Kapitel 18
Der erste Kontakt
Die Stille, die nach Nicks Bericht eintrat, war beinahe mit Händen zu greifen. Er hatte sich während des Erzählens entspannt auf seinem Stuhl zurück gelehnt und sah mich nun unter seinen langen Ponyfransen hervor mit einem Lächeln auf den Lippen an.
Kevin hatte die Hände auf dem Tisch gefaltet und schien ganz in seiner eigenen Welt versunken zu sein. Thali wiederum hatte ihren Blick besorgt auf ihn gerichtet und schien ehrlich bemüht, seine Gedanken zu lesen.
Stattler war während Nicks Bericht aufgestanden und stand nun mit dem Rücken zu uns vor einem der großen, vergitterten Fenster und starrte hinaus in die Nacht.
Und Du bist wirklich zu ihnen gegangen? fragte ich schließlich.
Nick nickte. Wie ich schon sagte, Kevin konnte mich nicht aufhalten. Ich weiß, dass es wahrscheinlich eine ziemlich dämliche Idee gewesen ist und ich weiß auch, dass ich viel Glück hatte, dass alles so gelaufen ist, wie es sich letztlich entwickelt hat. Er schüttelte den Kopf und sah entschuldigend zu mir herüber. Ihm schienen die Worte zu fehlen um das auszudrücken, was er empfunden und ihn letztendlich zu dieser Entscheidung gebracht hatte.
Seit diesem Tag leide ich Höllenqualen, sagte Kevin plötzlich neben mir leise, ohne den Blick von der Tischplatte zu heben.
Ich weiß, entgegnete Nick ebenso leise.
Das Schlimmste ist, Kevin hob endlich den Blick, starrte erst Nick an und wandte sich dann mir zu dass ich ihn sogar ansatzweise verstehen kann und dass das, was er tut, tatsächlich einen Sinn ergibt. Trotzdem ... ist mir nicht wohl bei der Geschichte. Ich habe schon einmal dabei zugesehen, wie einer meiner Freunde starb. Ich möchte das nicht noch einmal erleben.
Aber es ist seine Entscheidung, sagte Thali und ein warmer Unterton schwang in ihrer Stimme mit.
Ich weiß Thali, ich weiß, murmelte Kevin und griff nach ihrer Hand.
Zum ersten Mal fragte ich mich, ob zwischen den beiden wohl mehr war als eine bloße Freundschaft. Sie wirkten so vertraut miteinander. Erschrocken stellte ich fest, dass mir dieser Gedanke ganz und gar nicht gefiel.
Um mich schnellst möglich von den beiden abzulenken, wandte ich mich wieder Nick zu.
Und ... wie ... nun ja ... wie war es denn, dem Feind plötzlich Auge in Auge gegenüber zu stehen?
Nick lachte leise. Leider nicht annähernd so heroisch oder romantisch, wie ich mir das vorgestellt hatte.
Es war ein erfreulich schöner, angenehmer Tag. Die Kälte der letzten Tage hatte sich zurückgezogen und einem warmen Klima Platz gemacht, in dem man beinahe schon den Frühling schmecken konnte.
Nick setzte langsam einen Schritt vor den anderen und hielt sich dabei in der Mitte der Straße. Sie sollten ihn schon von weitem sehen, damit sie ihn nicht über den Haufen schossen weil sie meinten, er schleiche sich an sie heran.
Sein Herz hämmerte laut in seiner Brust und immer wieder wischte er nervös die feuchten Hände an seiner Hose ab. Auch wenn er mittlerweile Kevin recht geben mußte, dass das hier der totale Wahnsinn und eventuell sogar ein Spaziergang in den Tot war, so war er doch immer noch von dem Sinn seiner Mission überzeugt.
Es war schon lange fällig einen Insider bei den Fachats einzuschleusen. Sie mußten wissen, was der Feind plante, sich ein Bild von seinen Lebensbedingungen und seinen Absichten machen. Und wie er Kevin schon gesagt hatte, war er dafür geradezu prädestiniert.
Sie hatten in den letzten Wochen durchsickern lassen, dass er und Kevin einen furchtbaren Streit gehabt hatten. Das mit der Narbe hatten sie ihm nicht in die Schuhe geschoben, da ihnen klar war, dass niemand glauben würde, dass ihr, vielleicht manchmal laute, aber niemals unbeherrschte Anführer so etwas getan haben könnte.
Nachdem sich Nick wieder einigermaßen gesund und kräftig fühlte, hatte Stattler ihm heimlich Unterricht in Selbstverteidigung und Schießen gegeben. Nicht, dass er so dämlich gewesen wäre eine Waffe mit sich zu führen. Die Fachats sollten glauben, dass er in friedlicher Absicht kam, dass er Schutz suchte vor seinem durchgedrehten Freund, der ihn den ganzen Tag sowieso nur anschrie und mit dem er ein für alle mal gebrochen hatte.
Die Realität sah Gott sei Dank inzwischen etwas anders aus. Nach zwei Wochen war Kevin unvermittelt in seiner Suite aufgetaucht und hatte sich entschuldigt. Er heiße zwar immer noch nicht gut, was Nick tat, trotzdem wolle er ihm beistehen. Nick war glücklich und stürzte sich mit Feuereifer in die Planung seines Vorhabens.
Und nun war es endlich so weit. Nur noch wenige Meter trennten ihn von dem Hoheitsgebiet der Fachats und mit jedem Schritt wurde ihm mulmiger. Seine Eingeweide zogen sich vor Angst zusammen und sein Herz hämmerte ängstlich in seiner Brust.
Hektisch huschte sein Blick über die zerstörten Häuserfronten. Würden Scharfschützen darin sitzen? Hatten sie womöglich bereits ihre Waffen auf ihn gerichtet?
Ein paar Schritte weiter bekam er unvermittelt eine Antwort auf seine Fragen. Er hörte ein Pfeifen, das noch nicht einmal sehr laut war und ihm verriet, dass die Waffe wohl mit einem Schalldämpfer ausgestattet war, und direkt vor ihm spritze Staub von der Straße auf. Abrupt blieb er stehen und hob in einem Reflex die Hände.
Ich komme in friedlicher Absicht, rief er und ärgerte sich über das Zittern in seiner Stimme.
Niemand antwortete ihm. Er überlegte, was er nun tun sollte. Immerhin war es ein gutes Zeichen, dass sie ihn nicht gleich über den Haufen geschossen hatten, andererseits stand er hier immer noch wie ein Idiot mit in die Luft gestreckten Armen und konnte weit und breit niemanden sehen.
Hallo? versuchte er es erneut.
Was willst Du? kam es barsch von Links und Nick drehte sich automatisch in diese Richtung, konnte aber immer noch niemanden entdecken.
Ich möchte gerne mit Eurem Anführer sprechen, sagte er.
Warum, glaubst Du, sollte ich das erlauben? rief die Stimme.
Weil ... ich ... Informationen habe, die Euch sicherlich nützlich sein können.
Nick meinte, ein verhaltenes Lachen zu hören, war sich aber nicht ganz sicher, ob ihm seine Fantasie da nicht einen Streich spielte.
Gleich darauf hörte er Schritte, die sich in seinem Rücken näherten. Er wollte sich schon herum drehen, doch eine männliche, kalte Stimme lies ihn inne halten.
Eine Bewegung und Du bist tot Arschloch.
Nick zog es vor, darauf nichts zu erwidern. Am Ende wurde das noch als Bewegung aufgefasst und seine Mission war zu Ende, noch bevor sie richtig begonnen hatte. Er versuchte seine abgehackte Atmung in den Griff zu bekommen. Seine Knie zitterten und seine Zunge fühlte sich rau wie ein Reibeisen an.
Beine auseinander. Hände hinter den Kopf. Hörte er die Stimme erneut.
Nick tat wie ihm geheißen und fühlte gleich darauf eine Hand die mit eiserner Härte nach seiner Schulter griff. Gleichzeitig presste sich kaltes Metall gegen seine Schläfe und ängstlich schluckte er.
Jetzt sag das noch mal, hörte er erneut die Stimme, während Hände seinen Körper nach versteckten Waffen abtasteten.
Ich ... komme ... von den Beobachtern und ...,
Den Beobachtern? tönte es höhnisch in seinem Rücken. Die Durchsuchung war wohl abgeschlossen, denn die Hände hörten auf seinen Körper abzutasten und Gott sei Dank verschwand auch die Waffe von seiner Schläfe. Undendlich langsam lies Nick die Arme sinken.
Ein Mann trat von Links in sein Blickfeld. Er trug eine Armeeuniform, allerdings war Nick das Tarnmuster nicht bekannt. Höchstwahrscheinlich also keine amerikanische. Der Mann, der darin steckte und einen Revolver auf ihn gerichtet hielt, sah ebenfalls nicht amerikanisch aus.
Er hatte arabische Gesichtszüge mit einer langen, hakenförmigen Nase und dunklen, fast schwarzen Augen, die von ebenso dunklen Wimpern umrahmt wurden. Seine Haare waren sehr kurz geschnitten, zeigten aber dennoch einen Ansatz von Locken. Der Mann reichte Nick vielleicht gerade mal bis zur Schulter, strahlte aber so viel Autorität aus, dass er es nicht einmal gewagt hätte, in dessen Gegenwart zu husten.
Beobachter? wiederholte der Mann. So nennt ihr Euch also? Ich hätte diesem Popstar mehr Geschmack zugetraut.
Meine Rede, nickte Nick und hoffte, dass man ihm den verächtliche Tonfall abkaufte.
Wenn ich Dich richtig verstanden habe, möchtest Du zu uns überlaufen, fuhr der Mann fort, so, als hätte er Nick gar nicht gehört.
Ja. Ich habe die Schnauze voll von diesen ... , Nick kramte in seinem Hirn nach einem möglichst derben und bösen Schimpfwort, doch ihm fiel auf die Schnelle nichts anders ein als ... Idioten.
Der Mann vor ihm bleckte die Zähne, was wohl so etwas wie ein Grinsen sein sollte und Nick eine Gänsehaut über den Rücken jagte.
Und Du meinst, wir glauben Dir diesen Scheiß, nehmen Dich einfach so bei uns auf und verraten Dir sämtliche Geheimnisse?
Auf diesen Ausspruch folgte Gelächter von Männern, die Nick nicht sehen konnte, die sich aber scheinbar hinter ihm versammelt hatten, um das Schauspiel zu beobachten.
Nein. Eigentlich ... nun ja ... hatte ich gehofft, dass ich mir ... ähm ... einen Schlafplatz mit einigen Informationen verdienen könnte.
So, so, nickte sein Gegenüber nachdenklich und musterte ihn erneut mit kalten Augen. Das Grinsen war verschwunden und Nick durchfuhr es heiß und kalt. Es war eine doofe Idee gewesen, hier her zu kommen. Wie hatte er nur jemals annehmen können, dass er damit durchkam? Waren diese Scheißkerle überhaupt auf ihn angewiesen?
Plötzlich steckte der Mann seinen Revolver in das Halfter unter seinen Achseln, drehte sich herum und nickte irgendjemandem hinter ihm zu.
Das letzte was Nick wahr nahm war ein gleißender Schmerz, der in seinem Kopf explodierte, dann fiel er in bodenlose Schwärze.
Ich hatte Nicks Ausführungen atemlos gelauscht, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Er hatte so eine gewisse Art, Dinge recht plastisch zu schildern, so dass ich zeitweise die Szenerie deutlich vor mir sehen konnte. Auch mir wurde so langsam klar, dass Nicks Idee alles andere als vernünftig war. Selbst der Zweck dahinter blieb mir noch verborgen.
Was sollte es für einen Sinn haben, sich freiwillig in die Höhle des Löwen zu begeben? Diese Menschen hatten ganz sicher ihre Methoden um aus Leuten wie Nick die Wahrheit heraus zu holen, ohne dass er auch nur ein winziges Stück ihrer Geheimnisse erfuhr. Das ganze war reiner Wahnsinn!
Ich fühlte mit Kevin. Es mußte furchtbar sein, so hilflos auf der anderen Seite zu sitzen und nicht zu wissen, was sein Freund tat oder gerade durchmachen mußte. Doch Nick war heute Abend hier und zum ersten Mal fragte ich mich, warum eigentlich. War irgendetwas passiert? Hatte er Heimweh bekommen? Hatte er beschlossen, doch lieber hier bei den Beobachtern zu leben? War dies jetzt überhaupt noch möglich, ohne dass die gesamte Gemeinschaft die Rache der Fachats zu spüren bekam? Überhaupt ... wenn die Fachats herausfanden, dass Nick ein Spion der Beobachter war und mit Wissen von Kevin und Stattler handelte, wären wir dann hier noch sicher?
Wie hatte Dwain es so schön ausgedrückt? Wenn hier jemand herein kommen möchte, dann tut er das auch. Und niemand, weder dieser möchtegern Führer Kevin noch der begriffsstutzige Stattler wird ihn daran hindern können.
Dass Dwain recht hatte, war mir vorhin auch schon klar gewesen, doch während ich Nick und Kevin betrachtete, erhielt diese Feststellung eine ganz neue Dimension.
In unserem vorherigen Leben hatten unsere so genannten Feinde immer auf einem anderen Kontinent gelebt. Sie waren weit weg und von daher eher eine indirekte Bedrohung in unseren Köpfen. Doch nun befanden sich unsere Feinde nur wenige Straßenzüge von uns entfernt. Der Gedanke lies mich fröstelnd die Arme vor der Brust verschränken.
Plötzlich kam in Stattler Bewegung. Er dreht sich zu uns herum und sah der Reihe nach erst Nick, dann Kevin und Thali und zum Schluß mich eindringlich an.
Ich möchte dieses nette Plauderstündchen nur ungern unterbrechen, aber wir haben nicht mehr viel Zeit.
Kevin nickte. Du hast recht. Wir müssen zu einer Entscheidung kommen.
Was mich betrifft, so habe ich diese längst getroffen, sagte Nick ernst.
Wie auch immer, ich denke nicht, dass Rebecca hier weiter gebraucht wird, fuhr Stattler ungerührt fort.
Alle Blicke richteten sich auf mich.
Oh ... sicher ... , sagte ich und sprang hastig von meinem Stuhl auf. In diesem Moment wünschte ich mir, ich hätte die Tür zu diesem Raum niemals geöffnet und die ganze Sache mit Nick nie erfahren. Ich lass Misstrauen in Thalis Augen und Besorgnis in Kevins. Nick lies wie bisher auch nicht erkennen, was gerade in ihm vor sich ging, doch auch er lies mich keine Sekunde aus den Augen.
Kevin erhob sich und begleitete mich zur Tür.
Du weißt, dass Du mit niemandem darüber sprechen darfst, sagte er und ich nickte schnell. Ja, das ist mir klar.
Du würdest Nick und uns alle in höchste Gefahr bringen, ergänzte Kevin. Dachte er eigentlich, ich sei dumm?
Ich weiß Kevin. Das brauchst Du nicht noch extra zu betonen.
Tut mir leid, entgegnete er ohne die geringste Spur von Bedauern in der Stimme aber das hier ist lebenswichtig. Ich möchte nicht, dass irgendetwas schief geht, nur weil ich an der falschen Stelle die Klappe gehalten habe.
Ist schon in Ordnung, presste ich hervor und hatte bereits die Hand an der Türklinke.
Machs gut Schönheit, hörte ich plötzlich Nicks Stimme ganz in meiner Nähe und erschrocken fuhr ich herum.
Er stand direkt hinter mir und ich hatte nicht die leiseste Ahnung wie er da so schnell hingekommen war. Zu allem Überfluss ergriff er nun auch noch mit einem unergründlichen Lächeln auf dem Gesicht meine Hand und hauchte einen sanften Kuß darauf.
Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder, sagte er.
Das hoffe ich auch, entgegnete ich wahrheitsgemäß, da das nämlich bedeuten würde, dass er dann immer noch lebte und es ihm gut ging. Leider wurde mir zu spät bewußt, dass man meinen Satz auch anders interpretieren konnte. Entgegen seiner Annahme würde ich mich nicht nach ihm verzehren. Dafür war er mir, in gewissem Sinne, zu unheimlich und sein Lebenswandel zu gefährlich.
Kevin öffnete vorsichtig die Tür einen Spaltbreit und spähte in den Flur hinaus.
Die Luft ist rein, sagte er leise und drückte die Tür ein bißchen weiter auf, so dass ich unter seinem Arm hindurchtauchen konnte.
Gleich darauf stand ich wieder im hell erleuchteten Hotelflur, so, als sei nie etwas geschehen. Die Tür hatte sich hinter mir lautlos geschlossen und für einen winzigen Moment fragte ich mich ernsthaft, ob ich das alles gerade wirklich erlebt hatte.
Doch dann spürte ich wieder Nicks Lippen auf meinem Handrücken und ich mußte mir wohl oder übel eingestehen, dass ich plötzlich und unerwartet Mitwisserin einer Verschwörung geworden war und ich keine Ahnung hatte, wie ich damit umgehen sollte.