Kapitel 17
Nicks Plan

Das erste Mal seit Ewigkeiten, so kam es ihm zumindest vor, fühlte er sich einigermaßen gut. Die Schmerzen waren erträglich, ihm wurde nicht mehr schwindlig wenn er aufstand und er behielt sogar einen Großteil der Nahrung bei sich.
Unschlüssig sah er sich in seinem Zimmer um. Eigentlich war dies hier so eine Art Krankenstation, wobei diese Bezeichnung wohl nur von ihrem Zweck herrührte und nicht wegen ihres Aussehens so genannt wurde. Privatpatienten hätten vor dem Krieg sicherlich ein Vermögen für diese Ausstattung gezahlt.
Das Bett war bequem, wenn auch tatsächlich das einzige, was an ein Krankenzimmer erinnerte, da man es aus einem der zerstörten Krankenhäuser geborgen hatte. Ansonsten sah der Raum wie ein normales Hotelzimmer aus. Die erlesenen Antiquitäten, der Kronleuchter unter der Decke, der teure Teppich, der an einigen Stellen bereits dunkle Flecken aufwies ... das alles deutete in keinster Weise auf ein Krankenzimmer hin.
Trotzdem hatte er sich hier wie in einem Gefängnis gefühlt. Er konnte lange Zeit nicht aufstehen, die Schmerzen an seinem Körper und besonders in seinem Gesicht hatten ihn beinahe an den Rande des Wahnsinns getrieben und wenn er aus dem Fenster sah, erblickte er immer das selbe, traurige, graue Bild von Zerstörung.
Manchmal, in besonders dunklen Nächten, wenn kein Geräusch an sein Ohr drang und er das Gefühl hatte, der einzige Mensch auf diesem zerstörten Planteten zu sein, war er nahe daran, den Tod dem Überleben vorzuziehen. Doch dann hatte es wieder kleine Fortschritte in seinem Heilungsprozess geben und mit neuer Energie hatte er sich in das tägliche Muskelaufbautraining gestürzt.
Heute sollte der Verband, der um seinen ganzen Kopf gewickelt war und zusätzlich auch noch eines seiner Augen verdeckte, abgenommen werden.
Er fürchtete sich davor, versuchte aber das Positive daran zu sehen. Wenn seine Wunde ordentlich verheilt war, konnte er endlich hier heraus und er wußte auch schon, was er dann mit seinem neuen Leben anfing. Allerdings würde es wohl sehr schwierig werden, Kevin von seinem Vorhaben zu überzeugen. Aber eines nach dem anderen.
Die Tür ging auf und Kevin, gefolgt von Stattler und Doktor Meiers, den inzwischen alle nur Doc nannten, traten nacheinander ein.
„Hallo Nick, wie fühlst Du Dich?“ fragte der Doktor und stellte ein Metallschale auf dem Nachttisch neben seinem Bett ab, die ein paar sehr beunruhigend aussehende Instrumente enthielt.
„Soweit ganz gut Doc. Bin ein wenig nervös, aber ansonsten ... ,“
„Das wird schon,“ meinte Kevin und setzte sich zu ihm auf den Bettrand. Stattler blieb am Fenster stehen und wandte ihnen den Rücken zu. Nick war sich nicht ganz sicher, warum er anwesend war. Er wußte, dass Kevin große Stücke auf ihn hielt und gerne seinen Rat annahm wenn es um Fragen ging, die die Gemeinschaft betrafen. Dies hier, so fand zumindest Nick, war allerdings so eine Art Familienangelegenheit und Stattler hatte seiner Meinung nach hier nichts zu suchen.
Andererseits war es in Bezug auf sein Vorhaben eigentlich ganz praktisch, dass Stattler hier war. Kevin würde niemals einfach so, ohne Stattlers Segen, zustimmen und Stattler konnte wohl noch am ehesten ermessen, wie wichtig Nicks Vorhaben für die Gemeinschaft war.
Der Arzt begann sich an dem Verband zu schaffen zu machen. Er schnitt ein paar Lagen der weißen Baumwollbinden durch und löste diese vorsichtig von Nicks Haut. Zu erst rutschte der Verband von Nicks Auge und er blinzelte einen Moment gegen die ungewohnte Helligkeit an. Unendlich erleichtert stellt er fest, dass er damit genau so gut sehen konnte wie vor dem ... nun ja ... „Unfall“.
„Na, das sieht doch gut aus,“ murmelte der Arzt, während er immer mehr von Nicks Gesicht freilegte.
„Sie machen mir Hoffnungen Doc,“ entgegnete Nick und biss die Zähne zusammen, als der Arzt die letzte Schicht Mull von seinem Gesicht schälte. Ein kühler Luftzug strich über seine Wange und er schloss für einen Moment glücklich die Augen. Das fühlte sich gut an. Nicht mehr dieses kratzige Gefühl an der Wange und endlich wieder klare Sicht mit beiden Augen.
„Sie werden die Narbe noch eine Weile mit Wundsalbe behandeln müssen,“ sagte der Arzt, während er sich interessiert über Nick beugte und ausgiebig seine Wange musterte „aber im Großen und Ganzen ist das wunderbar verheilt. Es ist natürlich keine chirurgische Meisterleistung, soviel ist ihnen sicherlich klar, oder?“ fragte der Arzt und lehnte sich zurück.
„Ja ich weiß, dass ich jetzt wie Kapitän Huck der Pirat aussehe, aber die Frauen stehen angeblich auf so etwas,“ gab er grinsend zurück und spürte, wie sein Herz ängstlich anfing gegen seine Rippen zu hämmern.
Er warf einen schnellen Blick zu Kevin hinüber. Seine Augen waren auf seine Wange gerichtet und wenn er sich nicht irrte, glitzerten da ein paar Tränen in den Augenwinkeln seines Freundes.
„Hey alter Mann, Sie werden doch nicht rührselig werden, oder?“ fragte Nick und klopfte Kevin auf die Schulter.
„Nein, sicherlich nicht,“ gab Kevin kopfschüttelnd zurück, schniefte dann und senkte den Blick.
„Nun gut, bevor ihr mich hier weiter irre macht, will ich das Ergebnis jetzt selbst sehen,“ sagte Nick und stand entschlossen vom Bett auf.
„Ich kann Dir auch einen Spiegel aus dem Bad holen,“ bot sich Kevin an.
„Nein lass mal. Das schaffe ich schon alleine.“
Als er die ersten Schritte Richtung Bad machte, stand Kevin ebenfalls auf.
„Es ist wirklich nett Kev, dass Du Dich so um mich sorgst, aber ich mache das alleine, in Ordnung?“
Kevin blieb einen Moment unentschlossen in der Mitte des Zimmers stehen, dann nickte er „in Ordnung. Ich bin hier wenn Du mich brauchst.“
Nick nickte und öffnete dann die Tür zum Badezimmer. Erst als er sie wieder hinter sich geschlossen hatte, knipste er mit zitternden Fingern das Licht an.
Die Glühbirnen über dem großen Badezimmerspiegel flammten auf und vorsichtig trat Nick näher.
Mit ausdrucklosem Blick starrte er seinem Spiegelbild entgegen. Dann schüttelte er langsam den Kopf und hob vorsichtig die Hand an seine Wange. Vorsicht fuhr er mit den Fingern über die weiche, gerötete Haut rings um den fleischigen, hässlichen Wulst, der sich von seinem Augenwinkel zum Mund hinunter zog.
Das war es also. Das neue Gesicht, sein neues Ich, mit dem er ab jetzt leben mußte. Salzige Tränen rannen über sein Gesicht, als er immer wieder über seine Wange fuhr, dann eine Hand davor hielt und seine unversehrte Seite musterte.
Für eine Weile drehte er seinen Kopf von rechts nach links, nahm die Hand weg, legte sie wieder auf seine Wange, blinzelte, kniff die Augen zusammen, öffnete sie wieder, wendete wieder den Kopf.
Schließlich krampften sich seine Hände um den Rand des Wachbeckens und er zwang sich dazu, ganz genau hinzusehen.
„Nick Carter,“ flüsterte er „Deine Zeiten als Mädchenschwarm sind wohl endgültig vorbei.“

Es war bereits dunkel, als Nick endlich dazu kam, sich mit Kevin über sein Vorhaben zu unterhalten. Nachdem er aus dem Badezimmer zurück gekehrt war, hatte er darum gebeten, eine Weile alleine zu sein. Er mußte sein neues Gesicht erst einmal verdauen. Obwohl er schon jetzt wußte, dass er das sicherlich niemals ganz akzeptieren konnte, doch das würde er den anderen gegeben über sicherlich niemals zugeben.
Als er aus einem leichten Schlaf erwachte, machte er sich schließlich auf den Weg zu Kevins Zimmer. Als er anklopfte und ihm Kevin gleich darauf die Tür öffnete, sah er Stattler hinter ihm stehen.
„Hey Kleiner, komm’ rein,“ sagte Kevin lächelnd und schloss hinter ihm die Tür.
„Ich habe mir Gedanken gemacht, was ich mit meiner freien Zeit anfangen soll,“ kam Nick gleich zum Punkt und lies sich auf das Sofa fallen. Kevin und Stattler nahmen ihm gegenüber Platz und sahen ihn gespannt an.
„Ich möchte zu den Fachats gehen,“ platzte Nick heraus und sah dabei in Kevins entsetztes Gesicht.
„Du willst was?“ fragte Kevin entgeistert.
„Ich möchte zu den Fachats gehen und sie ausspionieren,“ erklärte Nick.
„Niemals,“ ereiferte sich Kevin „das lasse ich nicht zu!“
„Aber überleg’ doch mal,“ entgegnete Nick eindringlich „ich bringe die perfekten Voraussetzung dafür mit.“
„Sie werden sich niemals darauf einlassen,“ sagte Stattler. „Du bist weder ein Ex-Millitär, noch sonst irgendwie negativ im Leben vor dem Krieg aufgefallen. Warum sollten sie Dich aufnehmen?“
„Weil ich ihnen einiges über die Beobachter erzählen kann. Natürlich nur dummes Zeug und vielleicht ein paar wohl portionierte Wahrheiten, damit sie mir glauben, aber .... es ist einfach perfekt.“
„Nein,“ sagte Kevin „das ist ausgesprochen dämlich. Sie werden Dich umbringen, dass muß Dir doch klar sein. Dass hier ist kein Kinofilm sondern die brutale Realität. Mein Gott, Du bist fast noch ein Kind!“
„Das ist Dein Problem Kev. Ich bin schon lange kein Kind mehr und sie werden mich auch nicht umbringen,“ widersprach Nick. „Ich werde ihnen erzählen, dass ich die Narbe von Dir habe und ich nur zu gerne dabei helfen würde, den Beobachtern einmal gehörig in den Arsch zu treten.“
„Das kaufen Sie Dir nie im Leben ab.“ Kevin schüttelte aufgebracht den Kopf und sprang von der Couch auf. „Wie kommst Du nur auf so eine dämliche Idee?“ ereiferte er sich, während er im Zimmer auf und ab lief. „Du zu den Fachats, das ich nicht lache. Die können Dir doch sofort an der Nasenspitze ansehen, dass Du lügst. Und selbst wenn sie Dich aufnehmen ... wenn Du auffliegst machen sie kurzen Prozess mit Dir. Nein, das kann ich nicht verantworten.“
„Das habe ich ganz alleine zu entscheiden,“ sagte Nick ruhig und lehnte sich auf dem Sofa zurück. Noch nie in seinem Leben war er sich einer Sache so sicher gewesen. Immer hatte er davon geträumt, so etwas wie ein Superheld zu sein und alles was er in seinem vorherigen Leben zustande gebracht hatte, war eine, wenn auch recht erfolgreiche, Gesangskarriere. Er wollte mehr und hier bot sich ihm die Chance. Er mußte nur noch Kevin davon überzeugen. Notfalls, und es fiel ihm schwer sich das ein zu gestehen, würde er das auch ohne Kevins Hilfe durchziehen.
„Stattler, geben Sie wenigstens zu, dass die Idee brilliant ist,“ wandte sich Nick hilfesuchend an den stiernackigen Mann, der bis jetzt ruhig und mit unbewegtem Gesichtsausdruck auf der Couch gesessen hatte.
„Die Idee ist es vielleicht auch, aber bei der Ausführung habe ich noch so meine Zweifel. Sie werden sehen, dass Deine Wunden einigermaßen fachmännisch versorgt wurden. Sie sind nicht blöd. Sie werden eins uns eins zusammen zählen und sofort wissen, was Du vorhast.“
„Aber wenn es klappen sollte, stehen uns unglaublich viele Möglichkeiten offen,“ warf Nick sein letztes Ass in die Waagschale. „Wir müssen dafür sorgen, dass sich unter den Beobachtern das Gerücht verbreitet, dass Kevin und ich einen heftigen Streit hatten. Ich könnte wetten, dass sie bereits selbst einen Spion unter uns haben. Das wird klappen, glaubt mir.“
„Und was ist, wenn Du dabei getötet wirst?“ fragte Kevin und beendete seine Wanderung durch das Zimmer, in dem er sich mit den Händen auf der Rückenlehne der Couch abstützte und Nick eindringlich ansah.
„Dann habe ich es eben nicht geschafft, aber wenigstens versucht. Kev, es ist eine gute Idee, wirklich. Wenn auch gefährlich, das weiß ich selbst. Aber wir müssen etwas riskieren, sonst überrollen uns diese Arschlöcher irgendwann und das dürfen wir nicht zulassen.“
Kevin seufzte und schüttelte den Kopf.
„Tut mir leid Nick, aber ich werde das nicht erlauben.“
„Schade,“ entgegnete Nick und stand auf. „Ich werde es tun, ob mit oder ohne Deinem Segen. Wir brauchen die Informationen, ob es Dir passt oder nicht.“
„Das wirst Du nicht tun,“ Kevin versperrte ihm den Weg zur Zimmertür und packte ihn am Arm. „Du wirst dieses Hotel nicht verlassen, ist das klar? Du bist noch zu schwach, Deine Wunde ist noch nicht ganz verheilt. Und Du wirst auf keinen Fall - ich wiederhole - nie und nimmer, zu den Fachats gehen, hast Du mich verstanden?“
„Klar und deutlich Kev, aber Du wirst mich nicht aufhalten. Niemand kann das. Ich werde es tun, verstehst Du?“
„Stattler?“ sagte Kevin ohne aufzusehen „bring Nick auf sein Zimmer und sorge dafür, dass er auch dort bleibt.“
Stattler erhob sich von der Couch und stellte sich neben Nick.
„Tut mir leid Kev, aber das kann ich nicht.“
„Was?“ Als hätte er einen Schlag in die Magengrube bekommen taumelte Kevin einen Schritt zurück und starrte die beiden Männer entgeistert an.
„Ich kann ihn nicht aufhalten, genau so wenig wie Du. Wir sollten ihn gehen lassen. Ich werde ihm ein paar Dinge beibringen und er wird erst gehen, wenn er wieder vollkommen gesund ist. Mehr können wir nicht tun.“
„Ich weigere mich, das zu glauben,“ stieß Kevin hervor.
Nick und Stattler sahen sich an.
„Ich bringe Dich zurück auf Dein Zimmer und wir unterhalten uns ein wenig, in Ordnung?“ meinte Stattler an Nick gewandt und dieser nickte.
„Es tut mir leid Kevin,“ sagte Nick leise „aber es muß sein. Schlaf eine Nacht darüber und vielleicht wirst Du verstehen, dass ich recht habe. Ich ... würde es mir wünschen ... wirklich.“
Kevin schüttelte einfach den Kopf, noch zu geschockt um wirklich zu begreifen, was da gerade über ihn hinweg gerollt war.
Als Nick an ihm vorbei ging, versuchte er ihn zu umarmen, doch Kevin stieß ihn unsanft von sich, drehte sich auf dem Absatz herum und verschwand im angrenzenden Raum.
„Er kommt schon wieder runter,“ sagte Stattler sanft als er Nicks traurigen Blick bemerkte.
„Ich hoffe es,“ flüsterte er und folgte dann Stattler langsam aus dem Zimmer.

Kapitel 18