Kapitel 10
Der Central Park

Ich hatte das Frühstück verschlafen. Verdammt! Als ich die Augen öffnete hatte ich im ersten Moment Mühe mich daran zu erinnern, wo ich eigentlich war. Ich registrierte noch im Halbschlaf die weiche Matratze, die Stille und das Gefühl der Wärme, schlug dann verwirrt die Augen auf und blickte an die blütenweiße Decke mit den Stuckverzierungen. Und da fiel es mir wieder ein.
Das Walldorf Astoria, Kevin, Stattler, das Abendessen ... und meine Verabredung für den heutigen Morgen.
Ein schneller Blick aus dem Fernster verriet mir, dass die Sonne (soweit zu sehen) bereits hoch über uns stand. Nachdem keine unserer Uhren noch funktionierte hatte ich gelernt mich daran zu orientieren. Frühstückszeit war auf jeden Fall lange vorbei.
Sofort war ich hellwach, sprang aus dem Bett und nach einer viertel Stunde trat ich gewaschen und in frischen Kleidern hinaus in den Flur.
Ich trat in das Treppenhaus und hüpfte förmlich die Stufen der drei Stockwerke hinunter. Am Ende erwartete mich eine Tür, dessen Glasscheibe nicht mehr existierte und ich trat mit eingezogenem Kopf hindurch, ohne sie zu öffnen.
Hinter dem Eingangsportal sah ich zwei bewaffnete Wachen stehen, zu meiner Rechten saßen Stattler, Kevin und Dwain in einer der gepolsterten Sitzgruppen und unterhielten sich angeregt, ansonsten schien die Lobby auch heute verlassen zu sein.
Kevin und Stattler standen höflich auf als ich mich mit einem Lächeln näherte, Dwain blieb wo er war und starrte Gedanken verloren vor sich hin.
„Guten Morgen Rebecca,“ begrüßte mich Kevin, während Stattler mir lediglich freundlich zu nickte.
„Guten Morgen. Ich befürchte ich habe länger geschlafen als beabsichtigt,“ gab ich verlegen zu, was Kevin ein Schmunzeln entlockte.
„Kein Problem. Ich habe etwas vom Frühstück für sie gerettet,“ und wie ein Zauberer zog er etwas hinter seinem Rücken hervor, das in ein sauberes, blaues Taschentuch eingewickelt war.
Zum Vorschein kam ein riesiges Stück Marmorkuchen und ich wäre Kevin am liebsten um den Hals gefallen.
„Vielen Dank,“ lächelte ich glücklich und war schon dabei mir die ersten vorsichtig abgebrochen Stückchen Kuchen in den Mund zu schieben.
Dwain hatte immer noch keinen Ton gesagt und so beugte ich mich zu ihm hinunter und tippte ihm auf die Schulter.
„Guten Morgen Dwain. Bist Du schon wach?“
Er sah verwirrt zu mir auf. Scheinbar hatte ich ihn tatsächlich aus seiner ganz eigenen Gedankenwelt gerissen.
„Na ja, fast,“ gab er zu und erhob sich nun ebenfalls aus seinem Sessel.
„Wenn Rebecca ihren Kuchen gegessen hat, können wir aufbrechen,“ sagte Stattler und machte Anstalten, sich wieder hin zu setzen.
„Oh nein,“ wehrte ich ab „wegen mir können wir gleich los. Ich brenne darauf mir alles an zu sehen.“
„Na dann mal los,“ grinste Kevin und ging uns voraus durch die Lobby, an den beiden Wachen vorbei hinaus auf die Straße.
Draußen standen Julia und ein weiterer Mann in Tarnuniform. Er hatte das unvermeidlichen Maschinengewehr über die Schulter gehängt, dichtes, schwarzes, lockiges Haar und fast ebenso schwarzen Augen in einem blassen, jugendlichen Gesicht.
Sie rauchten gemeinsam eine Zigarette, doch als sie uns kommen sahen, warf der Mann die Zigarette auf den Boden und trat sie mit dem Absatz seiner schweren Stiefel aus.
„Julia kennen sie ja bereits,“ sagte Stattler und die junge Frau nickte mir zu. Dann klopfte er dem jungen Mann auf die Schulter „und das hier ist Majo. Fragen sie ihn lieber nicht, wie er zu dem Namen gekommen ist,“ grinste Stattler und Julia kicherte. „Die beiden werden uns begleiten. Am Tag ist es hier nicht ganz so gefährlich, aber wir müssen trotzdem vorsichtig sein. Wenn möglich bleiben sie dicht bei uns und unternehmen sie keine Erkundungen auf eigene Faust.“
Ich nickte während Dwain sich interessiert umschaute und keines von Stattlers Worten mit zu bekommen schien.
Gleich darauf setzten wir uns in Bewegung. Julia ging mit Stattler voraus, Kevin und ich folgten gleich dahinter, Dwain befand sich irgendwo in meinem Rücken und Mayo bildete die Nachhut.
Je weiter wir nach Norden kamen, desto frei geräumter wirkten die Straßen. Die Häuser links und rechts der Straße waren bestenfalls noch als Ruinen zu bezeichnen, aber sämtliche Trümmer waren von der Straße zur Seite geräumt worden. Fast erwartete ich, dass an der nächsten Ecke ein Taxi um die Ecke bog, dass ich die Querstraße hinunter sah und dort Menschen entdeckte, die ihren Einkäufen nach gingen oder eilig zu ihrem nächsten Termin hasteten. Doch natürlich sah ich nichts von alledem.
Graue, zerstörte Häuserfronten, leere Bürgersteige, aufgeplatzte Straßenabschnitte und ein leichter Wind, der den Geruch von Staub und Leere zu mir herüber wehte.
New York wirkte verlassen und somit mehr als unheimlich. Vielleicht war dies sogar der unheimlichste Anblick, dem ich seit dem Begin meiner Reise ausgesetzt war. In dieser großen Stadt sollte so etwas Leben herrschen, stattdessen empfing mich an jeder Ecke Zerstörung und Trostlosigkeit.
„Es ist ziemlich beängstigend, nicht wahr?“ sagte Kevin neben mir und nur widerwillig löste ich meinen Blick von den zerstörten Häuserfronten.
„Ich glaube, es ist die ungeheure Größe,“ gab ich nachdenklich zurück „hier scheint man die Wahrheit mit Händen greifen zu können. Was für uns unterwegs nur eine ungefähre Ahnung der Ausmaße war, wirkt hier so unglaublich ... plastisch.“
„Ich verstehe was sie meinen. Es ist schwer vorstellbar, dass Millionen von Menschen einfach vom Erdboden verschwunden sind,“ gab Kevin zurück und ich schluckte schwer.
„Ja. Es scheint, als seien wir hier der absoluten Wahrheit am nächsten.“
Schweigend legten wir die nächsten Meter zurück. Das bedrückende Gefühl wollte nicht weichen und ich schaute mich unbehaglich nach Dwain um. Sein Kopf ruckte von einer Seite zur anderen, so als wolle er alles auf einmal in sich aufnehmen und in seinem Gedächtnis speichern. Ich konnte nicht genau sagen was es genau war, aber sein Anblick lies mir einen kalten Schauer über den Rücken rieseln.
„Wir sind da,“ vernahm ich plötzlich Kevins Stimme und als ich meinen Blick wieder nach vorne richtete, ragte vor uns der große Eingang zum Central Park auf.
Der Platz davor hatte unter den diversen Bombeneinschlägen schwer gelitten und die einstige Pracht war nur noch zu erahnen, trotzdem erfüllte mich der Anblick mit einer gewissen Vorfreude.
Nacheinander betraten wir den Park, der nicht mehr viel mit der einstigen, grünen Oase gemein hatte. Wo früher Bäume und Sträucher saftige Rasenflächen umstanden hatten, waren jetzt nur noch Gerippe und verbrannte Erde übrig geblieben. Man konnte sicherlich fast eine Meile weit in die Ferne sehen und was ich da erblickte, lies mich unvermittelt stehen bleiben, so dass mich Dwain beinahe über den Haufen rannte.
„Wow,“ brachte ich irgendwie heraus und sah mich mit großen Augen um.
Die Schotterwege waren weit gehend erhalten geblieben, doch sie wanden sich jetzt nicht mehr um betonierte Skaterparadiese, Rasenflächen oder Baseballfelder herum, sondern um diverse Gatter, mit einer unglaublichen Anzahl an Tieren darin, Ackerflächen und kleineren Lagerhallen.
Dazwischen konnte ich einige Personen ausmachen, die die Tiere versorgten, sich um die diversen Pflanzen kümmerten oder einige Werkzeuge von einem Ort zum anderen trugen.
„Das hier ist so zu sagen unsere Vorratskammer,“ erklärte Kevin und ging uns voraus. „Wir haben in der Vergangenheit sämtliche Tiere eingefangen, denen wir habhaft werden konnten. Außerdem hatten wir Glück und haben einen Lieferanten für Saatgut gefunden, dessen Lagerhallen nicht komplett zerstört waren. Wir bauen hier Mais, Weizen und Zuckerrüben an und etwas weiter hinten gibt es Gewächshäuser mit diversen Gemüsesorten.“
„Das ist wirklich fantastisch,“ murmelte ich leise und spürte, wie mir das Wasser im Munde zusammen lief. Wie konnte ich nur schon wieder Hunger haben?
Mit großen Augen betrachtete ich alles um mich herum. Der Weizen leuchtete warm und golden und ich mußte meine Finger über die Ähren gleiten lassen um tatsächlich zu realisieren, dass ich nicht träumte.
Der Mais war noch nicht reif, doch es zeigten sich bereits die ersten, grünen Triebe, aus denen später die Maiskolben hervor gehen würden. Endlos erstreckten sich die Felder bis zum Horizont, wo man im blassen Dunst die Gerippe der zerstörten Gebäude sehen konnte.
Das Muhen von Kühen drang an mein Ohr, einige Ziegen antworteten meckernd und der Geruch nach Tier, Mist und Stroh stach mir in die Nase.
Wieder und wieder blieb ich an den Gattern stehen, streichelte die weichen Nasen der Kühe, beobachtete lächelnd eine Schweinefamilie, die sich grunzend in einer großen Schlammgrube wälzte und schüttelte dabei immer wieder ungläubig den Kopf.
Dass ich das ganze hier sehen und anfassen konnte, hieß noch lange nicht, dass ich wirklich begriff, was hier vor sich ging. Ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was für eine Kraftanstrengung es gewesen sein musste, das hier alles auf zu bauen. Felder mußten gepflügt und nutzbar gemacht werden, die Gatter für die Tiere hatten errichtet werden müssen, wo auch immer sie die Holzbalken dafür her bekommen hatten und nicht zu letzt mußte das alles hier verwaltet, gehegt und gepflegt werden.
Ich konnte einfach nur staunen. Wir hatten auf unserer Reise ganz selten Tiere gesehen und wenn, dann war an ihnen nicht mehr als Haut und Knochen dran gewesen. Doch diese Tiere hier sahen gesund aus und wirkten so unglaublich normal, dass mein Herz vor Glück heftig in meiner Brust schlug.
Wieder hatte sich ein Mosaiksteinchen zu den bereits vorhandenen der Stadt der Träume dazu gesellt und mir war, als könne ich beinahe das gesamte Bild überblicken. Doch es sollte sich heraus stellen, dass ich noch nicht einmal ansatzweise begriffen hatte, was hier eigentlich vor sich ging.

Kapitel 11