Kapitel 21
Der sichere Ort

Wir bewegten uns langsam und so lautlos wie möglich durch die Nacht. Immer wieder zog mich Nick unvermittelt in eine Nische oder hinter einen Trümmerberg, während dunkle Gestalten wie Schatten an uns vorbei huschten.
„Das ist nicht gut,“ murmelte er irgendwann, bedeutete mir, in Deckung zu bleiben und richtete sich langsam auf. Er spähte über den Rand eines Mauerrestes und duckte sich gleich wieder neben mir.
„Im Moment ist es zu gefährlich zum Hotel zurück zu gehen,“ erklärte er mir flüsternd.
„Wieso?“
„Das erkläre ich Dir später. Ich bringe Dich jetzt erst einmal an einen sicheren Ort und dann sehen wir weiter.“
Erneut stand er vorsichtig auf und spähte über die rußgeschwärzte Mauer, dann hielt er mir seine Hand hin, die ich zögernd ergriff und wir waren wieder unterwegs in der dunklen Nacht.
Wir entfernten uns immer weiter vom Zentrum, schlugen Haken, versteckten uns in Hauseingängen, überquerten Straßen im Laufschritt und erreichten schließlich das Ufer des Hudson-River.
Noch einmal sah Nick sich nach allen Seiten um, dann zog er mich einfach mit sich auf das Flußbett zu, in dem Schutt und Geröll eine bizarre Silhouette vor dem verhangenen Himmel bildeten.
Für einen Moment dachte ich erschrocken, dass er mich einfach über die Böschung katapultieren und ich mit gebrochenem Genick unten ankommen würde, doch als wir den Abgrund erreicht hatten, tat sich ein kleiner Weg, versteckt hinter einem verrosteten Autowrack auf, den man sicherlich nur finden konnte, wenn man wußte, wo man suchen mußte.
Ich schlitterte hinter Nick die Böschung hinunter, versuchte mich irgendwo festzuhalten, wenn der lockere Untergrund unter meine Füßen wegrutschte, und schnitt mir dabei mehr als einmal in die Hand.
Schließlich kamen wir am Fuße des Flußbettes an. Meterhoch türmte sich Schrott über unseren Köpfen auf. Nick folgte einem komplizierten Weg, der für Nicht eingeweihte eigentlich nicht zu erkennen war. Wir umrundeten Steinbrocken, Autowracks und andere Dinge, die so deformiert waren, dass ich nicht sagen konnte, was das einmal gewesen war, quetschten uns durch winzige Öffnungen und mußten einmal sogar unter etwas, das aussah wie ein Laternenmast hindurch kriechen.
Schließlich weitete sich das Chaos um uns herum zu einer Art Höhle aus. Der Boden bestand aus festgestampfter Erde und über uns bildeten Schutt und Schrott eine Art gewölbtes Dach, durch das man an einigen Stellen den fahlen Schein des Mondes sehen konnte. In der Mitte befand sich eine Feuerstelle, darum herum lagen alte Decken und Obstkisten verteilt.
Nick lies endlich meine Hand los und lies sich seufzend auf eine der Kisten fallen, die unter seinem Gewicht bedenklich ächzte.
„Setz Dich,“ sagte er, da ich immer noch wie festgewachsen da stand, und deutete auf eine Kisten direkt neben ihm.
Langsam näherte ich mich und lies mich schließlich vorsichtig auf der äußersten Kante nieder.
Nick lehnte sich nach hinten und fummelte irgendwo herum, nur um gleich darauf mit einem erste Hilfe Koffer wieder aufzutauchen.
„Zeig mir Deine Hände,“ forderte er.
„Ich ... das ist also ... das ist nicht nötig, ich ... ,“
„Keine Widerrede. Entzündete Wunden bringen Dich hier schneller um als ein Gewehrschuß.“
Widerwillig fügte ich mich also in mein Schicksal. Er säuberte meine zerschnittenen Hände, träufelte etwas Jod darauf, was unerträglich brannte und legte mir dann, recht fachmännisch wie ich fand, einen Verband an.
„Das ist nur für den Moment. Wenn Du wieder im Hotel bist, kannst Du Dich richtig waschen und dann tut es sicherlich auch ein Pflaster.“
„Danke,“ nickte ich.
„Keine Ursache.“
Nick verstaute den erste Hilfe Kasten wieder, stützte dann seine Arme auf die angezogenen Knie und blickte mich an.
„Du hast ganz schönes Glück gehabt, weißt Du das?“
Ich schüttelte den Kopf, nur um gleich darauf zu nicken.
Nick kicherte leise. „Du bist durch das unterirdische Labyrinth direkt in das Gebiet der Fachats geraten. Wahrscheinlich hast Du den Weg genommen, den ich auch immer benutze.“
„Das war nicht meine Absicht. Ich war nur froh, überhaupt da raus zu kommen.“
„Das ist mir schon klar. Trotzdem. Heute ist die Versammlung der Beobachter und bei den Fachats herrscht deshalb Großalarm. Wir hätten es nicht über ihre Grenzen geschafft.“
„Das ist der Grund warum wir jetzt hier sind?“
„Genau das ist der Grund. Ich weiß nicht, ob Du die Posten gesehen hast ... ,“
Ich schüttelte den Kopf. Eigentlich hatte ich gar nichts mehr gesehen, nachdem ich Nick getroffen hatte. Ich hatte mich so sehr darauf verlassen, dass er wußte wo es lang ging, dass ich ihm blind gefolgt war.
„Sie sind schwer bewaffnet und in höchster Alarmbereitschaft. Hakim Fachat greift bei solchen Anlässen gerne auf die Spinner zurück. Die haben nämlich keine Skrupel erst zu schießen und dann zu fragen, um wen es sich da eigentlich handelt.“
„Haben sie schon einen von ihren eigenen Leuten erschossen?“
„Mehr als einen, ja. Mittlerweile weiß jeder, dass er in der Nacht der Versammlung nichts an der frischen Luft zu suchen hat.“
Ich nickte und noch im Nachhinein begann mein Herz wie wild vor Angst zu schlagen. Konnte ich das Waldorf Astoria jemals wieder als sicher ansehen?
Mir kam ein Gedanke. „Wenn es heute Nacht so gefährlich ist, warum bist Du dann ausgerechnet heute zu Kevin gegangen?“
„Außergewöhnliche Ereignisse erfordern außergewöhnliche Maßnahmen,“ gab er schulterzuckend zurück.
„Wie meinst Du das?“
„Das werde ich Dir irgendwann mal erklären,“ grinste Nick und verschränkte dann seine Arme vor der Brust. „Erzähl mir von AJ,“ forderte er dann.
„Von AJ?“ fragte ich überrascht.
„Ja. Wie geht es ihm? Trinkt er noch?“
„Mehr als genug würde ich sagen. Ich verstehe ihn nicht so wirklich. Manchmal ist er wirklich sehr nett und man kann sich gut mit ihm unterhalten und manchmal könnte ich ihm für jedes Worte einen Tritt in den Hintern verpassen.“
Nick schnaubte gutmütig. „Das kenne ich.“
„Wann hast Du ihn das letzte Mal gesehen?“
„Vor ungefähr einem Jahr schätze ich.“
„So lange?“ entfuhr es mir.
„Ich habe alle Brücken hinter mir abgebrochen, als ich zu den Fachats gegangen bin.“
„Das heißt ... AJ weiß nichts davon?“
„Nein. Wir hielten es für besser ihn nicht einzuweihen.“
„Was glaubst Du, wäre passiert?“
„Ich weiß es nicht. Aber wenn er trinkt, ist ihm alles zu zu trauen und dieses Risiko wollten wir nicht eingehen.“
„Irgendwie klingt das gemein. Ihr wart doch einmal Freunde.“
„Und wir sind es noch. Irgendwie. Wir bleiben miteinander verbunden, aber wir müssen uns auch gegenseitig schützen und wenn das bedeutet, AJ nicht zu viel zu erzählen, dann schützen wir damit nicht nur uns sondern auch ihn.“
„Ich verstehe,“ nickte ich, auch wenn ich in Wahrheit eigentlich keine Ahnung hatte.
„Und Du?“ fuhr Nick fort.
„Was ist mit mir?“
„Wie bist Du hier gelandet?“
„Irgend so ein Wahnsinniger hat sich meine Hand geschnappt und nicht mehr losgelassen, bis wir uns hier nieder gelassen hatten,“ scherzte ich, was Nick zum Lachen brachte.
„Im Ernst. Warum bist Du hier in New York?“
„Lange Geschichte.“
„Falls es Dir noch nicht aufgefallen ist, wir haben mehr als genug Zeit. Vor Sonnenaufgang kommen wir hier nicht weg.“
„Nicht vor Sonnenaufgang?“ fragte ich entsetzt. „Und wenn die anderen sich Sorgen machen?“
„Wenn Kevin davon erfährt, macht er sich ganz sicher Sorgen und AJ sollte sich die auch machen, schließlich scheint es seine Schuld zu sein, dass Du jetzt hier bist. Aber vor Sonnenaufgang können sie auch nichts tun. Es ist zu gefährlich jetzt auf die Straßen zu gehen.“
So langsam ging mir die gesamte Tragweite meiner Aktion auf. Ich hoffte inständig, dass nicht das gesamte Hotel in Aufruhr war, wenn ich wieder kam oder, noch schlimmer, trotz der Gefahr ein Suchtrupp nach mir losgeschickt wurde. Jetzt schämte ich mich für meine unbedachte Reaktion.
„Jetzt müsste man ein funktionierendes Handy haben,“ seufzte ich.
„Oh ja,“ stimmte mir Nick zu. „Ein Funkgerät würde mir auch schon reichen. Es ist ein Jammer, dass man sich nur noch verständigen kann, wenn man sich tatsächlich gegenüber steht.“
Nachdenklich musterte ich ihn von der Seite. Sollte ich ihm von meinem Plan erzählen? Vielleicht hatte ich komplett utopische Vorstellung von dem, was man hier ausrichten konnte. Vielleicht überschätzte ich die technischen Möglichkeiten.
Andererseits, wenn ich meine Gedanken für mich behielt, würde ich niemals heraus finden, ob meine Idee hätte umgesetzt werden können.
„Was denkst Du?“ fragte Nick.
„Ich hätte da eine Idee ... allerdings weiß ich nicht, ob sie umsetzbar ist.“
„Das macht nichts. Nur raus damit.“
„Also ... uhm ... vor dem Krieg habe ich bei einem Radiosender gearbeitet. Ich weiß so ungefähr, wie so etwas rein technisch funktioniert und ich könnte wetten, dass Dwain mir helfen würde. Wir bräuchten dafür ein paar Dinge, von denen ich nicht weiß, ob es die noch gibt und wir müssten irgendwo eine gut sichtbare Antenne aufstellen, was sicherlich auch nicht so einfach wäre. Dann brauchen wir natürlich noch Strom, was wahrscheinlich auch nicht so einfach zu bewerkstelligen ist, aber ... also na ja ... es würde uns die Gelegenheit geben, uns über weite Strecken zu verständigen und man könnte ... wenn das geht ... ein bißchen Musik in diese Welt zurück bringen.“
„Du meinst also, wir bauen eine Radiostation?“
„So in etwa,“ nickte ich.
„Kevin und Stattler haben sich darüber vor einigen Monaten auch schon Gedanken gemacht, es aber wieder verworfen. Ich weiß nicht genau wieso, aber irgendetwas war wohl nicht durchführbar.“
„Aha,“ ich nickte enttäuscht.
„Was aber nicht heißen soll, dass Du es nicht trotzdem probieren kannst. Du solltest mit Kevin darüber sprechen. Vielleicht könnt ihr gemeinsam einen Weg finden.“
„Ja, wieso nicht.“ Ich war nicht sonderlich erfreut. Eigentlich hatte ich gehofft, dass meine Idee mit mehr Begeisterung aufgenommen würde.
„Hey, lass Dich nicht so schnell entmutigen,“ lächelte Nick „wenn man nur fest an sich glaubt ist alles möglich. Dafür bin ich ja wohl das beste Beispiel.“
„Das stimmt.“ Ich mußte lächeln als ich ihn so da sitzen sah. In einer Schrotthöhle, verfolgt von den bösen Jungs, aber äußerlich völlig entspannt. Wie er das wohl machte? Nur bei dem Gedanken daran, dass ich irgendwann diesen „sicheren Ort“, wie Nick es genannt hatte, verlassen mußte, bekam ich eine Gänsehaut.
„Erzähl’ mir ein bißchen von Dir,“ bat er.
„Was willst Du denn wissen?“
„Ich weiß nicht. Erzähl einfach, was Dir gerade so einfällt.“
Und wie so oft im Leben fielen mir immer die falschen Dinge zum falschen Zeitpunkt ein.

Kapitel 22