Kapitel 8
Kevins Geschichte

Eine ungeheure Explosion lies die Erde erzittern. Das Schreien um ihn herum wurde lauter, so dass er die sich überschlagenden Stimmen selbst über den Lärm, das Grollen und das Bersten von Glas hinweg, hören konnte.
Angst...reine, blanke Angst schnürte ihm die Kehle zu und lies ihn zitternd und zusammen gekauert in einer Ecke verharren.
Seit geraumer Zeit war er kaum in der Lage an irgend etwas anderes zu denken, als an seinen Tod und wie es ihm schien, stand der Sensenmann nun direkt neben ihm.
Fast so, als sei es von irgend einer höheren Macht inszeniert, flackerte das Licht in diesem Moment noch ein letztes Mal, dann wurde es stockdunkel. Das letzte was er sah, war das blut überströmte Gesicht seines langjährigen Freundes Howie.
Sie mußten hier raus, bevor das ganze Gebäude über ihnen einstürzte. Sie waren hier im Keller des „Four Seasons“ nicht mehr sicher. Eigentlich war ihm das schon seit einer Weile klar, aber die dicken Mauern hatten ihn in Sicherheit gewiegt...bis jetzt.
Erneut bebte die Erde unter einem ungeheuren Schlag und nun schrie auch er auf. Verputz rieselte von der Decke und kleine Steinchen trafen seinen Kopf. Er begann zu husten, der Staub drang ihm durch alle Körperöffnungen und für einen Moment hatte er das Gefühl, er müsste ersticken.
„Howie?“ brüllte er, als er wieder Luft bekam „Howie, wo bist Du?“
Mit ausgestreckten Armen tastete er durch die Dunkelheit, als erneut die Erde bebte. Er strauchelte und schlug der Länge nach hin. Im gleichen Moment traf etwas seine Hand und er schrie auf.
Der Schuh, der sich mit gleißenden Schmerzen in seine Hand gebohrt hatte, wurde angehoben und der Besitzer taumelte weiter, so dass er seine Hand dicht an seinen Körper ziehen konnte. Er versuchte den pochenden Schmerz darin zu ignorieren und robbte weiter in die Richtung, in der er Howie vermutete.
„Howie? Wo bist Du?“ versuchte er erneut den ungeheuren Lärm um sich herum zu übertönen. Doch wenn er eine Antwort bekam, hörte er sie nicht.
Endlich glitten seine Hände über ein ausgestrecktes Bein.
„Howie?“ schrie er erneut und tastete sich weiter vorwärts.
Ja, das mußte sein Freund sein. Jeans, Hemd, die kleine Anstecknadel der Versammlung, die sie heute noch besucht hatten...er bekam die erste lange Strähne von Howies Haar zu fassen und wanderte weiter zu dessen Gesicht hinauf.
Howie rührte sich nicht. Seine Hand glitt über das Blut, das über Howies Gesicht lief...ein herunterfallender Stein hatte ihm am Kopf getroffen...und glitt schließlich über Howies Augen.
Sie waren offen, blinzelten aber nicht, als er sie nun sacht berührte.
„Howie?“ rief er panisch. „HOWIE??“ Verzweifelt rüttelte er an dessen Schulter und spürte, wie dessen Kopf dabei von einer Seite auf die andere geschleudert wurde.
Das konnte nicht wahr sein! Nein! Nein! Nein! Howie war nicht tot...er war nur...bewußtlos...ja, das mußte es sein. Bewußtlos, genau.
„Ich hole Dich hier raus mein Freund,“ murmelte er, während er sich stöhnend in die Höhe stemmte und hinunter nach Howies Armen griff.
Unter Aufbietung all seiner Kräfte stemmte er den leblosen Körper nach oben und legte ihn sich über die Schulter.
Licht!! Verdammt noch mal, warum gab es hier kein Licht? Er konnte nichts sehen, wußte nicht, wo der rettende Ausgang war.
Immer noch Fußgetrappel und Schreie um ihn herum. Er wurde mehrmals angerempelt, so dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte, doch im letzten Moment fing er sich wieder und versuchte krampfhaft, sich zu orientieren.
Für einen Moment schloß er die Augen und dahinter war es genau so dunkel, wie die Schwärze, in die er die ganze Zeit krampfhaft hinein gestarrt hatte.
„Ich saß in der Ecke,“ überlegte er „wo sind wir nur herein gekommen? Rechts von mir?“ Vor lauter Anstrengung kniff er die Augen fest zusammen, so dass kleine Pünktchen vor seinen Lidern zu tanzen begannen.
Wo sind wir herein gekommen? Er konnte sich kaum auf die Frage konzentrieren, geschweige denn auf die Antwort. Zu sehr beherrschte ihn die Angst und der Gedanke an seinen baldigen Tod.
Wieder hörte er einen ohrenbetäubenden Knall und gleich darauf schien der Boden unter ihm zu schwanken, so, als befänden sie sich auf einem Schiff bei hohem Seegang.
Er stolperte, kippte zur Seite und wurde von der Wand aufgefangen. Schwer atmend lehnte er daran, spürte, wie Howie auf seiner Schulter immer schwerer wurde und seine Knie begannen unter der ungeheuren Anstrengung zu zittern.
„Konzentriere Dich Kevin,“ murmelte er „konzentriere Dich. Das ist Deine einzige Chance. Du mußt hier raus....konzentriere Dich.“
Er sah vor seinem geistigen Augen, wie sie gemeinsam mit den anderen Teilnehmern der Friedensversammlung die Treppe hinter gehastet waren. Zu diesem Zeitpunkt noch relativ geordnet, ohne sich gegenseitig zu verletzen oder zu behindern.
Die Treppe hinunter...rechts um die Ecke...durch die Tür zum Keller...und dann? Howie hatte ihn am Arm zur Seite gezerrt...nach...links? Ja...da war das Regal gewesen mit den vielen Konserven...sie hatten sich an dem dicken Texaner vorbei gequetscht, waren noch um eine Ecke gebogen...Ja!
Mit neu gewonnener Energie stieß er sich von der Wand ab und tastete sich an dieser entlang.
Er kam zu der Ecke, in der er bis vor Kurzem noch vor Angst erstarrt gehockt hatte, tastete sich weiter durch die Dunkelheit an der Wand entlang, bis diese schließlich einen Knick nach links machte und gleich darauf stießen seine Finger gegen das glatte Metall des Konserven Regals.
Erleichtert atmete er zitternd aus und kämpfte sich weiter an dem Regal entlang. Mittlerweile war es um ihn herum ruhiger geworden. Hatten die Anderen bereits den Keller verlassen? Was, wenn er der Einzige war, der zurück geblieben war? Wenn sie die Tür geschlossen und verriegelt....HALT!
Er schüttelte den Kopf, um sich von diesen Gedanken zu befreien.
„Keine Panik,“ murmelte er „jetzt nur nicht durchdrehen...Du hast es gleich geschafft.“
Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen. Howie hing schwer über seiner Schulter und schien ihn in Richtung Boden zu ziehen.
„Komm schon D.,“ flüsterte Kevin und tastete sich weiter die Wand entlang „wir sind gleich draußen. Wir werden einen Arzt finden...diesen...wie hieß er noch? Doc Brown? Erinnerst Du Dich? Der, der gestern Abend meinte, er hätte evtl. einen Impfstoff gegen diesen neuen Virus gefunden. Er wird uns helfen...der kriegt Dich wieder hin.“
Plötzlich griff seine Hand ins Leere. Er hatte die Tür gefunden.
Als er vorsichtig hindurch ging, sah er die ersten Schemen vor sich. Licht viel vom oberen Absatz der Treppe hinunter in den Keller.
„Siehst Du D.?“ rief Kevin triumphierend „wir haben es geschafft!“
Mit letzter Anstrengung kämpfte er sich die Treppenstufen hinauf, taumelte durch die Tür, die in die Lobby des Hotels führte und blieb wie angewurzelt stehen.
Vor seinen Augen begann sich alles zu drehen, seine Beine gaben endgültig unter ihm nach und er fühlte, wie ihm Howie von der Schulter glitt.
Die Lobby gab es nicht mehr....genau genommen gab es das gesamte Hotel nicht mehr. Vor sich sah er rauchende Trümmer, unzählige Leichen und einen riesigen Krater, der knapp vor seinen Füßen endete.
Dann wurde es endgütlich schwarz vor seinen Augen und er kippte zur Seite wie ein gefällter Baum.

Kevin hielt in seiner Erzählung inne, griff nach dem Weinglas und nahm einen tiefen Schluck daraus.
„Es ist nicht so leicht, sich an dies alles zu erinnern, nicht wahr?“ fragte ich und legte mitfühlend meine Hand über seine. Ich wußte, was er erlebt hatte, konnte die Bilder genau vor mir sehen...da es mir selbst so ähnlich ergangen war.
„Ja, das stimmt,“ murmelte er mehr zu sich selbst, dann sah er mir direkt in die Augen „aber ich möchte, das sie begreifen, was mein Antrieb und meine Motive für das alles sind und vielleicht ermutigt es Sie dazu, in unserer Gemeinschaft einen Platz ein zu nehmen.“
„Ich denke, ich habe den Platz bereits gefunden...ich weiß nur noch nicht, wie ich ihn ausfüllen werde,“ gab ich zurück, was Kevin tatsächlich ein Lächeln entlockte.
„Da fällt mir ein Stein vom Herzen,“ entgegnete er.
„Wieso eigentlich?“ fragte ich, gab seine Hand frei und lehnte mich auf meinem Stuhl zurück „ich meine...kann man hierzu überhaupt nein sagen?“
„Glauben Sie mir, das kann man sehr wohl...und...jeder der uns verlässt, wird automatisch zu unserem Feind. Sie werden verstehen, dass mir viel daran liegt, die Zahl unserer Freunde zu vergrößern...und nicht die der Gegenseite.“
„Das verstehe ich seeehr gut,“ gab ich bestimmt zurück und er lachte.
„Ich sehe schon, wir werden uns gut verstehen.“
„Na, das hoffe ich doch,“ gab ich lächelnd zurück und er nickte.
„Möchten Sie auch den Rest der Geschichte hören?“ fragte er.
„Aber sicher...ich meine...ich bin eine Frau und somit mehr als neugierig,“ und fügte dann in vertraulichem Ton hinzu „wenn Sie verstehen, was ich meine.“
Kevin warf den Kopf in den Nacken und lachte laut.
„Ja...ich bin mir sicher, dass wir uns blendend verstehen werden.“
Und dann fuhr er fort, mir seine Geschichte zu erzählen.

Er war nun schon seit einigen Wochen unterwegs.
Nachdem er aus seiner Bewußtlosigkeit erwacht war, mußte er feststellen, dass Howie tatsächlich gestorben war. Gestorben in einem bedrückenden, miefigen Keller, umgeben von hysterischen Menschen und ohne, dass jemand seine Hand gehalten hätte.
Diese Vorstellung trieb Kevin fast in den Wahnsinn. Er hätte doch erkennen müssen, wie es um seinen Freund stand! Aber seine eigene Haut war ihm in diesem Moment wohl wichtiger gewesen. Diese Erkenntnis schmerzte ihn unglaublich.
Er war immer derjenige gewesen, der darauf geachtet hatte, alles zusammen zu halten. Er kümmerte sich um die Anderen, er hatte von Anfang an die Fäden in den Händen gehalten und er hatte in diesem Moment kläglich versagt.
In manchen Nächten, wenn er sich einen Moment hin setzte, sich ausruhte und versuchte, nicht an seinen quälend leeren Magen oder an die Bilder, die sich für immer in sein Gedächtnis eingebrannt hatten, zu denken, dann sah er Howies Gesicht vor sich. Missbillingend blickten ihn die braunen Augen seines Freundes an und schienen zu fragen: „Warum hast Du nichts getan? Warum?“
Nachdem Kevin eine Zeit lang ziellos und mit leerem Blick durch die Straßen Washingtons gestolpert war, immer wieder das gleiche Bild von Zerstörung und Tod vor Augen, war ihm irgendwann der Gedanke an seine Familie und Freunde gekommen. Heiß und kalt durchfuhr es ihn und wie angewurzelt blieb er mit weit aufgerissenen Augen stehen.
Wo waren sie und, was noch viel wichtiger war, sah es dort auch so aus wie hier? War die Zerstörung überall im Land so grausam und brutal wie hier, in der Hauptstadt? Waren sie überhaupt noch am Leben?
Sein erster Gedanke galt seiner Frau. Vor ein paar Tagen hatten sie sich voneinander verabschiedet. Sie war nach New York geflogen, um dort für den Frieden zu protestieren, er hatte sich nach Washington gewandt, um mit einigen führenden Politikern und Prominenten ein Konzept für eine gemeinsame, umfassende Friedensbewegung zu entwickeln.
Hätte er damals schon geahnt, wie nahe sie der völligen Zerstörung waren, hätte er sich mit Kristin irgendwo auf dem Land verschanzt und das unvermeidbare abgewartet.
„Nein, hättest Du nicht,“ schalt er sich selbst in Gedanken. „Du hättest es genau so gemacht, nur mit anderen Mitteln. Du hättest nicht tatenlos zu gesehen, wie ein paar Verrückte diese Welt in Schutt und Asche legen.“
Doch der Gedanke half ihm auch nicht weiter. Seine einzige Sorge galt in diesem Moment seiner Frau und was sie wohl gerade durch machen mußte.
Er zweifelte keine Sekunde daran, dass sie noch lebte. Hätte er auch nur die Möglichkeit in Betracht gezogen, dass Kristin tot war, so hätte er wohl niemals die Kraft gefunden, wochenlang unter den schwierigsten Bedingungen von Washington nach New York zu marschieren.
Einzig der Gedanke an ihre warmen Augen und ihr wunderschönes Lächeln hielt ihn am Leben.
Die letzten zwei Wochen, bevor er New York erreichte, lagen für ihn mehr oder weniger im Dunkeln.
Er hatte tagelang nichts gegessen, kaum etwas getrunken, seinem Körper nur die allernötigsten Ruhepausen gegönnt und irgendwann nur noch mechanisch seine Füße bewegt.
Auch er mußte den Weg durch den Hollandtunnel nehmen. Auch daran erinnerte er sich kaum. Er hatte das Bild von einem weißen Taschentuch im Kopf, dass er sich vor Mund und Nase hielt...und von der alles durchdringenden Schwärze.
Als er schließlich wieder Tageslicht vor sich sah, verließen ihn endgültig seine letzten Kräfte.
Erst einige Tage später kam er auf einer Art provisorisch eingerichteten Krankenstation wieder zu sich und das erste Gesicht, dass er wahr nahm, war das von Stattler, das sich besorgt über ihn beugte und fragte „wie geht es ihnen Mister?“

Kapitel 9