Kapitel 11
Das Lager
Wir verbrachten fast den gesamten Tag im Central Park. Dwain und ich wurden einigen Leuten vorgestellt, die alle samt unglaublich freundlich waren und sich sichtlich darüber freuten, dass ihre kleine Gemeinde von Überlebenden zwei neue Mitglieder hinzu gewonnen hatte.
Kevin zeigte uns die Lagerhallen, in denen zum einen die Erträge aus den diversen Feldern und Gewächshäusern lagerten und zum anderen alle möglichen Werkzeuge, Gerätschaften und Dinge des täglichen Bedarfs aufbewahrt wurden.
Stattler erklärte, dass täglich so genannte Suchmannschaften ausgeschickt wurden, die in den Trümmern nach brauchbaren Gegenständen suchten. So hatte man nach und nach eine beachtliche Sammlung von Dingen zusammengetragen. Zwischen den nützlichen Sachen wie Werkzeug, Geschirr, Möbeln, Kleidern und Kleinigkeiten wie Zahnbürsten, Kugelschreibern und Haarklammern, gab es allerdings auch Gegenstände, die in dem Leben, wie wir es jetzt kannten, eigentlich keinen Zweck mehr erfüllten.
In einem riesigen Raum fanden sich z.B. Schallplatten, Tapes und CDs, die bis an die Decke gestapelt in Regalen lagen.
Wozu ist das gut? fragte ich Kevin sagen Sie bloß, sie haben einen Weg gefunden, sie ab zu spielen?
Es gibt tatsächlich noch einige Geräte, die mit Batterien laufen, lächelte Kevin aber eigentlich ist das hier so eine Art Archiv. Wer weiß, was in fünfzig Jahren sein wird? Wir haben uns entschlossen, das alles für die Nachwelt auf zu bewahren.
Musik stirbt nie, entgegnete ich und nickte dabei nachdenklich. Wehmütig schlenderte ich an den endlosen Reihen von Plastikhüllen entlang. Wir hatten das alles so unglaublich lange für selbstverständlich gehalten. CD in den Player einlegen, Knöpfchen drücken und schon schallte uns die Musik von Madonna, Michael Jackson oder den Backstreet Boys entgegen.
Ich zog eine Hülle hervor und lächelte.
Sie sind auch verewigt, sagte ich an Kevin gewandt und hielt ihm das Album mit dem klangvollen Namen Millenium entgegen.
Uhm ... ja ... , er nahm mir die Hülle aus der Hand, warf einen kurzen Blick darauf und stellte sie dann wieder zurück in das Regal. Aber das alles ist Vergangenheit und ehrlich gesagt beschäftige ich mich damit sehr ungern.
Oh, tut mir leid. Ich hätte wohl ... ich haben nicht nachgedacht ... ich ... , innerlich schlug ich mir mit der Hand gegen die Stirn. Ein Trampeltier hätte weniger Schaden angerichtet.
Ist schon gut, Kevin lächelte bereits wieder und legte mir sanft eine Hand auf den Arm lassen Sie uns weiter gehen.
Und damit verließen wir den Raum der Musik.
Inzwischen war es dunkel geworden und ich lag wieder in meinem Zimmer auf dem äußerst bequemen Bett und starrte an die Decke. Ich versuchte das heute gesehene irgendwie zu begreifen, rief mir noch einmal sämtliche Kleinigkeiten ins Gedächtnis und lief in Gedanken erneut die langen, voll gestellten Gänge der Lagerhallen ab. Dwain und ich hatten jeder eine handvoll Dinge mit genommen, die wir unbedingt brauchten.
Zahnbürsten, ein Stück Seife, sogar einen Deoroller hatte ich aus einem Berg von mindestens tausend der unterschiedlichsten Marken hervor gezogen. Ich kam mir vor wie im Schlaraffenland und versuchte mir immer wieder krampfhaft ins Gedächtnis zu rufen, dass diese Vorräte nicht ewig ausreichen würden. Sicher, wer benötigte schon einen Deoroller für das tägliche Überleben, aber wie sah es mit den anderen Dingen aus? Nahrungsmittel waren nicht so sehr das Problem und das beruhigte mich ein wenig, aber wie sollte man Dinge, die z.B. aus Metall hergestellt waren ersetzen, wenn sich in ganz New York nichts mehr finden lies?
Kevin hatte auf meine entsprechende Frage die Schultern gezuckt.
Unsere Vorfahren haben das alles auch hin bekommen. Wir haben ein Team von 10 Leuten daran gesetzt, die so eine Art Wirtschaftsplan aufstellen. Wie können wir aus dem was wir haben mehr machen und durch was könnte man bestimmte Dinge ersetzen oder sogar selbst herstellen. Das alles ist ein langwieriger Prozess, und wer weiß? Vielleicht wird die Menschheit den Zeitpunkt gar nicht mehr erleben, an dem uns die Vorräte ausgehen.
Der letzte Satz war so untypisch für ihn, dass ich ihn für einen Moment mit offenem Mund anstarrte. Bisher hatte er immer äußerst zuversichtlich und positiv geklungen. Sein Motto schien Motivation zu sein und nicht die Schwarzmalerei die ich von so vielen anderen kannte.
Dass er auch nur an das Ende der Menschheit dachte, erinnerte mich daran, dass auch er nur ein Mensch und keines Falls ein neuer Gott war, dem wir alle blind gehorchten mußten. Auch er hatte seine Schwächen und auch er litt unter den neuen Verhältnissen.
Das alles ging mir durch den Kopf, während ich auf dem Bett lag und ganz langsam machte sich eine Unruhe in mir breit, von der ich nicht wußte wo her sie kam, die mich aber unaufhaltsam aus dem Bett trieb.
Für eine Weile stiefelte ich in meinem Zimmer auf und ab, bewunderte für einen Moment mit angewiderter Faszination die Aussicht aus meinem Fenster, wusch mir dann die Hände, öffnete den Kleiderschrank und blieb schließlich vor der Zimmertür stehen.
Vielleicht wurde es langsam Zeit, mir das Hotel ein wenig näher an zu sehen.