Kapitel 9
Regeln
Haben Sie Kristin gefunden? flüsterte ich und Kevin schüttelte den Kopf.
Nein. Irgendwann...nun ja...irgendwann waren alle Überlebenden ausgemacht und Kristin war nicht unter ihnen. Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und für einen Moment sah es so aus, als würde er einfach aufstehen und davon laufen. Der Schmerz war wieder in sein Gesicht zurück gekehrt und diesmal machte er sich nicht die Mühe, ihn vor mir zu verbergen.
Wie können Sie sich so sicher sein, dass sie nicht New York auf der Suche nach Ihnen verlassen hat? Ich meine...sie könnte genau so gedacht haben wie Sie.
Diese Möglichkeit habe ich von Anfang an in Betracht gezogen...natürlich. Ich...habe ihr eine Nachricht in Washington hinterlassen. In einen Stein eingeritzt und an dem Platz positioniert, auf dem sie in die Stadt hinein kommen mußte.
Doch in der Zwischenzeit sind zwei Jahre vergangen. Wäre sie noch am Leben, wäre sie hier, das weiß ich genau so sicher, wie ich jetzt weiß, dass sie hier neben mir sitzen.
Ich verstehe, sagte ich leise und nippte an meinem Wein.
Für eine Weile schwiegen wir und hingen unseren eigenen Gedanken nach. So viel Tod und Zerstörung und für was das alles? Die Leute, die den Krieg irgend wann einmal angefangen hatten, lebten nicht mehr, um sich über ihren Triumph freuen zu können.
Manchmal wünschte ich mir, dass sie ihr Werk jetzt bewundern könnten, dass sie genau so wie wir in diesem Chaos leben mußten und dass sie, ebenso wie wir, ihre Familien und Freunde verloren hatten. Ich fand, das sei die gerechte Strafe für das, was sie der Menschheit angetan hatten.
Wie ging es dann weiter? fragte ich schließlich um uns beide von unseren trüben Gedanken ab zu lenken.
Für einen Moment dachte ich, Kevin würde nicht antworten, doch er schien sich zusammen zu reißen, griff nach seinem Weinglas und schien zu überlegen.
Stattler hat mich mehr oder weniger wieder aufgepäppelt. Als ich hier ankam, gab es nicht mehr als eine Hand voll Menschen, die das Disaster überlebt hatten. Nach und nach sind immer mehr zu uns gestoßen. Sie kamen durch den Tunnel, so wie Sie und ich, oder von der anderen Seite wie Brooklyn oder Queens. Wir haben das Hotel ausfindig gemacht und unsere erste Anstrengung lag darin, es hier wieder einigermaßen bewohnbar zu machen.
Später, als wir mehr helfende Hände hatten, haben wir im Umkreis etwas Ordnung geschaffen. Wir haben unzählige Leichen begraben, die Trümmer versucht weit gehend weg zu räumen und so etwas wie eine Ordnung, an die sich alle zu halten haben, wieder her zu stellen.
Wie haben sie das alles nur geschafft? Ich meine...rein durch Muskelkraft ist hier doch bestimmt nichts aus zu richten gewesen.
Das stimmt allerdings, und ein leises Lächeln spielte um Kevins Mundwinkel Wir hatten viel Glück. Es gab tatsächlich noch einige Räumfahrzeuge, die sich nach einiger Zeit von der elektronischen Schockwelle erholt hatten. Bagger, sogar einen Kran, den wir aber nicht von der Stelle bewegen konnten, zwei Lastwagen und einen Jeep.
Leider hatten wir nur eine begrenzte Menge an Sprit zur Verfügung, so dass wir irgendwann aufgeben mußten. Aber bis dahin haben wir es wohl ganz gut hin bekommen.
Das kann man nur so sagen, pflichtete ich ihm bei und nickte anerkennend. Ich konnte mir kaum vorstellen, was für einen Kraftakt diese Menschen hinter sich gebracht haben mußten. Nur zu gut wußte ich um die riesigen Trümmer, die überall verstreut lagen und das Chaos, dem man sich kaum entziehen konnte.
Woher kommen Ihre Vorräte? fragte ich weiter nach zwei Jahren dürfte es doch schwierig sein, noch einigermaßen genießbares Fleisch auf zu treiben.
Ich werde Ihnen morgen unsere Lagerhalle vorführen, grinste Kevin der Central Park wurde zu so einer Art...nun ja...Farm umfunktioniert. Man sollte es kaum glauben, aber selbst im tiefsten New York wurden Kühe und Schweine gehalten. Nun ja...nach dem Gestank zu urteilen, der früher teilweise über dieser Stadt lag, wundert mich das eigentlich nicht.
Jedenfalls...wir haben eine stattliche Anzahl an Tieren eingefangen und in Gatter gesperrt. Die ersten Nachkommen sind tatsächlich schon unterwegs, wobei wir noch nicht wissen, welche Auswirkung die nukleare Katastrophe auf die Tiere hatte. Ich befürchte, wir werden Kälber mit zwei Köpfen sehen oder Ferkel, denen lebenswichtige Organe fehlen. Aber vorerst hoffen wir mal auf das Beste.
Aber unsere Tomaten und Zucchini...also...sie werden ihren Augen nicht trauen. Bei diesen Worten umspielte erneut ein Grinsen seine Lippen, das diesmal sogar bis zu seinen Augen reichte und ich lehnte mich etwas entspannter zurück.
Dieser Mann wußte, von was er redete und er hatte scheinbar auch einen Plan für uns Schiffbrüchige im Kopf. Ich war sehr gespannt darauf, mehr über dieses System zu erfahren.
Es gibt einige Regeln, denen wir hier folgen, sagte Kevin schließlich und sah mir nun direkt in die Augen ich möchte nicht, dass ich jetzt schulmeisterisch oder so etwas wirke, aber ohne diese Regeln kommen wir hier einfach nicht zurecht.
Das verstehe ich. Also...nur heraus damit, gab ich zurück.
Nun, Regel Nummer eins: Du sollst nicht töten.
DAS klingt einfach, lächelte ich, doch Kevin blieb ernst.
Sie werden nicht glauben, wie wichtig diese Regel hier ist. Es gibt kein Geld, alles was wir erwirtschaften, geht zu Gunsten der Gemeinschaft. Habgier, Neid und Mißgunst sind durch den Krieg nicht ausgerottet worden. Für Viele ist es ein sehr beängstigender Gedanke, kein Eigentum mehr zu besitzen, man fällt schnell wieder in alte Muster zurück.
Ich erinnerte mich an meine letzte Schießerei. Dwain und ich hatten uns durch Zufall in einen kleinen Supermarkt verirrt, der, Gott weiß warum, noch einigermaßen unversehrt geblieben war. Die Regale waren längst leer geräumt, aber unter einem der untersten Bretter hatte ich eine Packung Kekse entdeckt.
Weit waren wir damit allerdings nicht gekommen. Als wäre an der Packung ein Alarmsignal befestigt gewesen, tauchten dunkle Gestalten auf, kaum das wir den Supermarkt wieder verlassen hatten.
Schließlich gaben wir ihnen mehr oder weniger freiwillig die Packung Kekse zurück und kehrten diesem Ort so schnell es ging den Rücken.
Zwei unserer Angreifer hatten den Kampf um das trockene Gebäck allerdings nicht überlebt.
Am Anfang waren wir alle recht motiviert. In dem Moment, als es so eine Art Plan zur Wiederauferstehung von New York gab, halfen alle tatkräftig mit. In der Zwischenzeit geht es allerdings darum, unseren Lebensunterhalt zu sichern. Für manche Menschen ist es einfach schwierig mit der neuen Situation um zu gehen und das Kollektiv zu sehen und nicht nur sich selbst.
Ich denke, ich habe verstanden, nickte ich.
Tut mir leid, wenn ich zu viel rede, sagte Kevin zerknirscht und nippte unbehaglich an seinem Wein.
Nein, nein, das ist schon o.k., sagte ich schnell Es ist wichtig, das jeder, der hier her kommt, versteht, warum diese Regeln aufgestellt wurden.
Danke, sagte Kevin, jetzt wieder um einiges entspannter.
Was ist mit Regel Nummer zwei? fragte ich, um ihm das Weiterreden leichter zu machen.
Regel Nummer zwei, antwortete er Alles, was für den Lebensunterhalt benötigt wird, gehört der Gemeinschaft.
Also kein privater Besitz? fragte ich etwas erschrocken zurück.
Natürlich gibt es so etwas noch. Aber die Lebensmittel und was wir dafür brauchen, um sie an zu bauen, die Dinge, die uns alle nützlich sein können wie Werkzeuge oder auch, so leid mir das tut, Waffen, werden an einer zentralen Stelle verwaltet. Nur so schaffen wir es, das jeder genug davon bekommt.
Ich verstehe. Wie funktioniert das alles...ich meine...wo muß ich mich hin wenden, wenn ich z.B. Hunger habe?
Die ersten paar Wochen werden sie, wenn sie das möchten, hier verbringen. Wir haben einen gemeinsamen Speisesaal und es gibt sehr talentierte Leute, die für alle kochen.
Später werden sie, ebenfalls wenn ihnen das recht ist, eine eigenen Wohnung zugewiesen bekommen. Ab diesem Zeitpunkt gibt es so eine Art...hm...Lager, in dem sie sich alles besorgen können, was sie brauchen. Natürlich alles in Maßen. Das Schlaraffenland sieht leider etwas anders aus, aber es sollte reichen, damit sie nicht mit knurrendem Magen durch die Gegend laufen müssen.
Das klingt doch alles schon sehr gut, gab ich zurück und spürte, wir mir langsam der Kopf zu schwirren begann. So viele Informationen und alles klang irgendwie fremd und so, als könne ich mich nie wirklich daran gewöhnen.
Auf der einen Seite war es wundervoll, so etwas gefunden zu haben, nicht mehr alleine da zu stehen und Menschen an meiner Seite zu wissen, die wie ich das gleiche Ziel hatten.
Auf der anderen Seite hatte ich aber auch Angst meine Selbstständigkeit zu verlieren. Alles für das Kollektiv und jeder Schritt wurde kontrolliert. Zumindest klang es in meinen Ohren so.
Jetzt noch Regel Nummer drei und sie haben es geschafft, sagte Kevin mitfühlend und ich lächelte schwach tut mir leid, das ist wohl im Moment alles etwas viel auf einmal.
Das verstehe ich sehr gut. Haben Sie keine Angst, sie werden sich schnell daran gewöhnen. Im Grunde ist alles recht simpel, er lächelte bei diesen Worten und es wärmte mich von innen. Wenn er es schaffte, dann konnte ich das auch.
Zum ersten Mal, seit ich hier saß, kam mir der Gedanke an Dwain in den Sinn. Ich kannte ihn nicht wirklich gut, aber irgendwie hatte ich den Verdacht, dass ihm speziell der Part mit den Regeln nicht gefallen würde.
Dwain war ein Einzelgänger und schon immer auf sich alleine gestellt. Wie würde er wohl damit umgehen, wenn er nur noch ein kleines Rädchen im Getriebe dar stellte, dass zwar äußerst wichtig, aber nicht herausragend war?
Regel Nummer drei klingt im ersten Moment etwas kompliziert, unterbrach Kevin meinen Gedankengang es geht darin so zusagen um meine Position und meinen Aufgabenbereich, er zwinkerte mir dabei zu und ich lehnte mich gespannt nach vorne.
Am Anfang war es nicht wirklich nötig, so etwas wie einen Anführer zu haben. Wir haben gemeinsam beschlossen, was und wie wir es tun.
Doch irgendwann wurde die Zahl der Stimmen zu groß, die Vorschläge zu vielfältig, die Meinungen zu unterschiedlich, so das klar wurde, dass wir jemanden brauchen, der im Notfall das letzte Wort hat.
Ich hatte eigentlich Stattler in dieser Position gesehen, denn er hat sie bis dahin auch ausgefüllt. Doch er wollte das nicht. Er sagte, dass er mir gerne mit Rat und Tat zur Seite stünde und sich auch gerne um gewisse Angelegenheiten kümmern möchte, aber die Verantwortung sei ihm dann doch zu groß.
Nun ja...ich wurde gefragt, habe ja gesagt und bin im Endeffekt auf einer großen Versammlung einstimmig gewählt worden.
Regel Nummer drei lautet nun also: Hast Du Probleme mit der Führung, sprich es offen aus und man wird neu entscheiden.
Ein Misstrauensvotum so zu sagen?
Genau. Einmal im Monat treffen sich alle Beobachter zu einer Besprechung. Es werden neue Projekte ins Leben gerufen, die Arbeitskräfte dafür ein geteilt, die Neuankömmlinge begrüßt und über meine bisherige Arbeit gesprochen.
Glauben Sie mir, ich bin und war nicht wirklich scharf auf diesen Posten, aber einer muß ihn machen und dann...nun ja...verbocke ich es wohl lieber selbst, als dass ich das einen anderen tun lasse.
Ich kicherte mir scheint, als hätten Sie ihre Aufgabe bisher zur Zufriedenheit gemeistert. Immerhin sitzen sie immer noch auf diesem Schleudersitz.
Ja, irgendetwas scheine ich wohl richtig zu machen, lachte Kevin und hob sein Glas.
Lassen Sie uns auf die Zukunft trinken.
Auf die Zukunft, wiederholte ich und stieß mit Kevin an.
Wie auch immer diese aussehen mochte.