Kapitel 15
Die Versammlung
Ich saß in einer der vorderen Reihen und versuchte mein vor Aufregung schnell klopfendes Herz zu beruhigen. Überall um mich herum waren fremde Menschen. Dwain war irgendwie verschwunden, zumindest konnte ich ihn nirgends entdecken, von AJ fehlte auch jede Spur und Kevin und Thali standen auf einem etwas erhöht liegenden Podest an der Stirnseite des riesigen Raumes und unterhielten sich leise miteinander.
Der beinahe quadratische Versammlungssaal mußte vorher so etwas wie ein Tagungsraum gewesen sein. Unmengen von Stühlen waren in ordentlichen Reihen aufgestellt und ein Mittelgang führte zu dem kleinen Podest, auf dem ebenfalls einige Stühle standen. Das diffuse Licht, das durch zwei große Fenster in meinem Rücken herein fiel, tauchte die Szenerie in schmutziges, kaltes Licht und trug somit auch nicht wirklich dazu bei, mich wohl zu fühlen.
Als Thali sich schließlich neben Stattler und Julia auf einen der Stühle auf dem Podest setzte, trat Kevin vor und räusperte sich laut und vernehmlich.
Die letzten Gäste begaben sich auf ihre Plätze, das Gemurmel wurde leiser und verstummte schließlich ganz und AJ schob sich genau in diesem Moment durch die Tür, sah sich für einen Moment suchend um, entdeckten den freien Platz neben mir und steuerte zielstrebig darauf zu.
Kevin beobachtete dies mit zusammengekniffenen Augenbrauen, wartete aber geduldig, bis AJ sich durch die Reihe gekämpft hatte und sich schwer auf den Stuhl neben mir fallen lies.
Wir können dann anfangen, rief er Kevin zu und ich sah, wie dieser hart schluckte. Für einen Moment funkelte er AJ noch böse an, so als überlegte er, ob er darauf etwas erwidern sollte, entschied sich dann aber wohl dagegen.
Meine lieben Freunde, begann er mit lauter, tiefer Stimme es ist schön, Euch wieder alle hier versammelt zu sehen und es erfüllt mich mit Stolz wenn ich unsere kleine Gemeinschaft und das, was wir bisher geleistet haben, betrachte.
Als erstes möchte ich Euch unsere Neuankömmlinge vorstellen. Diesen Monat waren es zwei Menschen, die den Weg zu uns gefunden haben.
Rebecca? Dwain? Würdet ihr kurz hier herauf kommen bitte?
Mein Herz machte einen erschrockenen Satz und meine Beine wurden weich wie Pudding. Am liebsten hätte ich mich in einem Mausloch verkrochen, aber so wie es aussah, kam ich um diese Vorstellungsrunde wohl nicht herum.
Dein Auftritt, sagte AJ neben mir leise und grinste von einem Ohr zum anderen.
Ohne ihn weiter zu beachten stand ich auf, ging, begleitet von lautem Applaus der Anwesenden durch den Mittelgang nach vorne und griff nach Kevins ausgestreckter Hand, die mich auf das Podest hinauf zog. Als ich mich herumdrehte war mein Herz gerade dabei davon zu galoppieren. Von hier oben sah die Zahl der Menschen noch viel größer aus. Sämtliche Reihen waren gefüllt und darum herum standen noch einige Menschen, die keinen Sitzplatz gefunden hatten. Alle starrten Sie mich mit mehr oder weniger freundlichem Lächeln an. Dwain konnte ich allerdings auch von hier oben nicht entdecken.
So wie es aussieht, hat Dwain sich ... , setzte Kevin an, als die Tür aufgerissen wurde und Dwain hereinschneite.
Mit einem kurzen Rundumblick hatte er die Situation erfasst und starrte zu mir herüber.
Ah, scheinbar hat Dwain es doch noch geschafft, lächelte Kevin und machte eine einladende Geste, der Dwain nur zögernd folgte. Schließlich stellte er sich neben mich und sah genau so aus, wie ich mich fühlte. Unsicher senkte er den Blick, vergrub seine Hände tief in den Hosentaschen und versuchte ansonsten so zu wirken, als sei er gar nicht anwesend.
Vielleicht möchtet ihr Euch kurz vorstellen? fragte Kevin weiter.
Ich schluckte und kratzte sämtlichen Mut zusammen, den ich irgendwo in mir finden konnte.
Hallo. Ich bin Rebecca ... wie man wohl unschwer erkennen kann, sagte ich und obwohl ich sehr leise gesprochen hatte, lachten die Anwesenden.
Ich komme aus Kanada und ... ähm ... habe ungefähr ein halbes Jahr gebraucht, um hier an zu kommen. Unterwegs habe ich Dwain getroffen und zusammen haben wir es tatsächlich bis hier her geschafft. Es ist ... uhm ... einfach unglaublich, was wir hier vorgefunden haben und ... ich möchte jedem einzelnen der hier Anwesenden dafür danken, dass wir so ... freundlich aufgenommen wurden.
Ein paar Sekunden wurde wohl darauf gewartet, dass ich noch etwas sagte, doch da ich stumm blieb, erklang erst vereinzelt und dann im ganzen Raum Applaus. Als hätte ich irgendetwas besonderes geleistet.
Als es wieder ruhiger wurde murmelte Dwain neben mir ohne den Blick zu heben, allerdings in einem unglaublichen Tempo ich bin Dwain und alles andere hat Becca ja schon gesagt.
Verhaltenes Gelächter folgte und auch jetzt wurde wieder geklatscht.
Ich sah hoffnungsvoll zu Kevin auf. Er lächelte ihr könnt Euch gerne wieder setzen.
Erleichtert atmete ich auf und begab mich so schnell ich konnte zurück zu meinem Platz. Dwain verschwand in den hinteren Reihen.
Für die Bühne geboren, flüsterte mir AJ grinsend zu.
Nie im Leben, gab ich genau so leise zurück und versuchte mich wieder auf Kevin zu konzentrieren.
Kommen wir nun zu den einzelnen Projekten. Thomas, kommst Du nach vorne?
In meinem Rücken entstand Bewegung und ein untersetzter Mann mit riesigem Schnauzbart und Halbglatze begab sich auf den Weg zur Bühne.
Die nächste Stunde wurde viel über Dinge geredet, die ich nicht ganz verstand. Zu jedem Thema kam ein anderes Mitglied der Beobachter nach vorne
Teilweise ging es um Fortschritte in der Viehzucht, dann wieder um irgendwelche Experimente von denen ich nur so viel verstand, als dass die meisten gescheitert waren, wieder andere erzählten von Energie- und Wasserressourcen und zum Schluß schwirrte mir der Kopf von so vielen Informationen.
In der nächsten Zeit müssen wir uns verstärkt darum kümmern, neue Wohnungen zu erschließen, ergriff Kevin schließlich wieder das Wort. Harvey hat sich schon einmal ein bißchen umgesehen und potentielle Gebäude ausfindig gemacht. Gibt es Freiwillige, die sich an diesem Projekt beteiligen möchten?
Als ich mich umsah, waren bereits fast ein dutzend Finger in die Höhe geschnellt.
Wunderbar, Kevin strahlte. Am besten meldet Ihr Euch bei Harvey und er teilt die Gruppen ein. Stattler und seine Truppe werden Euch begleiten.
Zustimmendes Gemurmelt flutete durch den Raum, während zu meiner Rechten leises Schnarchen an mein Ohr drang. Nicht sehr sanft verpasste ich AJ einen Stoß in die Rippen. Er fuhr in die Höhe und blickte sich irritiert um.
Was? Wie? Ist es schon vorbei? murmelte er und rieb sich dann die Augen.
Nein, es ist noch nicht vorbei, aber wenn Du schon hier bist, könntest Du Dich doch auch für einen Einsatz freiwillig melden, findest Du nicht? entgegnete ich bissig.
Oh nein. Arbeit ist nichts für mich, entgegnete AJ gelassen und gähnte.
Am liebsten würde ich Dir jetzt den Hintern versohlen, sagte ich und verschränkte meine Arme vor der Brust um nicht Gefahr zu laufen das Gesagte tatsächlich in die Tat um zu setzten.
Vergiss es. Das hat schon als Kind bei mir nicht funktioniert, gab er grinsend zurück und lies sich wieder tiefer in seinen Stuhl sinken.
Zu guter Letzt kommen wir noch zu etwas Erfreulichem, fuhr Kevin fort, wobei er sich einen bösen Seitenblick auf AJ nicht verkneifen konnte. In drei Wochen ist unser Jahrestag und wir möchten dies mit einem kleinen Fest feiern. Thali und Rachel haben sich schon ein paar Gedanken dazu gemacht und benötigen jetzt ein wenig Hilfe in der Umsetzung.
Ich beugte mich fragend zu AJ hinüber was für einen Jahrestag meint er?
Vor ziemlich genau zwei Jahren wurde das Hotel hier bewohnbar gemacht. Damals waren hier nur eine Hand voll Leute. Im letzten Jahr haben Kevin und Thali beschlossen, diesen bestimmten Tag zum Jahrestag zu erklären und diesen entsprechend zu feiern. Eine Verschwendung von Zeit und Vorräten, wenn Du mich fragst.
Wieso? Es muß Dir doch entgegenkommen wenn Du an so einem Abend zusammen mit anderen trinken kannst, gab ich zurück. Ich gebe zu, ich wollte ihn verletzen. Ich konnte mir einfach nicht mehr mit anhören, wie er über alles herzog, was diese Gemeinschaft ausmachte.
AJ schwieg und als ich zu ihm hinüber sah, hatte er den Blick starr auf die Bühne gerichtet und seine Kiefermuskeln arbeiteten unablässig, als müssten sie einen ganzen Berg Steine zermalen.
Meine Bemerkung tat mir schon wieder fast leid, doch auch ich blieb stumm. Stattdessen sah ich mich mit einem schnell Blick um. Nach Kevins Eröffnung, dass Hilfe für das Fest am Jahrestag benötigt wurde, waren erneut einige Hände in die Höhe geschossen. Diesmal mit einem großen Anteil an Frauen.
Na, das sieht doch viel versprechend aus, lobte Kevin, während Thali hinter ihm ein paar Notizen in ein kleines Büchlein schrieb.
Wie weit sind wir denn bereits mit den Vorbereitungen? meldete sich eine weibliche Stimme aus den hinteren Reihen.
Thali blickte von ihren Notizen auf und erhob sich dann.
Im Prinzip nicht sehr weit. Rachel und ich haben uns Gedanken über die Rahmenbedingungen gemacht.
Was die Räumlichkeiten betrifft sind wir noch etwas unschlüssig. Hier ist einfach zu wenig Platz und der große Ballsaal neben an kann leider nicht mehr als solcher benutzt werden. Wir haben eine Lagerhalle gefunden, die in der Nähe des Central Parks liegt, wissen aber nicht, ob wir dort ohne Strom feiern können und ob die Sicherheitsvorkehrungen darstellbar sind.
Außerdem brauchen wir helfende Hände was das Essen und die Dekoration betrifft. Vielleicht werden wir auch so eine Art Programm für den Abend aufstellen mit etwas Musik und Tanz, einem kleinen Theaterstück ... Jeder der hierzu eine Idee hat ist herzlich eingeladen uns zu helfen.
Das klingt doch, als könntest Du dazu etwas beisteuern, lächelte ich in AJs Richtung.
Doch er schüttelte lediglich den Kopf ich wüßte nicht, was es hier zu feiern gibt.
Dir ist echt nicht zu helfen, seufzte ich und wandte mich wieder dem Geschehen auf dem Podest zu.
Thali hatte sich wieder gesetzt und Kevin ergriff erneut das Wort.
Gibt es noch irgendwelche Fragen oder Tagesordnungspunkte, die wir noch behandeln müssen?
Einige Finger reckten sich in die Höhe. Hauptsächlich ging es um Fragen der Wohnungssuche und der Verpflegung. Überall hörte man Angst heraus: Angst um Hab und Gut, Angst vor der Zukunft, Angst um das eigene Leben.
Kevin verstand es gut, den Menschen diese Angst zu nehmen und das, obwohl er keinerlei Versprechungen machte, die er eventuell nicht würde einhalten können.
Bitte glaubt daran, dass wir eine Gemeinschaft sind, die funktioniert, sagte er abschließend eindringlich. Uns wurde die einmalige Chance gegeben aus unserem Leben etwas besonderes zu machen. Wir haben dem Stress, der Hektik und den Oberflächlichkeiten der alten Welt den Rücken gekehrt und sind jetzt in der Lage unser Leben selbst zu bestimmen. Niemand wird hier allein gelassen, wir alle sind für einander da und so lange wir fest an dieses System glauben und mit Herz und Verstand dabei sind, kann uns nichts passieren.
Und was ist mit den Fachats? tönte es von hinten und ich hätte schwören können, dass das Dwains Stimme war.
Kevin hielt einen Moment Ausschau nach dem Ursprung dieser Frage, konnte aber wohl in der Menge die entsprechende Person nicht ausmachen, deshalb wandte er sich an uns alle.
So lange die Fachats uns in Ruhe lassen sehe ich keine Grund, warum wir etwas gegen sie unternehmen sollten. Sie haben ihre Daseinsberechtigung. Genau wie wir.
Aber wir sollten vorbereitet sein, oder nicht? Können wir einem gezielten Militärschlag überhaupt Stand halten? Ich drehte mich auf meinem Stuhl herum, genau so, wie die restlichen Anwesenden in diesem Raum. Die Menge um Dwain war inzwischen etwas zurück getreten um ihm den Raum zu lassen, seine Bedenken vorzutragen.
Das möchte ich gerne beantworten, meldete sich Stattler zu Wort und trat neben Kevin. Dieser nickte, setzte sich neben Thali und schlug die Beine übereinander.
Die Fachats sind ohne Zweifel als nicht ungefährlich einzustufen. Aber im Moment stellen sie keine wirkliche Bedrohung da. Sie sind nicht sehr viele, wenn auch waffentechnisch ziemlich gut ausgerüstet. Wir stehen mit ihnen in Verhandlungen was Nahrungsmittel und Gebrauchsgegenstände betrifft und bemühen uns auf einer diplomatischen Basis mit ihnen auszukommen.
Uns allen ist, denke ich, klar, dass das alles vielleicht nicht ausreicht und sollten sie uns in irgendeiner Weise provozieren oder, was Gott verhüten möge, angreifen, sind wir gerüstet. Trotzdem schließe ich mich Kevin an: So lange sie uns in Ruhe lassen, lassen wir sie auch in Ruhe.
Stattler hatte während seiner ganzen Rede Dwain fixiert. Nun lächelte er eines seiner seltenen, offenen Lächeln und fragte sind Ihre Bedenken damit zerstreut?
Dwain zuckte mit den Schultern ich weiß es nicht. Aber fürs erste wird mir das reichen.
Kevin gesellte sich wieder zu Stattler. Wir alle haben Angst Dwain, das ist unser gutes Recht. Aber wenn wir mit hätte, wäre, wenn anfangen, werden wir unseres Lebens nicht mehr froh. Wir müssen auf das Gute im Menschen vertrauen und ebenfalls unser bestes dafür tun, unser Gutes hervor zu holen und auch zu zeigen.
Ein wenig blauäugig, wenn Du mich fragst, flüsterte AJ neben mir.
Hast Du eine bessere Idee? fragte ich zurück, doch er zuckte nur mit den Schultern. War ja klar. Meckern konnte er, aber eigene Ideen hatte er nicht.
Nun gut, wenn es keine weiteren Fragen mehr gibt ... , Kevin klopfte Stattler auf die Schulter, dieser setzte sich und Kevin warf einen kurzen Blick in die Runde. Keine Hand hob sich, niemand sagte etwas, also nickte er lächelnd.
Dann lasst uns beten.
Mit einigem Rumoren standen die Anwesenden von ihren Stühlen auf. Selbst AJ erhob sich. Kevin faltete die Hände und senkte den Blick.
Heiliger Vater. Wir danken Dir für Deine Güte und dass Du uns dieses Leben geschenkt hast. Wir danken Dir für jeden Tag, den wir in dieser Stadt verbringen dürfen und für die Wunder, die Du uns jeden Tag aufs neue vor Augen führst.
Wir bitten Dich, sorge für unsere Verwandten, Freunde und Familien, die Du in Deine Obhut genommen hast. Wir bitten Dich, wache über uns und schenke uns die Kraft diese Welt in Deinem Namen wieder auf zu bauen. Amen.
Ein Chor von hundert Stimmen antwortete mit einem lauten Amen. Für einen Moment blieb es noch still, dann wurden Stühle zurück geschoben, Gemurmel und leises Gelächter erhob sich und die Versammlung war damit beendet.