“ ich schüttelte den Kopf, weil ich nicht ausdrücken konnte, was ich tief in mir fühlte.
„Vielleicht sollte ich einfach von vorne anfangen,“ gestand ich mit einem entschuldigenden Blick in seine Richtung und er nickte stumm.

Der Morgen des 11. September 2001 war für mich ein Morgen wie jeder andere. Der Wecker weckte mich zu einer unchristlichen, frühen Uhrzeit und nachdem ich noch eine halbe Stunde versucht hatte, das unausweichliche Aufstehen hinaus zu zögern, stand ich dann schließlich doch auf und ging ins Bad.
Ich frühstückte, zog mich an und verließ das Haus um zum Sender zu fahren. Der Verkehr war wie immer nervenaufreibend dicht, der junge Mann, der mir beinahe jeden Morgen meinen heiß geliebten Kaffee verkaufte sah aus wie immer, sogar meine Kollegen und das Büro fühlten sich gleich an.
Und doch war irgendetwas anders. Ich weiß, dass es verrückt klingt zu behaupten, ich hätte etwas gespürt an diesem Morgen. Irgendetwas lag in der Luft und ich wußte, dass es nichts Gutes sein würde.
Als am frühen Vormittag schließlich mein Handy klingelte, wußten wir in Kanada noch nichts von der Katastrophe, die vor nicht einmal fünfzehn Minuten in New York geschehen war, doch in dem Moment, als ich das Telefon an mein Ohr drückte und den Lärm und die Schreie im Hintergrund hörte, wußte ich, dass etwas passiert war. Etwas schlimmes.
„Rebecca?“ hörte ich die zitternde Stimme meiner jüngeren Schwester und eine Welle von Angst raste durch meinen Körper.
„Julie? Was ist los? Wo bist Du?“
„I-Ich ... sie haben ... also ... der Tower ... ein Flugzeug. Hier ist alles voller Rauch und ... ,“
In diesem Moment kam mein Chef in mein Büro gestürzt. Er wirkte vollkommen aufgelöst und schien nicht fassen zu können, dass ich seelenruhig auf meinen Stuhl saß und telefonierte.
„Becca, was machst Du hier noch? Wir brauchen jeden verfügbaren Mann verdammt noch mal!“
Ich wußte nicht wovon er redete und es war mir auch ziemlich egal. Ich hörte die Stimme meiner Schwester und versuchte zu verstehen, was sie mir mitteilen wollte.
„Julie. Sag mir sofort wo Du bist!“ flehte ich sie erneut an.
„Sag Mom und Dad, dass ich sie liebe, ja?“ hörte ich sie schluchzen.
„Julie?“ Tränen schnürten mir die Kehle zu, während ich noch versuchte mir einzureden, dass sie sich lediglich einen dummen Scherz mit mir erlaubte. Sicherlich saß sie in ihrem schicken Büro im 70. Stock des World Trade Centers und machte sich über mich lustig. Das Problem war nur, dass Julie niemals zu einem solch geschmacklosen Scherz fähig gewesen wäre.
„Ich liebe Dich Beccy, hörst Du? Es tut mir leid, dass ich Deine Lieblingspuppe damals kaputt gemacht habe und die Sache mit Michael auch und ... ,“
„Hör auf Julie. Das ist doch Schnee von gestern,“ versuchte ich sie zu beruhigen. Der Lärm im Hintergrund wurde lauter. Julie hustete eine Weile unkontrolliert, dann hörte ich Stühle rücken und Stoff rascheln.
„Bist Du noch da? Julie?“
„Ich bin hier,“ hörte ich sie gleich darauf und unendliche Erleichterung durchflutete mich.
„Jetzt sag mir bitte, was eigentlich passiert ist und ich sehe zu, wie ich Dich da heraus hole. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht ... ,“
„Du kannst mir nicht helfen Becca. Verstehst Du denn nicht? Ein Flugzeug ist in das WTC eingeschlagen. Hier ... hier brennt alles, die Fluchtwege sind abgeschnitten und es ist nur noch eine Frage der Zeit bis ... bis ... ,“ wieder begann sie zu husten und ich versuchte das eben gesagte zu verstehen.
Ein Flugzeug war in das WTC eingeschlagen? Das konnte doch nicht wahr sein. Nie im Leben würden es die Amerikaner gestatten, dass sich ein Flugzeug so nahe an eines ihrer wertvollsten und best bewachten Gebäude mitten in Manhattan heranwagte.
„Rebecca!!“ Mein Boss war mittlerweile knallrot angelaufen und fuchtelte mit den Armen vor meinem Gesicht herum. „Leg endlich auf. Auf das WTC ist ein Anschlag verübt worden. Es gibt Arbeit Herr Gott nochmal!“
Ich konnte ihn nur mit großen Augen anstarren.
„Beccy? Bist Du noch da?“
„Ich bin hier mein Schatz. Ich bin hier ... ,“ flüsterte ich und spürte, wie meine Knie schwach wurden.
Mein Chef hatte bereits die Hand ausgestreckt um mir mein Telefon zu entreißen, doch ich schlug sie mit voller Wucht zur Seite und fauchte ihn an.
„Das hier ist eine Privatangelegenheit. RAUS!!“
Wenn das überhaupt noch möglich war, wurde er noch röter im Gesicht. Er murmelte etwas von „ ... mußt Du Dir einen neuen Job suchen ... ,“ und verschwand endlich aus meinem Büro.
Am anderen Ende der Leitung hörte ich Julie weinen. „Ich habe solche Angst,“ schluchzte sie.
„Ich ... ich bin bei Dir. Du wirst sehen, es kommt bestimmt gleich jemand, um Euch zu retten. Dieses Gebäude hat doch bestimmt gewisse Sicherheitsvorkehrungen für solch einen Fall.“
„Meinst Du?“
Ich glaubte beinahe selbst, was ich da sagte, aber eben nur beinahe. Doch ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. „Aber ganz sicher. Wo bist Du jetzt? Bist Du verletzt?“
„Ich sitze unter Bills Schreibtisch. Ich ... nein, ich bin nicht verletzt. Also ... nicht schlimm. Aber ... Gott Becca, es ist so heiß hier drin. Überall ist Qualm und dieses Gekreische ist schrecklich. Ich weiß nicht ... ,“
Plötzlich hörte ich einen unglaublich tiefes Grollen und Julie schrie auf.
„Julie?“ rief ich panisch in den Hörer, doch sie antwortete mir nicht. Stattdessen hörte ich sie beten.
„Vater unser der Du bist im Himmel, geheiligt sei ... ,“
Dann war die Leitung tot.

Ich hielt in meiner Erzählung inne und wischte mir die Tränen von der Wange. Auch wenn es schon fünf Jahre zurück lag, so schien es mir doch, als sei das alles erst gestern geschehen.
Als Julie mich damals anrief, hatte ich keine wirkliche Vorstellung davon, was es bedeutete, wenn ein Flugzeug in dieses riesige Gebäude einschlug, aber die Bilder, die überall im Fernsehen und in jeder Zeitung zu sehen gewesen waren, lieferten mir sämtliche Details zu Julies Tod und noch heute ließen mich diese Bilder nicht los, auch wenn sie inzwischen von anderen, ebenfalls grausamen Bildern des Krieges überlagert wurden.
Eine warme Hand legte sich auf meine Schulter und erst jetzt wurde mir wieder richtig bewußt, wo ich mich befand und vor allem mit wem.
„Es tut mir leid,“ sagte Nick leise.
„Ich weiß. Es ist wirklich lieb von Dir, dass Du das sagst, aber ... “ ich drehte mich herum und sah ihn an. „Das schlimme ist nur, dass ... es nichts nützt, verstehst Du? Es können Dir noch so viele Menschen sagen, dass es ihnen leid tut, aber das alles ändert nichts daran.“
Nick nickte. „Ich habe meine gesamte Familie in diesem beschissenen Krieg verloren,“ sagte er leise. „Meine Eltern, deren neue Lebenspartner, meine Geschwister, meine Großeltern, einfach alle. Ich weiß, dass es nie genug ist, wenn Dir jemand sagt, dass es ihm leid tut. Aber ich glaube, schlimmer fände ich es, wenn sie nichts sagen würden.“
„Vielleicht,“ räumte ich ein und drehte mich wieder herum um ihm nicht länger in die Augen sehen zu müssen.
„Manchmal ist so ein Verlust auch eine Chance,“ fuhr Nick fort. „Man besinnt sich wieder darauf, was im Leben wirklich wichtig ist. Zusammenhalt in der Familie, wahre Freunde, füreinander da sein. Ehrlich gesagt finde ich den Gedanken, dass Deine Schwester am Ende nicht alleine war, sehr ... uhm ... beruhigend ist wohl das falsche Wort ... uhm ... ,“
„Ich weiß was Du meinst,“ nickte ich „und ehrlich gesagt ist das auch für mich ein sehr tröstlicher Gedanke, auch wenn es das nicht wirklich besser macht. Sie fehlt mir so unglaublich. Seit ich denken kann, waren wir ein Herz und eine Seele. Sie war gerade mal zwei Jahre jünger als ich und wir haben immer alles miteinander geteilt. Es war, als wäre mit ihr ein Teil von mir gestorben. Das Leben war danach nicht mehr das selbe.“
„Hättest Du etwas anders gemacht, wenn Du gewußt hättest, was noch passiert?“
„Du meinst, wenn ich gewußt hätte, dass es Krieg gibt?“
„Ja.“
„Diese Frage stelle ich mir auch ziemlich oft. Vielleicht hätte ich ein bißchen mehr Zeit mit meiner Familie verbracht, vielleicht hätte ich Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, auch wenn das sicherlich wenig genützt hätte. Das alles hat uns doch mehr oder weniger aus heiterem Himmel getroffen. Eben sitzen wir noch beim Kaffeetrinken und im nächsten Moment gibt es Alarm und wir flüchten in den Keller.
Andererseits bin ich auch froh darüber, dass wir es nicht gewußt haben. Ich hätte die Zeit nicht so erlebt und genießen können, wie ich es damals konnte und dafür bin ich dankbar. Wir haben noch genug Zeit all die schrecklichen Dinge zu sehen und zu erleben, die da draußen auf uns warten. Wir sollten dankbar sein für die Unwissenheit, die uns zumindest für eine Weile geschenkt wurde.“
„Amen,“ sagte Nick mit Nachdruck und entlockte mir damit ein feines Lächeln.

Kapitel 23