Kapitel 13
AJ

Er befand sich im Haus seiner Mutter, als die Sirenen los gingen. Eben hatten sie noch gemütlich zusammen gesessen: Seine Mom, sein Stiefvater, sein Großvater, sein Onkel und dessen beide Töchter und hatten sich darüber unterhalten, ob es tatsächlich zum Unausweichlichen kommen würde. Sie hatten dem Radio gelauscht, das minütlich über die neusten Entwicklungen in der Welt berichtete: Erneute Giftgasanschläge in Tokio und Russland, erbitterte Gefechte in Westeuropa, Krisenmanagement in den gesamten USA, Adressen von Atomschutzbunkern wurden durchgegeben und die Bevölkerung gebeten, sich so schnell wie möglich an eine solche Sammelstelle zu begeben.
AJ und seine Familie hatten diesen Ruf bisher ignoriert. Sie lebten hier in Florida, Cap Canaveral war schon vor einiger Zeit dem Erdboden gleich gemacht worden und ansonsten gab es hier nichts, dass man aus strategischen Gründen hätte zerstören müssen. Es sei denn, man wollte sich der Rentner und durch geknallten Freaks entledigten, die immer noch die Promenaden bevölkerten, beinahe so, als sei nie etwas passiert.
Vielleicht verschlossen sie auch bewußt die Augen vor dem Unausweichlichen. Hatte es überhaupt einen Sinn, diesen drohenden dritten und wohl auch letzten Weltkrieg zu überleben, wenn danach der Planet Erde sowieso nicht mehr bewohnbar war?
Sein Onkel hatte gerade die These aufgestellt, dass er lieber von einer Bombe in tausende kleiner Stücke zerfetzt werden wollte, als hinterher auf einem leeren, verseuchten und kontaminierten Fleckchen Erde zu leben, als der laute und misstönende Klang der Sirene die nachmittägliche Stille zerschnitt.
Augenblicklich war auf allen Gesicht die Angst zu lesen.
„Bestimmt nur ein Fehlalarm,“ versuchte seine Mutter sie zu beruhigen, doch es half nichts. Plötzlich schien es ihm, als stünde der Feind, wer auch immer das inzwischen war, mitten unter ihnen im Wohnzimmer und grinste sie höhnisch und mit gefletschten Zähnen an.
Alle seine Sinne schrieen GEFAHR! und wie von der Tarantel gestochen fuhr er vom Sofa auf.
„Mom, wir sollten in den Keller gehen,“ schrie er, um das laute Gellen der Sirene zu übertönen.
„Ich denke nicht, dass das ... ,“ setzte sein Onkel an und dann explodierte die Welt um ihn herum.
AJ wurde in die Luft geschleudert und dabei gleichzeitig nach hinten gerissen. Mit der Schulter voran flog er gegen die große Terrassentür, deren Glasscheibe ihm bereits in einzelnen Stücken wie herumwirbelnde Messer entgegen geflogen kam.
Alles um ihn herum drehte sich, erzitterte unter der ungeheuren Wucht mehrere Explosionen, Staub flog auf und verschleierte seinen Blick und dann brannte sich ein gleißendes Licht schmerzhaft in seine Netzhaut ein.
Ungefähr zu diesem Zeitpunkt schlug er hart auf dem gefliesten Boden der Terrasse auf, sämtliche Luft wurde dabei aus seinen Lungen gepresst und blind und taub blieb er am Boden liegen. Schützend hob er die Arme über seinen Kopf und nachdem die Luft in seine Lungen zurück gekehrt war, schrie er so laut vor Angst, Wut und Schmerzen, dass er das Gefühl hatte, sein Schädel würde gleich platzen.
Etwas ungeheuer schweres und hartes traf seinen Oberschenkel und fast sofort wurde sein linkes Bein taub, er hustete und würgte, versuchte sich noch kleiner zu machen und begann lautlos zu beten. Erneut zitterte die Erde unter ihm und ein tiefes, bedrohliches Grollen stieg aus den Tiefen des Bodens unter ihm auf.
Im selben Moment gab es einen Ohren betäubenden Knall und eine heiße Feuerhand griff blitzartig nach ihm. Sie versenkte sein T-Shirt und seine Haare, er bekam keine Luft mehr, seine Lungen fühlten sich an, als seien sie mit flüssigem Feuer gefüllt und die Schmerzen an seinem Körper wurden beinahe unerträglich. Er hatte noch Zeit zu denken, dass das jetzt wohl das Ende war, als sich schließlich gnädige Dunkelheit über ihn senkte.
Er konnte hinterher nicht mehr sagen, wie lange er dort auf dem Boden gelegen hatte. Er vermutete jedoch, dass er eine ganze Weile ohnmächtig gewesen war, bevor die gespenstige Stille in sein Bewußtsein eindringen konnte.
Vorsichtig öffnete er die Augen, blinzelte ein paar Mal und sah trotzdem alles verschwommen. Der Himmel war von einer riesigen Staubwolke verdunkelt und um ihn herum züngelten Flammen an den Trümmern empor.
Gleichzeit mit seinem Bewußtsein, kamen die Schmerzen. Sein linkes Bein konnte er immer noch nicht spüren, dafür brannte sein linker Arm wie Feuer und sämtliche Knochen im Leib schienen gebrochen zu sein. Sein Gesicht brannte, als hätte er zu lange in der Sonne gelegen und er nahm einen unangenehmen Geruch nach verbrannter Haut und Haaren wahr.
Ächzend und Stöhnend stemmte er sich in eine sitzende Positionen. Im selben Moment wünschte er, er hätte das nicht getan. Er fühlte sich, als säße er auf einem Karussell, das sich immer schneller drehte. Sein Magen schlug Purzelbäume und er konnte sich gerade noch ein Stück zur Seite lehnen, bevor er seinen kompletten Mageninhalt unter schmerzhaftem Würgen von sich gab.
Seltsamer Weise ging es ihm danach wesentlich besser. Die Welt hatte aufgehört sich vor seinen Augen zu drehen und sein Blick hatte sich geklärt.
Mit großen Augen sah er sich um und er brauchte lange um zu verstehen, was er sah.
Sein Elternhaus bestand nur noch aus einem großen Haufen rauchender Trümmer, um ihn herum lagen riesige Brocken Mauerwerk, direkt neben ihm war ein Teil des Wohnzimmerschrankes eingeschlagen und er saß in Mitten von Millionen kleiner und großer Glassplitter und Scherben. Seine Hände waren zerschnitten, Blut tropfte von seinem linken Arm auf den Boden, sein linkes Bein stand in unnatürlichem Winkel ab und sein Kopf pochte schmerzhaft im Takt seines rasenden Herzschlages.
Wie hypnotisiert starrte er auf die Stelle, wo sich bis vor kurzem noch die Terrassentür befunden haben mußte. Nichts deutete darauf hin, dass das hier mal ein Haus gewesen war, mit Blumenkübeln auf der Terrasse und bauschigen, weißen Vorhängen an den Fenstern.
Was er jetzt sah war grau, heiß und tot.
Er wandte seinen Blick gen Himmel und aus den Tiefen seiner Brust stieg ein Schrei auf, den selbst Gott noch hören musste.

AJ hielt in seiner Erzählung inne und setzte die Flasche Jack Daniels erneut an, so als könne er die Verzweiflung in sich damit fortspülen.
„Sie waren alle tot,“ sagte er nach einer Weile leise. „Alle, bis auf mich. Ich weiß nicht ...,“ er stockte und schüttelte den Kopf. „Ach, ist ja auch egal.“
„Du weißt nicht, warum ausgerechnet Du überlebt hast,“ vollendete ich seinen Satz und ich konnte erkennen, wie er nickte.
„Diese Frage stelle ich mir auch jeden Tag aufs neue,“ gab ich zu.
„Und? Hast Du eine Antwort gefunden?“
„Nein. Vielleicht werden wir auch niemals einen finden, weil es keinen tieferen Sinn hatte.“
„Wenn ich an diesem Punkt angekommen bin ... wenn ich glaube, dass mein Leben völlig sinnlos gerettet wurde, schieße ich mir ne Kugel in den Kopf,“ gab AJ ruhig zurück und ich zweifelte keine Sekunde daran, dass er das tot ernst meinte.
„Du glaubst also, dass Dein Leben es eher wert war gerettet zu werden?“ fragte ich.
„Ich weiß es nicht. Ich ... nein, eigentlich glaube ich das nicht, denn meine Mom, mein Stiefvater, ja selbst die Leben meiner Cousinen waren schon zu diesem Zeitpunkt mehr wert als meines.“
„Das glaube ich nicht,“ widersprach ich ihm sanft und nahm einen kleinen Schluck aus meinem Glas. Das Zeug schmeckte immer noch nicht besser, aber es wärmte mich von innen.
„Du kennst mich nicht.“
„Das stimmt, aber ... ich bin auch der Meinung, dass es kein Leben gibt, das wertvoller als das eigene ist. Jeder Mensch hat eine Aufgabe zu erfüllen und nur, weil Du diese Aufgabe nicht sehen kannst, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht da ist.“
„Wahrscheinlich ist es meine Aufgabe die Menschen zu nerven und zur Weißglut zu bringen. Bei Kev klappt das immer ganz gut. Er kann sich an mir abreagieren und ist somit zu den anderen immer sehr nett.“ Ein trauriges Lachen begleitete seine Worte.
„Ich denke, in Dir steckt viel mehr, als Du denkst,“ entgegnete ich und beugte mich in meinem Sessel etwas nach vorne.
„Weißt Du, was ich gefühlt habe, als ich diesen Flur da draußen entlang ging und plötzlich Deine Musik gehört habe? Es war ... ,“ ich suchte nach den richtigen Worten und registrierte dabei, wie AJ gespannt an meinen Lippen hing. „ ... es war als hätte jemand für einen Moment die ganze Last von meinen Schultern genommen, verstehst Du? Ich war nach langer Zeit wieder annähernd glücklich und ... ja ... beinahe frei. Verstehst Du was ich meine?“
Er schwieg eine ganze Weile, dann stellte er die Flasche auf den Nachtisch zurück und griff stattdessen nach der Gitarre.
„Na, dann werde ich Dich wohl noch ein wenig glücklich machen,“ sagte er leise und begann an den Seiten zu zupfen.
Gemeinsam schwebten wir auf den sanften Gitarrenklängen davon, erhoben uns über die Ruinen dieses Planeten und schwebten an einen besseren Ort, an dem sich die Menschen liebten und jeder seinen Frieden finden konnte.

Kapitel 14