Kapitel 20
Das Labyrinth
Ich versuchte mich selbst und mein wie wild pochendes Herz zu beruhigen. Ich hatte mich schon aus ganz anderen Situationen befreit, da würde ich doch mit so einem läppischen Kellerlabyrinth fertig werden.
Ich beschloss, versuchshalber zurück zu der Tür zu laufen, die in die Lobby führte. Wenn ich Glück hatte, hielten sich noch ein paar der Beobachter im Foyer auf und würden mich herein lassen.
Leider stellte sich recht bald heraus, dass dieser Plan gar nicht so einfach war, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Ich versuchte mich an die Fackeln zu halten, von denen ich eigentlich dachte, dass sie mir den Weg zurück weisen würden. Doch auch hier hatten sich scheinbar ein paar kluge Menschen ihre Gedanken gemacht.
Anstatt den einzigen, richtigen Weg zu beleuchten, hatte man noch zusätzlich ein paar falsche Fährten gelegt. Ich streifte durch die Gänge und kam immer wieder zu Abzweigungen, an denen die Gänge in mindestens zwei Richtungen vom flackernden Schein des Feuers erhellt wurden.
Am Anfang war ich mir noch ziemlich sicher in die richtige Richtung zu laufen, doch als ich das erste Mal an einer Sackgasse ankam, rutschte mir das Herz in die Hose. Eigentlich hatte ich erwartet, dass hinter der nächsten Biegung die Treppe auftauchen würde, doch stattdessen führte dahinter der Gang noch ein Stück geradeaus und endete dann vor einer massiven Betonwand.
Mit großen Augen und nicht wenig frustriert starrte ich auf die riesige Fläche, die über und über mit Sprüchen und Kritzeleien beschmiert war. Hier ging es also nicht weiter.
Ich drehte mich herum und lief den Weg wieder zurück, bis ich erneut an einer Abzweigung ankam. Rechts oder links? Das war hier wohl die große Frage.
Ich konzentrierte mich darauf, ob ich aus irgendeiner Richtung vielleicht Geräusche hörte, zumindest würde ich dann wissen, am Ende welchen Ganges mich so etwas wie Leben erwartete, doch es rührte sich gar nichts. Aus weiter Ferne war das leise Tropfen von Wasser zu hören und darüber vernahm ich einen tiefen, an- und abschwellenden Brummton, vielleicht der Generator, der hier irgendwo seine Arbeit tat, doch keine Stimmen, Schritte oder sonst irgendeinen Hinweis auf menschliches Leben.
Inzwischen leicht verzweifelt wandte ich mich nach links, hier einfach stehen zu bleiben brachte mich schließlich auch nicht weiter.
Wie es mir schien, irrte ich stundenlang durch dieses Gewölbe. Überall sahen die Gänge gleich aus: grauer, undurchdringlicher Beton, mit Unmengen verschiedener Rohre an der Decke, die sich in einem unübersichtlichen Wirrwahr durch die Gänge schlängelten.
Immer wieder endete der Weg an einer dicken Betonmauer und meine Angst und Verzweiflung weitete sich zu einer echten Panik aus. Plötzlich befand ich mich wieder im Holland-Tunnel, folgte Dwain durch kompakte Dunkelheit und hatte keine Ahnung, wo ich mich befand, wie spät es war oder ob ich jemals lebend hier heraus kommen würde.
Meine Schritte wurden schneller. Irgendwo mußte es hier doch eine Ausgang geben!
Als ich um die nächste Ecke bog, blieb ich schließlich abrupt stehen. Irgendetwas hatte sich verändert und ich brauchte tatsächlich eine ganze Weile um sagen zu können, was genau es war.
Es waren zum einen die Geräusche. Nicht, dass ich wirklich etwas hätte hören können, aber der Klang meiner Schritte hatte sich verändert. Ich hörte nicht mehr das dumpfe Trommeln meiner Schuhe auf dem Boden, das von den Wänden reflektiert und zurückgeworfen wurde, stattdessen schienen die Laute die ich machte, auf seltsame Art verschluckt zu werden.
Dann spürte ich einen leichten Luftzug auf meinem Gesicht und im ersten Moment wußte ich nicht, ob ich mich freuen oder ängstigen sollte. Trotzdem folgte ich dem Gang noch ein ganzes Stück. Nach etwa fünfzig Metern machte er wieder einen Knick und ich blieb erneut stehen. Hier hingen keine Fackeln mehr an den Wänden und nach einigen wenigen Schritten begann undurchdringliche Schwärze. Mein Schatten tanzte mir voraus und wartete zitternd darauf, dass ich ihm in die Dunkelheit folgte.
Ich überlegte eine ganze Weile, ob ich es wirklich wagen sollte, aber aus irgendeinem Grund war ich mir sicher, dass das hier der richtige Weg war. Ich begann also vorsichtig mich an der Wand entlang zu tasten und schwor mir, dass ich nirgends abbiegen würde, sonst würde ich wohl nie wieder zurück finden. Unter meinen Schuhen stieg der Weg langsam an, als befände ich mich auf einer endlos langen Rampe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, was nicht hieß, dass ich tatsächlich irgendetwas erkennen konnte. Meine Atmung ging schnell und abgehakt und ich spürte, dass ich nicht mehr lange so weiter gehen konnte. Alles in mir schrie bereits, dass ich gefälligst umdrehen und zurück zum Licht gehen sollte, doch meine Beine gehorchten nicht.
Plötzlich schienen sich schemenhafte Gebilde aus der Dunkelheit zu schälen. Erst war es mehr eine Ahnung, dann Gewissheit. Von irgendwoher fiel Licht in den Gang.
Meine Hände ertasteten eine weitere Biegung. Ich ging an ihr entlang und dahinter tauchte das auf, was mich erleichtert aufatmen lies. Da war eine Öffnung in der Mauer!
Die Nacht draußen war lange nicht so undurchdringlich dunkel wie diese unterirdischen Gänge und das bißchen Licht reichte, damit ich mich orientieren konnte. Ich rannte beinahe auf die Öffnung zu, genoss die sanfte Briese die herein wehte und meine erhitzten Wangen kühlte. Nach einigen weiteren Schritten hatte ich den Durchgang schließlich erreicht.
Es schien, als sei hier vor langer Zeit eine Bombe explodiert und hatte ein beinahe kreisrundes, an den Rändern ausgefranstes Loch in die Wand gerissen. Einige besonders große Trümmer lagen sowohl im Gang, als auch draußen auf der Straße verteilt.
Vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen und trat hinaus. Ich fühlte unendliche Erleichterung in mir aufsteigen. Gott sei Dank war ich diesem Labyrinth entkommen!
Allerdings dauerte die Freude darüber nicht sehr lange, denn mir fiel wieder ein, was Kevin und Stattler gesagt hatten: Gehe niemals alleine in der Dunkelheit nach draußen!
Erschrocken presste ich mich mit dem Rücken gegen die Hauswand und versuchte meinen rasenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen. Meine Augen huschten über die vor mir aufragenden Häuserfronten, über blinde oder zerborstene Fensterscheiben, hinter denen nichts als Schwärze zu erkennen war, und wanderte hektisch die Straße hinauf und wieder hinunter. Ich schien das einzige Lebewesen zu sein, dass sich um diese Uhrzeit hier draußen herum trieb, doch dass ich niemanden sehen konnte bedeutete noch lange nicht, dass auch tatsächlich niemand da war.
Recht bald wurde mir klar, dass ich hier nicht bleiben konnte. Ich versuchte mich zu orientieren. Wo lag der Eingang des Hotels? Ich hatte mich durch das unterirdische Gewölbe mindestens zwei Blocks davon entfernt, soviel war klar. Wenn mich mein Gefühl nicht sehr täuschte, mußte ich nach rechts.
Ich machte mich also auf den Weg und nutzte dabei jede Deckung, die sich mir bot. Ich huschte von Schuttberg zu Schuttberg, drückte mich ab und an in dunkle Hauseingänge um die Straße vor mir mit ängstlich klopfenden Herzen mit den Augen ab zu suchen und mußte mich jedes Mal dazu zwingen, meine trügerisch sicher scheinenden Beobachtungsposten wieder zu verlassen.
Schließlich kam ich an eine große Kreuzung. Ich würde sie überqueren müssen und damit schutzlos eventuellen Blicken meiner Feinde ausgeliefert sein. Ich presste mich flach an die Hauswand und überlegte, ob es eine andere Möglichkeit gab zum Hotel zurück zu kommen. In einiger Entfernung meinte ich einen Lichtschein wahrzunehmen und ich hoffte und betete, dass das das Eingangsportal des Waldorf Astoria war. Mir blieb also keine andere Wahl, als meine Deckung zu verlassen und wie ein Reh auf einer Lichtung schutzlos eventuellen Scharfschützen vor die Flinte zu laufen.
Ich zählte langsam bis drei, spannte mich an und sprintete dann los. Die andere Straßenseite schien quälend langsam näher zu kommen, doch noch hatte niemand auf mich geschossen und es hatte auch noch niemand einen Warnruf ausgestoßen.
Tatsächlich erreichte ich unbehelligt die gegenüberliegende Häuserfront und mit einem erleichterten Lächeln auf den Lippen drückte ich mich in einen der Hauseingänge. Ich mußte erst einmal wieder zu Atem kommen.
Das Hotel konnte jetzt nicht mehr weit sein. Wenn ich Glück hatte, könnte ich es in weniger als fünf Minuten erreicht haben. Ich würde hinauf in mein Zimmer gehen, mir erst einmal ein ordentliches Schaumbad einlassen und mir dann überlegen, was ich mit AJ machte.
Dieser Idiot! Immerhin war ich wegen ihm jetzt in dieser Situation. Er hätte mich aufhalten müssen. Immerhin mußte ihm doch klar gewesen sein, dass ich alleine nicht zurück finden konnte. Wenn ich ihn zwischen die Finger bekam, dann ...
Plötzlich packte mich etwas von hinten und riss mich mit aller Macht in den Hausflur hinein. Ich wurde einmal um meine eigene Achse gewirbelt, eine Hand presste sich auf meinen Mund und erstickte so den Schrei, der in meiner Kehle aufstieg und bevor ich richtig wußte was los war, hing ich bewegungsunfähig zwischen der Wand und meinem Angreifer.
Keinen Laut, zischte eine männliche Stimme in meinem Nacken und verstärkte dabei seinen Griff noch etwas. Für einen Moment versuchte ich mich noch zur Wehr zu setzen, doch ich merkte schnell, dass das nichts nützte, also hielt ich schließlich still.
Mein Atem ging stoßweise und ich mußte mich anstrengen, um genug Luft durch meine Nasenlöcher zu pressen. Mein Herz hämmerte panisch und unkontrolliert in meiner Brust und ich wartete eigentlich nur auf das Messer, das sich kalt an meine Kehle presste, oder eine Pistolenmündung, die mein Angreifer mir an die Schläfe drückte.
Doch nichts von alldem geschah. Stattdessen hörte ich Schritte, die langsam an dem Hauseingang vorbei schlichen, in dem ich eben noch gestanden hatte. Ich meinte ein Flüstern zu hören, doch konnte ich mir das durchaus auch nur einbilden.
Ich versuchte, meine Atmung einzustellen, inzwischen nicht mehr sicher, von wem mir mehr Gefahr drohte: Von dem Mann in meinem Rücken oder den Schritten vor dem Gebäude, die von mehr als einer Person zu stammen schienen.
Die Schritte entfernten sich nur langsam und ich spürte, wie sich der Brustkorb des Fremden in meinem Rücken langsam hob und senkte.
Wir lauschten beide darauf, dass die Geräusche draußen endlich verstummten, und als sie es schließlich taten, lies ich zischend die Luft aus meinen Lungen entweichen.
Mach keinen Mucks, hast Du verstanden? flüsterte die Stimme in meinem Rücken und ich deutete so etwas wie ein Nicken an. Dann spürte ich, wie die Hand langsam von meinem Mund genommen wurde. Erleichtert atmete ich ein paar Mal tief ein und aus, immer darauf bedacht, kein Geräusch dabei zu verursachen. Immer noch hielt mich der Fremde mit seinem ganzen Gewicht gegen die Wand gedrückt.
Nach einer kleinen Ewigkeit, wie es mir schien, lies der Angreifer schließlich von mir ab. Er trat ein paar Schritte zurück, so dass ich mich endlich wieder bewegen konnte.
Langsam drehte ich mich zu dem Fremden herum.
Puh, das war knapp, hörte ich seine flüsternde Stimme, die mir irgendwie vertraut vorkam. Was fällt Dir eigentlich ein, nachts hier ganz alleine durch die Dunkelheit zu laufen? Weißt Du nicht, wie gefährlich das ist?
Ich ... also ... , stammelte ich und wußte nicht, was ich sagen sollte.
Der Fremde machte einen Schritt auf mich zu und in dem bißchen Licht, das von draußen herein drang, konnte ich endlich sein Gesicht erkennen.
Nick? entfuhr es mir.
Sei froh, dass ich es bin, gab er missmutig zurück. Beinahe wärst Du den Fachats in die Arme gelaufen und was die mit Dir gemacht hätten, kannst Du Dir nicht einmal in Deinen schrecklichsten Albträumen vorstellen.
Es tut mir leid. Ich habe mich in diesem dämlichen Kellergewölbe verlaufen und das war der einzige Ausgang, den ich gefunden habe.
Du warst im Keller?
Ja. AJ hat mich mitgenommen und ... ,
Hätte ich mir ja denken können, schnaubte mein Gegenüber.
Was soll das jetzt wieder heißen?
Wenn irgendetwas schief geht, hat AJ ganz sicher seine Finger mit ihm Spiel. Das ist so sicher, wie das Amen in der Kirche.
Nun ja ... eigentlich ... also ... bin ich alleine weg. Also ... ich meine ... , ich wollte ihm die Geschichte mit dem Kuß nicht erzählen. Irgendwie war mir das peinlich.
Wie auch immer ... , meinte Nick und schob sich das Haar aus dem Gesicht. Ich werde Dich jetzt zurück bringen. Bleib in meiner Nähe und sei so leise wie möglich. In Ordnung?
Ich nickte.
Gut. Er fasste nach meiner Hand und ging langsam den Hausflur hinunter. Am Eingang angekommen warf er einen kurzen Blick nach draußen, fasste mich dann noch etwas fester und zog mich dann einfach hinter sich her hinaus in die schutzlose Nacht.