Kapitel 12
Erkundungstour

Ich beschloss, bei meiner Erkundungstour systematisch vor zu gehen und begann daher im obersten der vier Stockwerke. Als ich am gestrigen Abend Kevin besucht hatte, hatte ich schon einen kleinen Teil davon gesehen und so fiel mir die Orientierung auch nicht sehr schwer.
Ich öffnete die Tür zum Treppenhaus, stieg die Stufen hinauf und trat dort durch eine ähnliche, feuerfeste Metalltür in den langen Gang dahinter.
Das Licht war auf ein Minimum gedimmt und verlieh dem ganzen einen heimeligen Schimmer. Langsam streifte ich durch die Gänge und als ich mir nun die Wände genauer ansah, waren Risse und Blasen im Putz zu erkennen. So ganz unbeschadet hatte also auch dieses alte Gemäuer den Krieg nicht überstanden.
Trotzdem vermittelte es mir ein Gefühl von Sicherheit, etwas, das ich schon eine ganze Weile nicht mehr empfunden hatte. Langsam strich ich mit meinen Händen über die Wände, malte die Konturen der kleinen Wandleuchten nach, und schaute ab und an in Zimmer, deren Türen offen standen.
Die meisten waren in keinem sehr guten Zustand. Fenster waren zerborsten, in einigen von ihnen stapelte sich Schutt bis unter die Decke, manche wurden als Lager für Möbel und Teppiche genutzt und wieder andere standen vollkommen leer.
Zwischendurch gab es immer wieder Türen, die geschlossen waren und ich fragte mich, ob wohl dahinter überall Menschen wohnten.
Schließlich kam ich an das Ende des Ganges. Man hatte den Durchgang einfach mit roten, dicken Backsteinen zu gemauert und sie dann nachlässig grün gestrichen. Zu meiner Linken befand sich eine geschlossene Fahrstuhltür und als ich, einfach nur um zu sehen was passierte, auf den Rufknopf drückte, geschah natürlich gar nichts. Sicherlich waren die Kabinen nicht mehr vorhanden und der Schacht höchstwahrscheinlich verschüttet.
Langsam ging ich zurück zu meinem Ausgangspunkt. Immer noch war es in dem Gang totenstill, nichts regte sich, keine Tür ging auf, niemand begegnete mir.
Ich stieg die Stufen zum dritten Stock hinunter und setzte dort meine Erkundungstour fort. Doch im Endeffekt glich ein Flur dem andren, lediglich die Zimmernummern ließen erkennen, dass man sich in einem anderen Stockwerk befand und auch hier endete der Gang irgendwann vor einer Backsteinmauer.
Trotzdem begab ich mich nach einer Weile in den zweiten Stock hinunter. Auch hier ein langer Gang rechts und links von mir, auch hier gedimmtes Licht, auch hier die gleichen Ansätze von Verfall an den Wänden, auch hier Totenstille.
Ich begann leise vor mich hin zu summen, als ich über den teuren Perserläufer schlenderte.
Erst als ich um die Ecke des Flures bog, fiel mir auf, dass sich etwas verändert hatte. Mein leises Summen war nicht mehr die einzige Geräuschquelle. Wie angewurzelt blieb ich stehen und lauschte. Ganz leise und scheinbar von weit her hörte ich Gitarrenspiel. Die traurige Melodie schien durch den Gang zu schweben und meine Ohren zu umschmeicheln. Trotz der Melancholie darin begann mein Herz vor Entzücken schneller zu schlagen und ich schloss für einen Moment die Augen.
Es war so unvorstellbar lange her, dass ich Musik gehört hatte und das, obwohl es in meinem früheren Leben kaum etwas wichtigeres für mich gegeben hatte. Mein Tag begann mit dem Radiowecker, der sich jeden Morgen um sieben einschaltete, auf dem Weg zur Arbeit lief grundsätzlich irgendeine CD in meinem CD Player und nicht zu letzt hatte sich meine Arbeit ausschließlich um Musik gedreht.
Ein Gedanke formte sich in meinem Kopf, der ein Lächeln auf mein Gesicht zauberte. Ich wußte plötzlich, wie meine Zukunft aussehen könnte, sah meinen Platz in der Gemeinschaft und wie ich ihn ausfüllen würde.
Es fühlte sich seltsam an, dieses aufgeregte Kribbeln in der Magengegend wieder zu spüren, auf meinen Herzschlag zu lauschen, der sich ausnahmsweise vor Freude und nicht vor Angst beschleunigt hatte und sich bewußt zu machen, wie sich mein Gesicht anfühlte, wenn es nicht vor Anstrengung, Trauer oder Angst verzerrt war, sondern vor Freunde strahlte.
Und das alles nur, weil diese seltsame Melodie durch den Raum schwebte. Vorsichtig ging ich weiter, darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen, das die Musik vielleicht hätte stoppen können.
Ich bog um eine weitere Ecke und das Gitarrenspiel wurde lauter. Immer noch konnte ich nicht sagen, woher die Musik kam. Ich ging von Tür zu Tür, richtete alle meine Sinne nur auf die Melodie aus und näherte mich so immer weiter der Quelle.
Schließlich stand ich vor Zimmer 203. Die Tür war nur angelehnt und die Quelle dieser wundervollen Melodie lag ganz eindeutig dahinter. Vorsichtig trat ich einen Schritt näher und blieb dann unschlüssig stehen.
Sollte ich einfach klopfen und den Musiker damit stören? Auf der einen Seite brannte ich darauf, den Menschen kennen zu lernen, der so etwas wundervolles in mein Leben zurück gebracht hatte, auf der anderen war ich aber auch noch nicht bereit, die Musik los zu lassen.
Ich lehnte mich an die Wand neben dem Türspalt, glitt langsam an ihr hinunter und zog die Knie an. Ich legte meinen Kopf darauf und schloss die Augen.
Ich versuchte zu ergründen, ob ich das Lied kannte. Manchmal schien es so, als könnte ich den Titel beinahe greifen, aber dann war mir die Melodie wieder so unbekannt, dass ich sicher war, dass ich sie noch nie gehört hatte.
Ich seufzte leise und lies mich einfach fallen. Ich knipste mein Denken aus, verdrängte die schrecklichen Bilder der Vergangenheit erfolgreich und lies nur noch die einzelnen, traurigen Gitarrenklänge in mich eindringen.
Plötzlich und ohne erkennbaren Grund stoppte die Musik und eine bleischwere Stille senkte sich über den Flur und schien mich beinahe zu erdrücken. Ich wollte protestieren, darum betteln, dass der Mensch hinter der Tür wieder anfing zu spielen, doch ich war nicht in der Lage, mich auch nur einen Millimeter zu bewegen.
„Du kannst ruhig rein kommen,“ hörte ich eine leise Stimme hinter der Tür und ich zuckte erschrocken zusammen.
Ich hielt die Luft an und saß stocksteif da, so als würde das irgendetwas ändern. Ich war entdeckt und sofort verwandelte sich meine Freude in Angst. Wobei ich nicht sagen konnte, woher diese Angst rührte. Vielleicht war das einfach ein ganz normaler Mechanismus, der sich einschaltete, wenn etwas unvorhergesehenes in meinem Leben passierte und davon hatte es im letzten halben Jahr eine ganze Menge gegeben.
„Ich beiße nicht,“ hörte ich erneut die Stimme hinter der Tür und der sanfte Tonfall darin löste schließlich meine Erstarrung.
Langsam stand ich auf, legte eine Hand auf die Tür und schob sie vorsichtig auf. Dahinter empfing mich Dunkelheit, der warme Keil des Flurlichtes, der sich in das Zimmer ergoss, reichte gerade mal bis einen Meter hinter die Tür und im ersten Moment konnte ich nicht einmal irgendwelche Konturen dahinter erkennen. Als blickte man in den Schlund der Hölle.
Dann gewöhnten sich meine Augen an das Dunkel und zwei etwas hellere Rechtecke, formten sich aus der Dunkelheit. Hinter den Fensterscheiben konnte ich sogar die Sterne erkennen und das silbrige Licht des Mondes warf einen kalten Schimmer auf ein Kingsize Bett, auf dem eine Gestalt im Schneidersitz hockte.
„Hallo,“ sagte die Gestalt und in diesem Moment erkannte ich die Stimme.
„Hallo AJ,“ gab ich zurück, trat nun ganz in das Zimmer ein und schob die Tür hinter mir zu.
„So spät noch unterwegs?“ fragte er und verschränkte die Arme lässig auf der Gitarre in seinem Schoß.
„Ich habe mich ein wenig umgesehen,“ gab ich zurück, sah mich für einen Moment suchend in dem Raum um und ging dann zu einem kleinen Sessel, der gegenüber dem Bett an der Wand stand und ausreichend Abstand zu der darauf kauernden Gestalt bot.
Ich setzte mich und zog die Beine unter den Körper.
„Würdest Du noch ein wenig für mich spielen?“ fragte ich leise und ich konnte sein Lächeln mehr erahnen als sehen.
„Es hat Dir gefallen?“
„Ja, das hat es.“
„Das freut mich, aber ich denke, für heute habe ich genug gespielt.“
Zu meiner großen Enttäuschung nahm er die Gitarre von den Knien und stellte sie vorsichtig neben dem Bett ab.
Seine Hand wanderte dann zu einem kleinen Nachtisch, auf dem eine viereckige Flasche stand. Er setzte sie an und nahm einige kräftige Schlucke davon.
„Auch ein wenig Jack Daniels?“ fragte er mich, während er sich mit dem Ärmel seines Pullovers den Mund abwischte und schwenkte die Flasche in meine Richtung.
„Warum nicht,“ gab ich zurück und beobachtete, wie er sich vom Bett erhob, ins Badezimmer ging und mit einem Glas zurück kam.
Mit etwas unsicheren Schritten kam er auf mich zu, füllte etwas von dem Whisky in das Glas und streckte es mir dann entgegen.
Die Flüssigkeit brannte in meinem Hals und ich verschluckte mich beinahe augenblicklich.
Hustend und mit Tränen in den Augen versuchte ich wieder zu Atem zu kommen, während sich AJ wieder auf das Bett setzte und leise kicherte.
„Du bist das Zeug nicht gewöhnt, kann das sein?“ schmunzelte er.
„Zumindest nicht so gut wie Du,“ krächzte ich und sein Kichern verstummte augenblicklich.
„Wenn Du mir jetzt einen Vortrag über das Trinken halten willst, kannst Du gleich wieder gehen,“ sagte er grob und nahm demonstrativ einen erneuten Schluck aus der Flasche.
„Ich denke, ich bin die Letzte, die Dir irgendwelche Vorträge halten will. Jeder versucht mit seinem jetzigen Leben auf andere Weise klar zu kommen,“ erwiderte ich schulterzuckend und lehnte mich in meinem Sessel zurück.
Er schien mich ausgiebig zu mustern, obwohl ich mir sicher war, dass er nicht mehr als meine Silhouette erkennen konnte.
Mit seinem jetzigen Leben,“ wiederholte er „ich glaube, das ist ein guter Ausdruck für das hier.“ Er schwenkte die Flasche einmal im Kreis, bevor er sie wieder in seinen Schoß sinken lies.
„Wie bist Du denn hier gelandet?“ fragte ich ihn und er zuckte mit den Achseln.
„Ich nehme mal an, wie alle anderen auch. Irgendwann macht man sich eben auf die Suche.“
„Und? Hast Du gefunden, was Du suchtest?“
„Ich würde mal sagen, meine Erwartungen wurden nicht unbedingt erfüllt.“
„In wiefern?“
„Möchtest Du vielleicht meine ganze, verdammte Lebensgeschichte hören?“ Es lag eine gewisse Aggressivität in seiner Stimme, die mich jetzt allerdings nicht mehr schreckte. Ich hatte ihn mittlerweile als harmlos eingestuft. Ein Trinker, das ganz sicher, aber auch ein Mensch, der seine Gefühle durch Musik ausdrückte und mir damit sehr sympathisch war. Ich traute ihm nicht zu in irgendeiner Weise handgreiflich zu werden.
„Ich würde Dir zumindest zuhören,“ gab ich also zurück und für eine ganze Weile blieb es Still auf der anderen Seite des Zimmers.
„Ach, was soll’s,“ sagte er schließlich und mit schleppender Stimme begann er zu erzählen.

Kapitel 13