Kapitel 19
Katakomben

Tief in Gedanken versunken erreichte ich die Hotellobby und wäre beinahe über ein Paar ausgestreckter Beine gestolpert. Mitten im Schritt hielt ich inne und blickte auf. AJ lümmelte in einem Sessel, hatte die Hände entspannt auf seinem Bauch gefaltet und sah nun mit einem Grinsen zu mir auf.
„So spät noch unterwegs?“ fragte er.
„Sieht man doch, oder?“ gab ich unwirsch zurück.
Sein Grinsen wurde noch breiter. „Welche Laus ist Dir denn über die Leber gelaufen?“
„Gar keine. Ich bin einfach nur müde und habe keine Lust mich mit Dir herum zu streiten.“
„Immer noch sauer wegen der Versammlung, hm?“ fragte er und erhob sich.
„Wegen der Versammlung? Nein, eigentlich nicht. Du bist eben so.“ Ich zuckte mit den Schultern. Ich wußte, dass ich eigentlich sauer auf ihn sein sollte. Schließlich hatte mich seine verächtliche Art, mit der er auf alles herab blickte, was die Beobachter auf die Beine stellten, mächtig auf die Palme gebracht. Andererseits war seit meinem Zusammentreffen mit Nick nichts mehr so, wie es einmal gewesen war. Hier liefen ganz andere Dinge hinter den Kulissen ab und diese beunruhigten mich, nicht das Getue einer alkoholkranken Nervensäge wie AJ.
Er legte den Kopf etwas schief und musterte mich aufmerksam.
„Du siehst aus, als könntest Du eine kleine Aufmunterung vertragen,“ stellte er fest.
„Ich weiß nicht. Ehrlich gesagt wäre mir mein Bett im Moment um einiges lieber.“
„Ach, schlafen kannst Du auch noch, wenn Du tot bist,“ sagte er mit einer wegwerfenden Handbewegung und automatisch sah ich Nick vor mir.
„Ich glaube nicht ... ,“ setzte ich an, doch er packte mich am Arm und zog mich hinter sich her.
„Keine Widerrede. Es wird Zeit, dass Du die andere Seite des Walldorf Astoria kennen lernst.“
„Das macht mir Angst,“ sagte ich ironisch, trotte aber anstandslos hinter ihm her.
„Das sollte es auch,“ lachte AJ und öffnete eine dicke Metalltür, die kunstvoll mit Holz verkleidet war und mir sicherlich niemals aufgefallen wäre.
Eine Betontreppe führte dahinter in die Tiefe. Elektrisches Licht gab es hier scheinbar nicht mehr, denn in eisernen Halterungen an der Wand steckten Fackeln, die ein angenehmes Licht verströmten und unsere Schatten unruhig an der Wand tanzen ließen.
„Geht es hier in den Folterkeller?“ fragte ich, nun doch ein wenig ängstlich geworden.
„Warte es ab,“ entgegnete AJ geheimnisvoll. Er hatte inzwischen meine Hand umfasst und führte mich immer tiefer hinab.
Am Fuße der Treppe schloss sich ein langer, karger Gang an. Die Wände waren hier, genau wie der Boden, aus grauem, kalten Beton. An der Decke verliefen dicke Heizungs- und Wasserrohre, die sich in viele, unübersichtliche Gänge verzweigten. Nach wenigen Minuten hatte ich die Orientierung verloren und mir wäre nichts lieber gewesen, als jetzt in meinem Bett zu liegen. Worauf hatte ich mich nur eingelassen? Eine Überraschung pro Tag sollte eigentlich ausreichen.
AJ bog ein letztes Mal nach rechts ab und hielt schließlich vor einer massiv wirkenden Holztür an.
Er klopfte, wobei ich mir ziemlich sicher war, dass es sich dabei um einen komplizierten Code handelte, und gleich darauf schwang die Tür auf.
Ein Riese von einem Mann erschien im Türrahmen und sein Gesicht leuchtete erfreut auf, als er AJ erkannte.
„Hey Mann. Wurde aber auch Zeit, dass Du kommst,“ begrüßte er AJ, dann lächelte er auf mich hinunter „und Du hast eine Begleitung mitgebracht. Sehr schön. Pass nur auf, dass Dich Rachel nicht erwischt, sonst gibt es Ärger.“
„Rachel kann mich mal,“ entgegnete AJ grinsend und zog mich hinter sich her in den Raum hinein.
Meine Beine bewegten sich von ganz alleine, während ich staunend den Raum in mich aufnahm.
Es handelte sich hierbei um ein Kellergewölbe, das mindestens 200 qm umfasste und in dem eine ganze Menge Menschen auf bunt zusammen gewürfelten Stühlen, Sofas, Sesseln und Hockern saßen und sich lautstark unterhielten.
Die Decke sah aus, als sei sie direkt aus dem Fels gehauen worden: Unregelmäßig, leicht gewölbt und von Ruß oder Rauch geschwärzt. In der Mitte hing ein vorsintflutlicher Kronleuchter, der aus einem alten Wagenrad bestand, auf dem Kerzen brannten und als einzige Lichtquelle fungierten.
Die Wände verschwanden hinter einer Unmenge von Postern, verschiedener Tapetenbahnen und einem Sammelsurium aus Papierfetzen, Fotos und Verpackungsmaterial.
Zu unserer Rechten war eine behelfsmäßige Bar aus allen möglichen Sorten von Holz zusammengezimmert worden. Sie sah aus, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen, doch AJ lehnte sich wie selbstverständlich mit seinem ganzen Gewicht darauf und bestellt bei einem jungen Mädchen irgendetwas, was ich nicht verstand.
Ich nutzte die Gelegenheit, um mich noch etwas genauer mit diesem Raum zu befassen.
Die anwesenden Personen hatten sich in kleinen Grüppchen zusammen gefunden. Dicker Qualm von Zigaretten und, dem Geruch nach zu urteilen, auch einigen Zigarren und Tabak mit verbotenen Substanzen, sammelte sich unter der niedrigen Decke.
An einem großen, runden Tisch in der hinteren Ecke wurde Karten gespielt, wofür man auch dort weitere Kerzen aufgestellt hatte. Eine andere Gruppe saß dicht zusammengerückt und lauschte leiser Musik aus einem tragbaren Kassettenrekorder. Eine ganze Weile konnte ich meinen Blick nicht von ihnen lösen und über das laute Stimmengemurmel hinweg versuchte ich etwas von der Musik mitzubekommen. Rolling Stones? Irgendsoetwas mußte es sein.
Einige Gruppen waren in mehr oder weniger leise Diskussionen vertieft. Bei einigen schien es um die Versammlung zu gehen, andere unterhielten sich über das Leben vor dem Krieg, wieder andere diskutierten darüber, wie es überhaupt so weit hatte kommen können und zu meiner Linken, nahe an der Wand und außerhalb des Lichtkreises, lagen einige Personen schweigend auf einem Berg von alten Matratzen und hielten sich im Arm.
AJ stubste mich sanft in die Seite und lenkte so meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.
„Und, gefällt es Dir?“ fragte er, während er mir ein Glas mit undefinierbarem Inhalt entgegen streckte.
„Ich bin mir noch nicht so ganz sicher. Was ist das hier?“
„Komm’, wir setzen uns erst einmal,“ entgegnete er, sah sich für einen Moment suchend um und steuerte dann auf einen Bereich im hinteren Teil des Raumes zu.
Eine kleine Insel aus Matratzen, bunten Kissen und zusammengeknüllten Laken lag auf einer Art Podest in der hintersten Ecke. Zwei Frauen und zwei Männer saßen oder lagen darauf und unterhielten sich leise.
AJ begrüßte sie mit einem kurzen Nicken, kletterte dann auf das Podest hinauf und lies sich, mit dem Rücken an die Wand gelehnt, im Schneidersitz darauf nieder.
Unschlüssig blieb ich einen Moment vor dem Podest stehen. Ich hatte die Vision von Ungeziefer, das zwischen den Kissen und im Füllmaterial der Matratzen herum krabbelte und Laken, die Flecken enthielten, von denen ich lieber nicht wissen wollte, woher sie stammten.
Doch beim näheren Hinsehen mußte ich zugeben, dass das Ganze zum einen recht gemütlich und zum anderen tatsächlich einigermaßen sauber aussah.
„Nun komm schon,“ drängte AJ „hier beißt Dich nichts. Noch nicht einmal ich,“ dabei lachte er, als hätte er gerade einen besonders intelligenten Scherz gemacht.
Widerstrebend krabbelte ich also zu ihm hinüber, zog ein Kissen zu mir heran, das ich mir in den Rücken stopfte und lehnte mich gleich darauf erleichtert seufzend neben ihn an die Wand.
„Cheers,“ sagte AJ und hob sein Glas in meine Richtung. Wir stießen an und ich nahm einen vorsichtigen Schluck von meinem Getränk. Es war süß, enthielt eine nicht geringe Menge Alkohol und schmeckte ausgesprochen lecker.
„Besser als ich dachte,“ sagte ich an AJ gewandt und er grinste.
„Es ist oftmals der erste Eindruck, der uns viele Chancen in unserem Leben verpassen lässt,“ sagte er und nippte an seinem Drink.
„Wohl wahr,“ nickte ich. „Erzählst Du mir jetzt, wo wir eigentlich sind? Was ist das hier? Sieht aus wie ne Räuberhöhle.“
AJ lachte erneut. „Es ist nicht das, was Du denkst. Hier treffen sich Leute, die ein bißchen feiern wollen oder die Gesellschaft anderer suchen.“
„Weiß Kevin davon?“ Die Frage tat mir bereits leid, bevor ich sie ganz ausgesprochen hatte. Als ob jemand eine Genehmigung dafür brauchte, um sich mit Freunden zu treffen.
„Ich denke, er weiß davon, aber er ignoriert es,“ gab AJ leichthin zurück. „Wenn er von den vielen Kerzen wüsste, würde er wahrscheinlich nen Herzinfarkt bekommen. Immerhin könnte hierdurch das komplette Hotel abbrenne.“
„Sehr beruhigend,“ sagte ich ironisch und der Schimmer der Kerzen, den ich bis eben als behaglich empfunden hatte, machte mich augenblicklich nervös.
„Keine Sorge. Es gibt hier genug Feuerlöscher, die tatsächlich auch noch funktionieren und im Nebenraum befindet sich ein Wasseranschluss mit einem Schlauch, der sehr schnell einsetzbar ist. Alles getestet.“
„Es steckt tatsächlich Planung hinter dem Ganzen?“ fragte ich etwas erstaunt und AJ sah mich an, als wäre ich nicht mehr ganz richtig im Kopf.
„Was hast Du denn gedacht?“
„Ich ... weiß nicht so genau,“ gab ich zu und zog es vor, ab jetzt lieber meine Klappe zu halten und mich meinem Drink zu widmen.
„Ein paar Leute haben diesen Raum vor ungefähr nem halben Jahr entdeckt. So weit ich weiß, hat sich einer von Ihnen ne Genehmigung von Kevin eingeholt, was ich nicht ganz nachvollziehen kann, aber was soll’s. Jedenfalls ... wo war ich? ... ach ja ... eine davon ist jedenfalls Rachel.“
„Die, vor der Du Dich in Acht nehmen sollst?“
„Genau die. Sie hat ... uhm ... sagen wir mal ... ein ziemlich feuriges Temperament,“ dabei kicherte er leise und sein Blick war in die Ferne gerichtet. „Jedenfalls ...,“ fuhr er dann fort „ ... ist sie mit ner Truppe von fünf bis sechs Leutchen ein paar Wochen durch New York gestiefelt und hat alles zusammen getragen, was man hier eventuell gebrauchen könnte.“
„Und das war ne ganze Menge,“ nickte ich.
„Davon kannst Du ausgehen. Es hat sich ziemlich schnell herum gesprochen, dass es so etwas wie ne neue In-Kneipe hier gibt und seit dem wächst die Zahl der Besucher stetig. Allerdings lassen wir auch nicht jeden hier rein.“
Ich zog fragend die Augenbrauen in die Höhe, sagte aber nichts.
„Das Problem ist, dass es mehrere Eingänge zu diesem Keller gibt,“ erklärte AJ weiter. „Ein paar haben wir gefunden und dicht gemacht. Das war, noch bevor es dieses Etablissement hier gab. Wir wollten vermeiden, dass irgendwann die Fachats im Hotel stehen und uns die Hölle heiß machen.“
„Verstehe,“ nickte ich.
„Es gibt aber immer noch ein paar versteckte Eingänge. Die Tür oben in der Lobby lässt sich von innen nicht mehr öffnen und um sie auf zu bekommen, müsstest Du sie wahrscheinlich in die Luft sprengen. Somit ist das Hotel sicher. Dieser Raum hier ist es allerdings nicht. Also suchen wir uns die Leute, die hier herein dürfen, ganz genau aus.“
„Und das funktioniert?“
„Ganz gut eigentlich. Du kommst hier nur rein, wenn Du schon jemanden kennst. So vermeiden wir, dass sich hier jemand herum drückt, der hier nichts verloren hat.“
„Im Endeffekt kannst Du das doch nie wirklich ausschließen, oder?“
„Vielleicht. Aber so lange hier alles friedlich abläuft, ist mir das relativ egal.“
„Ist hier jeden Tag so ein Gedränge?“ fragte ich weiter.
„Nein,“ AJ schüttelte den Kopf. „Unsere Vorräte sind begrenzt. Du wirst nicht glauben, wie schwierig es ist, Alkohol aufzutreiben. Das meiste ist ins Lagerhaus gewandert und da wir unabhängig von der Kornkammer New Yorks sein wollen, müssen wir uns selbst versorgen.
An Tagen wie diesen, also wenn es ein Fest oder eine Versammlung im Hotel gibt, treffen wir uns eigentlich immer. Ansonsten läuft das über Mundpropaganda. Sagen wir mal ... wir schaffen es mindestens einmal im Monat.“
Ich nickte und lies meinen Blick erneut durch den Raum schweifen. Ein bißchen kam ich mir vor, wie auf einem anderen Stern. Der Anblick der vielen, friedlich zusammen sitzenden Menschen, die Gesprächsfetzen, die leise Musik, das Glas in meiner Hand ... das alles war so unwirklich.
„Und Rachel und Du?“ fragte ich schließlich weiter.
„Rachel und ich? Was soll damit sein?“
„Nun ja. Der Typ am Eingang meinte doch, Du sollst Dich nicht mit mir erwischen lassen.“
„Ach,“ AJ winkte ab „Rachel ist ... wie soll ich das sagen ... sehr besitzergreifend. Sie hat genaue Vorstellungen davon, was sie will und was sie nicht will und ist unglaublich ehrgeizig. Das gefällt mir, aber ich gehe auch nicht soweit, mich für ihre Zwecke einspannen zu lassen. Wir haben hin und wieder unseren Spaß zusammen. Mehr ist da nicht. Und das soll auch so bleiben. Ich denke, das weiß sie. Trotzdem ... bei Rachel ist alles möglich!“ Er grinste und zwinkerte mir dann zu.
„Im Prinzip ist es mir herzlich egal, was Du mit ihr treibst. Hauptsache, ich werde da nicht mit hinein gezogen.“
„Ja, ich weiß. Hauptsache, Du wirst in überhaupt nichts mit hinein gezogen, was?“ fragte er herausfordernd.
Ärgerlich runzelte ich die Stirn. „Was soll das nun wieder heißen?“
„Nichts. Gar nichts.“
„Komm’ schon McLean. Wer gackert muß auch legen.“
„Ich zeig es Dir,“ grinste er, beugte sich unvermittelt zu mir herüber und drückte seine Lippen auf meine.
Überrascht riss ich die Augen auf und rammte dann mit Nachdruck meine Fäuste in seine Brust, wobei das meiste meines Drinks sich über sein Hemd ergoss. Er gab einen überraschten Laut von sich und prallte zurück.
„Aua. Das hat weh getan,“ sagte er beleidigt und rieb sich über die Brust, auf der sich langsam ein großer, nasser Fleck ausbreitete.
„Das war auch meine Absicht,“ fauchte ich ihn an, robbte über die Matratzen, bis ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, stellte mein Glas mit Nachdruck auf der Theke ab und rauschte hinaus in den Gang. Erst als sich die Tür hinter mir schloss merkte ich, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich zurück ins Hotel kommen sollte.

Kapitel 20