Kapitel 14
Thali
Als ich spät in der Nacht in mein Zimmer zurückkehrte, fand ich einen Zettel auf dem Boden, der wohl unter der Tür durch geschoben worden war. Es handelte sich um eine Einladung zu der monatlichen Versammlung der Beobachter, die am nächsten Nachmittag stattfinden sollte.
Als ich nun, auf dem Weg dorthin, aus meinem Zimmer trat, begegnete ich Dwain, der ebenfalls gerade seine Zimmertür schloss.
Hey Dwain, lange nicht gesehen, begrüßte ich ihn und ging lächelnd auf ihn zu.
Ja, ich habe mich ein bißchen umgesehen, antwortete er und schob seine Hände in die Hosentaschen. Gemeinsam machten wir uns auf den Weg den Flur entlang und stiegen gleich darauf die Treppe zur Empfangshalle hinunter.
Und? Wie ist Dein Eindruck? fragte ich weiter.
Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht.
Wie meinst Du das?
Ich weiß nicht, ob mir dieses System gefällt und ob ich mein Leben in die Hände eines ehemaligen Popstars und eines arroganten Sergeant legen will.
Sie haben großartiges geleistet, gab ich zu bedenken.
Das mag ja sein, aber wenn es hart auf hart kommt werden sie nichts ausrichten können. Diese Gemeinschaft ist schon jetzt dem Untergang geweiht und ich gebe mich ungern mit Verlierern ab.
Wie kannst Du so etwas sagen? Empört blieb ich stehen, stemmte die Hände in die Hüften und versperrte ihm so den Weg durch die zerstörte Glastür am Fuße der Treppe.
Rebecca, schau Dich doch mal um. Wenn hier jemand herein kommen will, dann tut er das. Und niemand, weder dieser möchtegern Führer Kevin noch der begriffsstutzige Stattler wird ihn daran hindern können.
Und selbst wenn dem so wäre, entgegnete ich mit eisiger Stimme es ist immer noch besser mit einem System, dessen Ziele Gemeinschaft und Frieden sind, unterzugehen als sich mit den hinterhältigen und brutalen Methoden der anderen abzufinden. Dafür hättest Du keinen Krieg benötigt. Sie verkörpern genau das, was wir vorher an unserer Regierung abgelehnt haben.
Dwain schwieg und wir starrten uns für eine Weile unnachgiebig an. Dann seufzte Dwain, zuckte mit den Schultern und schob sich an mir vorbei.
Wir werden ja sehen, murmelte er und verschwand in der Lobby.
Ich hätte auf der Stelle explodieren können. Sah er denn nicht, welche Chance uns hier gegeben wurde? Zeit meines Lebens hatte ich immer nur negatives über die Politiker gehört und dabei war es vollkommen egal welcher Partei oder welcher Nationalität sie angehörten. Wir waren jetzt in der Lage, alles nach unseren Vorstellungen zu gestalten, konnten das Leben führen, das wir schon immer angestrebt hatten.
Nun ja ... vielleicht auch nur das Leben, das ich angestrebt hatte. Wieso ging ich davon aus, dass alle Menschen das gleiche wollten wie ich? Vielleicht hatte es Dwain gefallen nicht denken zu müssen, herumkommandiert zu werden und das alles für einen Hungerlohn, von dem auch noch horrende Steuern abgezogen wurden und von denen man nicht so genau wußte, in welche Taschen sie wanderten. Nein, ich schüttelte den Kopf, das konnte und wollte ich nicht glauben.
Entschlossen drehte ich mich herum und tauchte durch den Türrahmen hindurch. Überrascht blieb ich direkt dahinter stehen und sah mich mit großen Augen um. Die Empfangshalle war angefüllt mit Menschen. Sie lachten und unterhielten sich angeregt, ein paar Kinder liefen kichernd und kreischend zwischen den kleinen Grüppchen hindurch und über allem lag das Gefühl von Wiedersehensfreude.
Hallo, Du mußt eine der Neuankömmlinge sein, hörte ich plötzlich eine freundliche, weibliche Stimme neben mir und erschrocken fuhr ich herum.
Die Frau, die mir gegenüberstand, konnte nicht viel älter als ich sein. Ihr blondes Haar viel ihr in sanften Wellen auf die Schultern, sie hatte wunderschöne, dunkelblaue Augen, ein offenes Lächeln und eine traumhafte Figur.
Ich bin Nathalia, aber die meisten nennen mich Thali, stellte sie sich vor, wobei ihr russischer Akzent kaum zu überhören war.
Mein Name ist Rebecca, entgegnete ich und schüttelte lächelnd ihre ausgestreckte Hand.
Sind alle Neuankömmlinge so leicht zu erkennen? fragte ich und Thali lachte leise.
Wir sind nicht sehr viele und mein Gedächtnis für Gesichter ist ziemlich gut. Ich habe Dich noch nie gesehen ergo mußt Du erst vor kurzem hier angekommen sein.
Klingt logisch, grinste ich.
Die Versammlung ist immer der Höhepunkt des Monats, erzählte Thali. Es ist der einzige Tag, an dem wir uns wirklich alle treffen und man sich darüber austauschen kann was den letzten Monat so passiert ist. Im Grunde ein großes Fest mit ein bißchen Information.
Das klingt doch gut. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt. Irgendwie ... nun ja ... habe ich immer noch das Gefühl an einem komplett fremden Ort zu sein und ... ich weiß auch nicht. Ich vermisse wohl das Gefühl genau zu wissen was ich wann wie und warum tue.
Ich verstehe was Du meinst. Ich kann Dir allerdings versprechen, dass es besser wird, wenn Du Deine Aufgabe gefunden hast.
Meine Aufgabe? fragte ich verständnislos.
Ja, Deine Aufgabe. Kevin sagt dazu immer Deinen Platz in unserer Gemeinschaft. Ich sehe es als Aufgabe. Was kann ich am besten und womit helfe ich der Gemeinschaft am meisten.
Und was ist Deine Aufgabe?
Ich habe mehrere Dinge ausprobiert. Angefangen von der Viehzucht, bei der ich kläglich versagt habe, über Küchendienst, was mich auch nicht wirklich glücklich gemacht hat und schließlich bin ich so etwas wie ... hm ... Kevins Assistentin geworden.
Ein kometenhafter Aufstieg, lächelte ich.
Na ja. So toll wie es sich anhört ist das nun auch nicht. Zugegeben, es macht Spaß aber ... ich weiß auch nicht ... ich möchte den Eindruck vermeiden, dass ich dadurch etwas besseres bin, verstehst Du? Jeder Mensch hier ist wichtig.
Ist schon o.k.. So hatte ich das gar nicht gemeint, entgegnete ich, wohl wissend, dass in ihren Worten durchaus ein Körnchen Wahrheit steckte.
Was hast Du vor dem Krieg gemacht? fragte ich sie, einfach um vom Thema abzulenken.
Ich war Modell, entgegnete sie und eine gewisse Sehnsucht schwang in ihrer Stimme mit.
Und noch dazu ein sehr erfolgreiches, mischte sich eine bekannte Stimme in das Gespräch ein.
Übertreiben brauchen wir auch nicht, entgegnete Thali sofort und ihre Wangen überzog eine leichte Röte.
Kevin lachte und legte ihr einen Arm um die Schulter das mag ich so an Dir. Immer äußerst bescheiden.
Sie lächelten sich für einen Moment an, dann wandte er sich mir zu.
Rebecca, ich sehe Sie haben ihre Einladung gefunden.
Ja, sie war nicht zu übersehen, grinste ich.
Ich werde Sie nachher den Anwesenden vorstellen. Wenn Sie möchten, können Sie gerne etwas über sich erzählen: Wo sie herkommen, was sie erlebt haben ... ,
Klingt nach nem Treffen der anonymen Alkoholiker, unterbrach eine raue Stimme Kevins Ausführungen.
Könnte Dir auch nicht schaden AJ, gab Kevin eisig zurück und lies seinen Arm von Thalis Schulter gleiten.
Ach, das ist Schnee von gestern, winkte dieser ab.
Wenn Du meinst, gab Kevin schulterzuckend zurück. Würdet ihr mich jetzt bitte entschuldigen? Ich muß mich um die Versammlung kümmern.
Thali und ich nickten, AJ lies nicht erkennen, ob er ihn überhaupt gehört hatte und so drehte sich Kevin herum und bahnte sich einen Weg durch die Menge.
Muß das immer sein AJ? fragte Thali mit gerunzelter Stirn.
Muß was immer sein? gab AJ unbeeindruckt zurück.
Dass Du Kevin so blöd von der Seite anmachst.
Ich habe ihn nicht angemacht, empörte sich AJ ich habe lediglich einen Beitrag zu dem Thema Versammlung geleistet. Ich könnte wetten, dass Rebecca hier nicht gerade erfreut ist, sich vor hundert Leute zu stellen um öffentlich ihr Leben vor ihnen auszubreiten, oder? damit wandte er sich an mich und ich wußte nicht so recht, was ich darauf sagen sollte. Es lag mir tatsächlich nicht, vor vielen Menschen zu sprechen, die mich dabei auch noch anglotzten, als sehen sie einen Außerirdischen. Andererseits wollte ich AJ nicht in seiner Ansicht bestätigen, dass sein Umgangston in Bezug auf Kevin gerechtfertigt war.
Ich gebe zu, dass ich es nicht so mit öffentlichen Auftritten habe, aber ... , setzte ich gleich hinzu, als ich AJs triumphierenden Blick in Richtung Thali sah ... Kevin hat durchaus recht. Es kann nicht schaden, wenn mich die Anwesenden ein bißchen besser kennen als nur kurz mein Gesicht zu sehen.
Diejenigen, die Dich kennen lernen möchten, werden das tun. Die anderen lassen es bleiben, gab er schlicht zurück und ich konnte dieser Logik nicht wirklich widersprechen.
Ich werde mal nachsehen, wie weit Kevin ist, sagte Thali, die es scheinbar ebenfalls eilig hatte, von AJ weg zu kommen. Wir sehen uns später Rebecca?
Sicher, nickte ich und gleich darauf war auch sie in den Tiefen der Lobby verschwunden.
Du hast eine ungeheure Wirkung auf Menschen, meinte ich ironisch an AJ gewandt, doch der zuckte mal wieder nur mit den Schultern.
Es ist mir egal, was sie von mir denken. Ich brauche sie nicht und sie brauchen mich nicht.
Das hatten wir doch schon, oder? Jeder hat seine Aufgabe, entgegnete ich nachsichtig.
AJ schüttelte den Kopf Du wirst auch noch dahinter kommen. Das hier ist alles nur Show. Wir sind so kultiviert. Wir halten alle zusammen. So ein Blödsinn. Es hat sich nichts geändert. Jeder ist sich selbst der Nächste und sieht zu, dass er den größten Profit aus den neuen Umständen ziehen kann.
Profit? Wo bitte schön willst Du hier Profit machen? fragte ich entgeistert.
Sieh Dir Kevin und Thali an. Sie sagen, wo es hier lang geht. Ich lasse ungern über mein Leben bestimmen. Andere rackern sich hier ab, misten Ställe aus, gehen auf irgendwelche Expeditionen durch diese Ruinenstadt und riskieren dabei ihr Leben und die beiden hocken in ihrem sicheren, warmen Hotelzimmer und lachen sich ins Fäustchen.
Und was tust Du? fragte ich gerade heraus.
Für einen Moment sah er mich mit funkensprühenden Augen an. Du meinst also, ich tue nichts und ruhe mich auf den Früchten der Arbeit von anderen aus?
Ich meine gar nichts. Ich habe Dich einfach nur gefragt was ... ,
Ich weiß was Du gesagt hast, fauchte er mich an, drehte sich dann auf dem Absatz herum und lies mich einfach stehen.
Entgeistert blicke ich ihm hinterher. So langsam verstand ich, warum Kevin und Thali ihre Probleme mit ihm hatten.