Kapitel 16
Geheimnisse
Im Speisesaal war ein kleiner Imbiss gerichtet worden. Alle Beobachter, die nicht gerade Wache vor den Toren des Walldorf Astoria schieben mußten, begaben sich lärmend vom Tagungsraum dorthin.
Unterwegs schüttelte ich einige Hände, unterhielt mich mit Männern und Frauen, die scheinbar sehr neugierig darauf waren mich kennen zulernen, und stellte dabei leicht erschrocken fest, dass das Durchschnittsalter der Beobachter etwas höher lag, als ich es bisher vermutet hatte.
Die meisten hatten die vierzig bereits überschritten. Leute in meinem Alter sah ich gar keine. Scheinbar waren Thali, Dwain, AJ, Kevin und ich die einzigen. Die wenigen Kinder, so erzählte man mir, waren meist unterwegs aus unvorstellbar traurigen Situationen gerettet worden. Dass sie heute wieder lachen und spielen konnten, verdankten sie einem Kinderpsychologen Bob - , der mir ebenfalls freundlich die Hand schüttelte und mich gleich darauf einlud, ihn doch einmal zu besuchen.
Er jagte mir ein bißchen Angst ein und das, obwohl sein Äußeres dem des Lieblingsonkels entsprach. Er trug eine randlose Brille, einen sauber gestutzten Schnurrbart und hatte freundliche, graue Augen. Seine schlanke Gestalt steckte in verwaschenen Jeans und einem hellen Baumwollhemd und seine Stimme war angenehm ruhig und vertrauenerweckend. Trotzdem konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er mühelos in mich hinein sehen konnte, dass ich mit jedem Wort, das ich zu ihm sagte, irgendetwas über mich verriet und dieser Umstand machte mich eindeutig nervös.
Ich verabschiedete mich also recht bald von ihm, mit dem Vorwand, einmal nach Dwain sehen zu müssen.
Ich stellte mich in eine Ecke des Speisesaals und versuchte ihn in der Menge auszumachen. Die rechteckigen Holztische, die normaler Weise sechs Personen Platz boten, waren zu größeren Gruppen zusammen gestellt worden. An der Essensausgabe standen fünf freiwillige Helfer und verteilten kalten Braten, selbstgebackenes Brot und Nudelsalat. Zusätzlich gab es für jeden Beobachter eine Flasche Wein, doch nachdem dieser aus Plastikbechern getrunken werden mußte, machte dies nicht unbedingt den mondänsten Eindruck. Von Dwain war weit und breit nichts zu sehen.
Ich beschloss, mich auf die Suche nach ihm zu machen. Irgendwie hatte ich ein ganz schlechtes Gefühl, wenn ich an ihn dachte. Seine Bemerkung darüber, dass er sich ungern mit Verlierern abgab, seine Fragen über die Fachats in der Versammlung ... das alles machte mich nervös. Ich wollte noch einmal in Ruhe mit ihm reden, bevor er vielleicht etwas unbedachtes tat.
Also schob ich mich an der Wand des Speisesaals entlang und schlüpfte durch eine Lücke des nicht enden wollenden Stroms von Gästen, die durch die großen Flügeltüren drängten.
Die Empfangshalle hatte sich merklich geleert. Vereinzelt standen noch ein paar Leute zusammen und unterhielten sich angeregt, lachten und scherzten und für einen flüchtigen Moment zauberte dieser Anblick ein leises Lächeln auf mein Gesicht. Doch es verschwand gleich wieder, als ich mir bewußt machte, dass Dwain auch hier nicht war.
Ich überlegte, welche Möglichkeiten ich hatte. Entweder er war hinauf in sein Zimmer gegangen, oder er war noch im Tagungsraum um Kevin weiter über die Fachats auszuquetschen. Andererseits konnte er sich aber auch sonst wo in diesem riesigen Hotel aufhalten und meine Chancen ihn tatsächlich zu finden waren gering.
Ich beschloss, erst einmal im Tagungsraum nachzusehen, es dann in seinem Zimmer zu probieren und wenn ich auch dort kein Glück hatte, würde ich unser Gespräch wohl auf einen späteren Zeitpunkt verschieben müssen.
Ich durchquerte also die Lobby, wandte mich dann nach Links den Gang hinunter und lauschte dabei, ob ich durch die Tür am Ende des Flures irgendwelche Stimmen hörte. Seltsamer Weise drang leises Gemurmel aus einem Raum auf halben Wege dorthin.
Als ich ihn erreicht hatte, blieb ich unsicher davor stehen. Die Tür war nur angelehnt, ich konnte allerdings trotzdem nicht verstehen, was dahinter gesprochen wurde. War das Kevins Stimme? Und die andere? Womöglich Dwain?
Ich fasste mir ein Herz, klopfte kurz an und trat dann ein. Vier Augenpaare richteten sich erschrocken auf mich und ich hatte augenblicklich das ungute Gefühl, dass ich hier nicht sein sollte.
Rebecca, sagte Kevin mit ernster Miene, sprang vom Tisch auf, an dem er eben noch gesessen hatte, und kam mir eilig entgegen. Er versuchte ganz offensichtlich mir den Blick in den Raum zu versperren, doch ich hatte die drei Gestalten, die hinter ihm an dem runden Tisch saßen, bereits gesehen und zwei von ihnen waren mir sehr gut bekannt. Stattler und Thali blickten mir mit angespannter Miene entgegen und zwischen ihnen saß ein junger Mann, dessen blonde Haare ihm ins Gesicht fielen. Sein Blick war starr auf seine Hände gerichtet, die um einen dampfenden Plastikbecher gekrampft waren.
Kann ich ihnen helfen? fragte Kevin. Sein Tonfall klang freundlich, widersprach damit aber seiner angespannten Miene.
Es tut mir leid, ich wollte hier nicht so herein platzen, aber ... ich suche Dwain. Er ist wohl nicht hier also sollte ich wieder ... ,
Sie hat mich gesehen Kev, meldete sich der Fremde zu Wort ohne auf zu blicken. Ich denke, wir sollten sie erst einmal hier behalten.
Das macht doch keinen Sinn, widersprach Thali.
Kevin sah von mir fragend zu Stattler hinüber. Was meinst Du?
Es war ein Fehler ihn hier her zu bringen, aber es ist wohl noch ein größerer Fehler sie einfach gehen zu lassen und nicht zu wissen, was sie den anderen erzählt.
Ich kann schweigen wie ein Grab, sagte ich schnell und fühlte, wie meine Hände vor Angst feucht wurden und meine Knie zitterten. Was ging hier vor?
Der Fremde schnaubte kurz, vielleicht sollte dies so etwas ähnliches wie ein Lachen sein, in meinen Ohren klang es allerdings als hätte er mir ein Schimpfwort an den Kopf geworfen.
Nun gut, seufzte Kevin, fasste an mir vorbei und drückte die Tür ins Schloss.
Sie werden mich doch jetzt nicht umbringen oder so etwas, fragte ich leise und ärgerte mich dabei über das Zittern in meiner Stimme.
Nein, um Gottes Willen Rebecca, Kevin sah völlig irritiert aus so etwas würden wir nie tun.
Ich dachte nur ... weil ... ich ja hier wohl irgendwie zu viel gesehen habe und ... , ich verstummte und biss mir auf die Unterlippe. Ab und zu war Schweigen tatsächlich Gold.
Setzen sie sich, sagte Stattler und deutete auf einen freien Stuhl am Tisch.
Zögernd setzte ich mich in Bewegung. Kevin folgte mir.
Als ich Platz genommen hatte, warf ich einen genaueren Blick auf den Fremden. Als hätte er meine Augen auf sich gefühlt, hob er plötzlich den Kopf und sah mich direkt an. Mein Herz machte einen erschrockenen Satz während ich versuchte, mir äußerlich nichts anmerken zu lassen.
Ich kannte dieses Gesicht, auch wenn es auf erschreckende Weise von meinem Erinnerungsbild abwich. Die blauen Augen waren immer noch die selben, auch wenn inzwischen ein harter Zug darum lag und sein Gesicht hatte immer noch die weichen Konturen, die damals sämtliche Mädchenherzen zum schmelzen gebracht hatten. Seine Haare waren etwas länger als früher, bedeckten beinahe seine Augen und fielen bis auf seine muskulösen Schultern hinunter. Als er jetzt den Kopf wandte um Kevin anzusehen, bekam ich auch eine Ahnung, warum das so war.
Das spärliche Licht der Dämmerung viel auf sein Profil und lies damit die Narbe, die von seinem linken Augenwinkel in einem Bogen hinunter bis zu seinem Mundwinkel führte in einem dunklen Rot aufleuchten.
Nick, das ist Rebecca Swan. Eine von den Neuankömmlingen. Rebecca, das ist Nick Carter, stellte Kevin uns einander vor.
Ich weiß wer er ist, sagte ich leise und konnte meinen Blick nicht von Nicks Gesicht abwenden.
Gefällt Dir nicht, was Du siehst, was? sagte Nick sarkastisch und fixierte mich mit seinen klaren, blauen Augen.
So würde ich das nicht sagen, entgegnete ich und dann, ohne dass ich das wirklich gewollte hätte, streckte ich die Hand aus und fuhr ihm sanft über die verunstaltete Wange. Wie ist das passiert? hörte ich mich sagen und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Wo hatte ich bitte schön mein Gehirn gelassen?
Neugierig bist Du gar nicht, oder? gab er entgeistert zurück.
Tut mir leid. Manchmal geht mein Mundwerk einfach mit mir durch, murmelte ich leise und senkte den Blick.
Was machen wir denn jetzt mit ihr, meldete sich Thali zu Wort.
Ich bin mir nicht ganz sicher, entgegnete Kevin.
Vielleicht kann sie uns nützlich sein, gab Nick zu bedenken, während er mir einen Seitenblick zuwarf und dabei sogar den Ansatz eines Lächelns zeigte.
Wobei? fragte ich sofort.
Alle Blicke wandten sich Kevin zu.
Deine Entscheidung, sagte Stattler zu ihm und Kevin seufzte. Für einen Moment starrte er vor sich hin, schien in Gedanken das Für und Wieder abzuwägen und nickte schließlich.
In Ordnung, sagte er leise, drehte sich dann auf seinem Stuhl in meine Richtung und griff nach meiner Hand.
Rebecca, ich möchte, dass Du das, was in diesem Raum besprochen wird für Dich behältst. Es ist wichtig für uns, für das Überleben der Beobachter und den Frieden hier in New York. Kein Wort, das hier gesprochen wird, darf diesen Raum verlassen. Verstehst Du das?
Ich schluckte und nickte, unfähig auch nur einen Ton heraus zu bringen.
Gut, wieder nickte er. Nick hat vor ungefähr einem Jahr den Weg zu uns gefunden. Damals war er mehr tot als lebendig und es hat eine ganze Weile gedauert ihn wieder auf die Beine zu bringen. Damals war unsere Gemeinschaft nicht sehr groß und ... nun ja ... niemand von den Beobachtern bekam ihn zu Gesicht.
Zu Gesicht, das ist gut Kev, sagte Nick mit einem freundlosen Lachen. Kevin warf ihm lediglich einen warnenden Blick zu und wandte sich dann wieder an mich.
Die ganze Sache war damals seine Idee ...,
Und noch heute bedauert er es täglich ja gesagt zu haben, grinste Nick.
Was wohl auch mehr als verständlich ist, oder? gab Kevin sanft zurück.
Ja Dad, ich weiß. Nicks Grinsen wurde breiter und Thali kicherte leise.
Vielleicht solltest Du die Geschichte erzählen, wenn Du das so komisch findest, sagte Kevin, lies meine Hand los und lehnte sich in seinem Stuhl zurück.
Auf jeden Fall würde ich ein bißchen mehr Schwung hinein bringen, entgegnete Nick selbstsicher.
Dann bitte, tu Dir keinen Zwang an, meinte Kevin und machte eine auffordernde Geste in seine Richtung.
Weißt Du Rebecca, Nick stützte sich mit den Unterarmen auf der Tischplatte ab und blickte mich eindringlich an.
Das ganze Gerede von Freiheit und Frieden ist ja gut und schön. Aber in der Wirklichkeit muß man auch etwas dafür tun. Es reicht nicht, selbst friedfertig zu sein, seiner Arbeit nach zu gehen und für das Wohl der Gemeinschaft zu sorgen. Man muß ab und zu auch einmal etwas riskieren.
Du klingst ein bißchen wie AJ, entfuhr es mir nicht unbedingt was Du sagst, fügte ich schnell hinzu sondern wie Du es sagst. Nick sah mich für einen Moment erstaunt an, dann warf er den Kopf in den Nacken und lachte schallend.
AJ? prustete er. Verzeihung, aber der war echt gut. AJ und ich sind so weit von einander entfernt wie der Nord- vom Südpol, erklärte er. AJ hat aufgegeben. Irgendwo in seinem Herzen ist vor langer Zeit ein Funke erloschen und er weigert sich standhaft, diesen wieder zum Glimmen zu bringen. Zum Glimmen, wohl gemerkt, niemand erwartet, dass er ein riesiges Lagerfeuer anzündet und darum herum tanzt. Aber so ein bißchen gesunder Überlebenswille könnte ihm nicht schaden.
Er ist der Meinung, dass es nichts mehr gibt, für das es sich zu kämpfen lohnt, verteidigte ich ihn.
Ich weiß. Das liegt aber daran, dass er sein riesiges Ego nicht überwinden kann. Ich gebe zu, ich habe auch eine Weile gebraucht. Sieh mich an, forderte er und deutete auf die breite Narbe in seinem Gesicht ich habe nicht nur meine Familie und meine Freunde verloren, sondern auch noch mein Gesicht. Nicht dass ich mich beschweren möchte, immerhin bin ich mit dem Leben davon gekommen, was laut Kevin ein kleines Wunder war und ich habe meine Schuld bereits mehr als bezahlt, aber ... wie soll ich das sagen ... irgendwann muß man aufhören sich selbst zu bemitleiden, Unmengen von Alkohol in sich hinein zu schütten und so zu tun, als sei man ein eigener, verzweifelter Stern in diesem Universum, den keiner erreichen kann.
Hat es denn jemand versucht? fragte ich nach, wohl wissend, dass wir gerade vom eigentlichen Thema abkamen.
Versucht ist gut, schnaubte Kevin neben mir. Wir haben alle stundenlang auf ihn eingeredet, haben versucht für ihn da zu sein, versucht, ihn zu verstehen. Aber irgendwann ... irgendwann hat man keine Kraft mehr dafür. Man steht vor der Wahl einen oder viele zu retten.
Und ihr habt Euch für die Mehrheit entschieden, sagte ich leise.
Ja, das haben wir, antwortete Thali an Kevins Stelle weil wir es mussten.
Schweigen legte sich über die Gruppe am Tisch. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das noch nicht alles war, traute mich aber auch nicht, nach zu fragen.
Vielleicht sollten wir einfach zurück zum eigentlichen Thema kommen, gab Stattler schließlich zu bedenken.
Eine gute Idee, pflichtete ihm Nick bei nur noch so viel, damit wandte er sich an mich wenn Du es schaffst, ihn aus seinem Turm heraus zu locken, werden wir Dir auf ewig dankbar sein. Wir lieben ihn, auch wenn er da wohl anderer Meinung ist und es vielleicht auch nicht immer danach aussieht, doch wir sind der Meinung, dass er sich jetzt nur noch selbst retten kann oder wir gehen alle an ihm zu Grunde.
Amen, sagte Thali feierlich und Nick kicherte leise.
Und nun zu der Geschichte, sagte er dann und faltete die Hände auf der Tischplatte.